

«Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.» So lautet die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Art. 1 der UNO-Charta).
Aus der Logik der gleichen Rechte folgt die Regel, dass das individuelle Recht auf Freiheit dort endet, wo sie die Freiheit des anderen beeinträchtigt. Jeder hat seinen Raum der Freiheit, über den er selbst verfügen kann, und darüber hinaus gemeinsame Räume, über deren Verwendung man sich mit anderen verständigen muss. Doch wie unterschiedlich werden diese Grenzen erlebt oder auch als bedrängend erfahren!
Neben den persönlichen Aspekten der Freiheit wird diese in erheblichem Maß von den jeweiligen materiellen, politischen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen geprägt. Ist Freiheit nun primär durch die äußeren Umstände, unter denen wir leben, begrenzt? Oder inwieweit sind wir Menschen in der Lage, unabhängig davon in Freiheit zu leben? Diese Frage stellt sich doch nur, weil sich menschliches Leben nicht im Instinktiven und Triebhaften erschöpft, sondern weil es immer um ein Ziel, einen Sinn geht. Und sie wird darin konkret, ob der Einzelne diese Verantwortung selbst wahrnimmt oder ob er sie anderen überlässt. Dass die Alternativen im deutschsprachigen Europa andere sind als beispielsweise in Südafrika, ist allen bewusst. Und doch beweist das Leben eines Nelson Mandela, dass es sich lohnt, sich nicht mit dem Vorgegebenen abzufinden und den Traum der Freiheit nicht aufzugeben. Er gewann am Ende nicht nur seine äußere Freiheit, sondern trug wesentlich zum Weg der Versöhnung unter den Volksgruppen in seinem Land bei. Man konnte ihm seine innere Freiheit nicht nehmen.
Ich bin in einem Land aufgewachsen, dessen politische Ideale die der Freiheit waren. Sozialismus, ja Kommunismus – sind das nicht wunderbare Modelle? Die Geschichte zeigt; zu schnell wurden sie von der Realität eingeholt. Machtbestrebungen einzelner Gruppen gewannen die Oberhand, denn ihre Vertreter waren letztlich im Innersten nicht frei, den Verlockungen der Macht zu widerstehen. Waren sie nicht angetreten, die unterdrückten Massen vom Diktat des Kapitals zu befreien? Befreiung zum Leben? Im damaligen Sprachgebrauch «zur Befriedigung aller materiellen und kulturellen Bedürfnisse»? An dieser Stelle haben die meisten Menschen einen merkwürdigen Hang zur Blindheit entwickelt, deren Folgen umso weitreichender sind, je größer der Einfluss einer Persönlichkeit ist. Das Scheitern ist tief und bis heute nicht wirklich verarbeitet, so dass vielen die sozialistischen Ideale nach wie vor als erstrebenswert gelten. Wem ist bewusst, dass dieses Gedankengebäude ein atheistisches Wertesystem als Fundament hat? Die Frage der Verantwortung des Geschöpfs vor seinem Schöpfer wird in unserem «noch christlichen Europa» immer weniger gestellt.
Die menschliche Freiheit, so wie sie in der Schöpfung in uns hineingelegt wurde, bedeutet, dass ich handeln und zwischen sich bietenden Alternativen frei wählen kann und damit Gestalter meiner Zukunft bin. Wichtig ist die Erfahrung, dass der Wille – eben der freie Wille – die Wahl zwischen den Möglichkeiten erst eröffnet. Dabei ist es nicht gleichgültig, was gewählt wird. Entscheidungen fallen auf der Grundlage eines verinnerlichten oder aufgezwungenen Wertesystems. Unser Leben ist eingebettet in ein inneres und ein äußeres Milieu. Es ist immer eine Frage, welche Freiheit der Wahlmöglichkeit in der konkreten Situation für den Einzelnen tatsächlich besteht. Es ist eine Illusion, zu meinen, wir könnten uns diesen Entscheidungen entziehen, es wären allein die Umstände, denen wir nun einmal ausgeliefert sind. Nein, Entscheidungen gehören zu unserem Leben und sind die kleinen Schritte auf dem Weg zu unserem Menschsein, zum Ziel unseres ganz persönlichen Lebens.
Erfahre ich aber die sich bietenden Herausforderungen nicht oftmals auch als Last, so dass ich die Entscheidung und damit auch die Verantwortung sogar gern anderen Personen oder Umständen überlasse? Freiheit wozu? Könnte es sein, dass die Vielbeschäftigten unter uns, die auch Sonntag, Urlaub und andere arbeitsfreie Stunden mit Aktivitäten füllen, dieser Sinnfrage einfach nur davonlaufen? Oder meinen sie, die Erfüllung des Lebens bestünde darin, alles mitzunehmen und sich gleichzeitig alles offen zu halten? Vielleicht so lange, bis die Umstände eintreten, die uns endlich ein Leben in Freiheit ermöglichen? Hat sie nicht doch viel mehr mit mir selbst zu tun, diese Erfahrung der Freiheit, als ich mir das im ersten Moment eingestehen möchte?
Bereits in der griechischen Philosophie wurde der Weg beschritten, die Freiheit vorerst als einen politischen Begriff zu definieren, um ihn dann immer mehr zu verinnerlichen. Sokrates bezeichnet den Menschen als frei, der gerecht, tugendhaft und königlich ist. Platon führt dies noch weiter in der Aussage: Der Mensch ist wahrhaft frei, der sich nicht von außen beherrschen lässt, sondern der über sich selbst herrscht und dabei auch die Höhen und Tiefen des Menschseins kennt. Dabei wird das Wort Autarkie gebraucht, d.h. ein Mensch, der sich selbst kennt, der innerlich frei ist, der in sich ruht.
Die Lösungswege, die Philosophie, Psychologie, Theologie, nichtchristliche Religionen und Ideologien anbieten sind vielfältig, und viele ihrer Modelle erscheinen logisch, attraktiv, nachahmenswert. Für mich ist an dieser Stelle das Angebot des christlichen Glaubens eine echte Alternative. Nicht als ein weiteres Modell mit Ordnungscharakter, das auf alle Fragen des menschlichen Miteinanders abrufbare Antworten parat hält. Das im Weiteren Regeln aufstellt, die es einzuhalten gilt, um zur Freiheit zu gelangen, sondern als das Angebot der persönlichen Beziehung zu unserem Schöpfer. Er hat uns dazu geschaffen, in Freiheit zu leben. Eine Freiheit, die mich befähigt, dort wo ich bin, zur rechten Zeit das Rechte zu tun. Und das nicht auf Kosten meiner Person, sondern im Gegenteil, in der Erfahrung zutiefst erfüllten Menschseins, das dann auch das Gegenüber als Bereicherung, Ergänzung, Geschenk erleben kann, nicht mehr als Bedrohung oder Konkurrent. In Jesus Christus spricht Gott, der Schöpfer des Universums jedem persönlich zu, ich habe dich aus Liebe geschaffen, du bist einzigartig, deshalb habe ich dich auch bei deinem Namen gerufen. Ich sehne mich danach, dir in Freiheit zu begegnen, dich als Mitarbeiter in meiner Schöpfung zu begrüßen, denn du bist wertvoll.
Jesus fasst das in dem Satz zusammen: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!1» Mit anderen Worten: «Lass dich einmal ganz auf mich ein; fang an, mir zu vertrauen, so wirst du Schritt für Schritt in deinem Leben innere Freiheit gewinnen und zutiefst erfülltes, einzigartiges Leben erfahren, das auch den Anderen in seinen Bedürfnissen achten und respektieren kann.»
In der Kommunikation mit meinem Schöpfer werde ich befreit, die individuelle Kreativität zu entfalten. Die wachsende Erfahrung, dass diese Liebe mein Leben tatsächlich trägt, ermöglicht es mir, mich meinen Unfreiheiten zu stellen, sie wahr sein zu lassen und sie nicht mehr zu verdrängen, zu projizieren oder zu verharmlosen. Jesus sagt dazu: «Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien!2» Das ist der erste Schritt auf dem Weg, loszulassen, aufzustehen, Neues zu wagen, meine ureigenen Begabungen zu leben und dies genauso in der Verantwortung und Achtung jedem Menschen gegenüber. Um zur Anfangsaussage der UNOCharta der Menschenrechte zurückzukommen, sage ich im Blick auf mein Leben, dass für mich die persönliche Beziehung zu Jesus Christus die entscheidende Grundlage ist, in den alltäglichen Entscheidungen immer wieder nach der Lösung zu suchen, die den Weg in die Freiheit und das Leben eröffnet.
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1 Johannes, Kapitel 14, Satz 6
2 Johannes, Kapitel 8, Satz 32