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Ausgabe 04/98 

Die grosse Macht der kleinen Worte

 

Wir sind immer Geprägte und Prägende zugleich. Dem können wir uns nicht entziehen. Und Prägungen haben Folgen, im Kleinen wie im Grossen.

Jeder von uns hat seine eigene Geschichte.


Niemand kommt aus einem Niemandsland, jeder bringt sein Heimatgefühl mit, sein Lebensgefühl. Und die Gefühle und Haltungen unserer Kindheit beeinflussen und dominieren auch unsere Beziehungen und unser Verhalten heute. Sie begleiten uns durchs ganze Leben. Die Grundeinstellung und Grundstimmung der uns prägenden Jahre legen wir nicht einfach ab. Wir überlagern sie höchstens, drängen sie zur Seite oder ignorieren sie. Wir reagieren immer wieder auf die Art und Weise, wie wir es als Kind eingeübt haben. Entweder ziehen wir uns ins Schneckenhaus zurück, oder in unseren Schmollwinkel. Wir brausen auf und bügeln den anderen einfach nieder oder stecken entmutigt den Kopf in den Sand. Das alles hat in den prägenden Jahren unserer Kindheit seinen Anfang. Damals haben wir begonnen, Eindrücke zu sammeln, sie zu verinnerlichen und zu einem Bild über uns selbst zu formen.

Von Geburt an sind wir auf Beziehungen angewiesen. Jeder von uns bringt sozusagen einen grossen Tank mit in die Welt, einen Liebestank, der erst einmal gefüllt und immer wieder nachgefüllt werden muss. Jeder von uns hat ein grosses Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit und Sicherheit, eine unstillbare Sehnsucht nach Wert und Anerkennung und den tiefen Wunsch, das Leben mit Kompetenz zu meistern. Erst dann wird es sinnvoll, wenn unsere Grundbedürfnisse gestillt sind. Wer zu wenig Liebe empfangen hat, fühlt sich im tiefsten einsam und unverstanden. Wem keine Geborgenheit und Sicherheit geschenkt wurde, konnte nur eine geringe Wertschätzung für sich entwickeln. Und wer sich nicht angenommen weiss, kann auch nur wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten setzen.

Vielleicht kennen Sie das auch: Mein Mann macht eine Bemerkung, die objektiv gesehen harmlos ist. Ich halte die Luft an und finde es ungeheuerlich - und reagiere dementsprechend. Mein Mann kann es einfach nicht glauben, wie ich aus einer Mücke einen Elefanten mache, und natürlich sind meine Worte nicht gerade leise und zartfühlend. Er reagiert entsprechend. Sein Ton wiederum kommt mir bekannt vor, ähnliches habe ich zu Hause gehört und es negativ eingeordnet. Kein Wunder, dass ich nun überreagiere - und mein Mann weiss gar nicht, wie er zu der Ehre kommt, plötzlich im Regen zu stehen. Es sieht so aus, als ob wir an unsere Vergangenheit gebunden wären und eigentlich nicht frei sind, unser Leben und unsere Beziehungen so zu gestalten, wie wir es uns wünschen. Nicht zuletzt sind daran auch die Worte schuld, die wir gehört haben, seit wir hören können.

Ja, Worte haben in unserem Leben Geschichte gemacht.


Worte, das sind die Bausteine einer Sprache. Mit Bausteinen können wir etwas aufbauen, aber auch etwas zerstören. Mit Steinen wie mit Worten können wir Häuser bauen, ein Zuhause schaffen, kann ein Raum der Geborgenheit entstehen. Mit Steinen wie mit Worten können wir aber auch zuschlagen, können verletzen und zerstören und tiefe Spuren hinterlassen. Sie können entweder eine gedeihliche Atmosphäre schaffen oder auch das Klima einer Familie oder Firma total ruinieren.

Seit wir auf der Welt sind, begleiten und beeinflussen uns solche Worte. Unter anderem sind wir durch Worte das geworden, was wir heute sind, denn sie gehen nie spurlos an uns vorüber. Sie haben sich ganz tief eingeprägt und das in zweifacher Hinsicht: Einmal haben sie sozusagen Fingerabdrücke in unserer Seele hinterlassen, unauslöschliche Prägungen. Zum anderen beeinflussen sie auch unser Lebensgefühl und die Meinung, die wir über uns selbst haben. Wenn uns jemand lobt und vielleicht vor anderen anerkennt, dann gehen wir auf wie ein Hefekuchen. Das tut gut. Dieses Lob geht dann auch mit uns. Aber auch das Andere lässt uns nicht mehr los, klebt an uns wie eine Klette. Wenn uns Eltern und Lehrer immer wieder gesagt haben, dass wir nichts können, dass wir an allem schuld sind, dass aus uns nie etwas werden wird, dann glauben wir das auch. Sie müssen es ja wissen, denn sie sind ja schliesslich erwachsene Leute, vor denen wir als Kinder Achtung, Respekt, vielleicht sogar Angst haben.

So ist mit Worten Macht über mich ausgeübt worden, die auch nach Beendigung der Beziehung noch nicht gebrochen ist. Sie sind Urteile über mein Leben, die mich sozusagen ins Gefängnis gebracht haben. Diese Fesseln und Ketten sind vielfach immer noch da, auch wenn der Gefängniswärter nicht mehr da ist und ich äusserlich gesehen frei bin. Aber die Ketten im Herzen sind nicht so einfach abzuschütteln!

Wir sind mit einem Zirkuselefanten vergleichbar, der an einer Kette angebunden ist. Es ist eine Kette, die er eigentlich leicht zerreissen könnte. Aber nicht die Kette hält ihn, sondern die Erinnerung an seine Kinderjahre. Denn als der Elefant klein war, da hatte er natürlich noch nicht die Kraft, sich zu befreien. Er hat es damals immer wieder versucht, er erinnert sich noch an den Schmerz, aber er ist mit seinen Anstrengungen gescheitert.

Und das hat sich ganz tief in seine Erinnerung eingegraben: «Das brauchst du gar nicht erst zu versuchen! Es gelingt dir sowieso nicht.» Deshalb versucht er es nicht mehr. Nicht die Fessel hält ihn, sondern nur sein Gedächtnis, sein Gefühl der Ohnmacht von damals. Das ist eine gute Illustration für unsere Situation.

Wir haben Worte gehört über uns, die wir unreflektiert übernommen und geglaubt haben. Und wir glauben sie heute noch, und sie legen uns fest, sie fesseln uns. Wie kann ich frei werden? Wie kann ich neu anfangen und das Alte hinter mir lassen? Das ist die grosse Frage. Kann ich überhaupt meine Vergangenheit abschütteln? Kann ich mich überhaupt davon befreien und noch einmal von vorne anfangen?

Ja, es kann eine neue Geschichte begonnen werden.


Es muss nicht beim Alten bleiben. Veränderungen sind möglich. Es ist nicht so sehr entscheidend, was ich habe und mitbringe, sondern was ich daraus mache. Worte, Verhalten und Familienklima sind keine endgültigen Prägungen, die mich dort festhalten, wo ich bin. Aber ich muss innehalten und herausfinden: Was beschäftigt mein Denken? Worum kreisen meine Gedanken? Sind sie eher pessimistisch, negativ und destruktiv? Dann muss ich mein Denken überprüfen und ändern, muss ganz neu denken lernen - und die Gefühle werden langsam folgen! Es sind ja die Gedanken, die meine Gefühle beeinflussen, und die Gefühle wirken sich auf mein Verhalten aus. Es ist kein leichter, aber ein sich lohnender Weg. Auch wenn mein Gefühl noch dagegen rebelliert, im Denken kann ich bereits einen neuen Weg gehen. Ich kann mich ganz bewusst dafür entscheiden. Ich kann loslassen lernen, kann mich innerlich davon distanzieren, was mir gesagt worden ist, was ich bisher auch geglaubt habe. Ich kann willentlich meine Urteile und Anschuldigungen gegen mich aufheben, annullieren. Es gilt, mich innerlich freizumachen davon - sonst bin ich nicht frei!

Das andere ist: Ich muss vergeben lernen. Nur wo ich vergeben kann, werde ich von innen her heil werden. Vergeben hat grosse Auswirkungen auf mein Leben. Ich bin dann nicht mehr gefühlsmässig an die Person gekettet, die mich verletzt hat. Und damit hole ich meine Entscheidungsfreiheit zurück. Egal, ob es eine Person verdient, dass ich ihr verzeihe. Ich selbst verdiene es, frei zu sein. Lebe ich in Bitterkeit, weil ich einem Menschen seine Worte nicht verzeihen kann, schade ich vor allem mir selbst. Der andere ahnt ja vielleicht nicht einmal, wie bitter er mich gemacht hat - aber in mir nagt und frisst und beisst es. Wenn ich vergebe, ziehe ich mir sozusagen selbst das Messer aus dem Leib. Ich fühle mich befreit und kann wieder leben! Vergeben ist nicht gleichbedeutend mit vergessen. Ich werde mich sicher immer wieder daran erinnern, was mir angetan wurde, aber der bittere Stachel ist weg. Vergebung bringt inneren Frieden.

Es kann in der Tat eine neue Geschichte begonnen werden. Ich kann mich bewusst guten Worten aussetzen, schlechte Worte zurückweisen und konsequent an meinen Gedanken und Reaktionen arbeiten.

Aus meiner Vorgeschichte kann Gott eine Heilsgeschichte machen.


Das klingt alles sehr hoffnungsvoll und ermutigend. Es ist also doch noch nicht alles verloren. Wir können etwas machen, wir sind keine hoffnungslosen Fälle. Das ist die eine Seite. Die andere Seite aber heisst: Wir schaffen es nicht allein, wir bringen es nicht fertig, was wir so gerne wollen. Wir kommen menschlich gesehen an unsere Grenzen. Wir können ja die Prägungen durch Worte nicht ungeschehen machen. Sie sind gesagt. Und Worte gehen nie verloren, kein einziges. Sie werden alle gespeichert. Auch wenn es nach aussen hin nicht sichtbar wird, so tauchen sie doch immer wieder auf, gehen mir nach. Warum ist das so?

Weil die Worte von Personen gesagt worden sind, die uns etwas bedeuten, die Autoritäten für uns gewesen sind. Als primäre Bezugspersonen sind die Eltern für ihre Kinder fehlerlos und allwissend und kommen gleich nach Gott. Sie sind für sie wie Gott. Und darum waren ihre Worte absolut glaub- und vertrauenswürdig. Wir haben ihren Worten geglaubt, ohne Einschränkung, ohne wenn und aber. Wir haben sie in unser kindliches Weltbild eingewoben. Sie sind ein Teil von uns selbst geworden. Darum haben uns diese Worte und ihre Botschaften so sehr geprägt. So sind Weichen für das Leben gestellt worden.

<<Ich muss vergeben lernen. Nur wo ich vergeben kann, werde ich von innen her heil werden. Vergeben hat grosse Auswirkungen auf mein Leben. Ich bin dann nicht mehr gefühlsmässig an die Person gekettet, die mich verletzt hat. Und damit hole ich meine Entscheidungsfreiheit zurück. Egal, ob es eine Person verdient, dass ich ihr verzeihe. Ich selbst verdiene es, frei zu sein. Lebe ich in Bitterkeit, weil ich einem Menschen seine Worte nicht verzeihen kann, schade ich vor allem mir selbst.>>

Alte Pfade verlassen - Neue Wege gehen


Und dann sind wir älter geworden. Menschen haben uns enttäuscht, gerade auch und am allermeisten die, die uns am nächsten waren. Da wurde manches Lebenshaus bis in die Grundfesten erschüttert. Andere enttäuschen mich - so wie ich auch sie.

Als Kind und Heranwachsender bin ich geprägt worden, ich konnte mich dem nicht entziehen. Aber heute kann ich mich entscheiden, ob und von wem und durch was ich mich prägen lassen will. Wenn ich mich auf Gottes Wort einlasse, dann beginnt damit ein neues Leben, und es kann Neues werden. Jesus Christus ist das lebendige Wort Gottes und die Bibel sagt: «Wer ihn aber aufnahm, dem gab er Macht Gottes Kind zu werden» (Joh. 1,12).

Das gute Wort mit absoluter Autorität kann ich mir nicht selber sagen. Das muss mir jemand sagen, dem ich vertraue. Jemand, der mich kennt und trotzdem liebt und der für mich heute in dem Masse Autorität ist, wie es damals meine Eltern und Lehrer für mich gewesen sind. Objektiv richtig und realistisch kann mir ein Weltbild nur von ausserhalb meiner Welt vermittelt werden. Von jemand ausserhalb von Zeit und Raum, von jemand, der den Überblick hat. Dieser Jemand sagt nun: «Ich bin die Wahrheit und das Leben. Ich bin die Autorität, ich bin die Instanz, die das sagen kann, was niemand sonst sagen kann. Ich bin gross genug für deine Probleme und kompetent genug, dein Leben zu führen und zu begleiten und es trotz deiner Geschichte zu einem guten Ende zu bringen.»

Dieser Jemand ist Mensch geworden, Kind, unaufdringlich und nicht bedrohlich. Und das ist das Frohmachende an der Frohen Botschaft: Er kennt meine Geschichte, meine Erfahrungen und meine Verletzungen. Er hat ja alles mitbekommen. Er weiss auch um meine Vorbehalte und Vorurteile, er kennt meine Ängste und meine Sehnsucht nach Verlässlichkeit und Geborgenheit. Nach einem Halt, der mich immer noch hält, wenn nichts mehr sonst halten kann.

Deswegen hat er einen einmaligen Weg gewählt. Weil er um unsere Angst weiss, vereinnahmt zu werden und unsere Freiheit zu verlieren, hat er auf alle Macht verzichtet. Und er ist den Weg gegangen, den wir nicht nur am besten verstehen, sondern auch im tiefsten ersehnen. Er ist den Weg der Liebe gegangen, weil er die Liebe ist. Und hier bin ich wirklich ansprech- und berührbar und lasse mich gern prägen und formen. So ist Gott. Er bedrängt mich nicht und zwingt mich auch zu nichts.

Deswegen wurde Gott Mensch, um uns zu sagen, wie sehr er uns lieb hat und wieviel wir ihm bedeuten. Er wollte sich uns verständlich machen und im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar. Weil Gott weiss, wie schwer uns der erste Schritt auf ihn zu fällt, hat er die Initiative ergriffen. Er kam in unsere Welt. Er wurde Mensch wie wir. In Jesus Christus sucht die Liebe Gottes den Menschen dort, wo er ist.

Im Prolog des Johannes-Evangeliums können wir davon lesen: «Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort...Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns...Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht Gottes Kinder zu werden.» Gott bietet uns nun das Schönste und Kostbarste an, was wir haben können und was er zu geben vermag. Eine neue Kindschaft. Einen neuen Anfang und damit eine neue Chance. Ein Kind sein heisst doch, einen Vater haben. Ein Kind Gottes werden bedeutet, Gott als Vater zu bekommen. Hineingeboren zu werden in die Familie Gottes. Neue, entscheidende Erfahrungen im Leben zu machen.

Wenn ich diesem Gott vertraue, setze ich mich einer neuen Autorität aus und lasse mich nicht mehr von alten Prägungen bestimmen. Die haben nicht mehr das letzte Wort. Natürlich sind sie nicht aufgehoben und abgeschlossen, aber das prägende Wort Gottes, dem ich mich anvertraue, befreit mich von alten, destruktiven Mustern. An Gottes Hand kann ich neue Wege gehen und werde von ihm auch neue Worte hören. Es sind gute Worte, die ich mir selber nicht sagen kann, und die ich auch bei Menschen vergeblich suche. Mit diesem Gott kann ich unterwegs sein wie mit einem väterlichen Freund, der zu mir steht und mir Weggefährte sein will - in guten wie in schweren Tagen.

In Gottes Händen kann die unmöglichste und unglücklichste Vorgeschichte zu einer Heils- und Segensgeschichte werden.

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Die Autoren

Ute und Lutz Kettwig

A-Schloss Klaus/Österreich

sind seit 28 Jahren miteinander verheiratet und haben zwei erwachsene Söhne. Ute kommt aus Linz in Oberösterreich, Lutz aus Ostfriesland. Lutz Kettwig ist leitender Mitarbeiter eines Zentrums der Fackelträger. Ursprünglich war er Realschullehrer und in der Lehrerbildung tätig. Ute Kettwig ist Lehrerin, Volksschuldirektorin und Koordinatorin der Frühstücks-Treffen von Frauen für Frauen in Österreich.

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