

«Liebling, wann können wir heuer unser Wochenende machen?» Gleich darauf sitzen wir beide mit unseren Kalendern da und planen. Seit wir verheiratet sind, haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, uns einmal im Jahr ein Wellness-Wochenende in einer der besten Thermen des Landes zu gönnen.
Wir genießen dann das angenehm warme Wasser, die schöne Badelandschaft mit ausgedehnten Ruhezonen, den aufwändig ausgestatteten Saunabereich mit ständig erweiterten Angeboten. Da gibt es eine römische, finnische und eine Biosauna, eine Duftkammer hier und eine Kräuterkammer dort, Tepidarium und Infrarotkabine laden zur Entspannung ein, Musik und Licht werden beruhigend oder anregend eingesetzt, je nach Bedarf. Manchmal entspannt man sich bei einer Massage und am Abend genießt man dann ein ausgezeichnetes und reich ausgestattetes Buffet, das keine Gaumenfreuden zu kurz kommen lässt. Ein gemütliches Zimmer, das sich bisweilen als Suite entpuppt, und ein wunderschönes, geschmackvolles Ambiente im ganzen Hotelbereich runden den nahezu perfekten Gesamteindruck ab. Man hat das Gefühl, sich etwas Gutes zu tun und will auf jeden Fall wiederkommen.
Laut einer Umfrage einer österreichischen Tageszeitung ist es der zweithäufigste Wunsch der Österreicher, «sich etwas Gutes zu gönnen». Und das darf dann schon auch mal etwas mehr kosten, denn preisgünstig sind solch besondere Aufenthalte ja gerade nicht.
Woher kommt dieses enorme Bedürfnis nach Genuss und Entspannung? Wir leben in einer Zeit, in der das allgemeine Lebenstempo immer noch höher wird. Alles muss schnell und noch schneller gehen, die Beschleunigungsfalle schnappt laufend zu. Als Leistungsgesellschaft leistet der Einzelne in immer kürzerer Zeit immer mehr. Die einen wollen «in» und die anderen müssen ständig «on» sein, viele Dinge sollten gleichzeitig erledigt werden.
«Multitasking» ist der Begriff der Stunde, mindestens zwei Dinge müssen gleichzeitig erledigt werden. Auto fahren und Schulaufgaben machen mit dem Handy am Ohr, vielleicht (zur Entspannung?) noch eine Zigarette rauchen ... Kennen Sie auch solche Verkehrsteilnehmer mit scheinbar drei und mehr Händen? Durch das parallele Abarbeiten mehrerer Aufgaben wird letztendlich jedoch nur unsere Konzentrationsfähigkeit und somit unser Stresshaushalt belastet.
Wir leben in einer Welt der völligen Reizüberflutung, es fällt uns schwer, ruhig und konzentriert zu sein, da viel zu viele Informationen auf uns einstürmen. So finden sich in einer einzigen Tagesausgabe der «New York Times» mehr Informationen, als ein durchschnittlicher Mensch des 17. Jahrhunderts in seinem ganzen Leben verarbeiten musste. Doch während die Technik immer noch zulegen kann, ist die Grenze unserer menschlichen Effizienz längst erreicht; jeder hat eben nur eine bestimmte Menge an Zeit, Kraft und Belastungsfähigkeit zur Verfügung, auch wenn man das oft nicht wahrhaben will und über seine Grenzen hinausgeht. So stellt sich natürlich die Frage, wie man in einem Umfeld der laufenden Überforderung trotzdem überleben kann. Viele sehen den Ausgleich dafür in extremem Genuss und Konsum. Fast jeder möchte so viel wie nur möglich, und das am besten gleich!
Junge Menschen dürften im Grunde noch nicht so unter Termindruck leiden wie Erwachsene, doch sie machen sich diesen durch Unverbindlichkeit selbst. Früher wurde ein vierzehn Tage vorher ausgemachter Termin eingehalten, heute sind dazu mehrere Telefonate nötig, trotzdem wird u.U. noch in letzter Minute umdisponiert. Bei Jugendlichen und selbst Kindern ist als Folge der ständigen Reizüberflutung eine weitere Form der Überlastung zu bemerken. Als Lehrerin einer höheren Schule ist die mangelnde Aufmerksamkeitsfähigkeit meiner Schüler sozusagen «mein tägliches Brot». Trotz meiner Beantwortung einer Schülerfrage ist es «normal», dass dieselbe Frage gleich darauf noch zwei- bis dreimal gestellt wird. «Zuhören» ist zu einer seltenen Kunst geworden, sowohl im Deutsch-, als auch im Sportunterricht. Auch nur das einfachste Spiel oder eine simple Aufgabe zu erklären, erfordert eine Menge Geduld und Zeit. Selbst nur kurz aufzupassen und mitzudenken, scheint nur noch wenigen gegeben zu sein.
Wenn man miterlebt, wie sehr Computer, Fernsehen und Handys das Leben unserer Kinder steuern, verwundert einen diese mangelnde Aufmerksamkeitsbereitschaft im Grunde nicht. Hausaufgaben werden – wenn überhaupt – nur mit lautstarker Musikuntermalung gemacht, das «Rundum- die-Uhr-Fernsehen» ist für viele zur Selbstverständlichkeit geworden. Geht es wirklich ohne eigenen Fernseher im Zimmer, ohne ständiges Surfen im Internet und ohne laufende Handybenützung nicht mehr?
So manches Kind will durch diese ständige Berieselung auch Verlustängsten und Einsamkeitsgefühlen entkommen, die durch auseinanderbrechende Familien gegeben sein können. Andere kennen es eben nicht anders. Hier ist sicher auch die Verantwortung der Eltern gefragt!
Viele Kinder und Jugendliche haben (fast) alles; was sie meist nicht haben, ist Lust zu etwas. Vor allem, wenn dieses Etwas mit irgendeinem Aufwand verbunden ist. Sie zu motivieren, ist oft sehr schwierig. Dazu gehört auch Bewegung. Denn gerade diese würde beim Stressabbau helfen, der durch die ständige Reizüberflutung entsteht. Stresshormone sind extreme Energieräuber, die zu einer solchen Erschöpfung führen, dass man keine Kraft mehr für körperlichen Ausgleich zu haben meint.
Das erleben ja auch viele Erwachsene. Man möchte, aber der Antrieb fehlt. Der extreme Körperkult, der sich in unzähligen Fitnessstudios, Wellness- Behandlungen und Schönheitsoperationen widerspiegelt soll beruflichen und menschlichen Erfolg garantieren, setzt die Menschen jedoch erneut unter Druck. Unser Körper ist eine wunderbare Schöpfung Gottes, die als kostbar gesehen und geschätzt, aber nicht übertrieben werden soll.
Aus der ständigen Überbelastung ist erklärbar, wieso sich viele Menschen – wenn auch nur für kurze Zeit – gerne den unzähligen (mehr oder weniger kostenintensiven) Wellnessangeboten hingeben. Trotzdem weiß jeder, dass auch die tollsten Tage im luxuriösesten Hotel nicht von wirksamer Nachhaltigkeit (auch ein Schlagwort unserer Zeit) sind. Wie können wir also auch im Alltag einen Ausgleich zu den «Druckstellen» des Lebens finden?
Die Kunst des Regenerierens könnte in einer Balance zwischen Muss und Muße sein. «Entschleunigen » ist ein großes Bedürfnis, und Bücher zu diesem Thema führen die Bestsellerlisten an, zum Beispiel «Simplify your life» von Werner Küstenmacher. Es geht darum, unser Leben bewusster zu gestalten. Es geht um einen Rhythmus im Leben statt um Tempo. Lothar Seiwert spricht von der ausgewogenen Zeitbalance zwischen «Speed» (Tempo) und «Downsizing» (zur Ruhe kommen). Doch gerade das fällt vielen Menschen heute schwer. Das zeigt sich auch in Zeiten der Krankheit und besonders dann, wenn eine Verbesserung des Gesundheitszustandes nicht mehr eintritt. Gesundheit wird ja immer wieder als höchstes Gut genannt, warum dann so wenig dafür getan wird, scheint unverständlich.
Müssen wir unseren Lebensstil verändern und wenn ja, wie? Als entschiedene Christin bin ich davon überzeugt, dass Gott die Antworten auf unsere Nöte hat. Vielleicht nicht immer gleich oder so, wie wir uns das vorstellen, aber aus Erfahrung weiß ich mittlerweile, dass seine Lösungen immer die besten sind.
Eine Stelle in der Bibel zeigt besonders gut, wie Gott mit einem Menschen umgeht, der in einer «Burn-out- Situation» steckt. Die Geschichte steht im Alten Testament1 und wurde von Dietmar Pfennighaus aufgearbeitet: «Schick den Stress in die Wüste! Ein biblisches Entspannungsprogramm.» Wie ist die Ausgangssituation? Elia, ein Prophet Gottes, hat Großartiges geleistet. Danach ist er erschöpft, depressiv, ausgebrannt. Er hat Angst, flieht und wünscht sich den Tod. Er bittet Gott, ihn sterben zu lassen und schläft ein. Aber ein Engel kommt, weckt ihn und bringt ihm zu essen und zu trinken. Wieder sinkt Elia in tiefen Schlaf und erneut weckt ihn der Engel mit dem Auftrag, sich körperlich zu stärken, da er einen weiten Weg vor sich habe. Vierzig Tage und Nächte ist er schließlich unterwegs, bis er zum Berg Gottes, dem Horeb, kommt. Und Gott begegnet ihm.
Auch in scheinbar aussichtslosen Situationen geht es mit Gottes Hilfe weiter. Ein Leben ohne Krisen gibt es nicht. Krise bedeutet «Wendepunkt» und kann zu einer unverzichtbaren Wachstumschance unseres Lebens werden. Gott kümmerte sich bei Elia zuerst um das leibliche Wohl. Dazu passt ein Ausspruch von Teresa von Avila: «Tue deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.»
Wir müssen also unsere körperlichen Bedürfnisse immer mitberücksichtigen. Elias körperliches Aufbauprogramm beruht auf den drei Säulen eines ausgewogenen Lebens: Nahrung, Ruhe und Bewegung sind die Grundbausteine für unser Wohlbefinden. Jeder braucht Rückzugsnischen; Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Und so wie Gott Elia begegnet, will er auch uns begegnen. Dabei ist etwas sehr interessant. Gott ist nicht im gewaltigen Sturm, der losbricht, nicht im darauf folgenden Erdbeben und auch nicht im Feuer. Gott ist in dem ganz leisen Hauch, den Elia zuletzt wahrnimmt. Können wir Stille überhaupt aushalten, um Gottes Reden hören zu können?
Auch dabei will Gott uns helfen. Er hat uns mit der Wocheneinteilung einen festen Rhythmus gegeben, und darin soll ein Tag der Ruhe dienen. Wie sieht dieser «Ruhetag» in unserem Leben aus?
Auch die Bedeutung eines erholsamen Schlafes darf nicht unterschätzt werden. Darin haben viele große Defizite. Oft sind wir total erschöpft und können doch nicht schlafen. Jeder hat seinen persönlichen «Bremsweg» in die Nacht nach einem «Hochgeschwindigkeitstag ». Ihn zu berücksichtigen, kann sehr hilfreich sein.
Wie können wir uns belastende Dinge bewusst ablegen? Die Bibel gibt uns eine Anregung: «Macht euch keine Sorgen, sondern wendet euch in jeder Lage an Gott und bringt eure Bitten vor ihn. Tut es mit Dank für das Gute, das er euch schon erwiesen hat.»2
Bei Gott sind unsere Sorgen und Bitten gut aufgehoben. Und Dankbarkeit ist eine große Unterstützung im Lebensalltag. Wie wir uns zu den Dingen des Lebens stellen, beeinflusst unsere Zufriedenheit. Immer auf das zu schauen, was ich nicht habe, kann mich sehr unter Druck setzen. Dankbar zu sein für das, was ich habe, kann mich dagegen sehr bereichern.
Sehr deutlich habe ich das an mir selbst gesehen. Knapp vor unserer Hochzeit habe ich die Diagnose «Multiple Sklerose» bekommen. Zunächst ein Schock, Angst vor dem, was alles passieren könnte. Mittlerweile habe ich gut damit zu leben gelernt. Ich schaue auf das, was ich kann. Dass mich, die ehemalige Leistungssportlerin, die Müdigkeit nun oft einholt, ist für mich mittlerweile eben «einfach so». Ich bin froh, dass ich noch so vieles tun kann, nur eben langsamer.
Wie ich mich zu den Dingen stelle, wie und was ich denke, hat einen großen Einfluss auf meine Lebensqualität.
Die Bibel sagt, dass wir mehr als auf alles andere auf unsere Gedanken achten sollen, da sie es sind, die unser Leben bestimmen.3Wir sollen darüber nachdenken, was gut ist und Lob verdient, was wahr, gerecht und liebenswert ist.4 Ein solches Denken würde unser Leben enorm «entstressen».
Wellness, sich wirklich ganzheitlich wohl fühlen, ist meiner Ansicht nach nur in der Verbindung mit Gott, mit Jesus Christus möglich. Und obwohl Gott sich, weil er uns liebt, wie ein Vater nach einer persönlichen Beziehung mit uns sehnt, hat er uns doch so geschaffen, dass wir auch ohne ihn «funktionieren» können. Denn eine Liebesbeziehung ist nur dort möglich, wo auch die Freiheit eines Neins gegeben ist. Wer Gott nicht kennt, sucht immer nach etwas, ohne zu wissen, was es ist. In Wirklichkeit ist es eine Form von Liebe, Frieden und Freude, die nur unser himmlischer Vater selbst uns geben kann. Solange wir das nicht erlebt haben, versuchen wir vergeblich, dieses Loch zu füllen: mit Geld, Macht, Arbeit, Körperkult und Süchten jeder Art.
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1 1. Könige, Kapitel 19
2 Philipper, Kapitel 4, Satz 6
3 Sprüche, Kapitel 4, Satz 23
4 Philipper, Kapitel 4, Satz 8