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Die IVCG

 
Ausgabe 03/09 

Vom Wesen der Konflikte

Ein kleines Erlebnis aus meiner frühen Kindheit hat sich mir tief eingeprägt: Ich sah, wie zwei Hühner sich um einen Regenwurm stritten. Dem einen gelang es, ihn zu schnappen, wobei es von dem anderen Huhn laut gackernd mit Bissen traktiert wurde. Schließlich konnte das erste Huhn sich in eine Ecke des Hofes flüchten und dort schnell seine Beute verschlingen, obwohl es noch immer von dem anderen bedrängt wurde.

In meiner kindlichen Naivität habe ich mir damals die Frage gestellt, warum die beiden Hühner sich nicht einigen und den Regenwurm teilen konnten. Erst viel später im Leben habe ich dann verstanden, dass ich hier die Urform eines Konfliktes erlebt hatte, wie er sich überall in der Welt abspielt, nicht nur unter Hühnern.

Jahrhunderte lang haben Kaiser und Päpste miteinander grausam darum gestritten, wer von ihnen dem anderen übergeordnet wäre. Europäische Großmächte führten blutige Kriege um Kolonien in fernen Erdteilen. Dort ging es natürlich nicht um Regenwürmer, sondern vielleicht um Gold, Elfenbein, Öl oder andere Naturschätze. Zwei Weltkriege wurden ausgetragen um die Frage, wer auf den Weltmeeren die größere Flotte haben durfte, welche Staatsform oder Gesellschaftsordnung die beste war und ob eine künftige Weltregierung durch die Diktatur des Proletariats oder durch die Herrschaft der nordisch-germanischen Rasse errichtet werden sollte.

Schließlich wurde der gegenwärtige weltweite Konflikt gegen den Terrorismus, der sicher noch stark eskalieren wird, ausgelöst durch die Frage, ob der Glaube an Gott, so wie ihn sich bestimmte radikale Anhänger der einen Religion vorstellen, mit Hilfe von gewaltigen Sprengstoffanschlägen und anderen Bluttaten verbreitet werden kann. So leben wir in einem Zeitalter furchtbarer Konflikte, auch wenn die Formen ihrer Austragung und sozusagen die Regenwürmer dabei von Jahrhundert zu Jahrhundert wechseln mögen.
Auch die Konflikte zwischen gesellschaftlichen Gruppen gehören in dieses Schema. Arbeitgeber und Arbeitnehmer streiten sich um die Verteilung der Gewinne, wobei die streitenden Hühner ja sich nicht nur gegenseitig hacken, sondern – wie oftmals bei Streiks – auch unbeteiligten Dritten schweren persönlichen und finanziellen Schaden zufügen, z.B. Fluggästen oder Bahnfahrern. Und während Fußballspiele ja sozusagen kanalisierte Konflikte sind, die nach festen Regeln unter der Regie eines Schiedsrichters ausgetragen werden, so soll es mitunter anschließend zwischen den Anhängern der beteiligten Mannschaften schon zu stark eskalierten Formen der Konfliktaustragung gekommen sein, bei denen auch Blut geflossen ist und die Polizei Mühe hatte, den Frieden wieder herzustellen.

Am meisten betroffen ist wohl jeder von uns von den Konflikten im ganz persönlichen Bereich. Es gibt sie unter Kollegen. Zwei bewerben sich um die gleiche Position, und zwangsläufig wird einer von beiden abgelehnt. Ein amerikanisches geflügeltes Wort für diese Situation lautet: «You are either appointed or disappointed.» (Als Wortspiel übertragen: «Du fühlst dich entweder abgehoben oder abgeschoben.») Manchmal ist die Folge ein jahrelanger Konflikt zwischen den Beteiligten.

Es gibt Konflikte innerhalb von Vereinigungen, wobei auch christliche nicht ausgeschlossen sind. Der eine hat mehr Erfolg oder er findet mehr Zustimmung, als andere ihm gönnen. Ein anderer meint, dass er nicht so zur Geltung kommt, wie es seinen Fähigkeiten oder seinem Einsatz entsprechen würde. All diese Vorgänge können zu Konflikten führen, besonders dann, wenn die genannten persönlichen Motive dem Betreffenden nicht bewusst sind.

Es gibt Konflikte in Ehen und Familien. Gerade wenn Menschen eng beisammen leben, lernen sie besonders gründlich ihre gegenseitigen Schwächen und Fehler kennen. Mancher, der sich ein romantisches Idealbild von der Partnerin oder dem Partner gemacht hatte, fühlt sich dann enttäuscht. Es entstehen Auseinandersetzungen, die heute erschütternd oft mit Scheidung enden. Kinder haben, besonders während der Pubertätszeit, ihre Konflikte mit den Eltern, zumal deren Charakter und Intelligenz dann, wie es scheint, oftmals stark nachlassen. Mitunter aber wird die Pubertät sozusagen chronisch, so dass die entsprechenden Konflikte lange Jahre hindurch andauern. Umgekehrt behandeln Eltern ihre Söhne und Töchter mitunter selbst als Erwachsene noch wie Kinder, so dass Konflikte unausbleiblich sind.

Aber auch Konflikte unter Geschwistern, besonders solche unter Brüdern, scheinen häufig vorzukommen, weil es bei ihnen besonders viele ‘Regenwürmer’ gibt, die zum Streit führen können. Sogar der erste Mord, von dem die Bibel in 1. Mose, Kapitel 4 berichtet, war ein Brudermord aus Konkurrenz und Eifersucht.
Woher kommen die Konflikte? Sind sie sozusagen naturgegeben und unvermeidlich? In der Tat gibt es Konflikte, die uns von Gott aufgetragen oder auferlegt sind und daher aktiv in seinem Auftrag durchgestanden werden müssen. Jesus hat bei einer Gelegenheit, als im Vorhof des Tempels verbotene unheilige, weltliche Geschäfte getrieben wurden, im Auftrag seines göttlichen Vaters mit der Peitsche eingegriffen und den Wechslern die Tische umgestoßen.1 Allerdings ist dies der einzige derartige Fall im Neuen Testament. Er muss oft als Begründung herhalten, wenn Menschen ihr aggressives Verhalten christlich begründen wollen, womöglich in Fällen, wo es zur Durchsetzung eigener Interessen und Forderungen dient. Sie übersehen dabei, dass das Wort der Bibel uns unmissverständlich gebietet, mit allen Menschen Frieden zu halten, also Konflikte zu vermeiden, so weit es an uns liegt.2
Auch von einem Konflikt zwischen den Leitern der Urgemeinde wird in Apostelgeschichte 15 berichtet. Wäre er nicht durchgestanden worden, so müsste vielleicht noch heute jeder, der sich zum Glauben an Jesus Christus bekehrt, danach mancherlei jüdische Ritualvorschriften erfüllen. Bei derartigen Grundsatzentscheidungen wie bei allen Verfälschungen des biblischen Glaubens in wesentlichen Kernfragen sind Konflikte mitunter unvermeidlich, jedenfalls für unmittelbar betroffene Verantwortliche.

Wie aber steht es mit den Konflikten im normalen, praktischen Leben? Selbst wenn wir zugeben müssen, dass wohl kein Leben ganz konfliktfrei verläuft, so beobachten wir dennoch, dass es dabei große Unterschiede zwischen den Einzelnen gibt.

Manche Menschen stecken von morgens bis abends fast immer in Konflikten. Sie verbreiten Dissonanzen nahezu bei jedem Kontakt mit anderen – mit dem Ehepartner, dem Taxifahrer, der Frau an der Kasse, der Sekretärin… Sie streiten sich in jeder Sitzung, denn sie äußern zu jedem Thema in scharfer Form eine dezidierte Meinung, die keine Kompromisse zulässt. So geraten sie mit jedem aneinander, mit dem sie zusammenarbeiten, weil sie dabei von ganz festen, meist überhöhten Vorstellungen über ihre eigene Person und Rolle ausgehen. Wer aber in dieser Weise ständig mit sich selbst beschäftigt ist, der ist nicht teamfähig, sondern ungeeignet für jede Gemeinschaft. Man meidet solche Menschen nach Möglichkeit.

Andere jedoch strahlen eine Atmosphäre des Friedens aus. Sie haben die Gabe, Mitmenschen bei der Heilung ihrer Konflikte zu helfen und Versöhnung zu vermitteln. Solche Menschen werden in der Regel geschätzt und um Rat gebeten.

Wir sehen: Art und Ausmaß unserer Konflikte hängen nicht nur von den äußeren Bedingungen ab, sondern vielmehr von unserem inneren Zustand. Letztlich liegt alles daran, ob ein Mensch von den Konflikten geheilt worden ist, die ihn von innen her beherrschen und so zu Störungen im Verhältnis zu anderen führen.
In unserer Zeit werden viele gute Bemühungen angestellt, um Konflikte zu vermeiden. Soweit es sich um politische handelt, liegt hier das große Gebiet der Friedensforschung. Im persönlichen Bereich bemühen sich Pädagogik und Psychotherapie, Menschen bei der Überwindung erlittener Konflikte zu helfen, so dass die Folgen gelindert und sie zur Vermeidung unnötiger künftiger Konflikte befähigt werden. Denn schlimmer noch als der äußere Schaden, den Konflikte oft anrichten, sind die inneren Wunden und Verletzungen, die sie zurücklassen.

Solche Folgen sind nicht zu übersehen. Jemand trägt einen Groll gegen die eigenen Eltern, selbst über deren Tod hinaus. Eine Frau wird aufgrund des Leides, das ihr ein Mann zugefügt hat, verbittert und männerfeindlich. Einer, der als Kind in seinem Selbstwertgefühl schwer verletzt wurde, stürzt sich vielleicht in vielerlei Aktivitäten, weil er süchtig nach Anerkennung ist. Der eine leidet dann unter Minderwertigkeitskomplexen, der andere unter Geltungsbedürfnis. In all diesen Fällen führen vergangene Konflikte ständig zu neuen. Kein Wunder, dass unsere Gesellschaft gerade heute so voll von ihnen ist!

Die letzte Ursache für die ungelösten Konflikte im Leben eines Menschen liegt jedoch so tief, dass sie mit den genannten Mitteln nicht behoben werden kann. Denn der Urkonflikt des Menschen war und ist sein gestörtes persönliches Verhältnis zu Gott. In der Abkehr von Gott, so beschreibt es die Bibel, lag die erste Schuld des Menschen. Alle übrigen Formen der Sünde einschließlich der daraus entstehenden Konflikte sind letztlich Folgen dieses Abfalls. Dieser Vorgang spielt sich nicht in einer uns entrückten Mythologie ab, sondern sehr konkret im Leben des einzelnen heutigen Menschen.

Was wir daher benötigen, ist eine Konfliktheilung in der Tiefe, d.h. nichts weniger als eine Versöhnung mit Gott. Dies zu ermöglichen, war die Mission von Jesus Christus. Er ist für uns alle gestorben, um den Konflikt zu heilen, den unsere Schuld gegenüber Gott hervorgebracht hat. Wenn nun heute jemand diese Heilung bewusst annimmt, hört der Kriegszustand auf, der ihn von Gott trennt. Er erfährt eine heilsame Veränderung und Erneuerung. Er braucht die bisherigen Konflikte nicht mehr fortzusetzen, sondern empfängt die Kraft, den beteiligten Menschen zu verzeihen. Sein Wertbewusstsein wird von Jesus Christus neu stabilisiert, so dass die verschiedenen Mechanismen versuchter Selbstheilung überflüssig werden. An die Stelle dieser Konflikte tritt ein tiefer, von innen kommender Frieden. Eine veränderte, von der Liebe Gottes geprägte Grundeinstellung schenkt uns dann die Kraft, anderen sozusagen die Regenwürmer zu überlassen, um die man sich sonst vielleicht streiten würde. Gott sorgt dafür, dass wir dadurch nicht ärmer werden, sondern er schenkt uns die Erfahrung seines unendlichen Reichtums.

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1 Matthäus, Kapitel 21, Satz 12
2 Römer, Kapitel 12, Satz 18

Der Autor

Bodo Volkmann

Prof. Dr. rer. nat. Bodo Volkmann

D-Möglingen

verheiratet mit Waltraut Volkmann, vier Töchter, sieben Enkelkinder,Emerit. Ordinarius für Mathematik der Universität Stuttgart

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