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Die IVCG

 
Ausgabe 03/07 

Christlicher Glaube und der geschichtliche Wandel

Was hat Glaube mit Geschichte zu tun? Um das Wichtigste zuerst zu nennen: Gott hat von jeher ständig in die Geschichte der Menschheit eingegriffen, speziell durch seinen Bund mit dem Volk Israel und die vielen historischen Ereignisse, die ihn begleiteten. Das gesamte Alte Testament berichtet davon. Der Kulminationspunkt im Handeln Gottes lag jedoch darin, dass er vor rund 2000 Jahren in der Gestalt des Jesus von Nazareth Mensch wurde und eine Zeit lang unter typisch menschlichen Begleitumständen auf unserem kleinen Planeten lebte.1 Dies geschah, «als die Zeit erfüllt»2, also die geschichtlich-politische Situation dafür reif war.

Jesus kam, um eine Brücke zwischen Gott und Menschheit zu bilden. Für die Schuld der gesamten Menschheit – nach heutigen Schätzungen also etwa 100 Milliarden Personen – starb er stellvertretend, als er von der römischen Justiz in Jerusalem gekreuzigt wurde. Dieser Tod war ein konkretes, heute genau datierbares Ereignis, ebenso die Tatsache, dass der so Hingerichtete wenige Tage später wieder zum Leben zurückkehrte und das Grab verließ. Im Neuen Testament finden sich zahlreiche Berichte über Begegnungen von Menschen mit Jesus Christus nach dieser Auferstehung. Man lese dazu insbesondere den zusammenfassenden Kommentar im 1. Korintherbrief, Kapitel 15. Dort findet sich auch die Bemerkung, dass ohne das konkrete Ereignis der Auferstehung unser Glaube gegenstandslos wäre (Satz 16). Auf den genannten historischen Tatsachen beruht also der Glaube der Christen.

Die Geschichte verlief dann so, dass bereits wenige Wochen später durch das bekannte Pfingstwunder in Jerusalem tausende von Menschen zum persönlichen Glauben kamen und so die erste christliche Gemeinde entstand. Dieser Glaube verbreitete sich in wenigen Jahrzehnten im Römischen Reich rings um das Mittelmeer herum. Er entfaltete in den kommenden Generationen eine Eigendynamik, die auch durch grausame Verfolgungen von Seiten der politischen Machthaber nicht mehr aufgehalten werden konnte. Dabei gehörte es zu den geschichtlichen Taten Gottes, dass er in der ersten Phase der Kirchengeschichte als dauerhafte, schriftliche Grundlage für den Glauben an Jesus Christus jene Sammlung von 27 Dokumenten entstehen ließ, die heute unter der Bezeichnung Neues Testament weltbekannt ist und in allen Kultursprachen vorliegt.

Noch im ersten Jahrtausend erreichte die Botschaft von Jesus Christus als dem Erlöser der Menschheit weite Teile Europas, und im zweiten Jahrtausend drang sie in alle Erdteile vor. Fast überall in der Welt gibt es heute Kirchen, Gemeinden, Hauskreise und einzelne von Jesus Christus erfüllte Persönlichkeiten. Kirchenmitglieder machen heute etwa ein Drittel der Erdbevölkerung aus.

Allerdings weist die Kirchengeschichte auch viele Schattenseiten auf. So kam es zu zahlreichen Spaltungen. Es entstanden Konfessionen, deren Mitglieder sich mitunter bitter bekämpften und umbrachten. Bei der Verbreitung des Glaubens wurde manchmal grausame Gewalt oder politische Unterdrückung angewendet – ganz im Widerspruch zum Neuen Testament, wo Jesus gewaltlose Nächstenund Feindesliebe gepredigt und betont hat, dass seine Gesellschaftsordnung keine politische ist.3 Stattdessen wurde im Lauf der Geschichte manchmal kirchliche Autorität mit politischer Macht verquickt – mit großem Schaden für die Sache des Glaubens. Auch der moralische Niedergang und die Verwilderung der Sitten hat im Mittelalter zeitweise auf höchste kirchliche Amtsträger übergegriffen – im Gegensatz zu den klaren ethischen Weisungen des Neuen Testaments.4

Historisch ist im Rahmen des Christentums eine große Vielfalt von Formen entstanden. Die Gottesdienste fanden mancherorts in prächtigen Kathedralen statt, die zu den bedeutendsten Bauwerken der Kulturgeschichte gehören, in anderen Erdteilen aber auch in kleinen, nur notdürftig umgebauten Ställen. In manchen Konfessionen entwickelten sich komplexe liturgisch- musikalische Kunstwerke, während in anderen Kreisen der Gottesdienst bewusst einfach und unliturgisch gefeiert wurde.

Die größte Schwierigkeit nach 2000 Jahren Kirchengeschichte besteht jedoch darin, dass der Zusammenhang zwischen Kirchenmitgliedschaft und persönlichem Glauben an vielen Stellen verloren ging. Millionen wuchsen in der Meinung auf, dass sie Christen seien, obwohl sie in ihrer Lebensführung völlig von Gott entfremdet sind, eventuell auch von ihrer Kirche.

Es mag sein, dass für den suchenden Menschen heute die erwähnte Vielfalt der Formen und Prägungen mitunter verwirrend ist. Mag sein, dass er die Bibel und ihren Hauptinhalt, nämlich die Nachricht von der persönlichen Erlösung und das neuartige Leben durch Jesus Christus, trotz nomineller Zugehörigkeit zum «Christentum» nicht wirklich kennt.

Dies ist der Grund, weshalb es heute noch wichtiger ist als früher, dass diese Botschaft unseren Mitbürgern dorthin gebracht wird, wo sie sich tatsächlich befinden – räumlich, sozial, geistig-kulturell und vor allem menschlich-persönlich. Jemand muss ihnen das unveränderliche Wort Gottes, wie die Bibel es bezeugt, in die veränderliche Sprache der jeweiligen Gegenwart übersetzen, in die heutige Kultur mit ihren jetzt gesellschaftlich akzeptierten Ausdrucksformen hinein.

Übrigens: Wer dies versteht, der versteht damit auch den Existenzgrund der IVCG. Sie entstand vor 50 Jahren aus dem brennenden Wunsch einiger Verantwortungsträger im Rechtsleben und in der Wirtschaft, ihren Kollegen und Bekannten auf diese Weise den Weg zu Jesus Christus zu zeigen, einzeln und gemeinsam. Dabei lässt sich heute dankbar feststellen, dass sich dieser Einsatz gelohnt hat. Und wenn wir immer klar unterscheiden, was an dieser Botschaft unwandelbar ist und was im Hinblick auf ihre Rahmenbedingungen und Formen den jeweiligen Zeitverhältnissen flexibel angepasst werden sollte, dann bin ich überzeugt, dass Gott in seiner Geschichte dieses Instrument auch weiterhin gebrauchen wird.

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1 Philipper, Kapitel 2, Satz 7
2 Galater, Kapitel 4, Satz 4
3 Johannes, Kapitel 18, Satz 36
4 Matthäus, Kapitel 6, Sätze 27-32

Der Autor

Bodo Volkmann

Prof. Dr. rer. nat. Bodo Volkmann

D-Möglingen

verheiratet mit Waltraut Volkmann, vier Töchter, sieben Enkelkinder Emerit. Ordinarius für Mathematik der Universität Stuttgart

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