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Die IVCG

 
Ausgabe 11/00 

Markt oder Freiheit? Markt und Freiheit!

 

1. Opfer oder Täter?


Ein inhaltliches Schwergewicht der Arbeit unserer Unternehmensberatung bildet das Anliegen, Menschen dazu zu führen, sich selber für ihr Leben und ihre Lebensumstände verantwortlich zu fühlen. Sowohl im Bereich der Einzelnen (Coaching) wie auch ganzer Unternehmen (Unternehmenskultur) ist es von zentraler Bedeutung, ob ich mich als ein sich den Gegebenheiten Anpassender oder ein das Wesentliche Gestaltender definiere. Dies ist nicht nur eine Frage des subjektiven Empfindens und dadurch der persönlich relevanten Lebensqualität, sondern eine ganz pragmatische Zielsetzung: Solange ich mich proaktiv auf das Mögliche fokussiere (Täter), mache ich regelmässig mehr aus Gegebenheiten, als wenn ich mich den Hauptsächlichkeiten des Lebens ausgeliefert fühle (Opfer). Die Opfer- Mentalität äussert sich in dem, dass ich mich für bestimmte negative Dinge in meinem Leben, für meine Lebenssituation und Schwierigkeiten generell, vor allem externe, von mir nicht direkt gestaltbare Grössen verantwortlich sehe. Zum Beispiel für meinen Vorgesetzten, meine Frau/meinen Mann/Partner, meine Mitarbeiter, die Konjunktur, die Politik, meine Erziehung, für Enttäuschungen in meiner Vergangenheit, für den enormen Druck heutzutage etc.

Die Unterscheidung «Opfer» versus «Täter» läuft nicht zwingend parallel mit dem Grad an Aktivität oder dem Ehrgeiz von Menschen: Gerade auch unter ehrgeizigen, resultat-orientierten Menschen finden sich – erstaunlicherweise – viele Leute, die im Zuge ihrer Anstrengungen Ziele zu erreichen Gegebenheiten bestimmen wollen, mit hoher Neigung zum «Opf er-Denken». Sie sehen ihre innere Befindlichkeit als logische Konsequenz der äusseren Gegebenheiten. Die Logik des Opfer-Denkens ist: Äussere Reize (in der Verhaltensforschung «Stimuli» genannt) sind die Ursache für meine inneren Reaktionen (Empfindungen, Gefühle, Gedanken), welche dann meine äusseren Handlungen bestimmen. Mein Handeln wird zum Stimulus für meinen Nächsten und der Kreis schliesst sich. So logisch diese Kausalkette zu sein scheint, sie stimmt nur sehr begrenzt und führt in Bezug auf die Konsequenzen für denjenigen, der in ihr die dominante Lebens-Logik erkennt, zu unerfreulichen Konsequenzen: Letztlich bin ich nämlich in meinem Leben den äusseren Gegebenheiten (Reizen) ausgeliefert, die mein inneres Sein – und dadurch mein äusseres Tun – bestimmen: Ich werde zum Reiz-Beantwortungs-Automaten.

Grenzen des Machbaren


Viele erfolgreiche Menschen folgen dieser Logik, gerade weil ihnen daran liegt, die äussere Welt bestimmen zu können. Dies ist aber nur sehr begrenzt möglich. Wohl können wir äussere Dinge beeinflussen, bestimmen können wir sie selten, Wesentliches im Leben gar nur äusserst beschränkt bis überhaupt nicht: Wann und in welche Umstände wir geboren werden; wann unser Leben vorbei ist; Krankheiten; Menschen, die uns verlassen; Menschen, die uns nicht verlassen; Einflüsse, denen wir ausgesetzt waren, sind und sein werden. Aus diesem Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit entsteht ein Frustrations- Potenzial, das das subjektive Empfinden, ein Opfer zu sein, verstärkt.

Worin liegt meine Freiheit?


Es gibt aber diese Instanz unseres Seins, die wir tatsächlich bestimmen können: Es sind dies nicht die Reize, denen wir ausgesetzt sind, sondern die Frage, welche Bedeutung diese Stimuli für uns haben. Alles muss einer Deutung zugeführt werden, muss mit Blick auf das eigene Leben interpretiert werden und so seine Be-Deutung erfahren. Diesen Bereich der Interpretation sehen wir sowohl innerhalb sozialer Kompetenzen (z. B. beim Decodieren einer Information bei kommunikativen Abläufen) wie auch in der Persönlichkeitsentwicklung. Die Art der Deutung hängt von unseren Lebenszielen, unseren Lebenswerten und unseren «Beliefs» ab. (Das deutsche Wort «Überzeugung» gibt das englische Wort «Beliefs» = Glauben nur unzureichend wider. Beliefs meint auch und gerade die unbewussten Überzeugungen, das Wort «Überzeugung» wird landläufig eher dem Bewusstsein zugeordnet. ) Die Ausrichtung der Deutungen hängt stark vom Sinn ab, den wir verfolgen beziehungsweise suchen. Diese psychische Instanz istes, die die Qualität unseres Denkens massiv und langfristig bestimmt. Hier nun, im Bereich der Sinn-, Interpretations- und Bedeutungs- Arbeiten ist unsere Freiheit! Zu 100 Prozent! Hier sind wir Täter, so oder so. Darum stelle ich in diesem Bereich die entscheidenden Weichen für meine Lebensführung, mein Lebensgefühl und die Art meines Einflusses auf die Menschen in meinem Umfeld.

2. Positives Denken


In den letzten Jahren beschäftigte ich mich oft mit der Frage, woher positives Denken kommt. Es hat sich herumgesprochen beziehungsweise man darf das Wissen als gegeben voraussetzen, dass positives Denken positive Konsequenzen zeitigt. Menschen, die positiv denken, sind erfolgreicher, angenehmer in der Zusammenarbeit und zufriedener mit ihrem Leben als Menschen, die nicht positiv denken. Die Frage ist nur: Wie mache ich mein Denken positiv? Oder anders herum: Das Problem mit dem «positiven Denken» ist das Denken selbst: Ich muss immer zuerst denken. Wir wissen aus unserem eigenen Erleben, dass im Moment, in dem mein Denken zu arbeiten beginnt, das Wesentliche meist schon entschieden ist. Wie also kann ich Denken positiv machen? Hier liegt der Schlüssel: Ich muss dem auf mich Wirkenden positiven Sinn beimessen können. Dass dies auch in extremen Situationen möglich ist, haben uns viele Menschen vorgelebt. Herausgehoben sei das Lebenswerk von Viktor Frankl, der nicht nur das KZ überlebte, sondern darin seine Lebensaufgabe entdeckte, nämlich jede Lebenssituation, jedes Tun mit Sinn zu verbinden. Dadurch hat er sowohl die Psychologie als Wissenschaft erheblich weitergebrachtwie auch vielen Menschen entscheidend geholfen.

Psychologisch relevant ist für mich vor allem die umgekehrte Frage: Wie kommt es dazu, dass Menschen – scheinbar freiwillig – das Opfer-Denken der Täter-Haltung vorziehen? Dabei hat sich herumgesprochen (in Schweizer Landen nicht zuletzt dank der über sein unmittelbares Wirkungsfeld des Eishockeys hinaus strahlenden Leuchtfigur Ralf Krügers, der immer wieder betont, dass jeder für sein Denken verantwortlich sei), dass gerade die Veränderung der Denkhaltung die entscheidende Weichenstellung eines Menschen bedeutet. Letzten Monat führte ich einen Workshop mit gestandenen Führungskräften durch, bei dem es um dieses Thema ging. Es istim geschäftlichen Umfeld von eminenter Bedeutung, dass alle Mitarbeiter und insbesondere die Führungskräfte, welche diesbezüglich eine nicht delegierbare Vorbildaufgabe haben, ihre Energien auf das konzentrieren, was sie beeinflussen können, und nicht auf nicht-beeinflussbare Grössen. Dies «beginnt im Kopf» (wie der sattsam bekannte Slogan lautet) und hat seine unmittelbare Auswirkung im Alltag, wo üblicherweise sehr viele Energien für das Beklagen von Unveränderlichem beziehungsweise für das Suchen nach Schuldigen beziehungsweise für das «Schwarz-Peter-Spiel» verschwendet werden. In diesem Workshop kam trotz meiner Bitte um Pünktlichkeit ein Manager zu spät und sagte beiläufig, als er bemerkte, dass ihn die anderen Workshop-Teilnehmer argwöhnisch beäugten: «Sorry, der Kaffee kam zu spät. »

Das Problem mit dem «positiven Denken» ist das Denken selbst: Ich muss immer zuerst denken.

Der Schwarze Peter


Gerade weil dieser Satz zunächst völlig unauffällig scheint – und weil mich ein vertrauensvolles Verhältnis zu besagtem Manager verbindet – nahm ich diesen Satz sogleich zum Anlass, die kulturell weit verbreitete Normalität dieser – wie sich gleich zeigen wird – völlig absurden Aussage, zu untersuchen: «Der Kaffee kam zu spät. » Das ist eine linguistische Sensation! «Haben Sie schon einen Kaffee gesehen, der gehen kann? » Es ist verrückt, dass in unserem Alltag Kaffees und ähnliches zu handelnden Subjekten werden können. A uch der schnelle Berichtigungsversuch: «Ich meine, der Kaffee war zu heiss», fruchtete nichts. Die einzig reale Betrachtung dieses Vorganges muss zum Schluss führen, dass dieser Mann es vorzog, den Kaffee zu trinken, ohne sich den Mund zu verbrennen, als dass er pünktlich zur Wiederaufnahme des Workshops hätte erscheinen wollen. Kaffees und ähnliches können nicht wollen, können nicht entscheiden, und die Antwort auf die Frage, weshalb Menschen es offensichtlich freiwillig vorziehen, sich als Opfer darzustellen, liegt darin, dass man als Täter immer auch in der Verantwortung steht. Wenn ich also dieW ahl habe zwischen links und rechts, dann besteht darin meine Freiheit. Der «Zwilling» der Freiheit ist die Verantwortung, denn meine Freiheit, zwischen links und rechts wählen zu können, zieht die Verantwortung für die Konsequenzen meiner Wahl nach sich.

Der Leistungsnachweis


Was bedeuten diese Überlegungen für meine Persönlichkeitsentwicklung? Wir müssen unterscheiden zwischen dem, was wir sind und dem, was wir tun. Diese beiden Lebensbereiche sind natürlich voneinander abhängig: Zum einen fliesst mein Tun aus meinem Sein, zum anderen wird mein Sein durch mein Tun konstituiert. Diese beiden Beziehungen stimmen zu allen Zeiten. Ich getraue mich nun, diese beiden Beziehungen zu qualifizieren: Insofern als mein Tun aus meinem Sein fliesst, nenne ich dies «gesund», erstrebenswert. Die umgekehrte Beziehung, dass nämlich mein Sein von meinem Tun abhängig ist, qualifiziere ich als ungesund. In dieser Logik muss ich mir beweisen, dass ich jemand bin durch das, was ich tue. Währenddem die erste Beziehung, in der mein Tun aus meinem Sein fliesst, zu einem krampflosen und freudvollen Leisten aus meiner Überzeugung heraus führt, bin ich in der zweiten Beziehung dazu verdammt, mir durch Leistung zu beweisen, dass ich etwas wert bin. Weil der Zweifel, der dieser Abhängigkeit zugrunde liegt, nur für den kurzen Moment des Leistungs-Nachweises verstummt und sich danach gleich wieder zu Wort meldet, muss ich in dieser Abhängigkeit stets wieder – und noch mehr – leisten, wodurch Zwänge und schliesslich Sucht entstehen. Wird die Leistungsfähigkeit geschmälert, entsteht eine echte Identitätskrise. Aber schon vorher ist die Lebensqualität brüchig: Die Bewunderung, die mir dank meiner Leistung widerfährt, ist von dieser abhängig. Echte Liebe ist das natürlich nicht. Ich leiste nicht, weil ich geliebt werde, sondern damit ich geliebt werde, und werde deshalb nicht die mir zuteil werdende Aufmerksamkeit als Liebe deuten. Was gehört nun zu meinem Sein, zu meiner Identität? Antwort: Alles, wofür ich nicht leisten kann: Meine Würde, mein Wert, mein Geschlecht, mein Alter, meine Nationalität, meine Rasse, meine Mission, mein Glaube. In dem Masse, wie es mir gelingt, aus diesem Sein heraus zu handeln, wird meine Motivation für dieses Handeln «gesund» sein: Ein echter Leistungs-Fluss, eine echte Leistungs- Freude entsteht.

3. Leben in Furcht des Marktes


Hier nun setzt die Frage an, die wir in unserem Titel angesprochen haben: Die Übertragung dieser Gedanken von der persönlichen auf die betriebliche Ebene macht klar, dass ich mein Leistungs-Angebot nicht aus Ängstlichkeit von einem Markt abhängig mache, sondern mich frage, was denn in mir drin steckt und davon ausgehe, dass das in mir Liegende anderen Menschen nützlich sein kann. Das Feedback vom «Markt» beinhaltet eine wesentliche Information insofern, als eine gelebte Mission nicht nur zu mehr persönlicher Lebensqualität führt, sondern auch mein direktes Umfeld davon profitiert: Das berühmte Added Value. Darin nun aber ein handelndes Subjekt (im Sinne von zu spät kommendem Kaffee) zu sehen, dem Markt also Macht zuzusprechen, führt wieder zum Opfer-Denken. Überhaupt ist es phantastisch, wieviel Analogien sich bei näherer Betrachtung beim Vergleich zwischen dem «Markt» und im Alten Testament beschriebenen Götzen auftun: In beiden Fällen handelt es sich um mächtige, aus dem Nichts heraus vernichtend handelnde Subjekte, die man allein durch opfervolles, selbst-aufgebendes Dienen (eventuell) besänftigen kann, falls man Glück hat(! ), die aber letztlich in ihrem Zuschlagen unerbittlich und unvorhersagbar sind. Dem gegenüber offenbart sich der lebendige Gott als eine liebende, fürsorgliche, die Beziehung zu seinen geliebten Geschöpfen suchende Person. Hier schliesst sich der Kreis: Das Selbstvertrauen, den Mut zu haben, davon auszugehen, dass man nicht in die Welt eines wütenden Götzen namens «Markt» geworfen wurde, und nun – dieser anonymen Macht ausgeliefert – versuchen muss, eher recht als schlecht sein angstvolles Dasein zu fristen, bedingt, dass man – zunächst – von der Hypothese ausgeht, nicht zufällig hier zu sein, sondern gewollt und geplant. Dass man mitBegabungen (Talenten) ausgestattet wurde, die in sich im Austausch mit anderen (Wirtschaft, Markt) die Fähigkeit zur Leistung, zur sinnvollen Ergänzung anderer tragen.

Die Lebensqualität


Der Glaube an Gott, meinen ewigen Vater, Schöpfer und Retter, gibt mir die Kraft, die Angst vor Einsamkeit, Versagen und wirtschaftlichen Problemen zu überwinden. Diese Gewissheit ist die Voraussetzung für meine positive Lebensqualität. Dieses Vertrauen genauso wie sein Antagonist, die Angst, können in der Realität immer «bewiesen » werden: Bin ich ein ängstlicher Mensch, werde ich genügend Gründe finden, meine Ängstlichkeit zu rechtfertigen. Das Gleiche stimmt auch in Bezug auf mein Vertrauen gegenüber Gott: Es kann genauso «bewiesen» werden. Der entscheidende Unterschied ist nicht diese Ebene von Beweis und Gegenbeweis, sondern der existenziell relevante Fortschritt meiner Lebensqualität, bei welchem ich vom ängstlichen, verdrängenden, sorgenvollen, zum freien, offenen, unternehmerischen, eigenverantwortlichen, frei gebenden Menschen mutieren kann. Dieser Fortschritt beruht auf Erfahrung. Er ist erlebbar!


Der Autor

Philipp Johner

Philipp Johner

CH-Zollikon-Zürich

Psychologe FSP, Coach, Unternehmer und Unternehmensberater, verheiratet mit Dr. Beatrice Barbara Johner Vater von vier Kindern im Alter von 1 bis 15 Jahren

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