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Die IVCG

 
Ausgabe 06/09 

Leistung

 

Physikalisch gesehen ist Arbeit eine Kraft, multipliziert mit der Wegstrecke, über die sie wirkt. Arbeit = Kraft x Weg. Leistung wiederum ist Arbeit pro Zeiteinheit. Auch in der Geschäftswelt haben diese Definitionen Sinn: Arbeitsleistung ist das Ergebnis einer zielgerichteten Anstrengung pro Zeiteinheit.

Leistung und einige Einflussfaktoren

Ein Bereichsleiter eines Großunternehmens begeisterte durch seine hohe Arbeitsleistung. Er erledigte in derselben Zeit mehr Arbeit als andere. Immer wieder legte er morgens um acht zum Sitzungsstart bereits die Lösung für ein Problem auf den Tisch, über das am Vortag spätabends in der Bar noch diskutiert worden war. Natürlich hatte dieser Manager bei Arbeitsbeginn bereits eine Stunde Fitness hinter sich. Das macht Eindruck. Als dynamisch gilt, wer auch dann noch produktiv ist, wenn andere ausspannen oder schlafen.

Doch woher kommen Schwung und Dynamik, wie entsteht die Fähigkeit, mehr zu leisten? Ist es wirklich eine Befähigung zur Mehrleistung oder einfach ein Vorbezug von Leistung, die in Zukunft nicht mehr zu erbringen ist? Gleichsam eine Lebens- Arbeitsleistung mit Vorbezugsmöglichkeit von Leistung unter Inkaufnahme eines späteren Burnouts? War es Zufall, dass dieser Bereichsleiter gut zehn Jahre älter wirkte, als er wirklich war?

Es gibt viele Möglichkeiten, mehr Leistung zu erbringen: weniger Pausen, konzentrierteres Arbeiten, längere Tagesarbeitszeiten, Weglassen von Unproduktivem, effektivere Selbstorganisation, Steigerung der Arbeitseffizienz und dergleichen mehr. Coaches, Personal-Trainer und Berater haben dazu viele Tricks erarbeitet: einige sind gut, die meisten weniger empfehlenswert.

Häufig bezahlen Arbeitgeber bereitwillig Seminare zur Leistungssteigerung, denn im Wettbewerb entscheidet die Leistung über das Prosperieren des Unternehmens. Auf nationaler Ebene bestimmt die aus der Leistungsfähigkeit der einzelnen Unternehmen resultierende nationale Wirtschaftskraft über Handelsbilanz-Überschuss oder -Defizit. Ob die EU auf globaler Ebene Macht und Einfluss gewinnt oder verliert, hängt somit zum großen Teil von der Leistungsfähigkeit ihrer Unternehmen ab.

Auf der persönlichen Ebene bringt Leistung Gehalt und Ansehen mit sich. Sie bestimmt die soziale Klasse, das Niveau des erreichbaren Lebensstandards und vieles mehr. Wer möchte nicht gerne ein Leben wie aus dem Bilderbuch führen? Eine gute Leistung, beispielsweise in einer Vertragsverhandlung, führt nicht nur zu Ansehen und Ehre, sondern sie beeinflusst auch das Wohlergehen der Umwelt positiv. Ich bin für andere nützlich und schätze das Gefühl, etwas erreicht zu haben und auch in Zukunft etwas bewegen zu können. Leben ist machbar. Ist der Leistungswille auch deshalb so hoch im Kurs, weil wir meinen, das Schicksal mittels Leistung selbst steuern zu können? Menschen, denen es nicht oder nicht mehr gelingt, erfolgreich zu sein, treten häufig die Flucht an, als Aussteiger oder in Alkohol beziehungsweise Drogen. Ist Erfolg dank Leistungsfähigkeit wirklich die Voraussetzung zu einem selbstbestimmten Leben?

Das Ende der Leistungsfähigkeit

Menschen, die aufgrund ihrer Disposition und ihres Umfelds leistungsfähig sind und Erfolg haben, leiten mitunter den Sinn ihres Daseins daraus ab und geraten mit diesem Ansatz früher oder später in Schwierigkeiten, weil jede Leistungsfähigkeit ein Ende hat. Auch der qualifizierteste Manager mit per7fekter Leistungsbilanz wird eines Tages pensioniert. Wo gibt es dann noch Leistung zu erbringen? Durch die Verbesserung des Handicaps im Golfclub, bis das Alter auch hier einen Riegel vorschiebt?

Bei vielen jedoch bricht die Leistungsfähigkeit bereits vor der Pensionierung ein, weil das Fordern von immer noch mehr Leistung schädlich wirkt. Steigere ich die Leistung, gelange ich auf eine neue, höhere Stufe der Anforderungen und die Spirale dreht sich weiter. Stress, also Leistungsdruck, der als solcher empfunden wird, bringt mitunter Herzinfarkt, Burnout und vieles mehr mit sich. Als Mitteleuropäer sind wir dem japanischen ‘Karoshi’ abgeneigt, dem Tod durch Überarbeitung. Aber eine stressfreie Existenz ist auch nicht zufriedenstellend. Wo liegt also das Optimum? Weil die einen sofort auf Stress reagieren, andere erst nach Jahrzehnten, ist das Optimum im Voraus kaum bestimmbar.

Am Beispiel von Hannibal, dem berühmten Herrscher Karthagos, lernen wir, dass eine Top-Leistung auch am falschen Ort beziehungsweise zur falschen Zeit erbracht werden kann. Beim Kampf gegen Rom beeindruckte er 218 v.Chr. zwar seine Gegner durch seine Alpenüberquerung mit Soldaten und Elefanten und besiegte die Römer zunächst in mehreren Schlachten. Dennoch zog dieser Krieg sich unerwartet lange hin und endete schließlich 202 v.Chr. mit einer vernichtenden Niederlage Hannibals. Analog dazu scheitern viele einst gefeierte Manager in neuen Situationen. Die durchschnittliche Anstellungsdauer eines Vorstandssprechers/CEOs dürfte mit etwas mehr als zwei Jahren nur marginal über derjenigen von Fußballtrainern liegen. Wie sieht morgen mein Gefeiertsein von heute aus? Wie gehe ich mit diesem Erwartungsdruck um?

Erfolg und Misserfolg liegen oft sehr nahe beisammen. Die meisten Menschen sind weder Versager- noch Gewinner-Typen, was den Druck weiter erhöht: Zu den Gewinnern möchte man zählen, von den Versagern jedoch möglichst Abstand gewinnen. Natürlich durch Leistung. Denn auf das Leistungsprinzip wird fast jeder Mensch von früher Kindheit an getrimmt. Diese Maxime menschlicher Existenz sorgt für vielerlei Probleme – unabhängig davon, ob die erbrachte Leistung und der Einsatz zum Erfolg führen oder nicht. Somit ist das Leistungsprinzip interessanterweise ein menschliches Streben, das fast immer Probleme verursacht.

Wie vollkommen anders ist da die Botschaft der Bibel: Gott im Himmel, der die Menschen geschaffen hat, sehnt sich nach unserer Liebe. Er, der einen wunderbaren und in seiner Komplexität faszinierenden Menschen geschaffen hat, will nicht etwa dessen Leistungsfähigkeit, sondern seine Liebe. Hätte er die Leistungsfähigkeit der Menschen zum Ziel gehabt, wäre das für ihn kein Problem gewesen. Er hätte Roboter geschaffen, die tausendmal besser sind als die von Menschen konstruierten. Nein, die Liebe war sein Ziel, nicht die Leistung. Denn Liebe heißt, das Sein des Andern zu wollen; doch ausgerechnet dies wollen viele Menschen nicht. Sie sind erpicht darauf, selbst über ihr Leben zu bestimmen, und geraten dadurch ins Elend. Beispielsweise durch die Folgen von Stress oder Misserfolg. Denn Gott sorgt nicht für die Menschen, die ihn ablehnen, sondern für diejenigen, die sich ihm anvertraut haben.

Ich machte diese Erfahrung vor einigen Jahren selber, als ich in Gefahr war, in einen Leistungs-Teufelskreis zu geraten. An der neu angetretenen Stelle sollte ich eine neue Produktelinie vermarkten und die Marktstellung der bestehenden verbessern. Diese Herausforderung ging ich mit vielen Ideen an. Darum arbeitete ich abends weiter, nachdem meine Mitarbeitenden schon längst gegangen waren. Ich wusste, dass ich um diese Zeit eigentlich bei Frau und Kindern hätte sein sollen, redete mir aber ein, das sei ja nicht so schlimm. Meine Frau, in einem Geschäftshaushalt aufgewachsen, wisse wohl, dass eine neue Herausforderung auch Opfer verlange.

Mitten in der Arbeit färbte sich der Bildschirm unvermittelt blau – der Totalabsturz des Computers hatte einen Themaguten Teil meiner Arbeit vernichtet. Woher dies kam, blieb mir rätselhaft. Diese Szene wiederholte sich noch zwei, drei Mal, jeweils mit etwas anderen Vorzeichen. Meine Schlussfolgerung war klar: Abends sollte ich bei meiner Familie sein. Ich betete sinngemäß, dass Gott meinen diesbezüglichen Entschluss stärken möge, und bat ihn darum, mit der reduzierten Arbeitszeit auskommen zu können.

Erstaunlicherweise kam es genau so: wenn ich nicht auf Geschäftsreisen war, arbeitete ich abends nicht mehr und verzichtete nach einiger Zeit auch ganz auf Samstagsarbeit. Die zusätzlichen Aufgaben und Spezialjobs waren im Rahmen meiner normalen Arbeitszeit zu bewältigen. Als ich das Unternehmen acht Jahre später verließ, hatte ich den Spitznamen ‘Der mit den vielen Hüten’, eine Andeutung meiner vielen Sonderfunktionen. Nicht dass ich es aus eigener Kraft gekonnt hätte: Gott sorgte für das Gelingen. Zu keiner Zeit kamen mehr Anforderungen auf mich zu, als ich mit der verfügbaren Arbeitszeit hätte bewältigen können. Dies dürfte insofern bemerkenswert sein, als in einem Großunternehmen fast immer zu viele Aufgaben anstehen.

In zahlreichen Aussagen der Bibel verspricht Gott den Menschen, die sich unter seine Herrschaft stellen, dass er für sie sorgt. Das bedeutet nicht, dass damit das Leben einfach und sorg-los wird, sondern dass ich meine Sorgen los werde, indem ich sie bei Gott abgeben kann. Das gilt auch für den Zwang, Leistung erbringen zu müssen. Obschon das Leben oft nicht so verläuft, wie man gerne hätte, erfahren Christen in existenziellen Belangen täglich Gottes Hilfe. Denn die eigene Leistungsfähigkeit ist nur zu einem ganz geringen Prozentsatz daran beteiligt, dass meine Leistung zum Erfolg führt: Ohne Unternehmen, ohne Marktstellung, ohne ehrliche Geschäftspartner, ohne Kapital besteht keine Geschäftsmöglichkeit. Auch Produkt- beziehungsweise Preisanforderungen können einen Erfolg unmöglich machen. Zudem bricht der alles entscheidende Umsatz weg, wenn die Kunden in der Krise nicht investieren, beziehungsweise sich für andere Lieferanten entscheiden. Trotzdem lassen wir Menschen uns immer wieder von der Leistung blenden und vergessen, dass wir allesamt ersetzbar sind.

Es ist Gott, der über den Erfolg bestimmt. Der einzig mögliche Ausstieg aus dem Leistungsprinzip besteht deshalb darin, Gott für mich sorgen zu lassen. Am Arbeitsaufwand ändert dies, oberflächlich betrachtet, wenig, aber der Stress reduziert sich mit zunehmendem Verständnis der biblischen Botschaft. Dazu muss ich allerdings Gottes Rettungsangebot annehmen und ihm mein Leben anvertrauen.

Der Autor

Roger Gorlero

Roger Gorlero

CH-Uerikon

Nach dem Maschineningenieur-Studium an der ETH arbeitete Roger Gorlero in der Unternehmensberatung und bildete sich berufsbegleitend betriebswirtschaftlich weiter. Anschließend hatte er in einem renommierten, weltweit tätigen Unternehmen verschiedene Führungspositionen inne und leitete die konzerninterne Unternehmensberatung. Seit dem Jahr 2000 ist Roger Gorlero
selbstständig und bietet Dienstleistungen im Bereich Management-Support an. Er ist verheiratet mit Sybille Gorlero-Gafner und Vater von vier Kindern zwischen 5 und 16 Jahren. Er ist IVCG-Referent und Präsident der IVCG-Gruppe Rapperswil.

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