

Am 21. Oktober 2008 hielt ich an einem Frauenfrühstück in Blumenstein, Bern einen Vortrag zum Thema ‘Glücklich trotz allem’. Frühmorgens wurde ich abgeholt. Unterwegs erzählte mir mein Chauffeur, dass er später eine weitere Person mit Behinderung abholen und zum gleichen Treffen bringen werde. Es sei der jungen Frau aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich, schon beim Frühstück mit dabei zu sein. Auf meine Rückfrage, was für eine Behinderung die Frau denn habe, schilderte er mir in kurzen Worten die tragische Geschichte von Lydia1.
Vor fünf Jahren sei Lydia eine kerngesunde 25-jährige Frau gewesen.
Ein schwerer Reitunfall habe ihr Leben jedoch schlagartig verändert. Lange Monate habe sie im Koma gelegen, aus dem sie schließlich zum Erstaunen der Ärzte und des Pflegepersonals erwacht sei. Trotz intensiver Therapie sei Lydia gelähmt geblieben und lebe nun bei ihren Eltern, die sich liebevoll um sie kümmern.
Später, während ich mein Referat hielt, wanderte mein Blick ab und zu hin zu Lydia und ihrer Mutter. Lydia saß leicht vornüber gebeugt im Rollstuhl und schaute mich mit klaren, wachen Augen an. Ihre Mutter beugte sich immer wieder Hilfe leistend zu ihr. Nach den Ausführungen gab ich Gelegenheit, Fragen zu stellen. Ganz am Schluss hob Lydia mühsam ihren Arm. Was sie mir zu sagen versuchte, verstand ich kaum. Ihre Mutter übersetzte für mich. Lydia bedankte sich ganz herzlich für das Referat. Es habe sie sehr ermutigt. – Mich berührte und freute dieser Dank enorm!
Im Rückblick frage ich mich, was wohl diese zwei Frauen zum Thema ‘Hauptsache gesund?’ zu sagen hätten? Würden sie Gesundheit als Hauptsache ihres Lebens bezeichnen? Wie würden sie mit den altbekannten Geburtstagswünschen «Ich wünsche dir Glück und Gesundheit!» umgehen? Wie leben Menschen wie sie (und ich) in einer Gesellschaft, in der die Gesundheit das höchste Gut ist? Was tun wir, die nicht dem Idealbild des fitten, durchtrainierten, kerngesunden Menschen entsprechen?
Vor einigen Wochen hörte ich einem Interview mit dem deutschen Facharzt für Psychiatrie und Theologen Manfred Lütz zu. Was er sagte, ließ mich aufhorchen und ich beschloss, mir sein Buch ‘Lebenslust’ zu Gemüte zu führen. Darin geht er dem Streben nach Gesundheit in unserer Gesellschaft auf den Grund. Er sagt, wir seien der so genannten Gesundheitsreligion verfallen. An die Allmacht Gottes glaube man kaum noch – aber an die Allmacht der Ärzte sehr wohl. «Wenn heute überhaupt etwas auf dem Altar steht, angebetet und mit allerhand schweißtreibenden Sühneopfern bedacht, so ist es die Gesundheit. Unsere Vorfahren bauten Kathedralen, wir bauen Kliniken. Unsere Vorfahren machten Kniebeugen, wir machen Rumpfbeugen. Unsere Vorfahren retteten ihre Seele, wir unsere Figur.»2 Da man nicht mehr an ein Leben nach dem Tod glaube, werde das Hier und Jetzt zum Ein und Alles. Möglichst alt werden – wenn nicht gar ewig leben, das sei das Ziel. Manfred Lütz entlarvt dieses Streben als Gesundheitswahn, der unweigerlich in die Sackgasse führt.3 Denn, sterben müssen wir alle.
Lütz stellt weiter die provokative Frage: Was tut man mit all den Menschen, «die sich ganz offensichtlich den Segnungen der Gesundheitsreligion entziehen, indem sie definitiv und unabänderbar keine Aussicht haben, den idealen Zustand zu erreichen?»4 Man behaupte, gewisse definitiv ungesunde beziehungsweise noch sehr kleine Menschen seien gar keine Menschen. Und bis zur Einnistung in der Gebärmutter sei der Mensch noch kein Mensch. Dass das aber ‘wissenschaftlicher Unfug’ ist, weiß jeder Kenner. Denn von der Befruchtung der Eizelle bis zur Pensionierung und darüber hinaus gibt es keinen qualitativen Einschnitt. Es handelt sich um einen individuellen Menschen in verschiedenen Stadien der Hilfsbedürftigkeit … Hier liegt also wissenschaftlicher Unsinn vor, aber eben gesundheitsnützlicher. Auf diese Weise kann man nämlich die Embryonen bis zur zweiten Woche für die Therapie kranker erwachsener Menschen verwerten und den unangenehmen Ausdruck ‘töten’ dafür vermeiden.5
Wenn wir nun also den Gesundheitswahn und die Wertverschiebungen unserer wissenschaftsorientierten Gesellschaft entlarvt haben – was nun? Was bleibt zu tun? Was hat uns der christliche Glaube dazu zu sagen? Bläst nicht auch der ins gleiche Horn? Bedenkt man die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – sind die nicht voll von Heilungsgeschichten, die eine ganz ähnliche Botschaft vermitteln?
Dass manche Leute diese Frage mit Ja beantworten würden, zeigt folgendes Beispiel: An einem Seminar zum Thema ‘Jesus Christus als Heiler – Heilungswunder in der Bibel’ meldete sich eine Teilnehmerin zu Wort und erzählte uns von einer These, die sie zwar selber nicht vertrete, aber nicht so recht wisse, was darauf zu antworten sei. Diese These laute: Christen würden die christliche Kirche und damit den Leib Christi auf dieser Erde bilden. Jesus wolle einen gesunden Leib – keinen kranken. Deshalb wolle er keine kranken Glieder.
Nun, das wäre tatsächlich eine äußerst schlechte Botschaft für all die Schwachen und Kranken unter uns. Ist dem wirklich so? – Ich darf uns alle beruhigen: Nein, dem ist nicht so! Dieses Verständnis von Jesus und seiner guten Botschaft ist irreführend, weil es eine einseitige Sicht der Evangelien vermittelt. Jesu Leben, Wirken, Sterben und Auferstehen ist für alle eine gute Nachricht – nicht bloß für die Starken, Schönen, Gesunden und Erfolgreichen dieser Welt.
Oberflächlich betrachtet kann man die Evangelien als Sammlung von Berichten über Dämonenaustreibungen, körperliche Heilungen und Totenauferweckungen ansehen. All diese Wunder waren wichtige Zeichen dafür, dass Jesus wirklich der Messias ist – dass er absolute, göttliche Autorität besitzt. Dadurch offenbarte Gott, dass sein Reich in dieser Welt angebrochen ist. Im Matthäusevangelium lesen wir von Johannes dem Täufer: «Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!»6 Aber später in Kapitel 11 finden wir folgenden weiterführenden Text: «Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: «Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?»7
Zuerst predigte der Täufer also aus fester Überzeugung, dass mit Jesus, dem Messias, Gottes Reich angebrochen ist. Im Gefängnis aber kamen ihm Zweifel. Ich stelle mir seine Gedanken ungefähr so vor: «Gottes Herrlichkeit und Macht ist doch angebrochen! Nun muss ich trotzdem leiden. Wie geht das?»
Gottes Königreich ist in dieser Welt angebrochen – aber es ist noch nicht vollendet. Erst bei der Wiederkunft von Jesus wird dies der Fall sein.8 Wir leben in einer Zwischenzeit – und da mit in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite steht: Gottes sichtbares Eingreifen in unser Leben (durch seinen Segen, seine Hilfe und Unterstützung) ist Zeichen dafür, dass er seine Herrschaft in dieser Welt aufgerichtet hat. Wir dürfen und sollen auf sein Eingreifen hoffen. Wir sollen zu ihm beten in allen Lebenslagen – in Gesundheit und Krankheit – in Fülle und im Mangel – in Freude und in Trauer. Auf der anderen Seite steht: Gottes Reich ist noch nicht vollendet. Wir leben noch nicht im Himmel. Gott greift ein, wann und wo er will! Manchmal wirkt er so, wie wir es erwarten. Manchmal ganz und gar nicht so. Dass uns dann Zweifel und Ängste plagen können (wie Johannes), ist ganz normal.
Die gute Nachricht, die Jesus in diese Welt gebracht hat, ist nicht «Hauptsache, du bist gesund», sondern «Hauptsache, du folgst Jesus nach». Jesus selber hat ebenfalls in diesem Spannungsfeld gestanden. Im Lukasevangelium wird uns dazu eine wichtige Begebenheit geschildert. Jesus steht kurz vor seiner Gefangennahme. Er zieht sich mit ein paar wenigen Jüngern in den Garten Gethsemane zum Gebet zurück: «Und Jesus riss sich von seinen Jüngern los, etwa einen Steinwurf weit, und kniete nieder, betete und sprach: Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und er rang mit dem Tode und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.»9
Wir sagen heute auch: «Ich habe Blut geschwitzt!» und meinen damit, dass wir uns über alle Maßen angestrengt oder uns sehr gefürchtet haben. Es ist nicht einfach, in diesem Spannungsfeld zu leben. Es gibt keine einfachen Lösungen. Für Jesus war es noch viel schwieriger. Sein Gebet im Garten Gethsemane wurde auf den ersten Blick nicht erhört. Er wurde gefoltert und starb elend am Kreuz. Aber er vertraute Gott trotz allem. «…doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!» Das dürfen und sollen wir auch tun!
Wir haben gute Gründe zu glauben, dass Gott gerade auch im Leiden wirken kann. Gott hat nicht nur durch Heilungswunder gewirkt, sondern vor allem gerade auch durch das Leiden: Jesu Leiden und Tod am Kreuz ist für uns Heilsgeschichte. Durch sein Sterben dürfen wir Befreiung (Vergebung) von inneren Lasten (verborgene Schattenseiten/ Sünden) und dadurch wahres Heil (Erlösung) erleben. Heil bedeutet wortgeschichtlich ‘ganz, unversehrt’, aber auch ‘Glück, Wohlergehen, Rettung’.10 Heil hat also mit unserer ganzen Persönlichkeit – mit unserem ganzheitlichen Wohlergehen zu tun. Gott sind alle Ebenen des Menschseins wichtig – nicht bloß der Körper, der der Vergänglichkeit unterworfen ist. Unser geistiges und seelisches Wohlbefinden ist ihm ein Anliegen.
Zusammenfassend und zur persönlichen Auseinandersetzung können wir uns folgende Fragen stellen:
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1 Name geändert
2 Manfred Lütz, Lebenslust – Wider die Diät- Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness- Kult, Knaur Taschenbuch Verlag – aktualisierte Ausgabe Juni 2007, S. 22
3 dito, S. 64
4 dito, S. 94f
5 dito, S. 96f
6 Matthäus, Kapitel 3, Sätze 1 und folgende in Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers; Deutsche Bibelgesellschaft, 1984; 2004
7 Matthäus, Kapitel 11, Satz 2 und folgende; ebd.
8 Offenbarung, Kapitel 21, Sätze 3-4
9 Lukas, Kapitel 22, Sätze 41-44; ebd.
10 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Deutscher Taschenbuch Verlag, 5. Auflage 2000, S. 523