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Die IVCG

 
Ausgabe 04/05 

Lügen – Braucht die Wahrheit eine Reformation?

 

«Lügen haben kurze Beine.» Diese alte Volksweisheit findet sich in den meisten Erziehungsprogrammen. Fast so, als wollten wir dem Gebot «Du sollst nicht lügen» einen moralischen Nachdruck verpassen. Offensichtlich wünschen wir uns im sozialen Gefüge den vertrauensvollen, an der Wahrheit und Echtheit orientierten Umgang.

Gleichzeitig kann uns die Fast- Selbstverständlichkeit nicht entgehen, als sei das Lügen zu einem gesellschafts- konformen Lebensstil geworden. Eine schmerzliche Lebensgestaltung allerdings, weil es auf beiden Seiten nur Betroffene geben kann: die belogene Person und das lügende Individuum.

Die Frage stellt sich, ob wir zu einer Kultur der Unwahrheit verkommen sind. Immerhin wird nicht nur im privaten Bereich, sondern auch im öffentlich großen Stil gelogen. Wahrheit ist zu einem schwammigen Begriff geworden und wer es wagt, sich diesem ethischen Bereich zu stellen, wird rasch als Moralapostel abgestempelt oder mindestens der Engstirnigkeit verdächtigt.

Lüge verstehen wir als Abwendung von der Wirklichkeit

Im ersten Moment mag die Behauptung, dass der Mensch durchschnittlich alle acht Minuten lügt, befremdend, ja fast erheiternd erscheinen. Ich bin auch versucht, solche Studienergebnisse von mir zu weisen, weil es schwer annehmbar ist, dass ausgerechnet Psychologen, Politiker, Anwälte, Journalisten, Leute in der Verkaufsbranche und Sprechstundenhilfen zu den «am meisten Gefährdeten» zählen sollen.

Lüge und Angst – ein destruktives Zwillingsgespann

Auf der Suche nach Klärung, weshalb der Wahrheit aus dem Weg gegangen wird, zeigen sich unterschiedliche Gründe. Ein Großteil der Lügen kann als Produkt unserer Angst verstanden werden. Ein Kunstgriff also, durch den eventuelle Sanktionen verhindert werden sollen. Als Beispiele können das Kind genannt werden, das auf Grund des Ungehorsams Angst vor Strafe hat und Ausreden sucht, oder die Angestellte, die wegen eines Fehlers von der Chefetage her eine Rüge erwartet und daher auf vordergründige Entschuldigungen ausweicht. Ob mit verschlungener Mogelpackung, in Form von Notlüge oder mit Diplomatie getarnt: Der sich bedroht fühlende Mensch versucht, sich aus der Schlinge des vermeintlichen oder tatsächlichen Gegners zu ziehen, seine eigene Haut zu retten und sein Gesicht zu wahren.

Wie viel Lüge braucht der Mensch?

Der persönliche Alltag zeigt: so verschieden die Gefahrenzonen gewittert werden, so kreativ unterschiedlich werden auch «Rettungsversuche» auf Kosten der Wahrheit vollzogen. Ob die medizinische Diagnose verbal beschönigt, die Komplimente übertrieben, das Missgeschick abgestritten und Unwahres gestreut beziehungsweise die Wahrheit verschwiegen wird, viele Leute sind der Überzeugung wie die junge Ehefrau: «Ich darf doch lügen, wenn mir das hilft. Und wenn nur jede fünfte Lüge aufgedeckt wird, dann stehen die Chancen gar nicht so schlecht.»

Sätze wie diese innerhalb eines therapeutischen Gesprächs lassen mich zunächst innerlich aufbrausen. Doch weil das, was aufregt, auch anzuregen vermag, assoziiere ich zu Prof. Dr. Peter Stiegnitz, der in seinem Buch «Die Lüge – Salz des Lebens» sein Credo auf den Punkt brachte, die Äußerung: «Gehen wir mit der Lüge ehrlich um. Sie ist unsere treue Lebensbegleiterin, sie hilft uns über zahlreiche Schwierigkeiten und Tücken hinweg, sie hat es verdient, nicht verleugnet zu werden.»

Mit der Lüge ehrlich umgehen ist ein schwieriges Unterfangen

Wer exakt hinschaut, stellt fest: Neben den formulierten Unwahrheiten lassen sich noch andere Varianten finden, die schwer auszumerzen sind. Sie haben sich bereits eingenistet und automatisiert. Es sind Lebenslügen, die sich in Handlungsweisen und Vermeidungsstrategien äußern. Etwa dort, wo enttäuschte Menschen sich nicht mehr anvertrauen können, weil sie sich die Verallgemeinerung zu Eigen gemacht haben: «Ich erzähle niemandem mehr von meinem Innersten; jeder sucht doch bloß seinen eigenen Vorteil und das könnte mir zusätzlich schaden.» Ich kenne eigene Momente, in denen feige Zurückhaltung siegte, weil die Lebenslüge «der Ehrliche ist doch der Dumme» bereits ihren Siegeszug angetreten hat.

Lüge und Wahrheit sind wie streitende Hunde

Aus der Zeit, als Eltern und Lehrerschaft uns moralische und ethische Bildung vermittelten, hat ein Vergleich Eindruck hinterlassen: Vom schwarzen und vom weißen Hund in unserm Innern. «Stärker und zum Sieg befähigt wird das Tier, dem wir mehr Futter geben.» In der Zwischenzeit weiß ich, dass das Leben nicht einfach in Weiß und Schwarz eingeteilt werden kann. Die Überzeugung ist geblieben, dass der Weg der Wahrheitssuche lohnenswert, immer aber mit Kampf verbunden bleibt. Gerade auch dann, wenn Fachleute mit skurrilen Behauptungen verunsichern. Wie etwa der Anthropologieprofessor Volker Sommer in einem «Focus»-Interview: «Nicht zu lügen ist gegen die Natur.» Und die «Kunst des Lügens lässt sich weiter perfektionieren. Nicht nur, um gegenüber andern im Vorteil zu sein, sondern auch für das eigene Wohlbefinden. Wer bei Mogeleien weniger Stress erlebt, hat nicht nur mehr Erfolg, sondern lebt auch gesünder.»

Wer Geldblüten als solche erkennen will, muss sich am Original orientieren

Es wäre Vermessenheit und hätte fatale Folgen, wenn dieses Prinzip umgedreht würde. Doch: Haben wir nicht genau das in der Vergangenheit getan? Das Tatsächliche, das Echte, die Realität und die Wirklichkeit gegen Vordergründiges – Wahrheit gegen Lüge ausgetauscht? Aus dieser Falle kommen wir nur, wenn wir die Wahrheit wieder als solche anerkennen und sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auf den Leuchter stellen.

Für diese Aufgabe gibt uns die Bibel in Eindeutigkeit und mit Schärfe vielfältige Hilfe. Sie mahnt, «Lüge abzulegen und miteinander Wahrheit zu sprechen».

Von sich selbst sagt Jesus Christus: «Ich bin geboren und in diese Welt gekommen, um ihr die Wahrheit zu bezeugen. Wer bereit ist, auf die Wahrheit zu hören, der hört auf mich.» Es wundert nicht, wenn der Politiker Pilatus die Antwort als Gegenfrage formuliert: «Was ist Wahrheit?» In den vergangenen 2000 Jahren wurde diese Frage von Unzähligen wiederholt gestellt. Mal zynisch, hier ungläubig, dort philosophisch und nicht selten voller Verzweiflung: Was ist Wahrheit? Was ist bis ins letzte Detail glaubwürdig?

Das menschliche Herz braucht Reformation

Die Wahrheit wird überdauern. An dieser Hoffnung halte ich fest. Und zwar deshalb, weil der Gott der Bibel verbindliche Zusagen ausgesprochen hat. Klar, die Glaubwürdigkeit der Christusaussagen kann ich nicht beweisen. Sie können aber im Vollzug erprobt werden. Ich denke an das Abschiedswort Jesu an seine Begleiter: «Ich will euch jemanden senden, der euch zur Seite stehen und trösten wird, den Geist der Wahrheit. Er wird vom Vater kommen und mein Zeuge sein.» Dank dieser Gotteskraft ist es möglich, die Wahrheit als Lebenselement zu erkennen und in ihr zu leben. Eine gut funktionierende Zusammenarbeit. Reformieren wir deshalb mutig Gedankengänge und Handlungsweise. Es ist eine Investition mit bleibendem Erfolg.


Der Autorin

Beatrix-Adelheid Böni

Beatrix-Adelheid Böni

CH-Bertschikon

individual-psychologische Beraterin mit eigener Praxis, Katechetin, Referatsdienste und Seminartätigkeit im säkularen und kirchlichen Bereich

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