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Die IVCG

 
Ausgabe 04/07 

Fernweh - Heimweh

Immer wieder sind mir Menschen begegnet, die ein ausgeprägtes Heimatgefühl haben. Manche sind in einem Dorf oder einer kleinen Stadt aufgewachsen, wo sie jede Familie kennen, aber auch jeden Baum, jedes Haus, jeden freien Platz und jeden entlegenen Winkel. Sie fühlen sich so einer Gruppe von Menschen zugehörig, in der ihre eigenen, Jahrhunderte alten Wurzeln liegen, deren Mundart sie sprechen und deren Sitten und Gebräuche sie als Teil der eigenen Prägung verinnerlicht haben. Im weiteren Sinn umfasst dieses Heimatgefühl auch die enge Beziehung zur Landschaft, zur Sprache, zur Kultur und nicht zuletzt zu dem Volk, aus dem ein Mensch kommt. Ich muss bekennen, dass mir dieses Heimatgefühl einen Menschen sympathisch macht, wenn es bei ihm zu einer gereiften Identität und einem Lebensstil beiträgt, der von Stabilität und Sittlichkeit geprägt ist. «Weh dem, der keine Heimat hat» schrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche in diesem Zusammenhang.

Aber ebenso verbreitet wie die Heimatliebe ist auch das umgekehrte Gefühl, die Sehnsucht nach der Ferne. Irgendwann in seiner Entwicklung empfindet so mancher seine Heimat mit ihren Ordnungen als zu eng. Er möchte hinaus in die weite Welt. Er sehnt sich nach fernen Meeren und ihren jenseitigen Ufern. Er möchte fremde Menschen und Kulturen kennen lernen, ihre Berge besteigen und den Klängen ihrer Musik dort lauschen, wo sie zu Hause ist. Dazu gehört für viele der Wunsch, sich in der Ferne erfolgreich niederlassen, dort ihrem unerfüllten Tatendrang nachzugehen und so ihr Glück zu finden. Die Tatsache, dass Menschen dieses Fernweh empfanden, hat in der Weltgeschichte entscheidende schöpferische Kräfte mobilisiert. Große Völker und Kulturen wie die USA oder Brasilien wären sonst niemals entstanden.

Fernweh konnte also früher für den Einzelnen eine positive Herausforderung sein, die seinen Lebenslauf bereicherte. Oft haben ja gerade diejenigen den erfolgreichen Absprung in die Ferne geschafft, die mehr Tatkraft und Lebensenergie hatten als andere, ansonsten eher zögerliche Menschen, die vielleicht in die Ferne gezogen wären, aber die Initiative dazu nicht aufbrachten.

Dabei ist natürlich unübersehbar, dass nicht nur persönliches Fernweh die Menschen in fremde Länder und Erdteile getrieben hat, sondern mitunter auch religiöse Verfolgung, politische Schikanen oder wirtschaftliche Not. Furchtbar war das Schicksal derer, die ihre Heimat fluchtartig verlassen mussten, weil sie beim Einmarsch fremder Truppen in unmittelbarer Lebensgefahr waren oder weil sie mit brutaler Gewalt vertrieben wurden. Bei Millionen von Menschen hat solche «Heimatlosigkeit » tiefe Wunden geschlagen, die in manchen Fällen niemals verheilt sind.

All dies ist im Zeitalter der Globalisierung und des Massentourismus für Jüngere kaum noch verständlich, da doch heute eigentlich jeder ohne große Eigeninitiative mühelos nach Chicago, Bangkok oder Kapstadt reisen kann. Manche nehmen bei solchen Gruppenreisen am Reiseziel so wenig vom Geist des Landes auf, dass sie anschließend nicht einmal wirklich wissen, wo sie – geografisch und kulturgeschichtlich – eigentlich gewesen sind.
Aber ohne einen Sinn für die geistigkulturellen Besonderheiten jedes Landes einschließlich des eigenen verflacht der Mensch. Für ihn ist es dann im Grunde gleichgültig, wo er sich gerade aufhält, da es doch überall die gleichen McDonald-Restaurants gibt.

Wenn ein Mensch mit echten Heimatwurzeln in der Fremde lebt, dann stellt sich in aller Regel eines Tages ein brennendes Heimweh bei ihm ein. Besonders ergreifend und melancholisch wird dies in Portugal in den so genannten Fado-Gesängen geschildert, wie ich sie in Lissabon gehört habe. Die darin besungene, ergreifende Geschichte handelt meist von einem Portugiesen, den das Fernweh ins Ausland trieb. Dort aber, nachdem er Reichtum und Glück gefunden hatte, verzehrte ihn mehr und mehr das Heimweh. Er fasste den Entschluss, in die Heimat zurückzukehren, um den Rest seiner Jahre dort zu verbringen und eines Tages in portugiesischer Erde begraben zu werden. Doch verschob er wegen der Verlockungen des Auslands die Rückkehr immer wieder, bis ihn schließlich eines Tages die furchtbare Erkenntnis überfiel, dass sein Ende unmittelbar bevorstand, ein Ende ohne vorherige Heimkehr.

Mir scheint, dass Fernweh und Heimweh beide zu unserem Menschsein gehören, auch wenn wir sie aufgrund unserer persönlichen inneren und äußeren Lebensbedingungen unterschiedlich stark empfinden mögen. Vor allem bin ich überzeugt, dass sie letztlich nur zwei verschiedene Formen ein und derselben tiefen Sehnsucht sind: der Sehnsucht nach dem Ort, an den wir wirklich und endgültig gehören. Solange wir diesen Ort noch nicht gefunden haben, bleiben wir unruhig.

Wie schrieb doch der große Kirchenvater Augustinus? «Meine Seele war unruhig, bis sie endlich Ruhe fand in Gott.» Denn hinter unserer Unruhe, hinter dem Fernweh wie auch dem Heimweh, steckt letztlich die unerfüllte Sehnsucht nach Gott, der allein uns wirklich Heimat und Geborgenheit schenken kann. Ohne Gott spüren wir, dass uns das Entscheidende fehlt, sowohl zu Hause in der Heimat als auch in der entlegensten Ferne. Unserem Leben fehlt die sinngebende Mitte.

Großartig, dass diese Geborgenheit wirklich zu finden, hautnah zu erleben ist! Denn Jesus Christus kam, um die zerbrochene Verbindung zwischen Gott und uns wieder herzustellen. Wir brauchen ihn, und zwar so, dass wir die Irrfahrten unseres Lebens mit ihm betend besprechen und bei ihm Vergebung unserer Schuld erbitten. Dann entsteht bei uns in aller Tiefe eine neue Geborgenheit, ein neues Heimatbewusstsein. Dann werden, geistlich gesprochen, Fernweh und Heimweh zugleich überwunden.

Die Lösung liegt also nicht so zu sagen in der Rückkehr nach Portugal, sondern in der Umkehr zu Gott, unserem Vater. Diese gilt es so konkret zu erfahren, dass er uns jene innere Ruhe schenkt, nach der wir uns bisher vielleicht Jahrzehnte lang unbewusst gesehnt haben.

Der Autor

Bodo Volkmann

Prof. Dr. rer. nat. Bodo Volkmann

D-Möglingen

verheiratet mit Waltraut Volkmann, vier Töchter, sieben Enkelkinder,Emerit. Ordinarius für Mathematik der Universität Stuttgart

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