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Die IVCG

 
Ausgabe 04/06 

Sehnsucht: Süchtiges Sehnen und sehnende Suche

 

Sehnsucht und Sehnen. Die Wortverwandtheit fällt auf und sie regt zu Assoziationen an.

Die «Sehne» ist ein fester Strang aus Bindegewebsfasern. Seine Aufgabe ist es, die Verbindung zwischen Muskeln und Knochen herzustellen, damit ein einwandfreier Bewegungsablauf möglich ist. Urvölker verwendeten zum Bespannen ihrer Jagdbögen Tiersehnen. Die erhöhte Spannung garantierte einen weiten Pfeilflug … Sehnsucht wird fast immer als ein gebündelter Komplex wahrgenommen.

Sehnsucht bedient sich vieler Facetten

Ich bin weder im medizinischen Bereich tätig, noch gehe ich auf die Jagd. Ich wähle ein anderes Bild.

Sehnsucht ist für mich wie der Auftritt einer «geheimnisvollen Lady», die es im Schauspiel des Alltags immer wieder neu versteht, in alle mögliche Rollen zu schlüpfen. Ihr Kleiderschrank wäre mit einem reichhaltigen Fundus zu vergleichen, woraus sie sich zu den unterschiedlichsten Akten in perfekter Weise kleiden und präsentieren kann: Wenn es um eine Liebesszene geht, mal elegant-exzellent oder auch mal aufdringlich bunt. Beim Drama würde sie sich eher kriegerisch und Respekt verschaffend zeigen. Denn «Lady Sehnsucht» weiß, wie sie zu verführen vermag; ihre Stimme und Gestik ihrer Handlung anpassend, das flüsternd Gesagte unterstreichend. An Bekanntheitsgrad fehlt es keineswegs; sie weiß sich auf internationalem Parkett zu bewegen.

Wer schon einige Lenze hinter sich hat, wird aus eigenen Erfahrungswerten zustimmend bekennen: Die Sehnsucht schleicht sich nicht nur ans Leben heran, sie findet immer Tore oder Ritzen, um ins Innerste des Menschen zu dringen. Sie lässt sich weder leicht zurückweisen noch abschieben.

Bei der Frage, wie Sehnsucht funktioniert und was sich dabei tatsächlich «abspielt», setze ich den Fokus zunächst beim menschlichen Minus an.

Ein kleines Mädchen wollte nicht am Ferienort bleiben. Sie vermisste ihre Eltern und Geschwister. Deshalb rollten die Tränen über die Wangen. Als sie gefragt wurde, wie und wo sie den Heimwehschmerz empfinde, kam die prompte Antwort: «Es zieht mir den Rücken hinauf, über die Schulter.»

Vordergründig kann der Nichtbetroffene die kindliche Antwort belächeln. Trotzdem: Das Kind hat ein elementares Minus erlebt. Der fremden Situation ausgeliefert empfindet es die Distanz zu dem, was es haben möchte, aber aus irgendwelchen Gründen nicht erlangen kann. Das löst zusätzlichen Schmerz aus. Wäre das Mädchen erwachsen, hätte es die Situation aus eigenem Antrieb und mit eigenen Mitteln ändern, die Befriedigung, den inneren Frieden suchen können.

Reife Menschen tragen in der Regel das Innenleben nicht zu rasch nach außen; Sehnsucht wird wie ein Geheimnis gehütet.

In der Rangordnung der Selbsteinschätzung finden wir im unteren Abschnitt der Skala das Gefühl des Unvermögens. Es kann durch das Vergleichen mit Mitmenschen ausgelöst werden.

Genährt wird die Stimmungslage im Minus auch durch reale Mängel. Dazu zählen Körperdefizite, Handlungsbehinderungen, finanzielle Engpässe, Unvermögen in intellektuellen, kommunikativen, materiellen oder ideellen Bereichen und anderes mehr.

Einem Detektiv gleich sucht der Mensch, angetrieben vom eigenen Minusgefühl, nach Mitteln und Wegen, wie er die vermutete oder tatsächliche Differenz ausgleichen kann. Die einen entscheiden sich für Genügsamkeit, weil sie sich sogar Verzicht erlauben können. In anderen keimt der Wunsch und das Streben nach mehr, und das ruft die Gabe der Selbstbehauptung in Aktion. Immer steht im Hintergrund die Frage nach Erfüllung und Befriedigung.

Und genau hier hat die Sehnsucht ihren Wohnsitz, ihren Nistplatz. Sie sorgt dafür, dass sich die Resignation nicht zu schnell ausbreitet. Und sie ist ebenfalls bekümmert, dass das Gefühl der Benachteiligung nicht in bittere Unzufriedenheit, in Neid, Hass oder Aggressivität umschlägt.

Als Kennerin der tiefsten Geheimnisse malt sie deshalb die ureigensten Wünsche und Bedürfnisse in bunten Farben vor Augen. Sie kurbelt den menschlichen Tatendrang an und animiert dazu, die philosophische Träumerei (endlich) in die sichtbare Realität umzusetzen. Das wiederum steigert angenehme Gefühle, und der Wunsch nach noch mehr und noch schneller bleibt heiß.

Eine Dynamik, wie wir sie tausendfach erleben: Junge Eltern warten voll nervöser Spannung auf das erste Lächeln ihres Stammhalters. Ein Jungverliebter läuft innerlich fast Amok, weil seine Angebetete (noch) keine Reaktion zeigt. Kribbelig wird die Entwicklung der Aktienkurse verfolgt

Wenn nur das Sehnen die Sucht nicht hätte

Wie bei allem Gegenständlichen: Es gehört zur Sehnsucht, dass sie auch eine gefährliche Seite hat. Wer nicht bewusst weltfremd oder einsiedlerisch lebt, weiß um die Möglichkeit, sich blenden zu lassen. Viele sind auf die so genannte schiefe Bahn geraten, haben über ihre Verhältnisse gelebt, weil sie einseitig dem «Sehnen» dienten und die «Suchtgefahr» unterschätzt oder nicht beachtet haben.

Es ist wichtig, exakt zu differenzieren. Sehnsucht wird als «inniges Verlangen » oder als «schmerzliches Verlangen » umschrieben. Also müssen wir uns mit aller Sorgfalt dem Objekt des Verlangens stellen: Wonach verlangt mich, was ist der Adressat meiner Sehnsucht?

In der Abgrenzung ist das Übernehmen persönlicher Verantwortung wesentlich. Denn nicht alles, was reizt, steht mir zu. Manche Tür kann ins Fiasko führen. Nicht jedes über Internet abrufbare Bild gehört vor meine Augen.

Wenn sich die Sehnsucht auf berechtigte Annehmlichkeiten richtet, dann ist sie eine förderliche Antreiberin. Wenn aber die leise Stimme der Moral und der zögerliche Rückruf der Ethik mir zu Ohren kommen, dann brauche ich Wachheit und innere Präsenz. Ich habe mich nicht nur den großartigen Zielsetzungen und Wünschen zu stellen, sondern auch den fragwürdigen Beweggründen. Die konkrete Gefahrenzone der Sehnsucht ist dort, wo so etwas wie «grüne Grenzen» sind. Welcher Schritt der verhängnisvolle ist, das lässt sich nicht immer im Voraus sagen.

Suchen kann rasch zur Sucht werden

Bereits das erste Paar ist in diesem Dilemma unterlegen. Der Weg führte über innere Unzufriedenheit zur Sehnsucht nach mehr. Im Vorwärtsrausch steigerten sie sich ins Unermessliche, in den Gottheitskomplex, ins «Seinwollen wie Gott». «Wenn ihr von dieser Frucht esst, dann werden eure Augen aufgetan und ihr werdet sein wie Gott.»1 Diesen Wahnsinns-Floh hatte der Feind ihnen ins Ohr gesetzt, möglicherweise zusätzlich gekleistert mit dem geflügelten Wort: «Probieren geht über studieren.»

Mit dem Griff nach der verbotenen Frucht haben die ersten zwei Menschen mit ihrem Verhalten fernab von allem Tolerierbaren unrühmlichste Geschichte geschrieben. Adam und Eva mussten sich eingestehen, dass sie in ihrem Größenwahn einen selbstzerstörerischen Akt begangen hatten.

Aber eben – es war zu spät. Der Reiz nach dem Verlockenden war stärker, der Drang nach dem Verbotenen hatte gesiegt; Grenzüberschreitung, die Ursünde überhaupt mit tragischen Konsequenzen. «Plötzlich gingen beiden die Augen auf, und ihnen wurde bewusst, dass sie nackt waren.»2 Mit einem Mal auf die eigene Blöße fixiert zu sein, ist ein erschreckendes Faktum.

Jahrhunderte sind seither vergangen. Die Früchte auf den unteren Ästen des Baumes sind in der Zwischenzeit gepflückt. Der moderne Mensch will nach den höheren greifen. Anstatt rechtzeitig Denkmomente für mögliche Folgeschäden und Konsequenzen zu planen, klettert mancher unbedacht auf gefährlich dünnem Geäst, immer im Getriebensein, verbotene Früchte zu ergattern. In Therapiegesprächen sind dann notvolle Bekenntnisse zu hören wie «Ich bin bloß…» «Ich habe nur…» Formulierungen als Ausdruck des eigenen Unvermögen.

Wir sind wohl noch nicht über das Adam-Syndrom hinweg. Hatte er nicht als (Not-) Lösungsansatz kunstvolle Bekleidung aus Blättern angefertigt getrieben von der eigenen Scham und dem Wunsch, die Blöße vor Angst zu bedecken?

Mit unseren Überdeckungskünsten sind wir zwar etwas weiter. Wir kaschieren gern mit Schminke. Selbst Diplome und Prestigeobjekte entpuppen sich bei genauerem Hinschauen als Überdeckungsmanöver.

Felle wachsen nicht an den Bäumen

Zum Glück, jawohl – zu unser aller Glück: Einem ist die Sache mit der schief gelaufenen Sehnsucht nicht und nie egal. Auch nicht unser Stress und nicht unsere Scham.

In der Abenddämmerung sucht Gott seine Leute. Er ruft sie buchstäblich hinter ihrem Busch hervor. Statt Adam mit Vorwürfen zu bombardieren, fragt er nach: «Wo bist du?»3 Gott ruft in die Eigenverantwortung, beschenkt sein Geschöpf mit einem Gewand aus Fell. So, dass sie ein Dreifaches verstehen können:

_ Ein neues Eingehüllt-Werden ist möglich.

_ Für die Gutmachung muss jemand sein Leben lassen.

_ Gott nimmt den Versöhnungsakt selbst in die Hand.

Als vollumfänglicher Versöhnungsakt hat Christus sein Leben für uns dahingegeben. Das ist Gottes Konzept, das persönlich anzunehmen ist. Sein Angebot für die, die irgendwo und irgendwann der Sehnsucht missbräuchlich gefolgt sind und nun unter den Folgen leiden. Der Gott der Bibel kennt das Verlangen der Menschenkinder.

Jesus hat seinerseits eine Sehnsucht formuliert: «Wie sehr habe ich mich danach gesehnt, mit euch das Passahmahl zu essen, bevor ich leiden muss. Ihr sollt wissen: Ich werde das Passahmahl erst wieder im Reich Gottes mit euch feiern. Dann hat sich erfüllt, wofür das Fest jetzt nur ein Zeichen ist.»4

Ob wir Gottes Sehnsucht nach uns mit einer Antwort quittieren, das ist unsere persönliche Sache. Von meiner Seite her kann ich dazu fröhlich ermutigen …

_______________

1 1. Mose, Kapitel 3, Satz 5
2 1. Mose, Kapitel 3, Satz 7
3 1. Mose, Kapitel 3, Satz 9
4 Lukas, Kapitel 22, Sätze 15+16

Der Autorin

Beatrix-Adelheid Böni

Beatrix-Adelheid Böni

CH-Bertschikon

individual-psychologische Beraterin mit eigener Praxis, Katechetin, Referatsdienste und Seminartätigkeit im säkularen und kirchlichen Bereich

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