HOMEKONTAKTELINKS
Kopfbild
Themen

Termine












Die IVCG

 
Ausgabe 05/09 

Zertifiziert nach ...

Eigentlich bin ich ein rundum organisierter Mensch. Das ist zumindest meine Selbstwahrnehmung. Vom Aufstehen bis zum Eintreffen im Büro hat fast jeder Tag denselben Ablauf. Die einzige unbekannte Größe ist der Verkehr auf der Autobahn. Im Büro verläuft an normalen Tagen anfangs auch alles gut organisiert. Die E-Mails sind im Computer vorsortiert und können nach Priorität abgearbeitet werden. Die Termine für Besprechungen sind für den Tag geplant. Doch mit dem Eintreffen der Kolleginnen und Kollegen kommen weitere Kräfte ins Spiel, die meine Selbstorganisation herausfordern. Termine werden überzogen oder verschoben. Ungeplante Störungen fordern meine ganze Aufmerksamkeit. Aus der Hierarchie treffen Aufträge ein, die keinen zeitlichen Verhandlungsspielraum lassen. Meine eigene Organisation wird von der Unternehmensorganisation gefordert und nahezu aufgezehrt.

An vielen Tagen gehe ich zufrieden nach Hause. Ich konnte den Anforderungen gerecht werden, ja besser noch: Ich konnte mitgestalten, Arbeitsalltag mit Leben füllen. An anderen Tagen komme ich ausgelaugt zurück, da die Arbeit mich geschafft hat. Vieles kommt mir dann unsinnig vor. Die viele Administration, die Dokumentation. Das Erstellen von Protokollen und Papieren, scheinbar nur um der Dokumente willen. Gerade in der Industrie haben wir in den letzten Jahren einen wahren Boom an administrativen Aufgaben erlebt. Und das, obwohl auf allen Fluren ‘schlanke’ Organisationen und Prozessabläufe gebetsmühlenartig gepredigt werden. Wir kommen offensichtlich nicht an einer Selbstverwaltung vorbei, die in nahezu alle Arbeitsabläufe ihre Finger steckt. Und so dokumentieren und archivieren wir. Es wird organisiert und validiert, auditiert und das Risiko minimiert. Und das alles zusätzlich zu den operativen, den Gewinn generierenden Tätigkeiten. Woher kommt dieser Drang zur aufwändigen Selbstverwaltung?

Wir sind in den letzten Jahrzehnten in eine Komplexität von Produkten, Produktionsprozessen, Märkten und politischen Systemen vorgedrungen, die auch die Zusammenarbeit auf den verschiedenen wirtschaftlichen und politischen Schauplätzen immer komplizierter macht. Wenn ein Unternehmen von Garantien spricht, versteht ein anderes Unternehmen oder eine politische Kraft etwas anderes darunter. Der Markt hingegen fordert sowieso das Maximum. Das Miteinander gestaltet sich schwieriger und aufwändiger. Geschäftsbeziehungen anzubahnen wird zusehends komplizierter, da zu Beginn nahezu alle Grundsätze miteinander auf einen gleichen Nenner gebracht werden müssen. Und die Öffnung der globalen Märkte mit unterschiedlichsten Werten und Geschäftsmodellen vervielfacht die Komplexität ins Unermessliche. Standards mussten her. Standards, die die Grundzüge der Organisationen festlegen. Nicht um alle Unternehmen im Detail zu normieren, sondern um zuverlässige Abläufe und Prozesse festzulegen.


Der bekannteste Standard ist die europäische Normenfamilie EN9000 ff. Sie dokumentiert die Grundsätze für Maßnahmen zum Qualitätsmanagement. Das Ziel ist, die Fähigkeit nachzuweisen, dass Produkte sowohl die Anforderungen der Kunden wie auch behördliche erfüllen. Und das gegenseitige Verständnis auf nationaler und internationaler Ebene zu erleichtern. Dieser Nachweis wird von unabhängigen Zertifizierern in Audits überprüft, validiert und per Urkunde zertifiziert. Die Zertifikate werden in der Regel in den Fluren der Geschäftsführung aufgehängt und finden sich als Hinweis auf dem Briefpapier.


Ohne einen solchen Beleg ‘Zertifiziert nach EN …’ können inzwischen immer weniger Geschäfte abgewickelt werden. In Ausschreibungen wird diese Anforderung gestellt und Aufträge der öffentlichen Hand werden nur noch an Unternehmen vergeben, die die geforderten Zertifikate nachweisen können. Dies erleichtert die Zusammenarbeit dadurch, dass mit der Selbstaussage in dem Zertifikat auf das Vorhandensein der Standardorganisation vertraut werden kann. Lange Verhandlungen über Grundsatzfragen fallen weg. Mit dem Zertifikat erklärt der Geschäftspartner, dass seine Organisation internationale Standards erfüllt. Und dass die Mitarbeitenden diese kennen und sich entsprechend verhalten.


Führungskräfte werden entsprechend geschult. Zur Erfüllung der Normen werden neue Funktionen geschaffen und neue Aufgaben definiert. Und es wird wieder organisiert und validiert, auditiert und das Risiko minimiert. Und gut organisierte Mitarbeiter wie ich fragen sich dann, ob sich der Aufwand lohnt. Denn vordergründig steigt nur der Aufwand, nicht aber der Nutzen. Wenn aber der Nutzen nicht vermittelt werden kann und die Gesamtheit der Mitarbeiter den Sinn nicht versteht, dann werden neue Prozesse zur reinen Pflichterfüllung. Oder vernachlässigt. In der Tat führt die Standardisierung von Organisationen nicht automatisch zu schlankeren, effizienteren Abläufen und Prozessen. Eine solche wirkt starr, festgelegt, bürokratisch und wird als unsinnig abgetan. Die Individualität droht, verloren zu gehen. Das zeigt den grundsätzlichen Unterschied zwischen einer Organisation und dem Einzelnen, dem Individuum: Organisationen suchen Standards, um zu wachsen. Der Einzelne braucht Individualität. Die wird es in den Organisationen aber immer weniger geben.


Gerade in Krisenzeiten will man Fehler der Vergangenheit bereits im Vorfeld vermeiden. Und da kennen wir zurzeit keine andere Möglichkeit, als Regeln aufzustellen, Vorschriften zu erlassen, Abläufe, Prozesse und Organisationen zu optimieren und gegen Missbrauch abzusichern. Der Mensch wird sich weiteren Standards beugen müssen und weiter an Individualität am Arbeitsplatz verlieren. Ein Graus für alle Individualisten!


Für gut organisierte Menschen wie mich kann diese Perspektive aber auch Chancen bieten. Dennoch bleibt die Frage, ob die Zahl der Tage, an denen ich zufrieden nach Hause gehe, nicht abnimmt. Es ist ein Dilemma, dass die Bedürfnisse der Organisationen und mein Streben nach Individualität nicht zusammenpassen. Die globale Wirtschaft wird immer weiter Standards fordern. Meine Individualität wird weiter eingeschränkt. Wie kann ich auf lange Sicht in dieser Organisationsform überleben? Wo finde ich meinen persönlichen Freiraum zum Wachsen?


 
Der Kontakt zu meinen Kollegen, Freunden und zur Familie ist nicht durch Standards geprägt. Dort steht die Beziehung zwischen uns mit all ihren Bedürfnissen im Vordergrund. Aus diesen Beziehungen schöpfe ich meine Anerkennung und auch einen Teil meines Selbstwertgefühls. Beziehungen sind individuell. Jeder meiner Freunde, jedes Familienmitglied, jeder Kollege ist anders. Da gibt es keine Standardbeziehung nach einer europäischen Norm. Und dennoch teile ich mit vielen Freunden etwas Verbindendes: Unseren gemeinsamen Glauben. Gemeinsam stehen wir in einer Beziehung zu Gott, der uns als Individuum akzeptiert und wertschätzt.


 
In der Bibel werden einige Regeln für ein erfolgreiches Zusammenleben aufgestellt. Aber es sind keine Normen, die uns alle zu einem standardisierten Verhalten nötigen. Wir haben die Freiheit, aus der Beziehung heraus unser Leben als Individuum zu führen. Dieses göttliche Organisationsprinzip steht in einem krassen Widerspruch zu den aktuellen Trends in Wirtschaft und Verwaltung.


Gilt also doch: Individualität für alle? Aus meiner Führungserfahrung weiß ich, dass dies nicht funktioniert. Regeln und Abläufe müssen sein. Anders können wir umfangreiche Aufgaben nicht lösen. Aber Gott nutzt die individuelle Beziehung zum Menschen, um in der Welt zu wirken und seinen Willen bekannt zu machen. Und wir können die Erfahrungen aus der persönlichen, individuellen Beziehung mit Gott in unsere Unternehmen tragen. Den Trends unserer Wirtschaft zur Standardisierung von Organisationen können wir uns nicht entziehen. Aber wie wir da hineingehen, das können wir beeinflussen. Wenn ich bereits beziehungsgestärkt in die Standardorganisation hineingehe, kann ich dort meine Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten erfüllen. Ich kann die guten Erfahrungen und das Wissen, von meinem Schöpfer anerkannt und für gut befunden zu sein, in die Arbeit einfließen lassen.


Mitarbeiter hungern nach einem positiven Menschenbild und nach Menschlichkeit ihrer Führungskräfte. Sie lassen bei aller Professionalität Raum für Beziehungen, Raum für Individualität. Wie aber will ich diesen Raum als Führungskraft geben, wenn ich ihn nicht selber schon in Anspruch genommen habe? Menschlichkeit kann ich anderen nur zukommen lassen, wenn ich sie vorher erfahren habe. Wenn ich außerhalb meiner Verantwortung in der Organisation auftanken kann.





Prozesse, Abläufe und Organisationen werden weiter standardisiert. Die Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeiter wird bei weiteren Normierungen der letzte Raum sein, in dem Individualität möglich ist. Unternehmen brauchen daher positiv gestimmte und den Einzelnen stärkende Menschen. Gott bietet uns dazu etwas Besonderes an, was wir in keiner europäischen Norm, keinem Organisationshandbuch finden: Liebe. Die Basis jeder guten Beziehung ist Liebe. Dabei geht es nicht um Erotik. Wir haben leider nur ein Wort für Liebe. Gemeint ist die kameradschaftliche, brüderliche Liebe (Filia) ohne Mindestvoraussetzung nach internationalen Standards. Bei Aufnahme der Beziehung müssen keine Zertifikate vorgelegt werden. Dank dieser Liebe kann ein Klima geschaffen werden, das jedem einen individuellen Raum zum Wachsen gibt. Und Gott geht mit seiner göttlichen Liebe (Agape) noch weiter: Jeder Mensch kann die individuelle Beziehung zwischen ‘Ich’ und Gott eingehen, ohne sich vorher über Aufnahmekonditionen Gedanken machen zu müssen.1 Als Reaktion darauf wird doch ein Zertifikat an uns Menschen verliehen und zusätzlich wird uns ein Botschafter Gottes entsandt. Dieser soll helfen, die Beziehung krisenfest zu gestalten und ein Wachstum der gemeinsamen Aktivitäten zu ermöglichen.2 Das eigentliche Zertifikat ist ein Sammeldokument und gilt als Referenzliste beim Eintreten in das neue Geschäftsfeld: Das Paradies.3 Bis wir dort ankommen, können wir innerhalb der nach europäischer Norm standardisierten Organisation noch so manchen Menschen mit unserer Individualität erfreuen.

P.S.
Eine weitere populäre europäische Norm ist die EN14001, die die Anforderungen an ein Umweltmanagementsystem beschreibt. Sie beinhaltet die Festlegung der Zielsetzungen und Prozesse, um die Umsetzung der Umweltpolitik der Organisation zu erreichen. Am deutlichsten sichtbar ist die Anwendung dieser Norm, dass überall im Unternehmen farblich gekennzeichnete Reststoffbehälter aufgestellt sind, in denen der Abfall getrennt wird. Auch für die Anwendung dieser Norm gibt es wieder ein Zertifikat. In der Beziehung zwischen Gott und Mensch gibt es auch hier sein Angebot: der Weg zur Entsorgung unserer persönlichen Problemstoffe ist in der Person Jesus Christus4 festgelegt. Zur Anwendung lesen Sie bitte das Handbuch der Organisation: Die Bibel, Neues Testament.

_______________
1 Römer, Kapitel 10, Sätze 12-13
2 Apostelgeschichte, Kapitel 2, Satz 38
3 Offenbarung, Kapitel 21, Satz 27
4 Römer, Kapitel 3, Satz 28





Der Autor

Lars Fischer

Lars Fischer

D-Kaltenkirchen bei Hamburg

verheiratet mit Petra Fischer drei Kinder im Alter von 3, 6 und 9 Jahren Manager im Qualitätsmanagement in der Luftfahrtindustrie

Download

200905_fischer_l.pdf

173 K

SERVICE


ABOfacebook

ARCHIV



 > IVCG-Zeitschrift

Leseproben

  • __Brennpunkt

    __Hintergrund

    __Monday Manna

    __IVCG-Podcast