

«Ich möchte unter diesen Umständen nicht mehr funktionieren müssen. Das hat doch alles keinen Sinn!» Solche und ähnliche Aussagen bekomme ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit zu hören. Immer öfter wird in unserer schnelllebigen Zeit die Frage nach dem Sinn der täglich erlebten Situationen gestellt. Während allgemein die Jahresarbeitszeit kürzer wird, scheint im Management das Gegenteil der Fall zu sein. Immer größer wird der Druck und damit verbunden immer länger die Zeit, die im Beruf verbracht wird. Wen wundert es da, dass die Frage nach dem Sinn irgendwann in den Mittelpunkt rückt und einer grundsätzlichen Antwort bedarf?
Der Philosoph Martin Heidegger stellt in seinem berühmten Werk «Sein und Zeit» fest, dass «das Sein des Menschen ein Sein zum Tode ist». Die in dieser Aussage festgestellte Begrenzung des Menschen in seinem irdischen Dasein ist letztlich der Ausgangspunkt für die grundsätzlichen Fragen: Woher komme ich? Was tue ich hier? Wohin gehe ich? Diese Fragen begleiten uns (mehr oder weniger bewusst) und bedürfen einer Antwort, wenn das Leben gelingen soll. Vor dem Hintergrund der zeitlichen Begrenzung versteht man auch die Dringlichkeit dieser Fragen, gerade auch im Beruf: Wenn ich schon einen wesentlichen Teil meiner Wachzeit arbeitend verbringe, dann möchte ich doch wenigstens eine sinnvolle Tätigkeit verrichten! Ein durchaus legitimer Anspruch, der allerdings voraussetzt, zu beantworten, was denn «sinnvolles Leben» ist.
Grundsätzlich empfindet der Mensch sein Handeln und Tun dann als sinnvoll, wenn es im Rahmen von Wertesystemen abläuft – wertvoll oder, anders formuliert, sinnbehaftet soll es sein. Derartige Wertesysteme funktionieren wie Leuchtfeuer. So wie sich ein Schiff in der Nacht an den Leuchtfeuern orientiert, bekommt das Leben durch Wertesysteme Orientierung; Traditionen und Religionen dienen beispielsweise als solche. Wir haben uns eine schwierige Ausgangslage geschaffen: Während der letzten Jahrzehnte ist es uns gelungen, die als Leuchtfeuer fungierenden Wertesysteme sehr effizient auszulöschen. Ein «Werteverfall» hat uns als ganze westliche Gesellschaft (und nicht nur diese) erfasst und prägt uns nun.
Viktor Frankl, der berühmte Wiener Psychotherapeut, beschreibt den Menschen «als ein Wesen auf der Suche nach Sinn». Albert Einstein formuliert denselben Sachverhalt noch drastischer: «Ein Mensch, der sein eigenes Leben als sinnlos empfindet, der ist nicht nur unglücklich, sondern auch kaum lebensfähig.» Es ist für den Menschen also von fundamentaler Bedeutung, die Sinnfrage für sein Leben zu beantworten. Wenn ein Mensch durch den Mangel an Wertesystemen außerhalb von sich keinen Sinn finden kann, muss er diesen in sich, in der so genannten Selbstverwirklichung suchen. Er macht sich seine Werte im weitesten Sinn selbst. Er hat dann mehr Freiheit, ist nicht mehr durch Regeln eingeengt. Aber diese Freiheit führt in ein anderes Dilemma, denn: Befreiung wird nur dann als Freiheit empfunden, wenn der Befreite weiß, was er mit der neuen Freiheit erreichen will.
Es ist eine allgemein gültige Erkenntnis, dass Tätigkeiten, die als sinnvoll erkannt werden, mit Begeisterung und gegen vielerlei Widerstände ausgeführt werden. Persönlichkeiten wie Martin Luther King, Alexander Solschenizyn oder auch Thomas Alva Edison waren vom Sinn ihres Handelns dermaßen erfüllt, dass es ihnen gelungen ist, gegen geradezu unvorstellbare Widerstände zu bestehen. Walter Böckmann1, ein bekannter deutscher Arbeitspsychologe, hat dieses Verhalten auf die einfache Formel reduziert: Motivation = Sinn x Möglichkeiten.
Nach Fredmund Malik2, dem Leiter des Management Zentrums St. Gallen, gehört Sinnvermittlung zu den wichtigsten Aufgaben einer Führungskraft und ist sie die wesentlichste Motivationsquelle. Dies natürlich unter der Voraussetzung, dass die Führungskraft authentisch handelt, sprich: die gleichen Maßstäbe an sich selbst anlegt. Solche Führungskräfte dürfen erwarten, dass Tätigkeiten mit Begeisterung ausgeführt werden.
In meinem Beruf werde ich immer wieder mit diesem Sachverhalt konfrontiert. Die größte Demotivation liegt darin, nicht zu erkennen, welchen Sinn eine Arbeit hat. Oder wie es ein Kollege – monatelang arbeitete er an einem Projekt, dessen Ziel und Inhalt nie wirklich klar war – formuliert hat: «Das Schlimmste war, dass mir für die Aufgabe kein Grund genannt wurde. So war es eine vollkommen sinnlose Tätigkeit.»
An dieser Stelle ist ein weiteres Problem zu erörtern, das Problem der Maßstäbe. In unserer multikulturellen Welt, in der die wirtschaftliche Verflechtung in eine Vielzahl von unterschiedlichen Kulturkreisen eingreift, muss sich der Einzelne mit vielen verschiedenen Wertesystemen und ihren zugehörigen Maßstäben auseinandersetzen. Der grundsätzliche Sinn einer Tätigkeit muss also aufgrund der vielen unterschiedlichen Maßstäbe (an denen der Sinn festgemacht wird) unterschiedlich beurteilt werden. Die Frage ist nur, nach welchen. Ist es z.B. sinnvoller, ökosoziale Wirtschaft zu betreiben, oder reden wir dem bedingungslosen Diktat des Kapitals das Wort? Für beide Haltungen gibt es gute Argumente. Anders formuliert: Es ist für die Vermittlung von Sinn im Beruf nicht ausreichend, die Sinnigkeit einer Aufgabe, einer Strategie etc. ausschließlich innerhalb ihres eigenen Rahmens festzumachen; dies muss vielmehr in ein großes Ganzes eingebunden werden. Die bedingungslose Gewinnmaximierung um jeden Preis als sinnvolle Maxime zu betrachten, ist eine isolierte Sicht ohne Berücksichtigung von übergeordneten Wertesystemen.
Zu Recht erhebt sich die Frage, wie eine Führungskraft in einem derart komplexen Umfeld die richtigen Entscheidungen treffen kann. Ich meine, die Frage, was letztlich sinnvoll ist oder als sinnvoll erkannt wird, ist aus der Sicht und Begrenztheit des Menschen nicht zu beantworten. Lassen Sie mich dies mit einem kleinen Beispiel illustrieren: Stellen Sie sich vor, zwei Fische in einem kleinen Aquarium bekommen die Frage gestellt: «Was ist Trockenheit?» Diese Fische würden trefflich philosophieren, aber mangels der Erkenntnis, was Trockenheit ist, letztlich keine befriedigende Antwort finden. Eine solche muss von außerhalb ihres Systems kommen. Es verhält sich daher so, dass uns die täglich zu entscheidenden Fragen immer wieder auf die Grundfrage nach dem Sinn im Leben zurückführen, denn die Antworten auf die täglichen Fragen des Lebens orientieren sich an den Antworten auf die grundsätzlichen Fragen.
Wenn wir unsere Entscheidungen nicht von Wertehaltungen abhängig machen wollen, die von Vordenkern, Modeströmungen oder Zeitgeist definiert werden, sondern grundsätzliche Maßstäbe zur Orientierung suchen, dann müssen diese Maßstäbe von einer übergeordneten Ebene kommen.
In diesem Zusammenhang ist die Auseinandersetzung mit der Bibel für mich aus mehreren Gründen sehr wichtig geworden. Zunächst haben wir zuvor die Notwendigkeit einer übergeordneten Ebene festgehalten, um für die Sinnfindung an grundsätzliche Maßstäbe zu gelangen. Die Bibel erfüllt genau diesen Anspruch, die Beantwortung der Sinnfrage auf einer höheren Ebene, als sie dem Menschen zugänglich ist. Jesus Christus als Mensch gewordener Sohn Gottes kommt in diese Welt, um genau dieses zu tun: dem Menschen den Sinn des Lebens auf der ganz grundsätzlichen Ebene zu vermitteln. Die kürzeste Fassung würde etwa so lauten: Es ist die Aufgabe des Menschen, eine Beziehung zu Gott zu erleben (d.h. ihn kennen zu lernen und zu lieben). Es ist weiter die Aufgabe des Menschen, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst.3
Allein mit diesen beiden Aussagen bietet die Bibel eine umfassende Beantwortung der Sinnfrage und geht weit über die Aussagen von z.B. Viktor Frankl oder Walter Böckmann hinaus.
Es war höchst interessant für mich, festzustellen, dass die mit den gerade festgehaltenen Kernaussagen verknüpften Handlungsmaximen und Anleitungen nicht für den Sonntag, sondern für engagierte Menschen in jeder Rolle und Position und für jeden Tag der Woche geschrieben sind. Die Konkreta der Aussagen brauchen einen Vergleich mit moderner Managementliteratur nicht zu scheuen. Vielmehr haben scheinbar neue Erkenntnisse zum Thema Management im Allgemeinen und Sinnfindung im Speziellen ihren Ursprung in der Bibel.
Die Bibel bleibt an dieser Stelle aber nicht stehen, sondern nimmt für sich selbst in Anspruch, die in ihr gemachten Aussagen noch in diesem Leben zu verifizieren. Der sich in der Bibel beschreibende Gott sagt: «Ich bin heute genau so existent und real wie eh und je und habe Antworten für das Leben – auf einer individuell persönlichen Basis.» Ich meine, es lohnt sich der Versuch, diese Aussagen zu überprüfen, kann man dabei doch nichts verlieren, aber sehr viel gewinnen: den Gott kennen zu lernen, der den Sinn des Daseins beschreibt. Natürlich ist der Beweis in letzter Konsequenz nicht mathematisch zu erbringen, aber als suchender und Fragen stellender Mensch habe ich vielfach Erfahrung mit dem Eingreifen Gottes in mein Leben gemacht.
Zusammenfassend darf man sagen: Führungskräfte, die sich der grundsätzlichen Antworten des Lebens aus biblischer Sicht bewusst sind, können anders führen: Da ihre Werte, Prinzipien und Maßstäbe von grundsätzlicher Natur sind und somit nicht von aktuellen Strömungen abhängen, können diese Führungskräfte ihre beruflichen Entscheidungen auf einer stabilen Basis fällen, die in ein «großes Ganzes » eingebettet sind. Allein vor diesem Hintergrund sollte es für engagierte Führungskräfte lohnend sein, sich dem Thema Sinnvermittlung in einem biblischen Kontext zu nähern.
Wenn wir in einer von Gott geschaffenen Welt die Rechnung letztlich ohne ihn machen, dann können uns unsere Entscheidungen, unser Leben auf Dauer nicht an das endgültige Ziel bringen. Oder, in Anlehnung an die Bibel4 formuliert «Was hätte ein Mensch davon, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber darüber vergisst, eine Beziehung zu seinem Schöpfer aufzubauen?»
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1 Siehe dazu sein Buch «Wer Leistung fordert, muss Sinn bieten», dem der Titel dieses Artikels entlehnt wurde. Leider ist das Buch vergriffen.
2 Fredmund Malik, «Motivation durch Sinn», 3/97
3 Matthäus, Kapitel 22, Sätze 36-40
4 Matthäus, Kapitel 16, Satz 26