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Die IVCG

 
Ausgabe 06/07 

Durchs Netz gefallen

Immer wieder lesen wir davon: Wochen und Monate liegen sie tot in ihren Wohnungen, ohne dass es jemand merkt. Niemand hat nach ihnen gefragt. Niemand hat sie vermisst. Menschen, die durch das soziale Netz gefallen und einen einsamen Tod gestorben sind. – Zum Glück handelt es sich um Einzelfälle, die nicht repräsentativ sind für unsere modernen, westlichen Gesellschaften. Dennoch zeigen sie einen Sachverhalt auf, der Anlass bietet, über unsere Beziehungsfähigkeit nachzudenken.

Wer ist schuld am unbemerkten Tod eines Menschen? Die Person selbst, die Familie oder der Staat (Gesundheitsund Sozialwesen)? Der Grund liegt, wie auch immer die Antwort lauten mag, bei einem Defizit auf der Beziehungsebene. Vielleicht hat die Person bewusst alle Beziehungen abgebrochen. Vielleicht wurde sie tatsächlich vergessen und konnte sich nicht bemerkbar machen. In beiden Fällen ist die Beziehungsfähigkeit eingebrochen. Das soziale Netzwerk hat die Person nicht mehr getragen.

Der Mensch ist keine Maschine

Netzwerke entstehen durch den Aufbau stabiler Verbindungen zwischen Elementen (Knoten). Die Netzwerktheorie befasst sich zum einen mit physikalischen Netzen (z.B. Computernetzen), zum andern mit sozialen Netzen (Gruppen, Gesellschaften). Computernetzwerke haben den Vorteil, dass ihre Elemente (Speichermaterial) und die Verbindungen (Licht, Schall, Kabel) sich naturgesetzlich verhalten. Die Systemteile sind programmierbar. Wenn die Software stimmt, funktioniert das Ding.

Wenn das mit dem zentralen Element der sozialen Netze nur auch so einfach wäre! Zwar haben berühmte Forscher sich alle Mühe gegeben, den Menschen als Maschine zu erklären. Sigmund Freud1 versuchte, die mechanistisch definierte Seele zu analysieren und zu reparieren. Auch Burrhus Skinner2 und Francis Crick3 wähnten, das Geheimnis der 'Materie Mensch' gelüftet zu haben und seine Steuerbarkeit via Sprache, Verhalten oder Biochemie garantieren zu können. Wären diese Theorien erfolgreich, könnten die Menschen als Elemente der sozialen Netzwerke zum 'Funktionieren' konditioniert werden. Dann gäbe es keine unbemerkten Toten in einsamen Wohnungen mehr.

Von solchen Techniken sind wir glücklicherweise weit entfernt. Menschen können mit besten Informationen gespeist werden. Sie mögen erkennen, welches in einer Situation die beste Lösung ist. Sie mögen sich neunundneunzig Mal richtig verhalten. Doch urplötzlich wählen sie das Gegenteil. Sie verhalten sich irrational. Die Naturgesetzlichkeit von Silizium, Kupfer und Licht kümmert sie nicht im Geringsten und sie nehmen sich das Recht, einen destruktiven Weg einzuschlagen.

Entsprechend ist die Erforschung sozialer Netzwerke hochkomplex. Interdisziplinär versucht der Wissenschafter dem Mysterium 'Mensch' auf die Spur zu kommen. Psychologie, Ethnologie, Soziologie, Anthropologie und Organisationslehre sollen erhellen, wie der Mensch sein Beziehungsgeflecht aufbaut und wie er sich in diesen Beziehungen verhält. Gesetzmäßigkeiten sollen erkannt, Problemfelder eruiert, Lösungswege vorgeschlagen und, wenn möglich, Lösungen realisiert werden. Schließlich soll der Mensch im privaten, im beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld konstruktiv 'funktionieren'.

Wer begründet die soziale Netzwerkfähigkeit?

Könnten wir eine einsam in ihrer Wohnung sterbende Frau interviewen, würde sie ihre Isolation vielleicht trotzig verteidigen. Sie würde wohl sagen, dass viele Menschen sie verletzt hätten und dass sie ein Recht auf anklagende Verweigerung habe. Die Frau wurde aber mit Gewissheit nicht mit einer ausgebildeten Beziehungslosigkeit geboren, denn Kinder können ohne Beziehung weder entstehen noch überleben. Aristoteles4 bezeichnete den Menschen als 'zoon politikon': als ein auf die Gesellschaft angelegtes Wesen. Friedrich I. Barbarossa5 wollte etwas genauer wissen, wie sich existenzielle Beziehung definiert. Als deutscher Kaiser hatte er die Macht, ein Experiment durchzuführen. Er ließ Neugeborene mit der notwendigen Nahrung und Temperatur versorgen. Jegliche Form von emotionaler Zuwendung war jedoch strengstens verboten. Die Kinder starben, weil die funktionale Versorgung des Körpers nicht ausreicht. Ohne Liebesbeziehung geht der Mensch ein.

Das Kleinkind im traditionellen Umfeld

Wächst das Kind im traditionell-familiären Umfeld auf, ist sein Beziehungsnetz relativ klein und konstant. Primäre Bezugspersonen sind vorerst Mutter, Vater, Geschwister und andere Familienmitglieder. Dazu kommen allmählich Kinder und Erwachsene aus dem Umfeld der Eltern. Sodann eigene Freunde. Erst nach drei bis fünf Jahren erfolgt der Sprung aus der Familie in den Kindergarten und damit die erste Vervielfachung des Beziehungsnetzes.

Wächst das Kind in einer intakten Familie auf, hat es in diesen wichtigen Jahren ausreichend Möglichkeit, Wurzeln zu schlagen, Vertrauen aufzubauen, Konflikt- und Beziehungsfähigkeit zu erlernen. Es findet seinen Platz in der kleinen Gesellschaft Familie. Es lernt Zärtlichkeit, Annahme, Spiel, Konsum, Grenzen, Schmerzen, Verzicht, Kreativität, Pflicht und die Anwendung von Fähigkeiten. Die Familie gibt ihm den Raum, Emotionen kennen zu lernen und mit schmerzlichen Enttäuschungen umzugehen. In hunderten, ja tausenden von kurzen und längeren Kontakten und Gesprächen wird das Weltbild des Kleinen geformt. Sein 'Ich' wird gefördert und begrenzt.

Jede weitere Stufe – Kindergarten, Schule, Ausbildung, Studium, Berufsleben – stellt die Beziehungsfähigkeit vor größere Herausforderungen. Bleibt das familiäre Fundament intakt, werden Söhne und Töchter noch über viele Jahre heimkommen, um Freuden und Enttäuschungen auszudrücken, Trost zu empfangen, Ratschläge einzuholen. Kinder und Jugendliche lernen so die Geheimnisse erfolgreicher Beziehungen: Geben und Nehmen, Anklagen und Vergeben, Nähe und Distanz, Frage und Antwort, Freude und Schmerz, Lust und Last, Angriff und Selbstbeschränkung, Freude und Pflicht.

Das Kleinkind im aktuell-postmodernen Umfeld

Aktuell steht die Familie nicht hoch im Kurs. Werdende Mütter suchen nach Krippenplätzen, um das Kleine drei Monate nach der Geburt außerfamiliär zu platzieren. Kaum auf der Welt, landet das Baby in einem Umfeld mit 10, 12, 15 Personen: andere Babys, Kleinkinder, Betreuungspersonal. Glücklich das Kleine, das eine gute Krippe mit kinderliebendem Personal erwischt! Mit Erzieherinnen, die wissen, wie Leben funktioniert. Frauen, die eine Engelsgeduld haben, den originalen, individuellen Lebensfunken der anvertrauten Kinder zu Tage zu fördern, weil sie selber Originale sind. Frauen, die selber starke Beziehungen leben und den Krippenkindern das entsprechende Know-how weitergeben. Frauen als Mutterersatz. Leider nur Frauen, denn Männer sind in Krippen und Horten und zunehmend auch in Schulen eine rare Spezies.

Abends erleben die Kleinen zuhause Mütter und/oder Väter, die viel von ihrer Kraft am Arbeitsplatz verbraucht haben und nun vor der Aufgabe stehen, zu kochen, zu waschen, zu putzen, aufzuräumen, die Kinder zu nähren und zu pflegen. Büroarbeiten erledigen. Telefonanrufe beantworten. Den Freundeskreis pflegen. Sport treiben. Das Weltbild des Kindes prägen. Seine praktischen Fähigkeiten fördern. Basteln, Geschichten erzählen, Probleme lösen, noch arbeiten, lesen, fernsehen. Möglichst früh zu Bett gehen, um am nächsten Tag den Stress wieder auszuhalten!

Dass in dieser überfrachteten Zeit das Urvertrauen des Kindes aufgebaut wird, ist sehr unwahrscheinlich. Entsprechend schwach wird die Beziehungskraft sein. Viele werden trotz dem regen Beziehungsgeflecht, das sie umgibt, isoliert aufwachsen. Sie vereinsamen früh in einem belebten Umfeld. Natürlich lernen sie, trotzdem zu funktionieren. Doch sie sind nicht beziehungsfähig. Freundschaften, Partnerschaften und Ehen sterben vielfach schon im Frühstadium. Ein Teil dieser Menschen mag es im beruflichen, kulturellen oder politischen Umfeld zu Höchstleistungen bringen. Dabei funktionieren sie jedoch bloß, verbitten sich Nähe, weil sie diese nicht aushalten würden.

Schwarz-weiß malen gilt nicht! Eine überzeichnete Idealisierung der traditionellen Familie ist nicht legitim. Es gibt viele Eltern, die es nicht schaffen, harmonische und starke Beziehungen in Ehe und Familie zu realisieren. Folglich gibt es auch Kinder, die in Familien aufwachsen und dennoch vereinsamen. Und es gibt, wie gesagt, auch gutes Krippenpersonal, das die Liebesdefizite von Kleinkindern ausbessert.

Wenn wir über gelingendes Leben im Rahmen glücklicher Beziehungen nachdenken, müssen wir dennoch die Frage beantworten: Welches System ist prädestiniert, ein stärkeres soziales Netz zu knüpfen? Die Familie oder die staatlich garantierte Betreuung und Erziehung in Krippen, Horten und Schulen? Ich zweifle nicht im Geringsten: Es ist die Familie. Wo sonst soll enge Liebesbeziehung erlernt werden?

Sukkurs gibt der Erfinder des Lebens. Gott schuf den Menschen in Partnerschaft als Mann und Frau. Dann gab der Schöpfer den Menschen die Möglichkeit zur Leibesfrucht und begründete damit die Familie. Später definierte die biblische Ethik, wie Leben im geistlichen, im sozialen und im ökonomischen Bereich erfolgreich sein kann. Die Familie erfuhr speziellen Schutz, da der Bund der Ehe mit wenigen Ausnahmen der Unauflöslichkeit unterstellt wurde. Kontinuität in der Familie sollte den Nachkommen einen Hort der Geborgenheit bieten, um das Leben in all seinen Belangen zu erlernen.

Die Mehrheit der Kulturen der Weltgeschichte hatte diesbezüglich keine Zweifel. Ihnen galt die Familie als konstituierende Primärzelle der Gesellschaft. Nur wir 'aufgeklärten' Westler sind der 68er-Predigt auf den Leim gegangen: «Nie mehr Kinder, Küche, Kirche!» Ohne das Ding zu Ende zu denken, folgen die Massen den Predigern der exzessiven Selbstverwirklichung. Sie schaudern beim Gedanken an einsam Verwesende in düsteren Appartements. Aber sie weigern sich, der Sache auf den Grund zu gehen und die Erkenntnisse für ihr eigenes Leben zu adaptieren. Schade! Sie könnten eine Gesetzmäßigkeit des sozialen Netzwerks entdecken. Wer Ego sät, wird Ego ernten. Wer Liebe sät, wird Liebe ernten.

Da der Mensch die Freiheit hat, sein Schicksal zu wählen, wird das isolierte Sterben einzelner Individuen nie ganz auszuschließen sein. Doch dürfen wir es nicht zulassen, dass der Egoismus als Leitwert der Gesellschaft bestehen bleibt. Wer das Geheimnis der Liebe entdeckt und realisiert hat, ist der Gesellschaft einen Dienst schuldig. Die sozialen Netzwerke sind wieder mit aller Entschiedenheit zu stärken. Retour au Dieu de l’amour! Retour à la famille!

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1 1856-1939
2 1904-1990
3 1916-2004
4 384-322 v.Chr.
5 1122-1190

Der Autor

Daniel Regli

Daniel Regli

CH-Zürich

lebt mit seiner Frau und seinen drei bald erwachsenen Kindern in Zürich, er ist promovierter Historiker und Buchautor

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