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Die IVCG

 
Ausgabe 06/05 

Krise als Chance

 

Wenn man mitten in einer Krise steckt, will man sie nicht. Im Rückblick gibt es aber Krisen, die man nicht missen möchte, weil sie einem eine neue Welt erschlossen haben. Für mich waren die Bauarbeiten an der Burg eine echte Krise, nämlich im Glauben und ohne Geld zu bauen – eine praktische Übung im Vertrauen zu Gott.

Niemand wünscht sich eine Krise, und möglichst lange verdrängt und überspielt man die Tatsache, dass man sich in einer Krise befindet. Krisenzeiten hinterfragen mich auch als Person; so hinterfragt mich z.B. eine Ehekrise als Ehepartner. Seit dem 11. September 2001 erleben wir eine Krise, welche die ganze Menschheitsgeschichte betrifft. Wir nehmen die Krise wahr, kennen aber ihren Ausgang noch nicht.

Jede Krise hat zwei mögliche Ausgänge: die Lösung/Rettung oder den Untergang. Diese Spannbreite lässt sich auf jedes Gebiet anwenden.

Krise erzeugt immer Spannung

Wir brauchen Spannungsbereitschaft, d.h. wir sollen nicht etwas managen wollen, was wir im Moment nicht lösen können – und auch keine Kurzschlusshandlungen vollziehen.

Wir müssen eine Krise «durch-leben », d.h. aushalten, was uns gerade beschäftigt. Und nicht durch unser Harmoniebedürfnis einer Friedfertigkeit Raum geben, die der Krise nicht gut tut. Es gibt Krisen, die sind nicht abzukürzen. So zeigt die Bibel z.B., dass Davids Krise nach seiner Berufung zum König die Zubereitungszeit für sein Amt als König war.

In der heutigen «Sofort-Befriedigungs- Gesellschaft» können Krisen oft nicht durchlebt werden. Deshalb zerbrechen auch so viele Beziehungen.

Krise braucht Kraft

Wir brauchen Durchhaltekraft, die Spannung auszuhalten, und Kraft, die Krise in ihrer ganzen Wirklichkeit anzusehen.

Krise entfaltet Persönlichkeiten

Gott mutet uns Krisen zu, denen wir uns stellen müssen, weil damit unsere Persönlichkeit entfaltet wird. Er setzt alles daran, dass wir entfaltete Persönlichkeiten werden und nicht eingeengte Gesichtsfelder haben. Der Glaube soll uns Kraft und Mut geben, Dinge in ihrer ganzen Wirklichkeit wahrzunehmen.

Ich erlebte eine persönliche Glaubenskrise, als ich erkannte, dass Gott mir zutraute, kurz nachdem ich Witwe wurde, den Umbau der Burg zu übernehmen. Wenn ich heute zurückblicke, dann muss ich wie Hiob sagen: ‚Herr, ich kannte dich nur vom Hörensagen, jetzt aber habe ich dich mit eigenen Augen gesehen!’1 Jetzt weiß ich, dass Gott Liebe ist, auch wenn der Ausgang der Krise nicht meinem Wunsch entspricht. Krise als Chance

Die Krise kann uns in einen neuen, nie geahnten Erfahrungsbereich führen, gerade in Situationen, die nicht so verlaufen, wie wir sie uns wünschen und wie wir mit ihnen gesellschaftsfähig wären. Ein Kind, das man liebevoll erzogen hat und das nun Schwierigkeiten bereitet, ist eine starke Hinterfragung. Aber es kann sein, dass die eigene Persönlichkeit dadurch zu einem Stehvermögen entfaltet wird, wie es nie zuvor da war. Krise hat in ihrer Macht, einen zu überrollen, auch eine Peinlichkeit: Zuzugeben, ich werde mit etwas nicht fertig; es gibt da eine Situation, mit der ich nicht mehr fertig werde. Ich habe meine Souveränität verloren; ich bin unterlegen.

Daraus resultieren verschiedene Verhaltensmuster:

 

  • Der introvertierte Mensch steht in der Gefahr, sich zu isolieren. Vielleicht besteht der Gedanke: «Wenn das jemand wüsste, wie es mir wirklich geht ...»

  • Impulsivere Menschen probieren es mit vielem Reden. Unqualifiziertes Reden, um Menschen um sich zu sammeln, die ihnen sagen, dass sie schon gut sind und auf jeden Fall die «anderen» Schuld sind. Aber so lange wir in der Schuldzuweisung leben, ändert sich gar nichts bei uns; es wird alles nur schlimmer.

Was wir in der Krise brauchen, ist ein qualifiziertes Gespräch. In unserer Ehekrise habe ich es zuerst einmal mit Gott probiert. Das kann bereits Klarheit geben, um die Krise zu managen. Vielleicht ist aber auch ein konstruktives Gespräch mit einem Menschen des Vertrauens notwendig, wo man sich öffnen kann in der ganzen Wirklichkeit. Jemand, der es verträgt und aushalten kann, dass man die attraktive Maske fallen lässt. Wenn die Krise als Chance erlebt werden soll, dann hat das seinen Preis. Ich muss lernen, meine Maske abzunehmen und mir selbst und anderen mitzuteilen, wer ich wirklich bin. Für den einen bedeutet das ein qualifiziertes Gespräch, um aus der Isolation herauszufinden, für den anderen das Verzichten auf die vielen Gespräche mit der Bereitschaft, eine einzige Gesprächssituation zu finden und bei dieser zu bleiben.

Seit ich meine Krisen mit qualifizierten Gesprächspartnern durchgestanden und durchgelebt habe, merke ich, dass ich ohne dieses Gespräch gar nicht mehr sein will und kann. Für mein Leben ist es ungemein wichtig, einen geistlichen Begleiter zu haben. Seel-Sorge nennt das die Kirche – einen Menschen, der sich mit mir um meine Seele sorgt. Denn um die geht’s zutiefst in der Krise.

Ich habe gebetet, dass Gott mir einen Menschen zeigt. Das hat eine ganze Weile gedauert, aber dieser Mensch war dann für mich wirklich erste Qualität. Ein Gegenüber, bei dem ich mich entspannen kann und nicht mehr den Kopf hoch halten muss, ist einfach eine ungeheure Chance, die ich wahrscheinlich in einer Krise das erste Mal fundamental kennen lernte.

Diese Entfaltung meiner Gefühlswirklichkeit hilft mir auch zu lernen, zu sein, wie ich bin – ohne Schuldgefühle. Ich kann lernen, mich wahrzunehmen, mich selbst neu kennen zu lernen und anzunehmen, wie ich wirklich bin.

«Liebe deinen Mitmenschen, so wie du dich selber liebst!»2 Das fängt meist da an, wo ich mich selbst wahrnehme und dann die Freiheit bekomme, dem Mitmenschen Schwächen zuzugestehen, ohne ihn fallen zu lassen oder unter Druck zu bringen.

Um eine Krise zu bewältigen, braucht es:

 

  1. den Mut, sie anzuschauen

  2. Spannungsbereitschaft

  3. Bereitschaft, diese Situation und jeden Ausgang dieser Krise anzunehmen (Entmachtung der Krise) und Frieden zu finden, indem ich alles in Gottes Hände lege

  4. Bereitschaft zu ändern, was in meiner Kraft steht

In jeder Krise ist ein Goldstück verborgen

Krisen sind Wege, die Gott uns führt, weil er uns an sein Vaterherz ziehen will. Weil er uns eine neue, eine vertiefte Vaterliebe zeigen will. Krisen haben von Gott her immer eine liebende Bedeutung und sehen einen Lebensreichtum für uns vor, den es einfach nicht billiger gibt. Gott ließ z.B. Daniel in die Löwengrube gehen, aber er blieb unverletzt, denn er hat seinem Gott vertraut. Im Unglück unverletzt zu bleiben in unserer Gottesbeziehung, ist wohl die höchste Verehrung Gottes. In Krisen erlangen wir existenzielle Gotteserfahrung. In jeder Krise ist ein Goldstück verborgen, wir müssen es nur finden.

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1 Hiob, Kapitel 42, Satz 5
2 Matthäus, Kapitel 22, Satz 39

Die Autorin

Freifrau Elisabeth von Bibra

Freifrau Elisabeth von Bibra

D-Bibra

 

lebt seit 1995 in der Burg Bibra in Thüringen. Als frisch verwitwete Frau übernahm sie die fünfjährigen Renovationsarbeiten, so dass heute auf Burg Bibra Seminare
in kleinem Rahmen stattfinden können. Freifrau von Bibra hat sechs Kinder, fünf
Schwiegerkinder und 22 Enkel

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