

Begriffe haben oft eine im Wort selbst und seiner Geschichte gelegene Eigen- Aussage. Das Wort ‘Person’ leitet sich vom lateinischen Wortstamm ‘per-sonare’ (hindurch-tönen) ab. Die ‘persona’ war im griechisch-römischen Theater eine Charakter-Maske, die sich der Schauspieler aufsetzte und durch die er ‘hindurch-sprach’. Die Maske charakterisierte also eine Figur, deren Gesicht dem Publikum bekannt war. Als Lehnwort wurde der Begriff ‘Person’ in den modernen Sprachen entindividualisiert. Unsere Sprache formte deshalb den Begriff ‘Persönlichkeit’, wobei die Endung ‘-keit’ Prinzipien, Standards, Vorbildfunktionen charakterisiert wie z.B. Höflichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit usw. Der Begriff ‘Person’ bedeutet heute soviel wie Individuum, Mensch, Teilnehmer und wird so zur statistischen Größe.
Den Begriff Persönlichkeit aber füllen wir mit unseren (eigenen) Qualitätsansprüchen und -Vorstellungen. Wie entsteht diese? Die Persönlichkeits- Struktur ist die Summe aller genetischen (durch die Erbmasse bedingten) und lebensgeschichtlichen Prägungen. Wahrgenommen wird sie insbesondere in ihrer Wirkung auf den Mitmenschen innerhalb eines sozialen Gefüges. Bereits im 5. Jahrhundert definierte Augustinus Persönlichkeit und damit Identität als «die Summe der Erinnerungen ». Das kreative Umsetzen der Erinnerungen als Charakteristikum von Persönlichkeit bringt schon die griechische Mythologie zum Ausdruck: So heißt die Mutter aller (künstlerischen) Fähigkeiten ‘Mnemosyne’, ein Name, der den griechischen Begriff für Erinnerung in sich schließt. Ana- Mnesis ist für Platon ‘die Erinnerung an das Wissen, das die Psyche in sich trägt’.
Für meine Identität entscheidend ist also die Frage, von welchen prägenden Faktoren ich mich beeinflussen lasse. Wir kennen den Verlauf der Persönlichkeits- Entwicklung mit ihren Gesetzmäßigkeiten und Spielbreiten: Vererbung, Prägung, Modell-Lernen, Sozialisation (Beruf, Gesellschaft, Familie, Jugendgruppe usw.). Daraus resultiert eine vitale Kompetenz, die sich aus intellektueller und emotionaler Kompetenz zusammensetzt (vgl. dazu die Begriffe IQ und EQ). Auf diese Kategorien beschränkt sich das naturwissenschaftliche Menschenbild mit den Dimensionen ‘Soma’ (Körper) und ‘Psyche’ (Verstand und Gemüt).
Dagegen zeigt das biblische Menschenbild für uns Menschen eine dreidimensionale Struktur, in der unsere Kreatürlichkeit von der geistlichen Dimension (‘Pneuma’) mitgeprägt wird. Unser Schöpfer und Gott hat uns auf ‘Ebenbildlichkeit hin’ erschaffen, was uns zur Kommunikation mit ihm befähigt. Aus der bewussten Pflege dieser Beziehung resultiert eine spirituelle Kompetenz, in der wir eine übergeordnete geistliche Identität gewinnen. Der zu postulierende ‘spirituelle Quotient’ (SQ) ist somit ein Geschenk Gottes, das als geistlicher Reifungsprozess unsere Persönlichkeits- Strukturen zur ‘integralen Persönlichkeit’ formt. Ein chrakteristisches Beispiel ist der Appell Gottes an Abraham: «Wandle vor mir und sei ein Ganzer»1 (ein Vollständiger in Gottes Obhut). Damit wurde er zur ‘integralen Persönlichkeit’, deren ‘IQ’ und ‘EQ’ von der spirituellen Kompetenz-Gabe Gottes zur Ganzheitlichkeit geformt wird. Dabei geht es nicht um eine unbestimmte ‘Höhere Kraft’, sondern um den einen Schöpfer-Gott, zu dem wir in Jesus Christus eine personale, Identität formende Beziehung aufbauen können. Die schematische Gegenüberstellung einiger Verhaltens-Muster veranschaulicht die Defizite einer sich allein aus den vitalen Möglichkeiten heraus entfaltenden ‘partialen Persönlichkeit’, deren Identität nur von den natürlichen Möglichkeiten geprägt wird (Tabelle 1, siehe pdf-Datei).
Bei der Persönlichkeits-Entwicklung und Identitäts-Gewinnung können zwei Hauptlinien unterschieden werden: Bei der im zweiten Schema (Tabelle 2, siehe pdf-Datei) dargestellten Entfaltung spielen die individuellen Faktoren die Hauptrolle, während Tabelle 3, siehe pdf-Datei, die kollektiven Strukturen aufzeigt, in die wir hineingeboren werden. Die Stadien der psychosozialen Entwicklung sind in ihrer Polarisierung dargestellt, wobei sie auch in der zeitlichen Längsachse fördernde und hemmende Einflüsse aufeinander ausüben. Dies führt zu der bekannten Einmaligkeit eines jeden Menschen, der je nach seiner persönlichen Beziehung zu Gott mit einer entsprechenden spirituellen Kompetenz ausgestattet wird.
Bedeutungsvoll ist auch die vorgeburtliche Prägung, vor allem im letzten Drittel der Schwangerschaft: In dieser Zeit übernimmt das ungeborene Kind die ‘Mutter-Sprache’ und erlebt die mütterliche Emotionalität. Bekannt ist, wie insbesondere Musik /Gesang aufgenommen wird. Hervorzuheben ist für die Persönlichkeits-Entwicklung die soziale Kompetenz, die vor allem in den ersten fünf Lebensjahren strukturiert wird. Prinzipiell ist sie aber ein Teil der vitalen Kompetenz, insbesondere als Faktor des ‘EQ’. Dank der (auch im reiferen Alter noch erreichbaren) spirituellen Kompetenz gewinnt ein Mensch, der in einer bewussten Beziehung mit Gott und Jesus lebt, eine neue Dimension im Leben, insbesondere eine Gewissheit um Ursprung, Sinn und Ziel des Lebens.
Die erwähnten pränatalen Erinnerungen führen uns zum Thema der kollektiven Strukturen, von denen wir in abnehmender Intensität beeinflusst werden (Tabelle 3, siehe pdf-Datei). Es ist das geschichtlich- soziale, religiöse und politisch- wirtschaftliche Umfeld, in das wir hineingeboren werden, in dem wir unser Leben entfalten. Die daraus resultierenden Identitäten weisen insbesondere ein erhebliches, aber unterschiedliches Aggressions-Potenzial auf, das in der ganzen Weltgeschichte, groß- wie kleinräumig aufflammt: Nord-Irland, Baskenland, Ex-Jugoslawien, Ex-Sowjetunion, Kosovo; Stammes- Konflikte in Afrika usw. Analoge Impulse, aber ohne Aggressions-Problematik finden sich auch in Gründungen von Vereinen und/oder Verbindungen (so im Appenzeller-/Berner-/ Bündner-Verein in Zürich und auch den landsmannschaftlich organisierten Vertriebenenverbänden in Deutschland) zur Pflege ethnisch-kultureller Identität.
Welche Funktion hat hier die christozentrische, spirituelle Kompetenz? Entscheidend ist, dass Menschen mit den unterschiedlichsten natürlichen Identitäten, aber mit der integralen, übergeordneten Identität, ‘ein von Gott geliebtes Geschöpf zu sein’, friedfertig und in echter Toleranz (aus der Liebe Gottes: Agape) miteinander umgehen können.
Diese vom Geist Gottes mitgestaltete Persönlichkeit gewinnt eine umfassende innere Freiheit, unabhängig von den äußeren Bedingungen. Die Entwicklung zur integralen Persönlichkeit ist somit ein lebenslanger Prozess. Mögen ethnisch-kulturelle Unterschiede noch so groß sein, in der Verwirklichung der geistlichen Dimension gelten für alle Menschen die gleichen Kriterien: Es geht um die ganzheitlich praktizierte Beziehung zu dem Gott, der in Jesus Christus, der vollkommen integralen Persönlichkeit, für ‘Herz und Verstand’ begreifbar wird . Dabei dürfen Erfahrungen aus der Kommunikation und Erkenntnisse aus wissenschaftlichem Denken nicht gegeneinander ausgespielt werden, denn sie ergänzen sich, sind in sich selbst aber inkompatibel (Liebe ist nicht messbar wie ein Gewicht). Der bewusste Christ gewinnt dadurch als Persönlichkeit Fähigkeiten wie Liebe (Agape), Vergebung, Dankbarkeit, Vertrauen; also Begabungen, die ihn mit dieser spirituellen Kompetenz und mit seiner ganzen Vitalität zu einer integralen Persönlichkeit werden lassen.
Fazit: Weil Jesus Christus Gottes Sohn UND zugleich Modell des wahren Menschen ist, brauchen wir ihn, um DIE integrale Persönlichkeit zu werden, die Gott bei unserer Menschwerdung gemeint hat. Da Gottes Liebe aber nie Zwang ausübt, sind entsprechende Schritte unsererseits erforderlich.
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1 1. Mose, Kapitel 17, Satz 1 (Elberfelder Übersetzung mit Studienbibel: Ich bin Gott, der Allmächtige. Lebe vor meinem Angesicht, und sei untadelig! Sei ganz <mit mir>)

CH-Winterthur
Spezialarzt für Innere Medizin FMH; Mitglied des leitenden Ausschusses des christlichen Welt-Ärzte-Verbandes, ehemaliger Kantonsrat (Landtags-Abgeordneter), verheiratet mit Annie Gottschall-Graber, vier erwachsene Kinder.