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Ausgabe 08/08 

Statt Dauerparty und Depression: Zurück zu den Wurzeln

Herr Hahne, glaubt man Ihrem Bestseller «Schluss mit lustig», dann ist der typische Europäer ein vergnügungssüchtiger Egomane …


Hahne: …ob vergnügungssüchtig, das weiß ich nicht. Seine Egomanie kommt allerdings schon da zum Ausdruck, wo er bei allem, was seinen Besitzstand anzugreifen droht, auf stur schaltet. Der Mehr-Wert des Ichs scheint zum Maß aller Dinge zu werden, nicht der Nähr-Wert für andere.

Wenn unser Ich zum Maß aller Dinge geworden ist, sind wir selbst zur Religion geworden. Was sind denn die Gebote und die Sakramente dieser Ego-Religion?

Das erste Gebot lautet: Nimm dir vom immer kleiner werdenden Kuchen das größte Stück, auf dass es dir gut gehe, koste es für die anderen, was es wolle. Und man ritualisiert das Gebot nach dem Motto: Wenn jeder an sich denkt, ist doch an alle gedacht.


Sie schreiben, dieser «Tanz ums goldene Selbst» habe uns den Schwung genommen – gesellschaftlich und im Leben des Einzelnen. Was ist das Kraftraubende an diesem Tanz?

Dass wir die Lebens- und Veränderungsenergie an uns selbst verschwenden, statt sie für unsere Gesellschaft zu verwenden. Wer sich nur noch um sich selbst dreht, hat keine zielgerichtete Vorwärtsstrategie mehr. Ziellosigkeit führt zur Halt- und Orientierungslosigkeit.


Hat man Sie selbst eigentlich als Spaßverderber bezeichnet?


Der Titel meines Buches provoziert das ja geradezu. Und in den unzähligen TV-Talkshows, in denen ich meine Thesen verteidigen sollte, war das sozusagen der letzte Trumpf der Kritiker, der allerdings für den, der das Buch gelesen hat, nicht sticht. Ganz im Gegenteil. Ich kritisiere den selbstgemachten, sinnlosen Nonsens, der zu einer beliebigen Belanglosigkeit und banalen Oberflächlichkeit geführt hat. Spaß als Sinnkonzept ist gescheitert. Wir Menschen sind zu echter Freude erst fähig, wenn wir über Kraft spendende Wurzeln verfügen, wenn wir Identität und Persönlichkeit haben, ja wenn wir Gott ins Leben holen. Sonst pendeln wir zwischen «himmelhoch jauchzend» und «zu Tode betrübt». Wir müssen umdenken, hin zu einer Gesellschaft, die sich ihrer Werte besinnt, die noch rechtzeitig innehält und den Ausverkauf der letzten Tabus als Verlust ihrer Identität erkennt.


Ist dieser Zug nicht längst abgefahren? Unsere Gesellschaft befindet sich nach Ihrer Diagnose doch bereits zwischen Dauerparty und Depression.

Nein, aber es ist fünf vor Zwölf, also noch allerletzte Gelegenheit, auf den Zug aufzuspringen. Der Verlust der Werte hat uns erst ihren Wert vor Augen geführt. Wenn unsere Kinder uns erzählen, dass ihre Mitschüler Ramadan feiern, und uns fragen: «Und was feiern wir?», merken wir hilflos, was los ist.


In unserer Zeit scheint doch das einzig Absolute zu sein, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Woran sollen wir denn eigentlich festmachen, was allgemeingültige Werte sind?

Solche Werte müssen immer Erfahrungs- Werte sein, die über Generationen Bestand hatten und den Menschen nicht nur in guten Zeiten Hilfe und Orientierung, Ziele und Visionen gaben. Und das sind immer «Voraussetzungen, die wir uns nicht selber schaffen können,» wie es der Verfassungsrechtler Böckenförde auf den Punkt brachte. Solche Werte widerstehen der Mode und können folglich nicht dem Zeitgeist entstammen. Wir brauchen keine menschengedachte und menschengemachte Religion. Wir müssen uns nach den Werten der Ewigkeit ausrichten, wenn wir in unserer Zeit etwas ausrichten wollen. Das sind für mich zum Beispiel die Gebote Gottes.


Leider hat die Umsetzung dieser Zehn Gebote schon bei den Israeliten im Alten Testament nicht wirklich funktioniert. Müsste dazu nicht jeder Einzelne erst einmal eine ernsthafte innere Kehrtwende machen?

Natürlich – wir müssen zu Gott umkehren, wenn wir weiterkommen wollen. Nur mit erlösten Menschen, losgelöst von der jede Lebensenergie hemmenden Schuld und Selbstgerechtigkeit, lässt sich die Welt verändern. Wer Gott in die Rechnung seines Lebens einkalkuliert, kann mit Gnade, Vergebung und Barmherzigkeit rechnen. Solches Christsein befreit zu Weltverantwortung, denn wem der Himmel gewiss ist, dem ist die Erde niemals gleichgültig.


Glaube kann nicht staatlich angeordnet werden – zumindest würde das nicht funktionieren. Wenn Sie für die Rückkehr Gottes in die Politik eintreten, wie soll das aussehen?

Ich will keine Klerikalisierung der Politik – und übrigens auch keine Politisierung des Klerus, also der Kirche! Ich möchte Politiker, die um die Grenzen ihrer Macht und des Machbaren wissen und ein festes Wertegerüst jenseits einer umfragegesteuerten Stimmungsdemokratie haben.


Das deutsche Grundgesetz beruft sich ja noch auf Gott. Die Notwendigkeit eines solchen Bezugs wird aber immer mehr hinterfragt. In der europäischen Verfassung soll Gott schon nicht mehr auftauchen.

Dieser sehr wichtige Gottesbezug im Grundgesetz resultiert aus der Grunderfahrung der Kriegsgeneration: Nie wieder ein ideologischer Totalitarismus, dessen Wurzel die Gottlosigkeit ist. Diese historische Tatsache wird auch kein Atheist bestreiten können. Der Mensch muss wissen, dass er immer nur der Zweite ist, sonst ist bald der Teufel los. Gott gehört in die Verfassung – auch in die europäische!


Wenn Europa «eine Idee, eine Wertegemeinschaft, eine kulturelle Einheit» ist, für welche Werte steht Europa dann nach dieser Definition?

Es sind die Grundwerte von Menschenrecht und Menschenwürde, von Freiheit und Gleichheit – alles Werte, die aus christlichen Wurzeln erwachsen sind.


«Glaube, Liebe, Hoffnung» also als Hymne für Europa?

Mit diesem Dreiklang hat einer der großen Intellektuellen der Antike, der Apostel Paulus, seinen Fuß auf europäischen Boden gesetzt. In dieser Botschaft gründet das Wertegerüst unseres Kontinents, das uns Menschenrechte und Menschenwürde garantiert. Die Wertedebatte hinge im luftleeren Raum, wüssten wir nicht um das grundlegende Glaubensfundament, dessen beide Seiten «Wahrheit» und «Liebe» sind, ohne die es keine begründete Hoffnung für die Zukunft gäbe.


Sie sprechen vom christlichen Abendland, andere sehen den Ursprung der abendländischen Kultur im alten Griechenland. Sind die christlichen Wurzeln wirklich die entscheidenden für Europa?

Dafür gibt es zahllose praktische Beispiele in unserer Kultur, zum Beispiel das Rechtssystem. Der Schöpfungsansatz der Bibel «Der Mensch ist Gottes Ebenbild» ist kein frommphilosophisches Rankenwerk; er ist der größte Gleichheitsgrundsatz der Welt-Rechtsgeschichte: dass vor dem Gesetz alle gleich und Mann und Frau gleichwertig sind. Dass unterlassene Hilfeleistung in unserem Kulturkreis ein Strafrechtsbestand ist, gründet im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ganz zu schweigen von der Sonntagsheiligung oder dem Wert des Lebens an seinen Grenzen von Geburt und Sterben.


Christentum und antike Philosophie, Glaube und Humanismus – lässt sich da auch eine gemeinsame Wertegrundlage finden?

Das sollte man nicht vorschnell bejahen, ohne gründlich analysiert zu haben. Der christliche Glaube lässt sich nicht als Ideologie abhandeln, weil sein wichtigstes Credo lautet: Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge, er ist Geschöpf und damit seinem Schöpfer verantwortlich. Unbestritten ist, dass die genannten Denkrichtungen in vielen Fragen gemeinsame Antworten haben.


Gibt es dann so etwas wie den Meta-Wert? Einen Grundsatz, auf den sich alle verständigen könnten?

Nehmen Sie die Goldene Regel Jesu, die Menschen so zu behandeln, wie wir auch selbst behandelt werden möchten. Sie taucht in anderen Worten Jahrhunderte später auch in Kants Kategorischem Imperativ auf.


Die Goldene Regel haben wir seit zwei Jahrtausenden, den Kategorischen Imperativ seit zwei Jahrhunderten. Warum schaffen wir es dennoch nicht, das simple Grundprinzip im Alltag umzusetzen?

Genau darin liegt ja die zwingende Logik von Weihnachten und Karfreitag. Jesus Christus ist genau deshalb in die Welt gekommen und für die Welt gestorben, weil wir es eben nicht schaffen. Das idealistische Menschenbild vom eigenverantwortlichen, nächstenliebenden Humanum ist ein Trugschluss. Genau daran sind doch die Ideologien gescheitert. Christus ist das Ende der Selbstüberschätzung des Menschen.


Und woran zeigt sich, wie human eine Gesellschaft wirklich ist?

Daran zum Beispiel, wie sie mit Kindern und Alten umgeht, wie Nelson Mandela einmal sagte. Oder wie sie mit den Schwachen, den Behinderten, den Arbeitslosen und den Verlierern umgeht. Wenn wir uns da mal den Spiegel vorhalten, sieht unsere reiche Wohlstandsgesellschaft bettelarm aus: Abtreibung, Sterbehilfe, Embryonenforschung oder die Tatsache, dass man mit 40 keinen Job mehr bekommt – das sind nur einige Beispiele für diesen ganzen erbärmlichen Etikettenschwindel einer ach so – von Gott – emanzipierten und auto-humanen Gesellschaft!


Fallen Ihnen einige Vorbilder ein, die uns zurzeit wichtige Werte vorleben?

Es sind die Helden des Alltags, die unter größten persönlichen – auch finanziellen – Opfern ihren Kindern vorbildhafte Leitbilder sind: Eltern, die die Erziehung nicht an Schule oder Ausbilder delegieren, wie allzu viele das heute tun.


Wenn nur ein Leben mit klaren Werten ein Leben wertvoll macht, wie Sie es ausdrücken – wie wertvoll ist dann ein Leben ohne Gott?

So wertvoll wie ein Schatz, der noch nicht gehoben ist. So wertvoll, dass Gott nicht aufhört, nach uns zu fragen. Wertmaßstab ist ja nicht unsere Leistung, sondern Gottes Wertsetzung, indem er uns zu seinen Ebenbildern macht, wie es die Bibel schon auf den ersten Seiten beschreibt.


Auch andere Religionen beziehen sich auf Gott. Sie verweisen immer wieder auf die Bibel, die entscheidende Impulse zur Wertedebatte liefern könne. Inwiefern?

Weil die Bibel Nachrichten und Informationen enthält, die ihren Namen verdienen: Nachrichten zum Nach- Richten und Informationen, die uns in Form bringen wollen, die uns lebenstüchtig machen und uns helfen, mit den Problemen der Welt und unseres Lebens fertig zu werden. Wichtig ist, die Bibel vom Lesebuch zum Lebensbuch werden zu lassen. Mir ist sie jeden Tag eine Neuerscheinung, denn die Nachrichten von heute sind morgen schon von gestern, die Bibel bleibt brennend aktuell.


Sie zitieren häufig Jesus. Was bedeutet er Ihnen persönlich?


Er ist der glaubenswürdigste Garant für Lebenssinn, weil er als größte Provokation der Weltgeschichte («Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben ») so klein wurde, dass er in eine Krippe passte, um später in der Ohnmacht des Kreuzes seine Allmacht zu zeigen. Das kann man nicht erfinden, das muss man erleben.

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Weitere Informationen: www.peter-hahne.de

Das von Rainer Schacke geführte Interview ist im März 2007 in ungekürzter Form in der christlichen Zeitschrift «Neues Leben» erschienen. Der Nachdruck erfolgt mit Genehmigung von Peter Hahne.



Der Autor

Peter Hahne

Peter Hahne

Deutschland

ist der auflagenstärkste christliche Buchautor («Suchet der Stadt Bestes – Werte für Politik und Gesellschaft» Johannis-Verlag) im deutschsprachigen Raum, prominenter und profilierter ZDF-Moderator («Berlin direkt») und stellvertretender Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios. Der Diplomtheologe wirkt zudem seit vielen Jahren im Rat der EKD, dem höchsten Leitungsgremium der Evangelischen Kirche Deutschlands mit.

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