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Die IVCG

 
Ausgabe 05/03 

Fataler Wettbewerb oder falsche Priorität?

 

Als Jugendlicher habe ich an etlichen Ruderregatten teilgenommen. Es waren zwar Wettkämpfe, aber es ging nicht darum einen anderen zu übervorteilen, gar K.O. zu schlagen, sondern einfach darum, besser zu sein. Dieses Bessersein erfolgte im Team. Jeder in der Mannschaft war auf den anderen angewiesen. Ein Sieg war nur möglich, wenn das harmonische Zusammenspiel im Boot klappte.

Als ich mit 33 Jahren Unternehmer wurde, merkte ich, dass es im Grunde nicht anders war. Ich versuchte besser zu sein als meine Mitbewerber, aber ich konnte und wollte keinen der Konkurrenten direkt angreifen. Ich wollte, dass die Kunden eine bessere Leistung erhielten. Dies funktionierte aber nur, wenn das Team in meinem Verlag gut zusammenspielte. Keine internen Reibereien durften die Kraft und deren Fluss stören. Genau wie damals im Boot lag im Miteinander die bessere Leistung.

Wir verlegten damals Fachzeitschriften. Neidvoll blickten manche auf die Verbandsblätter, die sich als Organ irgendeines großen Industrieverbandes keine Sorgen zu machen brauchten. Doch diese Zeitschriften wurden bald langweilig. Niemand wollte sie lesen; weil nicht der Kunde im Mittelpunkt stand, sondern der Verband, von dem das Geld kam. Die Reihenfolge war in das Gegenteil verkehrt. Diese Zeitschriften druckten nicht mehr das, was die Kunden lesen wollten, sondern was der Verband mitteilen wollte. Und ich meine, dass dies auch heute eines der Probleme in vielen Betrieben ist. Sie fragen nicht mehr nach dem Kunden, sondern nach dem Kapitalgeber. Der Kunde degeneriert als Mittel zum Zweck für die Kapitalrendite, statt dass das Kapital als Mittel dient, um die Marktbedürfnisse der Kunden zu befriedigen. Und dort wo dieses Prinzip zu herrschen beginnt, wo alles getan werden muss, damit der Quartalsprofit stimmt, um ja nicht im Aktienkurs abzurutschen, wird das Klima rauer, die Abläufe hektischer, die Vorgaben unbestimmter, das Vertrauen in die Zukunft geringer, weil die Perspektiven kurzatmiger sind.

Wir meinen, der Wettbewerb trage die Schuld. Doch der bewirkt nur die bessere Leistung für den Kunden. Manche verteufeln die Marktwirtschaft. Doch der Markt ist nur der Ort, auf dem sich freie Menschen zu einem Leistungsaustausch treffen. Das bedeutet aber, dass der Einzelne nicht nur in seinen Entscheidungen frei ist, er ist auch verantwortlich. Der Marktpartner trägt die Verantwortung, Leistungen anzubieten, die andere brauchen, und er erwirbt von anderen nur die Leistungen, die er gebrauchen kann.

Wo also liegt das Negative, wo muss die Kritik ansetzen? Sie liegt in der Priorität. Was hat Vorrang im Denken und im Handeln? Die Wünsche und Anforderungen des Kunden, oder der Wunsch Geld zu machen, egal wie. Dieses «Geld egal wie» dominiert heute unsere Zielsetzung. Darin verbirgt sich auch ein auf sich selbst gerichtetes Denken und Handeln. Aber ein nur auf sich selbst gerichtetes Sein verträgt sich nicht mit einer menschlichen Gemeinschaft. In unserer Gemeinschaft kommt es auf die Beziehung zum Anderen an. Wirtschaft ist Gemeinschaft. Marketing und Service die konkrete Form. Im Markt findet Gemeinschaft statt. Nicht also der Markt ist das Übel, sondern die Denkweise.

Wir alle brauchen Einkommen und dies verdient man auf dem Markt, d.h. wenn andere unsere Leistungen freiwillig erwerben. Aber – noch einmal aus der Sicht des Unternehmers gesprochen – dieses Einkommen ist das, was übrig bleibt. In der Fachsprache nennt man es Residualeinkommen. Es bleibt übrig, von dem, was der Kunde zu zahlen bereit ist, abzüglich des Aufwandes. Je zementierter jedoch die Vorstellungen über die Höhe des Residualeinkommens sind, je weniger es als das Residuum verstanden wird, desto härter sind die Bedingungen.

Mit 52 verkaufte ich meinen Zeitschriftenverlag. Der Markt war übersättigt, ich kam mir in meinen Leistungen überflüssig vor. Der Käufer des Verlages sah nur den Umsatz und das Ziel einer 20-prozentigen Rendite. Die war nicht realistisch. Er ist damit gescheitert. Es war ihm auch egal, was er verlegte, wenn nur die Kasse stimmte. Und die verschlechterte sich erheblich, denn für die Mitarbeiter war nicht mehr der Kunde wichtig, sondern die für die Zentrale abzuliefernden Zahlen.

Über diesen Zusammenhang habe ich viel nachgedacht. Und es wurde mir klar, dass das Leben nicht anders ist. Der Mensch ist als ein Wesen geschaffen, das nur in Beziehung leben kann. Und wenn er diese Beziehung zerstört, weil er nur sich selbst im Zentrum sieht, dann zerstört er sich selbst.

Jesus kommt es auf die Prioritäten in unserem Leben an. Wenn er sagt: «Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch alles andere zufallen», dann ist damit nicht ein Schlaraffenlandmythos gemeint, sondern die Priorität in unserem Denken. Denn was ist das Reich Gottes? Es ist die auf Liebe gründende Gemeinschaft mit Gott und mit Menschen. Gemeinschaft genießt Vorrang vor egoistischen Zielen. Sind wir mit Gott im Reinen, so ist die Grundlage für ein besseres Miteinander geschaffen. Besteht sie, so können die Probleme und Hindernisse im alltäglichen Leben besser gemeistert werden. So bewirkt ein Vertrauen zu Gott und die daraus folgende Priorität im Denken auch eine reale Veränderung in dem profanen Umfeld der alltäglichen Sorgen. Jesus bringt es auf den Punkt: «Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon.»

An sich wäre Geld ein neutrales Gut. Geld ist ein Tauschmittel. Waren lassen sich schwer tauschen, aber Geld in seiner Teilbarkeit und Akzeptanz kann zum Tausch von jeder Ware oder Leistung gebraucht werden. Weil man mit Geld fast alles erwerben kann, setzen wir alles für dessen Erwerb ein. Und somit schiebt sich – unmerklich, aber nachhaltig – Geld als primäres Ziel des beruflichen Handelns ein. Die Berufung für eine Leistung an andere kommt zu kurz. Wir begeben uns unter den Druck der Anerkennung und des Geldes. In dem Moment werden sie zu unseren Tyrannen.

Dies ist mit allem so. Als die Kommunisten die Materie als einzigen Wesensgrund verstanden und durch die Materie unser ganzes Sein bestimmt sahen, als also die Materie zum Gott wurde, versank das kommunistische Riesenimperium in materieller Not, obwohl es über alles verfügte; über ausgebildete Menschen, über Rohstoffe, fruchtbare Böden und alle nur erdenklichen Klimazonen. Als die Nationalsozialisten Blut und Boden als Grundlage erkoren und die Macht vergötterten, versank Europa in einem Blutbad. Deutschland verlor so viel Boden wie nie in der Geschichte und es war ohnmächtig wie nur wenige Völker es erlebten.

Mit unseren individuellen Göttern wie Geld, Anerkennung beziehungsweise Macht und Sexualität geht es uns nicht anders. Verlieren sie ihren dienenden Charakter, dann berauben wir uns des Sinns.

Es ist bemerkenswert, dass der Wettbewerber uns zwingt, beste Leistung für den Kunden, bestes Angebot für den Mitarbeiter usw. zu bieten, wenn wir selbst ein Einkommen erzielen wollen. Der Monopolist kennt diesen Druck nicht. Er ist alleiniger Anbieter, deshalb kann er Qualität, Menge und Preis allein bestimmen. Er muss nicht auf das Wohl des Kunden schauen; es reicht, nur sein eigenes im Auge zu behalten. Die Umstände ermöglichen es ihm, sich egoistisch zum Schaden seines Gegenübers zu verhalten.

Das ist wichtig zu wissen, denn das Böse dieser Welt wurzelt im Egoismus. Monopole sind deshalb in einer freien Ordnung verboten. Denn ungehemmter Egoismus wirkt zerstörend. Und weil Gott Leben geschaffen hat, nicht nur Wirtschaftsleben, will er, dass wir uns nicht auf uns selbst ausrichten, sondern auf den Anderen. Er will nicht, dass wir das Leben zerstören. Das Gebot der Nächstenliebe wirkt lebenserhaltend, es beinhaltet keinen abgehobenen Idealismus.

Als der Mensch sich im Garten Eden von Gott trennte, weil er ihm gleich sein wollte, zerstörte er die Beziehung zum Schöpfer, d.h. das Leben im Bereich der Ewigkeit Gottes. Der Tod regierte die Welt. Der Mensch hätte so in Sinnlosigkeit verzweifeln müssen.

Handelt es sich vielleicht um eine Gnade Gottes, dass wir gezwungen sind zu arbeiten, um leben zu können? Dieser Druck zwingt uns dazu, für Menschen Leistungen zu erbringen, die uns sonst egal wären. Je besser es uns gelingt, solche Leistungen zu erbringen, desto mehr Sinn erfahren wir im Leben. Arbeit ist sinnstiftend. Sie ist es, weil der Blick von uns weg auf den Anderen gerichtet ist. Aber auch hier gilt das bereits Erkannte. Wird Arbeit zum Selbstzweck, soll sie nur uns selbst dienen, zerstört sie. Der Workaholic zerstört sein Leben in der Familie, im Freundeskreis und nicht selten auch im Betrieb. Dort, wo wir die Beziehung stören, weil wir um uns selbst kreisen, erstirbt das Leben. So ist das Leben mit Gott erstorben, weil wir statt die Beziehung mit Gott, um uns selbst zu kreisen wählten. Er hingegen wählte uns. Das Einmalige biblischer Offenbarung liegt darin, dass Gott sich selbst gegeben hat, um diese Beziehung zu heilen. Er hat sich in Jesus gegeben, um den Tod zu besiegen. Er hat auf alle Macht verzichtet, weil Liebe Leben schafft und nicht Gewalt.

Kann es nicht sein, dass uns der wirtschaftliche Alltag so ein Stück biblische Botschaft vermittelt? Kann es nicht sein, dass wir durch das falsche Setzen von Prioritäten des Sinnes nicht nur in der Arbeitswelt verlustig gehen, sondern im Leben? Kann es nicht sein, dass das Leben mehr ist als nur materielle Versorgung, gesellschaftliches Ereignis, kultureller Genuss und körperliches Wohlbefinden? Empfinden nicht manchmal Menschen, die allem verlustig gegangen sind, dass es noch andere Dimensionen des Lebens gibt? Lehrt uns der wirtschaftliche Wettbewerb nicht auch, dass wir verantwortlich für unser Denken und Handeln sind, verantwortlich gegenüber unseren Partnern auf den Märkten, den Kunden, den Mitarbeitern, den Kapitalgebern und Lieferanten? Und hört da die Verantwortung auf, oder fängt sie dort überhaupt erst an? Zum Beispiel gegenüber dem Nächsten, auch wenn er nicht Kunde, Chef oder Kreditgeber ist – und gegenüber Gott! Und setzen wir nicht in unserem persönlichen Leben die Prioritäten falsch, wenn wir meinen, wir seien nur uns selbst verantwortlich?


Der Autor

Ingo Resch

Dr. Ingo Resch

D-Gräfelfing

Verleger von Sach- und Fachbüchern

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