

Berufliche und familiäre Herausforderungen werden immer umfangreicher und manchmal wissen wir nicht mehr, was wir zuerst anpacken sollen. Alles war gut geplant und wohl durchdacht, doch mit einem Schlag kann alles ganz anders aussehen. Ein unerwarteter Anruf, eine plötzliche Krankheit oder unerklärliche innere Müdigkeit, die förmlich lähmt.
Da tauchen diese Fragen auf: Wie kann ich zur inneren Ruhe finden? Was hält mich davon ab, was treibt mich an oder wer setzt mich unter Druck? Bin ich überhaupt in der Lage, meine Situation zu meistern?
Muss ich nicht gewisse Dinge bereits im Blick haben, während ich eine Aufgabe erledige? Das nächste oder übernächste Projekt will schon jetzt bedacht sein. Andererseits – ist die Zukunft nicht völlig ungewiss? Haben wir nicht schon zu oft erlebt, dass am Ende alles ganz anders kam? Oder lassen mich manchmal Dinge nicht los, die längst hinter mir liegen? Grübeleien, wie ich es hätte besser oder anders machen können, kreisen ständig durch meinen Kopf. Doch was nützen sie? Sie setzen mich unter Druck und halten mich davon ab, mit klarem Kopf zu überlegen, wie ich aus der jetzigen Situation etwas Sinnvolles machen kann.
Selten ist es uns bewusst, wie solche Gedanken uns davon abhalten, in der Gegenwart zu leben und den uns zur Verfügung stehenden Augenblick aktiv zu gestalten. Dabei können wir einzig und allein den jetzigen Augenblick, die Gegenwart, tatsächlich beeinflussen. Nichts anderes bedeutet Entschleunigung. Im Jetzt leben, wahrnehmen, was möglich ist, und es auch zu tun.
Wir Menschen bestehen aus Leib, Seele und Geist. Und während unser Geist meist mit dem beschäftigt ist, was in der Zukunft sein könnte, hängt die Seele gern der Vergangenheit nach.
Nur unser Körper lebt im Jetzt. Er ist unser Lehrmeister, die Gegenwart, so wie sie ist, über unsere Sinnesorgane wahrzunehmen.
Wollen wir also in der Gegenwart leben – entschleunigen – so brauchen wir nicht viel. Es ist etwas ganz Einfaches und Selbstverständliches. Jedes Kind lehrt es uns im selbstvergessenen, zweckfreien Spiel. Anscheinend haben wir das fast alle auf dem Weg ins Erwachsenwerden verlernt. Doch wenn wir es als Kinder konnten, kann es so schwer nicht sein. Wir können es für uns wieder aktivieren und trainieren. Wir werden wieder aufmerksam für das, was jetzt ist, und machen es uns somit wieder bewusst.
Nehmen Sie sich einmal Zeit für einen Spaziergang mit allen fünf Sinnen: Riechen Sie die frische Luft, wenn Sie hinausgehen! Saugen Sie mit jedem Atemzug noch mehr in sich auf! Vielleicht sagt Ihnen schon der Geruch, «woher der Wind weht». Betrachten oder entdecken Sie ein so genanntes Unkraut, das einfach am Wegesrand steht. Wie wundervoll ist es, wie viel Verschwendung trotz aller Ökonomie, um gerade an diesem Platz wachsen, blühen und Frucht tragen zu können. Spüren Sie mit Ihren Händen den Stein am Fußweg, seine Rundungen und Kanten, seine Sprödigkeit oder vielleicht ganz unerwartete Geschmeidigkeit. Sehen Sie den Baumstamm im Garten oder auf der Wiese! Sind Ihnen je die Furchen und Rillen, die Einschnitte aufgefallen? Tasten Sie sie in aller Ruhe mit den Fingerspitzen ab – einmalig!
Wie geht es Ihnen dabei? Haben Sie gemerkt – wir sind mitten in der Entschleunigung? Es benötigt keine großartigen Anstrengungen und Investitionen. Alles ist da; wir eilen nur allzu oft gedankenverloren vorbei.
Und dann die vielen Menschen, denen wir tagein, tagaus begegnen Schauen Sie sie an, jetzt in diesem Moment, wenn Sie miteinander im Gespräch sind. Nehmen Sie sie wahr, und Sie werden mehr und mehr lernen, zu sehen, was Ihr Gegenüber wirklich meint, wenn es etwas sagt. Hört er oder sie überhaupt zu? Ist zu ihm/ihr durchgedrungen, was Sie mit Worten zu verstehen geben wollten? Hat es einen Sinn, jetzt schon einen Geschäftsabschluss herbeizuführen? Das können Sie natürlich nicht, wenn Sie gedanklich schon beim nächsten Punkt der Tagesordnung sind. Vielleicht kennen Sie aus Kommunikationsschulungen schon den einen oder anderen Impuls zu dieser Einsicht.
Etwas Entscheidendes gehört allerdings noch dazu. Wie kommt es, dass ein Kind sich so selbstvergessen dem Spiel, einer interessanten Aufgabe oder einer Entdeckung am Wegesrand widmen kann, ohne an die nächste Mahlzeit zu denken? Ohne Grübeln über das zerbrochene Spielzeug, das es dem Vater in der Hoffnung gegeben hat, er werde es reparieren? Der Grund ist das Vertrauen. Die Gewissheit, die Eltern sind da, sie sorgen dafür, sie werden eine Lösung finden und sie haben das, was kommen wird, im Blick.
Leben in der Gegenwart braucht Vertrauen. Vertrauen, dass sowohl meine Zukunft als auch meine Vergangenheit in guten, wohlwollenden Händen liegt. Sonst kann ein «nur in der Gegenwart leben» schnell zur sorglosen Verantwortungslosigkeit ausarten. Für mich gehören Entschleunigung und Vertrauen auf ein tragbares Fundament untrennbar zusammen.
In einem sehr alten Buch, in dem viele Weisheiten für ein gelingendes Leben aufgeschrieben sind, habe ich sehr ähnlich lautende Empfehlungen gefunden: Als Jesus als Lehrer mit seinen Schülern im alten Palästina unterwegs war, empfahl er ihnen Folgendes: «Seht euch die Vögel unter dem Himmel an! Sie werden satt, ohne Sorgen, woher die Nahrung morgen kommen wird. Nehmt wahr, mit all euren Sinnen, wie wunderbar Gott, mein Vater, die kleinste Blume geschaffen hat! Haltet inne, lasst das Sorgen um den nächsten Tag! Ihr Menschen seid ihm doch so viel mehr wert als Pflanzen und Tiere. Lebt im Bewusstsein seiner liebevollen Gegenwart! Vertraut auf meinen Vater und er wird auch morgen für euch sorgen!»1 Dies wurde vor fast 2000 Jahren aufgeschrieben und ist doch so aktuell!
Entschleunigt zu leben, das ist für mich eine Vertrauensübung. Und es ist meine Entscheidung, immer wieder in diese Vertrauensbeziehung zurückzukehren, wenn im Alltagstrott die Gegenwart zu entgleiten scheint. Manchmal dauert es eine Weile, bis mir bewusst wird, dass ich mir zu viele Sorgen mache um etwas, das ich im Moment sowieso nicht beeinflussen kann. Oder wenn ich zu sehr über bereits getroffene Entscheidungen und ihre Folgen grüble. Wenn ich dann meinen Sinnen Gehör schenke und innehalte, vielleicht nur für wenige Minuten, und wieder wahrnehme, was jetzt ist, dann kann ich eine Willensentscheidung treffen, mich davon nicht mehr «leben» zu lassen.
Im Matthäusevangelium wird uns berichtet, dass Jesus selbst uns eingeladen hat, mit allen Sorgen und Lasten zu ihm zu kommen.2 Im Gespräch mit ihm bekommt alles seinen richtigen Stellenwert, die Vertrauensbeziehung trägt. Denn er wartet nur darauf, dass ich mich mit allem an ihn wende. Er hat eine Zukunft für mich. Das entlastet enorm und befähigt mich jetzt und heute, das mir Mögliche und für dieses Leben Nötige zu tun.
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1 Matthäus, Kapitel 6, Sätze 25-34
2 Matthäus, Kapitel 11, Sätze 28ff