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Die IVCG

 
Ausgabe 05/05 

Was ist Bildung?

 

Das deutsche Wort «bilden» bedeutet: einer Materie oder einem Ding eine Form geben. Man kann Tonfiguren bilden, einen Satz bilden, einen Kreis bilden usw. Bildung ist ein Prozess, durch den etwas Gestalt annimmt. Auf den Menschen bezogen, sagt das Wort «Bildung» nichts darüber aus, ob der Mensch sich selbst bildet oder ob er vor allem durch Einflüsse von außen gebildet wird. Dass er Bildung braucht, um überleben zu können, scheint unbestritten zu sein. Doch der Mensch ist ein widersprüchliches Wesen: Einerseits ist er wie keine andere Kreatur auf Formung angelegt, er ist beeinflussbar und veränderbar, sogar gegen seinen Willen. Anderseits kann er in geradezu penetranter Beharrlichkeit am Alten festhalten. Er bleibt der, der er immer schon war: unbelehrbar, an seine Gewohnheiten gekettet, auf die Bahnen festgelegt, auf die ihn seine Veranlagung und seine eigene Geschichte gesetzt haben.

Das Wort «Bildung» erhielt erst im 18. Jahrhundert die Bedeutung, die es heute hat. Das 18. Jahrhundert ist das Zeitalter der Aufklärung. Die Aufklärung stellte den Menschen und die Vernunft in den Mittelpunkt. Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) fordert vom einzelnen Menschen: «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!» Es war folgerichtig, dass nun neben dem Verstand auch die andern Kräfte im Menschen, sein Herz, seine Gefühle, seine praktischen Fähigkeiten ins Blickfeld gerieten. Der Mensch als Individuum wurde interessant. Es war die Geburtsstunde des modernen Subjektivismus. Erstmals in der abendländischen Geistesgeschichte wird nun das Kind und seine Erziehung zum Thema. Bisher wurde das Kind als kleiner, noch unvollkommener Erwachsener gesehen. Doch jetzt wuchs das Verständnis für das Wesen des Kindes. Bildung im heutigen Sinn wurde aktuell.

Jean Jacques Rousseau (1712-1778) wurde zum Begründer der modernen Pädagogik. Rousseau geht von der Grundthese aus, dass der Mensch von Natur aus gut sei und durch die Gesellschaft verdorben werde. Er postuliert einen radikal neuen Erziehungsstil. Die Erziehung zielt nicht auf die autoritäre Durchsetzung eines Erwachsenenwillens, sondern auf die Entfaltung der Mündigkeit und Selbstständigkeit des Kindes. Erziehung bedeutet im Sinne Rousseaus, das Kind in seiner natürlichen und damit guten Entwicklung zurückhaltend zu begleiten und dabei die schädlichen Einflüsse der Gesellschaft fernzuhalten. Im Sinne Rousseaus ist der ein gebildeter Mensch, der seine in ihm ruhenden guten Anlagen voll entfaltet hat und zu einem liebenden und empfindsamen Wesen geworden ist.

Wilhelm von Humboldt (1767-1835) machte die Bildung zum Grundbegriff der deutschsprachigen Pädagogik. Er war ein erfolgreicher Schriftsteller, der freundschaftlich mit Goethe und Schiller verbunden war, und er hatte als Reformator des preußischen Schulund Universitätswesens großen Einfluss. Wie Rousseau lehnt auch Humboldt allen Zwang ab. Doch anders als bei Rousseau erscheint bei Humboldt die Umwelt in einem positiven Licht. Der Mensch soll sich aneignen, was Natur, Kultur und Geschichte ihm vermitteln. Entfaltung ist kein ungeregeltes Wachsen, sie erfordert Disziplin. Der Mensch soll nach Harmonie streben, nach einem Ausgleich zwischen sinnlichen und sittlichen Ansprüchen. Ziel der Bildung ist «eine sich selbst bestimmende Individualität, die in ihrer Idealität und Einzigartigkeit die Menschheit bereichere.» Bildung ist nicht mit der Erreichung der Volljährigkeit abgeschlossen. Sie ist das eigentliche Lebenswerk des geistig erwachten Menschen. Humboldt hat das humanistische Bildungsideal geschaffen; es ist humanistisch, weil es den sich selbst bestimmenden Menschen mit seinen menschlichen Tugenden in den Mittelpunkt stellt.

Dieses humanistische Bildungsideal hatte zwar im ganzen deutschen Sprachraum eine große Breitenwirkung, doch war es nur Sache einer kleinen Elite. Im 19. Jahrhundert konnten es sich nur die reicheren Schichten leisten, ihre Sprösslinge auf ein Gymnasium zu schicken. Das humanistische Bildungsideal ließ sich aber nicht auf das breite Volk anwenden.

Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelten sich die Wissenschaften auf allen Gebieten in rasantem Tempo. Vor allem die höheren Schulen wurden konfrontiert mit einer immensen Stofffülle. Wer im wirtschaftlichen Überlebenskampf bestehen wollte, musste ausreichend mit aktuellem Wissen versorgt sein. So wurde mehr und mehr aus der Bildung die Ausbildung. Auf den Lehrplänen der Gymnasien blieb das humanistische Bildungsideal als toter Buchstabe stehen. Doch Bildung wurde immer weniger zum Merkmal einer Person, sondern zu einem in getrennten Schulfächern bereit liegenden Gut. Bildung wurde standardisiert und mit oft fragwürdigen Methoden den Schülern eingetrichtert. Nicht mehr Anregung, sondern Zwang und Leistungsdruck standen im Vordergrund.

Aber noch von einer andern Seite wurde dem humanistischen Bildungsideal zugesetzt. Schon der 1. Weltkrieg war für das Abendland ein Schock ohnegleichen gewesen. Er hatte die Grundfesten der europäischen Welt erschüttert. Das national gefärbte deutsche Gymnasium hatte 1914 viel zur Kriegsbereitschaft der führenden Schichten beigetragen. Noch schlimmer war der 2. Weltkrieg. Durch ihn geriet das humanistische Bildungsideal vollends in Misskredit. Es hinderte die Nation von Dichtern und Denkern nicht daran, ihr Schicksal in die Hände von Verbrechern zu legen, die 6 Millionen Juden umbrachten und einen Krieg begannen, der 80 Millionen Menschen das Leben kostete. Wen wundert es, dass sich nach 1945 kein allgemein gültiges Bildungsideal mehr entwickeln konnte, dass Bildung immer mehr zur Ausbildung wurde und dass heute eigentlich niemand mehr genau weiß, was Bildung eigentlich ist!

Von Anfang an hat das Christentum auf alle Völker, die es annahmen, erziehend und bildend gewirkt. Schon das Neue Testament zeugt davon, wie durch den christlichen Glauben das Zusammenleben der Menschen auf eine neue Grundlage gestellt wurde. Werte wie Treue, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Achtung vor dem Nächsten galten innerhalb der jungen christlichen Gemeinde als Folge des Glaubens an Jesus Christus. Im Mittelalter wurden die Klöster Zentren der Bildung. Sehr oft wurde ein Kloster die Keimzelle einer späteren Universität. Durch den regelmäßigen Gottesdienst mit Taufe und Abendmahl, durch christlichen Unterrricht und durch die künstlerische Ausschmückung der Kirchen wurde christliches Bildungsgut auch dem gewöhnlichen Volk zugänglich gemacht. Ebenso ging dann von der Reformation im 16. Jahrhundert ein starker Bildungsimpuls aus. Luther und andere übersetzten die Bibel ins Deutsche und brachten sie unter das Volk. Das Lesen der Bibel wurde für die, welche lesen konnten, zur Selbstverständlichkeit. Die Reformation hat so den Boden für spätere Entwicklungen in Sachen Bildung vorbereitet.

Johann Heinrich Pestalozzi (1746- 1827) gilt als erster christlicher Pädagoge. Er ist den Schweizern vor allem als Praktiker bekannt, als Vater verwaister Kinder und als Wegbereiter des Volksschulwesens in der Schweiz. Auch Pestalozzi ist ein Kind seiner Zeit, er ist stark von Rousseau beeinflusst. Auch bei ihm ist Natur ein wichtiger Begriff, und Erziehung bedeutet vor allem die Entwicklung der natürlichen Anlagen, die im Kinde ruhen. Doch er verbindet diesen Gedanken mit der christlichen Tradition zu einer Einheit. So kann Pestalozzi schreiben: «Glauben an Gott, du bist der Menschheit in ihrem Wesen eingegraben, unwandelbar fest liegst du als Grundlage der Menschenbildung im Innern unserer Natur.» Die natürlichen Anlagen im Menschen zur Entfaltung bringen bedeutet, in ihm den Glauben an Gott zu wecken und ihn einzuweisen in ein Leben, das von Liebe und Dienst am Nächsten geprägt ist. Im Dorfroman «Lienhard und Gertrud» verkörpert vor allem Gertrud dieses Erziehungsideal. In der Erziehung ihrer Kinder dringt sie auf absolute Ehrlichkeit, Barmherzigkeit und Demut. Regelmäßig betet sie mit ihren Kindern und liest mit ihnen die Bibel. Gertrud steht dafür, dass im Elternhaus die Grundlage für wahre Bildung gelegt werden muss.

Was Bildung im christlichen Sinne heißen könnte, ergibt sich vielleicht von der Schöpfungsgeschichte her. Hier wird das Wort «bilden» in seinem ursprünglichen Sinne gebraucht. «Da bildete Gott den Menschen aus Erde vom Ackerboden und hauchte ihm Lebensatem in die Nase; so ward der Mensch ein lebendes Wesen.»1

Gewiss, diesem Bibelwort liegt eine vorwissenschaftliche Vorstellung von Schöpfung zugrunde. Gleichwohl sagt es Entscheidendes über das Verhältnis des Menschen zu Gott aus: Der Mensch ist Gottes Geschöpf! Gott hat ihn als sein Ebenbild geschaffen.2 Da geht es noch um viel mehr als um das Leibliche. Ebenbild von Gott zu sein heißt: Gott hat uns als sein Gegenüber geschaffen. Es gehört zur Wesensbestimmung des Menschen, dass er nicht aus sich selbst, sondern im Gegenüber zu Gott lebt. Er ist Gott gegenüber verantwortlich, er ist dazu berufen, auf Gottes Wort zu antworten. Auf Bildung bezogen, bedeutet das: Mit der leiblichen Schöpfung ist Gottes bildendes Wirken am Menschen noch nicht abgeschlossen. Gott möchte weiterhin bildend an uns wirken. Er möchte die Bildung an uns vollenden.

Gott hat den Menschen frei geschaffen. Er hat ihm auch die Möglichkeit gegeben, sich gegen ihn zu entscheiden. Wir alle kennen die Tendenz in uns: Wir wollen unser eigenes Leben leben. Wir lehnen es ab, Gott gegenüber verantwortlich zu sein. Wir lassen es nicht zu, dass er bildend an uns wirkt. Diese Haltung wird in der Bibel als Sünde bezeichnet. Die Sünde zerstört die Gottebenbildlichkeit in uns. Es ist dann für Gott, wie wenn er in einen blinden Spiegel blickte: Er findet in uns kein Spiegelbild mehr von sich.

Aus diesem Grunde hat uns Gott Jesus Christus gegeben. Jesus ist in reiner Form Gottes Ebenbild. Er hat sein ganzes Leben in der Verantwortung vor Gott gelebt. Er ist der Mensch, es zugelassen hat, dass Gott seine Bildung an ihm vollendet. Er ist der ganz und gar von Gott gebildete Mensch. Der Glaube an Jesus ist unsere Hoffnung. Wenn wir uns für den Glauben an Jesus Christus entscheiden, bekommt Gott die Möglichkeit, seine Ebenbildlichkeit in uns wieder herzustellen. Davon redet der Apostel Paulus: «Denn sie, die er zuvor erwählt hat, hat er im voraus dazu bestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichgestaltet zu werden.»3 Der Prozess der Wiederherstellung beginnt mit dem Ja zu Jesus Christus. Es ist das Ja zur Bildung durch Gott. Dieser Prozess dauert während des ganzen Lebens. Er kommt erst in der Ewigkeit zur Vollendung. Erst in der neuen Welt Gottes ist unsere Bildung durch Gott abgeschlossen.

Bildung in diesem Sinne ist immer aktuell. Jeder Tag ist für den Christen eine weitere Chance, sich von Gott bilden zu lassen. Gott möchte die vielfältigen Gaben, die er in uns gelegt hat, zur Entfaltung bringen. Ziel der Entfaltung ist nicht der «ideale Mensch» im Sinne Humboldts, sondern der Mensch, der hineinwächst in das Bild Jesu Christi. Es ist der Mensch, der sein Leben in der Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen lebt.

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1 1. Mose, Kapitel 2, Satz 7
2 1. Mose, Kapitel 1, Satz 26
3 Römer, Kapitel 8, Satz 29 (Übersetzung nach Ulrich Wilckens; ISBN 3-545-2301-0)

Der Autor

Dr. phil. I Peter Märki

Dr. phil. I Peter Märki

CH-Ittigen

in der Stadt Zürich geboren und aufgewachsen. Studium der deutschen Sprache, der Literatur und der Geschichte an der Universität Zürich. Gymnasiallehrer in Zürich, dann Studium der Theologie in Zürich. Seit 1987 Pfarrer in Ittigen bei Bern.
Verheiratet und Vater von drei Kindern zwischen 14 und 18 Jahren.

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