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Die IVCG

 
Ausgabe 05/04 

Geld und Ethik – Der totale Widerspruch? Auf der Suche nach der verlorenen Moral

 

«Geld regiert die Welt.» «Über Geld spricht man nicht, man hat es.» Mit solchen und vielen anderen Sprichwörtern wird unser Lebensalltag und unsere Haltung zum Geld treffend knapp umschrieben. Noch viel ältere geflügelte Worte stammen aus der Bibel, etwa aus dem Buch Prediger: «Wer Geld liebt, wird vom Geld niemals satt.»1

Es ist hier nicht der Platz, ein Loblied auf das Geld oder unsere Finanzwirtschaft anzustimmen. Was treiben wir mit dem Geld – oder wohin treibt uns das Geld? Die Sprichwörter belegen, dass dieses Thema fast so alt ist wie die Menschheit. Nur dass unsere Umgangsformen völlig andere geworden sind. Die «Monetik» hat alle ergriffen. Wie aber steht es um die «Monethik », also unsere Ethik des Geldes und die Ethik der Finanzwirtschaft?

In vier Praxisfeldern nehme ich die Frage auf: Wer ist der Mensch, der so mit dem Geld lebt? Wer bin ich in diesem Rollenspiel? Gilt auch mir das Urteil Jesu: «Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz»2?

Der Zinslipicker


Aus der traditionellen Vertrauensbeziehung eines Bankiers zu seinen Kunden ist in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr eine geldwirtschaftliche Rosinenpickerei und Schnäppchenjägerei geworden. Die Schweizer nennen diesen Typ Zinslipicker. Jede einzelne Finanztransaktion und jedes Geldgeschäft wird bei der jeweils günstigsten Bank durchgeführt (transactional banking). Es ist die absolute Gewinnmaximierung des schnellen Geldes. Die Bankbeziehung wird zur Eintagsfliege. Der Bankkunde ist keine ganzheitliche Persönlichkeit mehr, sondern atomisierter Vorteilsmaximierer. Wo aber bleiben Kontinuität, Berechenbarkeit, Verlässlichkeit, eine nachhaltige Vertrauensbeziehung?

Der Millionärsrausch


Die neuen Gesellschaftsspiele heißen: Wie werde ich Millionär? Wer nicht Millionär werden will, gilt schlicht als dumm.

Die Geldgier


Die Epidemie des Millionärsrausches ist eine lebensgefährliche gesellschaftliche Immunschwäche. Es ist die Sucht nach dem schnellen Geld. Habgier ist die primitivste, aber auch häufigste aller Begierden: die Gier nach Geld pur, oft gepaart mit der Gier nach Macht und Geltung. Diese Gier frisst den Verstand. Wie sagte ein Kabarettist: «Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen.» Habgier und Geldgier waren Motoren des Aktienmarktes, der New Economy und des Neuen Marktes. Nach der Goldgräberstimmung herrscht seit drei Jahren Katzenjammer. Der DAX allein hat im Jahr 2002 44% seines Wertes verloren, von 5163 auf 2893 Punkte, und bis zum Juni 2004 hatte er nur gelegentlich wieder die Marke von 4000 erreicht. Unsere Gesellschaft lebt im Spielkasino, in dem viele Raffkes ein- und ausgehen.

Gier nach Geld heißt, ins Geld verliebt und vernarrt zu sein. Diese Gier macht – fast parallel mit dem Zusammenbruch der New Economy – auch vor dem Management nicht Halt. Geldgier ist gepaart mit Neid; darum ist die Forderung nach Publizität der Managergehälter besonders laut geworden. Das Zeitalter der Gier hat keine moralischen Autoritäten. Was daher dringend Not tut, sind Vorbilder. Wir brauchen eine neue Glaubwürdigkeit.

Korruption und Bestechung


Siegfried Buchholz (früher Generaldirektor von BASF Österreich) diagnostizierte einmal: «Alle wirtschaftlichen Fehlschläge sind zu 20% mangels Kompetenz und zu 80% durch Korruption verursacht.» Dabei ist «Korruption alles, wo jemand seine eigenen Interessen über die des Unternehmens stellt». Dafür liefert uns die Presse Beispiele bis zum Betrug, der Bilanzfälschung, der Kursmanipulation und Täuschung, um den eigenen Vorteil zu sichern.

Konkursverschleppung und Bilanzfälschung betreibt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch der Staat. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» stellt fest: «Der Generationenvertrag bedeutet inzwischen ungefähr dasselbe wie Lüge.» Das politische Vorstellungsvermögen ist auf den Augenblick geschrumpft. Zukunft ist eine Metapher für heute. Die Politikverdrossenheit ist ein ernstes Signal. Sie ist die Folge der vielfältigen politischen Lügen und der Verlust jeglicher Glaubwürdigkeit. Sonst könnte nicht ein Ministerpräsident den Staatshaushalt als «Buch der Lügen» bezeichnen. Oder sind 1,277 Billionen EUR Schulden in Deutschland am Jahresende 2002 nicht ein Indiz für Konkursverschleppung zu Lasten der nächsten Generation?

Bestechung und Vorteilsnahme sind deutsche Worte für alles, was international mit Korruption umschrieben wird. Bestechung ist das umfassende Netzwerk vorteilsorientierter Machenschaften. Das können genau so Kundeneinladungen zu Festen und Theater sein wie Präsente aller Größenordnungen. Wer will hier die Bagatellgrenze definieren? Prüfen wir einmal unseren beruflichen Alltag.

Geld und Ethik – der totale Widerspruch?


Ich bin mir sicher, dass ein sorgfältiges System von Corporate Governance (Selbstkontrolle der Wirtschaft) manches verbessern könnte. Transparenz könnte Verirrungen und Machenschaften aufdecken, was «Transparency International» beweist. Aber selbst die Lockerung des Bankgeheimnisses würde nur an Symptomen kurieren. Das Grundproblem ist unser Denken und Handeln mit dem Geld (und der Macht), was die geflügelten Worte seit Jahrhunderten beweisen: «Je mehr er hat, je mehr er will» oder «l’appetit vient en mangeant» (der Appetit kommt mit dem Essen) oder das bereits zitierte Predigerwort.

Das Grundproblem ist unsere Sucht und Besessenheit. Geld bewegt sich in einer ständigen Spirale, die uns alle erfasst: größer, mehr, erfolgreicher, mächtiger, profitabler. Ein Unternehmer sagte richtig: «Ziel ist Macht und Reichtum; die Instrumente sind Betrug und Manipulation; die Motivation ist Egoismus.»

Schon die «Financal Times» diagnostiziert: «Die Wurzel des Problems ist der Verlust des Glaubens an objektive ethische Standards.» Und Jesus sagt: «Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.»3 Wir haben ein herzliches Verhältnis zum Geld, während wir Gott als alten Mann auf die Seite schieben.

Vier Bausteine sollen ein Fundament zur Überwindung des totalen Widerspruchs von Geld und Ethik legen, damit wirklich etwas Neues werden kann. Es ist höchst erstaunlich und hoch brisant, was die Bibel zu unserem Umgang mit dem Geld sagt, besonders für Führungskräfte und deren Verantwortung.

Die biblische Schocktherapie


«Seht zu und hütet euch vor aller Habgier, denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.» Damit dieser Satz von allen verstanden wird, erzählt Jesus das Gleichnis vom reichen Kornbauern.4 Der Großgrundbesitzer ist ein expansiver Unternehmer mit raschem Betriebswachstum. Er lebt in der Meinung, alles selbst geschaffen zu haben. Die Vorräte sind seine Lebensversicherung, und er schreibt als Lebensbilanz: «Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat und großes Vermögen für viele Jahre, habe nun Ruhe (genieße den Ruhestand), iss, trink und habe guten Mut.» Vielleicht erkennen wir «... als wär’s ein Stück von mir». Gott aber reißt ihm die Maske herunter und sagt in aller Schärfe: «Du Narr – du Tor.» Er stößt ihn vom Thron seiner Überheblichkeit, seiner Selbstsicherheit und seiner egoistischen Autonomie. «Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern.» Damit hat der Erfolgreiche nicht gerechnet. Er meinte, uralt zu werden und seine Früchte selbst genießen zu können. Das letzte Hemd hat aber keine Taschen – selbst diese Weisheit hat er vergessen. Da kann nur eine brutale Schocktherapie helfen. Sie ist lebensnot- wendig. Vielleicht auch bei uns, damit wir das Ziel unserer Lebensreise erkennen.

Appell zur Priorität


Ein reicher, zielorientierter Manager will die Zukunft gestalten, und er hat einen äußerst nachhaltigen Planungshorizont: «Meister Jesus, was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe?»5 Diese Weitsichtigkeit finde ich großartig. Der Mensch gibt sich nicht mit Tagesergebnissen zufrieden. Wer nach der Ewigkeit fragt, hat den weitesten Zeithorizont und kann deshalb besser wirtschaften als andere. Jesus antwortet kurz und schlicht:

«Halte die Gebote.» Dieser Manager ist sogar davon überzeugt, dass er alle Gebote hält, z.B. auch das 10. Gebot: «Du sollst nicht begehren ...». Jesus diskutiert mit ihm gar nicht über den Wahrheitsgehalt seiner Antwort, sondern sagt nur konsequent: «Dann verkaufe alles und folge mir nach.» Das aber klappt nicht. Er ist bereits am 1. Gebot gescheitert: «Ich bin der Herr, dein Gott; du sollst keine anderen Götter neben mir haben.» Sein Vermögen war sein Gott, sein Herz hängt an seinem Geld und Vermögen. Gottes Priorität lautet aber: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allen Kräften.»6

Das ist die Antwort für alle Menschen. Es betrifft den Mut, schon mit dem 1. Gebot Ernst zu machen – die anderen folgen. Es ist der Ruf zu einem neuen Lebensmanagement. Es geht um Priorität, den Mut zur Umkehr. War das erste Beispiel eine Schocktherapie, so ist hier ein Eintritt in die Lebensschule Jesu. Er wird uns helfen, die Zehn Gebote zu leben, gerade auch in der Entscheidung: Geld oder Gott.

Ruf zu Haushalterschaft


In einem weiteren Beispiel (anvertraute Pfunde und Talente7) gibt Jesus einen Grundkurs in biblischer Ökonomie. Er lädt ein zu einem zielorientierten Management. Gott vertraut uns sein ganzes Vermögen an. Die Gaben (Geld und Macht) sind unterschiedlich, quantitativ und qualitativ, «jedem nach seiner Tüchtigkeit». Auch die Rendite, der «return on investment » ist verschieden. Gott zieht jede und jeden zur Rechenschaft, zur Verantwortung und fordert Transparenz über das Tun und Lassen. Sein Prüfungstestat ist nicht quantitätsorientiert (Gewinnmaximierung), sondern qualitätsorientiert («Du treuer Knecht» wird in diesem Bibeltext dem Mitarbeiter gesagt, der seine Talente gut eingesetzt hatte). Sein Kriterium ist Treue. Hart urteilt Gott über den, der seine Gaben und Talente vergräbt und brach liegen lässt. Wir sind zur Mitarbeit im Konzern Gottes berufen. Wir sind verantwortlich für das wirtschaftliche, ökonomische und nachhaltige Handeln. Der Haushalter Gottes wird im griechischen Text «oikonomos » genannt, also Ökonom, Unternehmer, Manager (was mehr ist als nur Verwalter). Diese Berufung macht unser Leben reich. Gerade die Ökonomen setzt Gott als Vorbilder.

Umkehr zu einer neuen Ethik


Ein viertes Beispiel soll die angesprochene Rechenschaft und Verantwortung vertiefen. Jesus ist an Transparenz sehr interessiert; da können die Menschen der Wirtschaft noch viel lernen. Von der Begegnung des Zolldirektor Zachäus8 mit Jesus können wir zugleich lernen, mit unseren Schattenseiten, mit Schuld und Defiziten umzugehen. Zachäus lebt von diesem Tage an die Umkehr zu einer neuen Ethik, gerade in Sachen Geld, Reichtum und Korruption.

Der reiche, mächtige und korrupte Zollchef in der wichtigsten Handelsstadt Jericho hört von Jesus und will ihn unbedingt sehen. Die Menschenmassen auf den Straßen behindern ihm, klein von Statur, die Sicht. Er steigt auf einen Maulbeerbaum – und macht sich vor den Leuten lächerlich. Er will Jesus sehen. Aber Jesus kommt – und sieht ihn: «Komm herunter, heute muss ich in deinem Hause einkehren. » Zachäus rutscht wie ein Schuljunge vom Baum und nimmt Jesus mit in sein Haus. Allein diese Begegnung verändert ihn völlig. Er erkennt alle seine Schuld, seine Betrügereien, seine Korruption, seine Geldund Habgier. Sein Verlangen nach Wiedergutmachung ist so groß, dass er doppelt so viel gibt, wie das jüdische Gesetz vorsieht.

In der Begegnung mit Jesus wird Zachäus ein anderer Mensch, er wird geradezu neu geboren. Er ergreift die Chance zum Neuanfang. Nicht eine neue Moral führt zu einer neuen Geldwirtschaft, sondern: ein neuer Mensch betreibt neue Finanzgeschäfte.

Wer Jesus kennen lernt, erhält eine neue Geldmoral, eine neue Ethik, also eine neue «Mon-ethik» und damit einen neuen Lebensstil. So werden wir gute Ökonomen. Wo wir unser Herz an Jesus hängen, können wir zugleich für Geld und Kapital verantwortlich sein. Banker und Christ – dieser Widerspruch löste sich für mich, als ich meine erste Liebe dem lebendigen Gott gab.

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«Besser wirtschaften – Finanzstrategien auf biblischer Basis», Dietrich Bauer, Hänssler-Verlag Holzgerlingen, 8,95 Euro.

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1 Prediger, Kapitel 5, Satz 9

2 Matthäus, Kapitel 6, Satz 21

3 Matthäus, Kapitel 6, Satz 24

4 Lukas, Kapitel 12, Sätze 16-21

5 Matthäus, Kapitel 19, Sätze 16-26

6 Matthäus, Kapitel 22, Satz 37

7 Matthäus, Kapitel 25, Sätze 14-30

8 Lukas, Kapitel 19, Sätze 1-10


Der Autor

Dr. rer. pol. Dietrich Bauer

Dr. rer. pol. Dietrich Bauer

D-Bad Boll

 

nach dem Studium der Wirtschafts- und Finanzwissenschaften an den Universitäten München und Heidelberg einige Jahre wissenschaftlicher Assistent an der Universität Heidelberg und Promotion zum Dr. rer. pol. Es folgten drei Jahre leitende Verbandsarbeit. Anschließend 20 Jahre Leiter der Finanzabteilung eines großen Dienstleistungsunternehmens in Stuttgart. Von 1993 bis zum Eintritt in den Ruhestand Ende 2000 Vorstand und Bankdirektor einer überregionalen  Genossenschaftsbank in Kassel. Ehrenamtlich in nationalen und internationalen Aufsichtsräten charitativer Einrichtungen, u.a. Vice President der International Fellowship of Evangelical Students IFES, Sitz Oxford/GB.

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