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Die IVCG

 
Ausgabe 03/03 

In Führung gehen

 

Für jeden, der eine leitende Position in einem Unternehmen bekleidet oder selbstständig ist, besteht eine Kernaufgabe darin, Mitarbeiter zu führen. Außer, dass man in dieser Hinsicht ein Naturtalent ist, empfinden viele Führungskräfte es zuweilen mehr als anstrengend und kompliziert, jederzeit jedermann gerecht zu führen. Führende sind verpflichtet, Ziele für das Unternehmen zu erreichen und müssen hierzu oft genug ihre Mitarbeiter hart an die Grenzen ihrer Belastungsund Leistungsfähigkeit führen. Andererseits werden Chefs, die in ihren Mitarbeitern wertvolle Menschen wahrnehmen, stets versuchen, gerecht, freundlich und ihnen zugewandt zu agieren. Richtig führen heißt vor allem, das Beste für den Geführten zu wollen.

Unsere Zeit ist von großen Unsicherheiten geprägt. Umso mehr halten viele Menschen Ausschau nach Persönlichkeiten, die ein wenig Halt und Orientierung vermitteln. Kürzlich fand in Davos das World Economic Forum 2003 statt. Auf diesem jährlich wiederkehrenden Wirtschaftstreffen der einflussreichsten Bosse und Persönlichkeiten der freien Welt wurden prominente Teilnehmer nach den Lehren befragt, die sie aus der Zusammenkunft dieses Jahres gezogen haben. Dr. Heinrich von Pierer, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, begriff als wichtigste Erkenntnis, dass im übertragenen Sinne eine Renaissance des Vertrauens in die verantwortlichen Personen wichtiger sei als alles andere. Nur so könnten die globalen Systeme unserer Zeit funktionsfähig werden oder bleiben. Erstaunlich! Die alten Werte gelten immer noch. Vielleicht sind sie wichtiger denn je.

Wer aber kann den hohen Ansprüchen Integrität und Authentizität gerecht werden? Welche Führungspersönlichkeiten gelten als Vorbilder? Welche Abteilungsleiter meinen tatsächlich immer Ja und Nein, wenn sie das so sagen? Welche Chefs überfordern ihre Mitarbeiter nicht und bleiben meistens fair? Und welchen Unternehmern ist es ein aufrichtiges Anliegen, dass es ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut geht, dass sie gefördert werden und am Erfolg des Unternehmens partizipieren? Solche Führungskräfte sind doch so selten, wie kleine grüne Männchen, oder?

Eine Voraussetzung für die Qualifikation eines Leiters ist das Bewusstsein, dass man selbst auch nur ein Mensch und weder fehlerlos noch von einer unendlichen Machtfülle umgeben ist. Wer sich seiner Endlichkeit und Begrenztheit nicht bewusst ist, zählt zur Gruppe derer, die nach Gutsherrenart regieren, nämlich mit Zuckerbrot und Peitsche, frei nach Belieben, ohne irgendjemand Rechenschaft schuldig zu sein. Solche selbstherrlichen Typen können dies oft jahrelang ungestraft tun, bis ihnen eines Tages ihre Grenzen aufgezeigt werden. Inzwischen haben an einem solchen Ort viele Mitarbeiter gekündigt oder sind gegangen worden. Einem Unternehmen tut das kaum gut. Zu den Menschen, die ihre Begrenztheit angenommen haben und konstruktiv damit umgehen können, zählen vielfach Christen, die sich immer wieder Gedanken über ihre Beziehung zu ihrem Gott machen. Sie erkennen, dass sie selbst Geführte sind und widersetzen sich diesem Wissen überhaupt nicht. Sie haben verstanden, dass sie nicht alles im Griff haben können, sondern nur bis zu einer bestimmten (für jeden unterschiedlich zu definierenden) Grenze gestalten und entscheiden sollten. Den Rest «muss Gott machen», sagen sie manchmal und haben vielfach erlebt, dass ihr Gott machtvoll das letzte Wort spricht. Im Ergebnis ist dies manchmal durchaus rätselhaft, aber oft auch verblüffend erfreulich.

Eine andere Voraussetzung für gute Führung ist das positive Denken. In der Regel wollen Mitarbeiter Leistung bringen! Es ist im Normalfall nicht so, dass sie keine Lust oder kein Interesse an der Arbeit haben. Führende müssen Leistung zulassen, das Umfeld und die Möglichkeiten zur Leistungsentfaltung schaffen. Den Menschen ist heute mehr als früher der Wert ihres Arbeitsplatzes bewusst. Führende sollten es erstrebenswert finden, dass Mitarbeiter mehr Verantwortung übernehmen. Durch richtige Zielsetzung (regelmäßige, systematische Fördergespräche), Motivation, ein gutes Arbeitsklima und ausreichende Informationen können oft erstaunliche Reserven und eine hohe Kreativität aktiviert werden. Letzten Endes kommt dies allen Beteiligten und damit auch dem Unternehmen zugute. Natürlich muss auch das Einkommen stimmen, obwohl die monetäre Frage lediglich als Zufriedenheitsbasis dient und im operativen Tagesgeschäft kaum zählt.

Ein weiterer Führungsfaktor sind die Urtriebe des Menschen. Wer sie positiv nutzt, hat mehr Erfolg! Eine der stärksten Antriebskräfte, sind die Wünsche, die jeder in sich trägt. Sie sind stärker als der Wille oder die Disziplin. Richtig eingesetzt, können Führungskräfte damit Großes für sich selbst, vor allem aber für und mit Geführten erreichen. Wer darüber hinaus versteht, mit Neigungen und Begabungen sensibel, doch entschlossen umzugehen, kann große Dinge in Bewegung setzen, von denen andere Führer, die jene Mechanismen nicht kennen, nur träumen können. Wer führt, sollte die Bedürfnispyramide nach Maslow kennen (siehe reflexionen 03/03, Seite 7, pdf). Dort werden die Motive des Menschen systematisch und einleuchtend dargestellt. Wer diese für jeden Menschen zutreffenden Stufen des existenziellen Denkens versteht, kann besser führen.

Für Christen, die ihren Glauben sehr ernst nehmen, und eine Führungsposition innehaben, besteht eine große Schwierigkeit darin, mit problematischen Mitarbeitern angemessen umzugehen. Vielfach besteht die Ansicht, ein Christ dürfe nicht hart durchgreifen, keine Kündigungen aussprechen, den «Nächsten» (der zu lieben ist) nicht kritisieren usw. Dazu muss klar gesagt werden, dass personelle Probleme in einem Unternehmen die absolute und nur sehr kurzfristige Ausnahme bleiben müssen. Lässt sich ein Geführter nichts sagen oder richtet er sich nicht nach den Wünschen des Führenden, so muss auch eine Trennung erwogen und vollzogen werden. Ein Mitarbeiter muss vorrangig dem Unternehmen dienen und an dessen Erfolg interessiert sein. Dafür wird er bezahlt. Nicht etwa für häufige geistliche Gespräche, auch nicht für eine länger anhaltende, unzureichende Leistung.

Eine weiteres, oft falsch angewandtes Führungsinstrument ist das Loben. Mitarbeiter müssen unbedingt gelobt werden, es geschieht im Großen und Ganzen viel zu wenig. Aber man darf nicht zweckorientiert und berechnend loben, etwa um einen Mitarbeiter in der Firma zu halten. Am besten wirkt Lob, wenn es spontan und ehrlich erfolgt. Die Faustregel für gute Führung heißt: Umgeben Sie sich mit mündigen Persönlichkeiten. Im Kern brauchen Sie Mitarbeiter, die nicht vom punktuellen Lob abhängig sind, sondern Zusammenhänge verstehen, das Ganze sehen und sich gemeinsam mit Ihnen über Siege freuen und bei Niederlagen mitleiden. Mündigkeit erlangen Mitarbeiter dann, wenn der Führende dies im Sinne des Geführten und des Unternehmens strategisch plant und aktiv fördert.

Diese Führungsgrundsätze gelten für Christen wie für Nichtchristen. Wie und mit welchen Motiven man sie anwendet, kann allerdings entscheidend für das Ergebnis sein. Wahrscheinlich ist es im geistlichen Sinne wirkungsvoller, wenn eine glaubende Führungskraft dem anvertrauten Menschen aufrichtig zugewandt handelt. Das wird erfolgreicher sein als etwa häufig fromme Schriften zu verteilen. Die Führungsverantwortlichen werden dann auch gern nach Rat unter vier Augen gefragt und können bei der Gelegenheit überzeugend von ihrem Vertrauensverhältnis zu ihrem Gott berichten.

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1 Workshop-Buch «Mehr als nur ein Job», R. Brockhaus-Verlag, ISBN-Nr. 3-417-11290-7


Der Autor

Dieter W. Keil

Dieter W. Keil

D-Hüttenberg

Strategieberater für Unternehmen und Personen, Fachjournalist, IT-Sachverständiger, Autor eines Workshop-Buches1

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