

Herr Oberhänsli, Sie wurden im Mai von der Schweizerischen Umweltstiftung mit dem «Unternehmer-Umweltpreis der Schweiz 2008» ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Der Preis ist eine Krönung für den zwanzigjährigen Weg, den ich mit unserem Unternehmen in Sachen umweltgerechter Produktion und Klimaschutz zurückgelegt habe. Klimaneutrales Drucken allein hätte für den Preis wohl nicht ausgereicht. Wir sind einen glaubwürdigen und umfassenden Weg gegangen, hatten in der grafischen Branche oft eine Pionierrolle inne. Man nennt mich deshalb auch den «Al Gore der grafischen Branche». Es gab Zeiten, in denen uns der Wind knallhart ins Gesicht blies; heute kommt er von schräg hinten. Dieser gesamte Weg mag die Umweltstiftung zur Auszeichnung bewogen haben.
Sie setzten auf umweltverträgliche Produktion, als dieses Thema noch kaum aktuell war. Für ein Unternehmen Ihrer Größe nicht selbstverständlich. Weshalb war Ihnen dieses Anliegen so wichtig?
Der Weg begann 1989. Ein Jahr zuvor war ich zum lebendigen Glauben an Gott gekommen und hatte ihn gefragt, was für eine Zukunft er für mich in der sehr schwierigen grafischen Branche sehen würde. Durch das Bibelstudium wurde ich für dieses Thema zusätzlich sensibilisiert, denn bereits das erste Buch der Bibel spricht von unserer Verantwortung gegenüber der Schöpfung. Dazu kam, dass in der Schweiz 1989 das Thema Waldsterben sehr aktuell war. Der Druckereiverband VSD lud damals zu Tagungen mit den Themen ‘Umwelt und Produktion’ sowie ‘Umwelt und Kommunikation’ ein. Auf einer dieser Veranstaltungen sagte der damalige Verantwortliche für den Drucksacheneinkauf einer Schweizer Großbank vor über 100 Personen, zur Hälfte Druckereikollegen: «Wenn ihr Drucker nicht bezüglich umweltgerechter Produktion umdenkt, werden unsere Aufträge eines Tages ausbleiben.»
Wir hatten damals große Aufträge aus der Finanzbranche. So brachte ich diese Aussage mit in die nächste Verwaltungsratssitzung unserer Familien- AG und wir überlegten Zukunftsschritte. Als Folge investierten wir 50'000.– Franken in den Aufbau eines Umweltcontrollings, das aufzeigte, wo in unserer Druckerei Umweltbelastungen anfallen. Dieser Bericht brachte überaus spannende und interessante Erkenntnisse.
Hat sich die Investition im Rückblick auf die vergangenen zwanzig Jahre gelohnt?
Sie hat sich gelohnt, weil die Antworten, die daraus hervorgingen, uns vor Fehlern schützten: Konkret in den einzelnen Prozessen, in der Kommunikation mit dem Kunden, in der Schulung der Mitarbeitenden, der Integration neuer Prozesse mit einer Software, die Fehlerquellen sehr schnell aufdeckt. Unsere Software ist beispielsweise in der Lage, eine schlechte Bildauflösung oder ein nicht geeignetes Logo bereits beim Kunden zu erkennen, früher war dies erst in der Druckmaschine erkennbar. Zwar lag die Fehlerquelle dann beim Kunden. Trotzdem brachte dieses Vorgehen durch den erzwungenen Nachdruck eine gewaltige Umweltbelastung mit sich. Der Faden zog sich weiter in die Wahl von Recyclingpapier und in die Energie-Effizienz. Viele Kunden wissen nicht, dass herkömmliche Druckmaschinen auch bei einer niedrigen Auflage 500 Bogen Vorlauf brauchen, bis die Druckqualität erreicht ist. Das ist, vom Umweltaspekt her gesehen, schizophren, weil diese Überproduktion zwar dem Kunden verrechnet wird, jedoch entsorgt werden muss. Unsere heutigen Druckmaschinen bringen nach dem siebten Bogen die Sollqualität.
Interessant! Picken wir einen Aspekt heraus. Was bedeutet klimaneutrales Drucken?
Eigentlich geht es um Reduktion und Kompensation. Um eine stetige Verbesserung einer möglichst CO2- neutralen Produktion (zum Beispiel mit wasserlosem Drucken), damit immer weniger kompensiert werden muss. Die CO2-Menge wird bei uns in anerkannte Klimaschutzprojekte mit hochwertigen Emmissionsminderungs- Zertifikaten abgegolten.
Im Bereich Kompensation habe ich auch Vorbehalte, beispielsweise beim klimaneutralen Fliegen, weil dort eine Art ‘Ablasshandel’ stattfindet. Ich fände es toll, wenn die Fluggesellschaften in erster Linie einen Schwerpunkt auf die Beschaffung immer besserer Flugzeuge setzen würden und den Restwert dann noch kompensieren.
Wie geschieht eigentlich Kompensation?
Kompensiert wird vorwiegend in der Dritten Welt, weil dort eine doppelte Wirkung erzielt werden kann. Vor Ort wird Sozialhilfe geleistet sowie eine Umweltleistung erbracht. CO2 ist ein weltweites Problem. Also geht man dorthin, wo der größte Kosten-Nutzen- Hebel erreicht werden kann.
Ein Beispiel: In Eritrea, einem der ärmsten Länder der Welt, kochten die Menschen auf Öfen mit einem CO2-Ausstoß von 80% und einem Nutzen von 20%. Dort wurde im Sinne von ‘Hilfe zur Selbsthilfe’ ein Projekt definiert, zertifiziert und überwacht. Erreicht wurde die Umkehr der Werte, nämlich 20% CO2-Ausstoß und 80% Nutzung. Die Ersparnis von 60% wurde im Sinne eines Knowhow- Transfers finanziert. Dieses Geld stammt aus dem Topf klimaneutraler Produktionen.
Weil auch im Sozialbereich etwas in Gang gesetzt wird und weil der Lebensstil in Drittweltländern verbessert werden kann, ohne dass diese Länder unsere umwelttechnischen Fehler wiederholen, ist diese Art von Kompensation sinnvoll. Zudem wird durch diese Projekte der CO2-Ausstoß generell reduziert.
Ist klimaneutrales Drucken nicht viel teurer?
Mit unserem Konzept verteuert sich die Drucksache um ein halbes bis ein Prozent. Der Kunde kann entscheiden, ob er diesen Aufpreis bezahlen will.
Ein Label weist die Drucksache als ‘klimaneutral gedruckt’ aus. Zurzeit drucken wir 20% unserer Aufträge klimaneutral. Unser Ziel sind 100%. Wenn wir dies erreichen, generiert unser kleiner KMU-Betrieb mit 30 Mitarbeitenden 70'000.– Franken für Umweltprojekte, was in Eritrea 1 Mio. Franken entsprechen würde. Dies ist genial!
Würde jede Druckerei, jeder produzierende Betrieb mitmachen, könnte das CO2 weltweit stark vermindert werden.
Sie sind schon sehr lange mit dieser Umweltthematik unterwegs. Was wünschen Sie sich betreffend Nachhaltigkeit für Ihre Branche, für den Umweltschutz weltweit?
Ich bin in einer Arbeitsgruppe, die sich genau mit dieser Frage beschäftigt. Auftraggeber sind das Bundesamt für Umwelt und das Staatssekretariat für Wirtschaftsförderung. Diese Arbeitsgruppe setzt sich für einen glaubwürdigen Standard in klimaneutraler Produktion ein. Eigentlich geht es darum, die Erfahrungen, die unser Unternehmen in den letzten 20 Jahren gesammelt hat, in der gesamten grafischen Branche und darüber hinaus umzusetzen. Wir geben Know-how weiter, verlangen jedoch von den Beteiligten einen Energiecheck, d.h. die Betriebe werden jährlich kontrolliert und weiter auf Reduktion getrimmt. Dieses Konzept soll später auch in anderen Branchen schweizweit und schließlich weltweit umgesetzt werden.
Sie setzen in Ihrem Betrieb auf Nachhaltigkeit. Wie gehen Sie in Ihrem Privatleben damit um?
Als Mitglied der Geschäftsleitung setze ich die Erkenntnisse um und zwar gemäß unserem Leitbild: ‘Verantwortung leben – Vorbild sein.’ Ich nenne ein Beispiel. Ich fuhr früher Autos der Marke Saab. Da ist das Licht mit der Zündung gekoppelt und geht automatisch aus, wenn der Motor abgestellt wird. Unsere Mitarbeiter nahmen sehr wohl zur Kenntnis, dass ich den Motor bei Rotlicht etc. abstellte. Vor vier Jahren stieg ich mit einem gewaltigen Vorurteil zum ersten Mal in ein Hybrid-Modell und wechselte ohne zu zögern das Auto. Privat animierte ich die Nachbarn in unserem Viertel zum Umstieg von den alten Ölauf Wärmepumpen-Heizungen. Einige haben zusätzlich Solaranlagen auf dem Dach zum Aufheizen des Wassers installiert.
Themawechsel: «Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.» Diesen Leitgedanken habe ich auf Ihrer Homepage entdeckt. Welches ist Ihre persönliche Sehnsucht?
Meine Sehnsucht ist, dass mein persönliches Umfeld Jesus Christus kennen lernt. Als zweites wünsche ich mir, dass meine Mitmenschen ihre Verantwortung bezüglich Umwelt vermehrt wahrnehmen, dass der Leitgedanke «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» umgesetzt wird, und zwar so, dass auch die nächste Generation noch einen Lebensraum hat. Dass wir also unseren Lebensstil hinterfragen. Dies nicht im Sinne von nicht mehr Auto fahren, sondern anders; nicht im Sinne von nicht mehr produzieren, sondern anders. Und dabei soll ‘Gewinn machen’ absolut legitim sein!
Der erste Teil Ihrer Antwort ist wahrscheinlich für manche doch speziell. Was brachte oder bringt Sie zu der Überzeugung, dass die Menschen Jesus kennen sollten?
Ursprünglich ist meine Frau als Lehrerin durch einen Schüler mit dem Evangelium in Kontakt gekommen. Sie gab den Impuls, dass wir uns näher mit der Frage des christlichen Glaubens beschäftigten. Es folgten die Umkehr zu Jesus und dann ein Weg, der mir eine neue Sichtweise gab und gibt. Dies auch im Hinblick auf die Zukunft dieser Welt. Als kinderloser Mann könnte ich ja sagen: «Nach mir die Sintflut!» Aber der Glaube weckte in mir das Verantwortungsgefühl und zudem spüre ich, dass Gott mit mir unterwegs ist. Meine Optik ist auch im Hinblick auf den Sterbeprozess hoffnungsvoll, weil ich weiß, dass es nachher weitergeht.
Wie sieht denn diese Führung Gottes in Ihrem Alltag aus?
Als Ebenbild Gottes – das sind wir laut Bibel – ist jeder Mensch einzigartig und hat ein unglaubliches Potenzial an Talenten und Fähigkeiten. Ich bin partiell farbenblind und arbeite dennoch in der grafischen Branche. Dies hat mich bewogen zu prüfen, was ich Einzigartiges in die Geschäftsleitung einbringen und wie ich die anderen ergänzen kann. Dadurch sind wir ein Team, das sich ergänzt und voneinander abhängig ist. Seine Einzigartigkeit zu entdecken, ist eine ganz wesentliche Entscheidung eines gläubigen Menschen. Was hat Gott in mich hineingelegt? Was bewegt und motiviert mich? Wenn ich das lebe, was Gott in mich hineingelegt hat, lebe ich mit seinem Segen.
«Effektivität und Effizienz» ist eine Unternehmerweisheit. Effektivität heißt, die richtigen Dinge tun. Effizienz heißt, die Dinge richtig tun. Verantwortliche einer Firma müssen effektiv sein und delegieren, damit ihre Mitarbeiter effizient arbeiten können. Die Bibel gibt uns folgenden Ratschlag: «Verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern setze dein Vertrauen ungeteilt auf den Herrn! Denk an ihn bei allem, was du tust; er wird dir den richtigen Weg zeigen.»1 Das ist der Segensweg. Viele Menschen wollen ihr Leben lang jemand sein, der sie nicht sind. Das führt zu psychischem Stress.
Sie sind ein erfolgreicher Unternehmer, Preisträger und sagen uns, dass man noch heute den Weg mit Jesus konkret gehen kann ...
Ja, auf jeden Fall. Es gab immer wieder Situationen, wo wir geschäftlich Probleme hatten und wo ich Gott fragte: «Was heißt das nun?» Aber gerade da spürte ich Jesus jeweils ganz konkret, indem er mich ermutigte, oft überhaupt erst motivierte, trotz allem weiter zu machen.
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Interview: Ursula Costa
1 Sprüche, Kapitel 3, Sätze 5+6