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Die IVCG

 
Ausgabe 07/03 

Verändertes Denken: Unabhängigkeit als Chance

 

Mit dem Thema setzte ich mich erstmals vertieft auseinander, als ich die wichtigsten Ziele für mein Unternehmen neu festlegen wollte. Den Anstoß dafür, Unabhängigkeit als oberstes Unternehmensziel festzulegen, erhielt ich von einem Geschäftsfreund. Unabhängigkeit als eigener Wert, als verbindliche Langzeitperspektive – ließ sich das glaubhaft begründen? Warum ist Unabhängigkeit für unser Unternehmen wichtig, und was müssen wir tun, um unabhängig zu sein und zu bleiben? Meine Antwort lautete wie folgt:

  • Wir müssen unabhängig sein, weil unsere Kunden dies schätzen und erwarten, weil Unabhängigkeit uns zu langfristigem Handeln zwingt und weil Unabhängigkeit ein Maßstab für unsere Stärke ist.

  • Wir können nur dann unabhängig bleiben, wenn wir uns kontinuierlich erneuern, nachhaltig wachsen und wenn wir unsere Risiken unter Kontrolle halten.

 

Prozess der Veränderung

Wo beginnt in einem Unternehmen die Erneuerung? Sie beginnt im Kopf. Erneuerung findet dann statt, wenn die Mitarbeiter neu zu denken beginnen. Erneuerung fängt bei der Unternehmensleitung an, muss aber im Endeffekt alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfassen. Es genügt also nicht, wenn in einzelnen Köpfen Veränderungsideen entstehen. Voraussetzung ist ein gruppendynamischer Prozess, der von oben gesteuert und von der Basis getragen wird. Die entstehende Unternehmenskultur führt zu einer verbesserten Erneuerungsfähigkeit des Unternehmens und verhindert eine zu starke Abhängigkeit von einzelnen Erfolgsträgern.

Die zweite Voraussetzung für Unabhängigkeit ist Wachstum. Darunter verstehe ich Wertsteigerung durch Effizienzverbesserung, Vertiefen der Marktbeziehungen und Umsetzen der Erneuerung im Markt. Wachstum ist die Weiterentwicklung und Bestätigung der Erneuerung durch Schaffen von mehr Kundennutzen.

Erneuerung und Wachstum sind Lernprozesse, die Bestehendes in Frage stellen und deshalb immer mit Risiken verbunden sind. Das löst Ängste aus, die den Unabhängigkeitsprozess hemmen können.

Und damit kommen wir zum dritten Erfordernis für Unabhängigkeit: die Risikokontrolle.

Risikokontrolle ist Früherkennung von Gefahren. Größte Gefahren für ein Unternehmen sind Strategierisiken, Werterisiken, Finanzrisiken und Personalrisiken. Die Firmenzusammenbrüche der letzten Jahre (Swissair, ABB, Zürich Versicherung, Kirch- Mediengruppe, Enron) sind anschauliche Beispiele für nicht, respektive zu spät erkannte Gefahren bezüglich dieser Risiken.

Der dargelegte Prozess zur Sicherung der Unabhängigkeit hat sich für das Unternehmen Siegfried sehr positiv ausgewirkt. Wir wurden gezwungen, uns konsequent auf unsere Kernkompetenzen auszurichten, die Qualität des Managements zu verbessern und der Erfüllung der behördlichen Vorschriften mehr Bedeutung beizumessen. So hat sich der Börsenwert des Unternehmens innerhalb der letzten 10 Jahre mehr als vervierfacht.

Fassen wir das Thema etwas weiter. Der Mensch braucht Unabhängigkeit, um sinnvoll leben zu können. Er wird aber als abhängiges Wesen geboren und ist in seinem Leben in ein Netz von Abhängigkeiten eingebunden. Es sind zwei Arten von Abhängigkeiten, die uns zu schaffen machen:

  • Abhängigkeiten, die durch unser Umfeld gegeben sind, wie Rücksichtnahme gegenüber Lebenspartnern, Nachbarn, Mitarbeitern usw. Abhängigkeiten auch, die wir als Staatsbürger bejahen (Gesetze, Verordnungen usw.).

  • Und dann gibt es die inneren Abhängigkeiten wie beispielsweise anerzogene Verhaltensweisen, gesellschaftliche Zwangsvorstellungen oder die ganze Suchtproblematik.


Die inneren Abhängigkeiten machen uns weit mehr zu schaffen als die äußeren.

Unabhängigkeit ist somit ein Zustand größtmöglicher innerer und äußerer Bewegungsfreiheit. Unabhängigkeit kann aber nie grenzenlos sein. Das lehrt uns die Bibel.

Im ersten Buch Mose wird beschrieben, wie die ersten Menschen, Adam und Eva, die Unabhängigkeit falsch interpretiert hatten, indem sie sich von Gott unabhängig machen wollten. Sie wollten gleich sein wie Gott – mit fatalen Folgen.

Im Alten Testament wird uns am Schicksal des Volkes Israel gezeigt, was es bedeutet, wenn der Mensch sich Gott widersetzt; wie Unabhängigkeit gegenüber Gott zu Selbstgerechtigkeit, Überheblichkeit und damit ins Verderben führt.

Im Neuen Testament wird das Wesen der Unabhängigkeit in der uns von Jesus Christus vorgelebten selbstlosen Liebe veranschaulicht. Die Botschaft lautet: Ohne Liebe zum Mitmenschen, ohne Einbettung in die Liebe zu Gott, ist zwischenmenschliches Verhalten immer berechnend. Das gilt auch für die Unternehmensführung. Ohne Liebe zu den Mitarbeitern ist auch Unternehmensführung berechnend und führt zwingend in die Abhängigkeit von rein materiellen Zielen. Wer Gewinnmaximierung oder Shareholder value als oberste Ziele setzt, macht einen fundamentalen Fehler. Geduld, Wertschätzung und Vertrauen kommen dann zu kurz; das aber sind Werte, die Freiräume für geistige Unabhängigkeit schaffen.

Wir stellen somit fest, dass der Mensch erst dann unabhängig wird, wenn er sich dem Willen und den Geboten Gottes unterstellt und wenn er zu diesem Gott eine selbstlose Liebe empfindet, die sich auf seine Mitmenschen überträgt. Damit wird auch klar, weshalb Unabhängigkeit den Menschen nicht in die Wiege gelegt ist, sondern durch Glauben gewonnen wird.

Wie entsteht der biblische Glaube? Biblischer Glaube ist ein Prozess der Veränderung, der mit einer geistigen Erneuerung des Menschen beginnt, sich durch inneres Wachstum fortsetzt und dauernd der Wachsamkeit bedarf. Hier finden wir also dieselben drei Schritte wieder, die ich für den Prozess der Unternehmensunabhängigkeit notiert habe: Erneuerung, Wachstum und Risikokontrolle.

Als ich diese Übereinstimmung festgestellt habe, staunte ich, denn bei meinem ursprünglichen Konzept war ich nicht von der Bibel ausgegangen.

Erneuerung wird in der Bibel beschrieben als geistige Wiedergeburt oder als Erneuerung des Sinnes1. Die entscheidende Information ist: der Mensch kann nur durch Jesus Christus erneuert werden, nicht durch eigene Anstrengung. Nur durch Jesus kann der Mensch die unterbrochene Beziehung zu Gott wieder aufnehmen. Von zentraler Bedeutung für diese Erneuerung ist das Wirken des Heiligen Geistes.

Der Wiedergeburt folgt das Wachstum im Glauben durch Nachfolge. Jesus vergleicht das mit dem Säen und Wachsen der Saat2. Der durch den Heiligen Geist wiedergeborene und durch die Gnade Gottes erneuerte Mensch soll nicht stehen bleiben, sondern sich im Glauben weiter entwickeln (lernen und umsetzen!). Das Ziel dieser Weiterentwicklung ist das Fruchtbringen, das Fruchtbarsein. Mit anderen Worten: Christsein dient nicht nur dem eigenen Glück, sondern ist auf den Mitmenschen, auf die Gemeinschaft der Menschen ausgerichtet. Damit finden wir (die auch im Unternehmen anzustrebende) Wertschöpfung, Wertsteigerung, indem wir unseren Mitmenschen zu mehr Lebensglück und Lebenssinn verhelfen und zur Ausbreitung des Evangeliums von Jesus Christus beitragen.

Nachfolge bedeutet, dass ich Jesus Christus in mir Raum gebe, damit er durch mich wirken kann. Ich will ihm treu und seinen Worten gehorsam sein. Das ist ein freiwilliger Verzicht auf Autonomie und Herrschaft und ist ein Lernprozess. Dieser Prozess des Entsagens und der Selbstverleugnung fällt uns oft schwer. Jesus spricht vom Kreuz, das wir auf uns nehmen müssen. Die Versuchung, das Kreuz nicht auf uns zu nehmen, den Weg nicht konsequent zu gehen, ist groß. Damit besteht für den Gläubigen immer wieder die Gefahr des Rückfallens in das alte, nicht erneuerte Leben. Hier beginnt die Wachsamkeit, die Risikokontrolle.

Dem Hauptrisiko begegnen wir in Satan, dem Gegenspieler Gottes. Satan ist eine Realität. Er wird in der Bibel an 42 Stellen beschrieben als Teufel und als Tier (Offenbarung). Der Spielverderber Gottes hat nur ein Ziel: Den Glauben an Jesus Christus zu verhindern und den Gläubigen von seinem Glauben abzubringen3. Er ist der Versucher, der Lügner und der Ursprung für Verwirrung und jeden Zweifel.

Wachsamkeit (die Risikokontrolle) ist nichts anderes als die Entwicklung der Fähigkeit, mit Hilfe des Heiligen Geistes und durch Gebet, Satan und sein Wirken zu erkennen.

Ich fasse zusammen: Auf die biblische Bedeutung des Themas Unabhängigkeit bin ich gestoßen, als ich Unabhängigkeit für meine Firma begründen musste. Ich habe Unabhängigkeit als Veränderungsprozess dargestellt, der Erneuerung, Wachstum und Risikokontrolle umfasst. Diese drei Merkmale habe ich in der Bibel wieder gefunden; sie umfassen Wiedergeburt, Nachfolge und Wachsamkeit. Meine Kernaussage ist: der biblische Glaube, in dessen Zentrum Jesus Christus steht, schafft eine innere und äußere Freiheit und ist Voraussetzung für echte Unabhängigkeit und damit für ein sinnerfülltes Leben.

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Der Vortrag ist auf Audiokassette (Nr. 5440) oder CD (5535) erhältlich bei Coba communication, Tel. +41 (0)62 771 72 38 oder www.medienshop.ch.

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11. Petrus, Kapitel 1, Satz 3; Titus, Kapitel 3, Satz 5; Römer, Kapitel 12, Satz 2; Matthäus, Kapitel 19, Satz 28

2Markus, Kapitel 4, Satz 26

3Lukas, Kapitel 8, Satz 12


Der Autor

Dr. Bernard A. Siegfried

Dr. Bernard A. Siegfried

CH-Zofingen

war fast 40 Jahre im gleichnamigen Pharmaunternehmen tätig, wo er von 1975-2000 die operative Führung inne hatte und von 1998 bis Mai 2003 Präsident des Verwaltungsrats war. Dr. B. Siegfried ist verheiratet mit Theres Siegfried, hat drei Söhne und sieben Enkelkinder.

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