

Bilanzieren ist eine anspruchsvolle, emotionelle Arbeit. Management und Mitarbeiter starren mitunter gebannt auf die unterste Zeile: Was bleibt unter dem Strich? Boni und Lohnentwicklung können von dieser Zahl abhängen. Ob das Team motiviert und fleißig, das Management exzellent oder der Markt schwierig war, ist zweitrangig. Ähnlich wie beim Traubensaft die Zahl der Öchsle (Zuckergehalt) über den Wert der Ernte entscheidet, wird mit der Bilanz auch die Leistung eines Jahres objektiv und abschließend bewertet.
Die Jahresschlussrechnung besteht aus der Erfolgsrechnung und der Bilanz. Die Erfolgsrechnung erläutert Einnahmen und Ausgaben über 12 Monate und macht somit eine Aussage über Gewinn und Verlust im Betriebsjahr. Die Bilanz ist die Momentaufnahme über Vermögen und Schulden per Stichtag. Diese beiden Instrumente stellen die finanzielle Situation eines Unternehmens transparent dar. Zielpublikum für den Abschluss sind die Inhaber, die Unternehmensführung, die Mitarbeiter, potenzielle Investoren, Steuerbehörden und Banken.
Globale Aktivität, internationale Steuerharmonisierungen, umfassende Datenerfassung innerhalb der Unternehmen lassen die Rechnungslegung komplexer werden. Gleichzeitig bietet sie aber auch Spielräume, zumal die Realität immer vielschichtiger sein wird als alle erdenkbaren Vorschriften. Dass Bilanzen geschönt werden können, ist offensichtlich. Bilanzieren geschieht in Spannungsfeldern und Freiräumen von Interessen, Wahrnehmungen und Richtlinien: Welche Zeiträume wähle ich für die Abschreibung von Liegenschaften, Maschinen, ITAnlagen? Wie kann ich die Lager bewerten, nach Beschaffungskosten oder Marktwert? Welchen Währungskurs wende ich an? Gibt es Stärken wie Patente, Umweltschutz, Motivation der Mitarbeiter, wachsende Märkte, soziale Verantwortung, die nicht in Zahlen abgebildet sind? Soll man das gerecht kompensieren?
Wer mit Messern arbeitet oder mit Autos unterwegs ist, ist eine potenzielle Gefahr für die Gesellschaft. Das macht aber weder Messer noch Autos zu kriminellen Werkzeugen. Wer mit Bilanzen arbeitet, hat ebenfalls Optionen. Die Beispiele sind berühmt und können beliebig ergänzt werden: Enron, Parmalat, WorldCom, Arthur Anderson. Waren die Motive Bereicherung, Ängste vor den Investoren, beste Absichten für das Unternehmen?
Bilanzen zeigen ein Bild der Vergangenheit, werden aber auch für zukünftige Projektionen und Entscheidungen genutzt. In der Interpretation öffnen sich neue Freiheitsgrade. Wie interpretiere ich Abweichungen zum Vorjahr? Welche Trends sind maßgebend? Woher werden zukünftige Gewinne kommen? Gibt es strategische Optionen? Sind wir langsamer als der Markt gewachsen, haben wir Marktanteile verloren? Sind wir überschuldet? Haben wir über die Verhältnisse gelebt? Ist Verzicht angesagt? Warnungen oder gar Verzicht und Abbau laufen dem Instinkt des Unternehmers oft völlig entgegen, doch dieser wird seine Wahrnehmung prägen.
Das Profil des typischen Bilanzfälschers ist nahe an dem des erfolgreichen Managers: Gut ausgebildet, ehrgeizig, häufig männlich, zumindest nach außen ‘erfolgreich’. Der Revisor hat ein anderes Profil, er muss Normen durchsetzen und damit faires Spiel ermöglichen. Schiedsrichterentscheide können Spiele entscheiden und werden entsprechend emotionell diskutiert. So kann auch über die Verantwortung und Haftung der Revision trefflich diskutiert werden. Pfeift sie zu eng, kann sie den Ruf des Unternehmens bei Banken und privaten Investoren schädigen; pfeift sie zu weitherzig, können dieselben ebenfalls geschädigt werden. Das Abwarten, Vorteil laufen lassen und im exakt richtigen Moment eingreifen ist letztlich eine Kunst, auf keinen Fall aber eine exakte Wissenschaft.
Bilanzen können mit Tricks scheinbar gerettet werden. Schutz und Sicherung vor Fälschung und Missbrauch ist nicht zu haben. Letztlich lebt die Bilanz davon, dass alle Beteiligten nach bestem Wissen (Sachverstand) und Gewissen (gefestigter Charakter) handeln. Jedermann akzeptiert, dass eine interne Buchhaltung in einer zweiten Phase extern kontrolliert wird, damit die Bilanz möglichst klar und wahr wird.
Wie sieht es eigentlich mit meinem persönlichen Abschluss für 2007 aus?
Habe ich darin Normen und Professionalität erfüllt? Habe ich wesentliche Ziele erreicht? Habe ich meine Eckdaten beschönigt oder bin ich bereit, alle Masken abzulegen; ungeschminkt, echt, transparent und nachvollziehbar zu sein, wie ich es mir von einer Bilanz wünsche? Bin ich bereit, meine Bilanz durch objektive Fachspezialisten prüfen zu lassen? Wo besteht der Handlungsbedarf für das nächste Jahr? Wenn ich heute nicht nur eine Zwischenbilanz 2007, sondern eine abschließende Bilanz über mein Leben ziehen müsste, was hätte dann noch Gewicht: Mein Konto, die Beziehungen; die Liegenschaften und die Autos; der Weinkeller, die Zigarren, die Anzüge?
Der aufgeklärte Mensch der Postmoderne ist tolerant und offen, auch mit sich selber. Gott aber sieht das möglicherweise anders. Er wird dereinst nach seinem Ermessen richten.1 Hinweise auf andere, die es schlimmer trieben, eigene gute Taten und sogar Spenden verlieren dann an Kraft.
Die Bibel berichtet von einem Kornbauern. 2 Der Erfolg stieg ihm zu Kopf. Für die wachsende Ernte sah er nur eine Möglichkeit: größere Scheunen. Zu teilen, zu verschenken war kein Thema, sich mit der kleineren Menge zufrieden geben war auch keine Option. Schließlich, als auch die größte Scheune voll war, fühlte er sich am Ziel seiner Träume: Jetzt kann das Leben beginnen! Gottes Antwort darauf: «Du Narr, noch diese Nacht wirst du sterben und dein Besitz wird anderen gehören.» Die Lehre daraus folgt im gleichen Abschnitt: «So wird es allen gehen, die auf der Erde Reichtümer sammeln, aber mit leeren Händen vor Gott stehen.»
Gestehen wir uns gegenseitig die Kontrollfrage zu: Du Narr, hast du heute im Angesicht der Vergänglichkeit die richtigen Prioritäten gesetzt oder war all dein leben nur ein Haschen nach Geld, Prestige, Macht und Image?
Die Gesamtheit der Bibel ist ‘Evangelium’, eine ‘gute Nachricht’. Es gibt Wege aus dem Dilemma des Kornbauern in ein erfülltes Leben. Jesus3 sagt von sich, er selber sei dieser Weg und dieses Leben und die Wahrheit. Nicht einfach zu verstehen. Vielleicht ist die Option ‘Jesus prüfen’ ein lohnender Vorsatz für 2008. Verlieren kann man dabei nichts, nur gewinnen. Meine Frau und ich entschieden uns nach langen Widerständen für diesen Weg. Er wurde zum reinen Aktivposten. Die IVCG und ähnliche Organisationen können dabei wegweisend sein. Ich wünsche uns allen den Mut für eine ungeschminkte Lebensbilanz.
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1Hebräerbrief, Kapitel 9, Satz 27: «Jeder Mensch muss einmal sterben und kommt danach vor Gottes Gericht.»
2Lukas, Kapitel 12, Sätze 16-21
3Johannes, Kapitel 14, Satz 6

CH-Sisseln
verheiratet mit Ulrike Kägi, drei erwachsene Söhne. Wissenschaftliche Arbeiten in Genetik und Toxikologie, danach Karriere in der Pharmabranche, Mitglied in der Geschäftsleitung eines globalen Handelshauses. Heute Geschäftsführer in verschiedenen Stiftungen und Mandate in Aufsichtsräten.