

Die Wirtschaft in den hochindustrialisierten mitteleuropäischen Staaten, dem «Alten Europa», stagniert. Soziale Absicherungssysteme werden zunehmend überfordert. Reformen in Wirtschaft und Sozialwesen stehen an. Doch diese sind nur über einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel beim Wirtschaftsverständnis zu vermitteln und umzusetzen. Was beinhaltet ein solcher Bewusstseinswandel? Bewusst sind uns die häufig von Fachleuten und Politikern verwendeten Daten und Messziffern, wie Konjunktur und Wachstum, Arbeitszeiten und Arbeitslosenzahlen, Bruttosozialprodukt und Staatsverschuldung, soziale Kosten usw. An ihnen wird der aktuelle Zustand unserer Wirtschaft gemessen, und es werden «notwendige» Veränderungen verdeutlicht. Sie erscheinen wie «Stellschrauben» für die Lösung aller gegenwärtigen und zukünftigen Probleme. In Wirklichkeit sind sie jedoch nur Folgen einer tiefer liegenden Bewusstseinsschicht. Letztere ist unsere geistig-seelische Wahrnehmung vom Wirtschaftsgeschehen, verbunden mit unseren Erwartungen und Ansprüchen an Wirtschaftsergebnisse.
Im Kern sind diese Bewusstseinsinhalte auch heute noch von der ausklingenden Industriewirtschaft und -gesellschaft geprägt. Das gilt sowohl für Strukturen und Organisationen (z.B. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, berufs- und branchenbezogene Interessenverbände, Tarifverträge, Arbeitszeitregelungen) als auch für viele Vorstellungen und Instrumente in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Doch vieles von dem passt und greift nicht mehr richtig, insbesondere dort, wo die Industriewirtschaft mehr in den Hintergrund tritt. Selten oder gar nicht wird mit einbezogen, dass sich seit rund 20 Jahren zunehmend schnell ein tief greifender Wandel in Wissenschaft und Technik, Wirtschaft und Gesellschaft vollzieht. Dieser löst zurzeit den größten Bewusstseinswandel seit Beginn des Industriezeitalters aus – was die Informatik angeht, seit Erfinden der Buchdruckerkunst. Wir tun uns schwer damit. Wandel und Bewusstseinsstatus driften auseinander, sehr zum Nachteil umfassender Reformen und damit zum Schaden für uns alle im «Alten Europa».
In dieser Situation geht die Frage «Was erwartet uns in der Zukunft?» unter die Haut. Wenn wir wieder eine gesunde, nachhaltig wachsende Wirtschaft wollen, dann muss sich unser Bewusstsein von wirtschaftlichem Handeln und sozialer Sicherung einschließlich ihrer Steuerung grundlegend ändern. Dafür bleibt wenig Zeit, sonst überholen uns andere, bisher wirtschaftsschwächere Staaten. Was muss unser Ziel sein? Wir müssen von der hochindustriellen, marktbezogenen «Nationalökonomie» (griechisch: nationale Hauswirtschaft) zur globalen (weltweiten), zunehmend partnerschaftlichen und am Markt orientierten, sozialen und ökologischen (griechisch: haushälterischen) Ökonomie und zu einem entsprechend veränderten Bild des Menschen in der Wirtschaft kommen. Das erfordert aktive Gestaltung des Wandels. Verharren wir bei hergebrachten Mustern und bei Wandlungsschwäche, dann folgt wirtschaftliche Schrumpfung, sozialer Niedergang mit hoher Arbeitslosigkeit und Volksverarmung.
Bei der Gestaltung des Wandels müssen dessen Inhalte klar sein. Überraschenderweise haben diese viel mit dem christlichen Menschenbild zu tun. Zunächst aber folgendes: Es gibt – mit wenigen Ausnahmen – zumindest in Europa keine nationalen Wirtschafts-, Zoll-, Steuer-, Standorts- und Informationsgrenzen mehr. Und alle zukünftigen arbeitsintensiven Wachstumsbereiche sind nicht industriell! Dem tragen Politik und wirtschaftlich Handelnde unzureichend Rechnung. Folgen sind u.a. teure Fehlinvestitionen, falsches Rationalisieren, Anwendung überholter Methoden im Management und Arbeitsplatzabbau ohne Ersatz. Der Reform- und Wandlungsstau wächst. Ein erfolgreicher Wandel braucht passende Gesetze und Instrumente. Erste Bemühungen in der Steuer- und Sozialgesetzgebung zeichnen sich ab. Sie reichen bei weitem nicht aus. Wir haben ein Jahrzehnt schwieriger Reformen mit vielen Hindernissen zu erwarten.
Beim Welthandel außerhalb nationaler Reglementierungen sieht es anders aus. Er hat höchste Wachstumsraten, allein in den letzten 15 Jahren 180%. Sie sind auch Folgen des noch viel schneller wachsenden Informationsnetzes (PC, Handy, TV u.a.) rund um die Welt. Es wird mehr oder weniger dicht in jedem Wirtschafts-, Kulturund Lebensraum. Die Netzdichte nimmt, besonders in Europa, ständig zu. Dennoch stehen wir erst am Anfang. Wichtig ist dabei: Jede Information beinhaltet Beziehung! Mehr Information ist mehr Beziehung!
Kurzer Exkurs: In der modernen Naturwissenschaft ist heute unbestritten, dass die Materie und deren Atome, die unsere sichtbare Welt ausmachen, lediglich eine sichtbare Erscheinungsform von vorgelagerten Energiefeldern, bestehend aus riesigen Mengen an Energiequanten, sind. Jedes dieser Energiequanten entspricht der kleinsten nachweisbaren Informationseinheit, einem BIT, das wir vom PC her kennen. Information bildet den Übergang von der sichtbaren zur «unsichtbaren » Welt (H. Rohrbach), die für uns Menschen nicht mehr rational zugänglich ist. Information ist keine greifbare Materie mehr. «Information gleich Beziehung» bestimmt und gestaltet unsere sichtbare Welt, ausgehend von der unsichtbaren Welt.
Damit erweist sich die Bibel als höchst modern. Gleich zu Beginn steht: «Und Gott sprach: Es werde ...! Und es wurde ...» Mit anderen Worten: Gottes Information gestaltete! Und im Johannesevangeliums steht: «Im Anfang war das ewige Wort: Christus. Immer war er bei Gott und ihm in allem gleich. Durch ihn wurde alles geschaffen. »1 Jesus ist danach das Wort, die Information Gottes. Da Information gleich Beziehung ist, gestaltet er die Beziehung Gottes zu den Menschen.
Die heutige Naturwissenschaft versteht inzwischen das Weltall als eine Riesenmatrix von Energie = Information = Beziehung. Jedes Energiequant ist auch zugleich Sender und Empfänger. Die sichtbare und die unsichtbare Welt sind somit durch eine unendliche Fülle von Informationen und Beziehungen miteinander verknüpft. Alles ist mit allem irgendwie verbunden. Wir Menschen sind gerade dabei, eine erste Tür zum Verstehen und Verarbeiten eines kleinen Teils dieser Informations- und Beziehungsfülle zu öffnen. Wir sind erst ganz am Anfang. Information und Beziehung sind aber auch das zentrale Wesensmerkmal aller wachstumsintensiven Zukunftstechnologien und -märkte, denen wir uns jetzt zuwenden wollen.
Die Zukunftsmärkte mit hohen Wachstumspotenzialen und vielen neuen Arbeitsplätzen zeichnen sich immer deutlicher ab. Aus der Sicht des Wirtschaftswissenschaftlers und Futurologen Leo Nefiodow2 sind dies u.a. der
Bei der Mehrzahl der Zukunftsmärkte liegt Europa wissenschaftlich und entwicklungstechnisch mit an der Spitze. Sie müssen politisch von Fesseln befreit und konsequent gefördert werden. Alle diese Knappheits- und Nachfragefelder sind so eng miteinander vernetzt, dass sie ein differenziertes Ganzes bilden. Eine starre Spartenabgrenzung würde sich kontraproduktiv auswirken. Eine koordinierte Entwicklung der Zukunftsmärkte kann bei gleichzeitig zu verändernden Verhaltensprofilen zu einem Quantensprung in der Wirtschaft führen.
Der wirtschaftliche Quantensprung erzwingt eine passende Weiterentwicklung des Verhaltens und Selbstverständnisses der tätigen Menschen. Seit der Erfindung der Maschine wandelt sich das Bild von Menschen in Wirtschaft und Betrieb, wie zum Beispiel Elmar Nass eindrücklich schildert3. Es reicht vom Arbeiter als «unwissendes Zahnrad» im 18. Jahrhundert über den abhängigen Industriearbeiter im 19. zum lern- und innovationsbereiten Mitarbeiter im 20. Jahrhundert. Nun öffnet sich das Bild zu einer ganzheitlichen Sicht des so genannten «Humankapitals als größter Wachstumsressource » in der Wirtschaft, die weit vor der Rationalisierung rangiert. L. Nefiodow hat wichtige Verhaltens- und Leistungsmerkmale von erfolgreich Tätigen im 21. Jahrhundert herausgeschält. Zu den Merkmalen zählen u.a. vernetzte Denk- und Handlungsfähigkeiten, Vertrauen, Teamfähigkeit, insbesondere Nächstenliebe, Fehlerfreundlichkeit und Vergebung. Diese Merkmale ergänzen als «psychosoziale Kompetenz» das Bewusstseins- und Verhaltensprofil der Arbeitnehmer des 20. Jahrhunderts (siehe Grafik, pdf-Datei). Mit anderen Worten: Die im 20. Jahrhundert vorherrschenden Arbeitnehmer-Interessen, die auch zur Legitimation der Gewerkschaften dienten, wie
Die neue Qualität der Verhaltens- und Leistungsmerkmale entspricht dem biblisch-christlichen Menschenbild. In Europa hat dieses viele Hürden und Exzesse, von Glaubenskriegen bis zur Hexenverfolgung, überstanden. So gereift fand es Eingang in andere Kontinente, insbesondere Amerika und Australien. Es hat die übertriebenen Ausformungen des Individualismus, Rationalismus und Wirtschaftsliberalismus sowie die kommunistischen und nationalistischen Ideologien überlebt. So geläutert präsentiert es sich jetzt zur Anwendung in der Wirtschaft. Wie oft wurde während des Industriezeitalters behauptet, wirtschaftliches Handeln und christliches Menschenbild würden nicht zusammenpassen! Mit dem laufenden Bewusstseinswandel in Wirtschaft und Gesellschaft erweist es sich wieder als nützlich. Das ist eine überraschende Wende. Christlicher Glaube fördert unsere Hinwendung zu gelebter psychosozialer Kompetenz, Eingliederung und Kooperation bei erfolgreichem wirtschaftlichem Handeln. Gottes Liebe und Vergebung befähigen uns ohne Leistungsdruck zu Nächstenliebe, Fehlerfreundlichkeit und Vergebung.
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1 Johannes, Kapitel 1, Sätze 1-3
2 Leo Nefiodow, Der sechste Kondratieff, Rhein-Sieg Verlag, St. Augustin, 5. Auflage, 2002
3 Elmar Nass, Der Mensch als Ziel der Wirtschaftsethik, Schöningh Verlag, Paderborn, 2003
Texttafel ( aus reflexionen 01/04, Seite 8), siehe pdf-Datei

D-Bonn
wurde 1934 in Kassel geboren. Nach den Studiengängen Bauingenieurwesen, Berufspädagogik und politische Wissenschaft hat er in Wirtschaftswissenschaften
in Berlin promoviert. Zunächst war er als Referent am Deutschen Bundestag und als Geschäftsführer der Bundesarchitektenkammer tätig. Es folgten Tätigkeiten als Vorstandsmitglied bei der IRF (International Road Federation) in Genf/Bonn und als Vorstand der European Campus University of Applied Science, AG in Bonn. Seit August 2002 ist er beratend tätig. Dr. Walper ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.