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Ausgabe 03/13 

Genießen und verzichten

Extreme stehen uns vor Augen: Ärmlichkeit und Geiz auf der einen, Gier und Verschwendung auf der anderen Seite.

Es geht nicht vor allem darum, weniger zu konsumieren, sondern zu lernen, mehr zu genießen. Das ist – paradoxerweise – nur möglich durch reales Verzichten. Je intensiver ich etwas in mich aufnehmen will, desto mehr muss ich mich beschränken. Nur wenn mir bewusst wird, dass ein bestimmter Genuss gleichbedeutend ist mit dem Verzicht auf andere Genüsse, werde ich echte Zufriedenheit gewinnen: kann ich mir ‘genügen lassen’.

»Leben in Fülle«

Jesus Christus spricht von einem an ihn gebundenen »Leben in Fülle, im Überfluss «1. Doch – was ist »Leben in Fülle«? Wann ist ‘voll’ voll? Es bleibt eine Sehnsucht, die nur Gott allein stillen kann. Wenn mir die Angst des ‘Nicht-genug- Habens’ in die Quere kommt, ermöglicht das bewusste Vertrauen in Christus, dass mich diese Angst nicht übermäßig prägt. Ich vermute, dass es nie ‘genug’ ist. Es braucht die bewusste Entscheidung: »Hiermit lasse ich mir genügen.«

Wünsche und Bedürfnisse

Zu unserem von Gott geschaffenen Menschsein gehören Wünsche und Bedürfnisse. Dass wir Ja sagen können zu uns, auch zu unserer Sehnsucht, ist für Jesus die Voraussetzung für Nächstenliebe, Hingabe und Genügsamkeit2 – ein freiwilliges, bewusstes Zurückstellen eigener Ansprüche. Der Kampf in Gethsemane wäre überflüssig gewesen, wenn Jesus keine eigenen Vorstellungen gehabt hätte. Das Opfer Jesu zeigt uns den Sinn des Verzichts für andere: Er bewirkt Freiheit von Abhängigkeit und Schuldforderungen. Hingabe ist nur dort eine Wohltat, wo sie aus einem vollen Herzen und nicht aus dem Gefühl des Mangels entsteht.

Wenn wir uns die Freude am Genießen nicht zugestehen, nehmen wir uns die Kraft zum Verzichten. Im Gewissenskonflikt zwischen Genießen-Dürfen und Sich-genügen-Lassen ist es hilfreich zu wissen, dass wir nicht beides zugleich können, wohl aber nacheinander.3

Anregung zur persönlichen Reflexion:

– Genießen, genug haben, mir genügen lassen, teilen, verzichten: Welche Gefühle wecken diese Verhaltensweisen in mir?

– Welcher Erfahrungshintergrund hat mich geprägt (z.B. eher knausriges oder großzügiges Elternhaus)? Welche Seite lebe ich heute eher aus?

– Welcher Teil meines Besitzes reicht zur Deckung meines Lebensbedarfs, was ist Zugabe? Wann ist genug genug?

– Kann ich meinen Besitz im Moment dankbar genießen und teilen? Will ich etwas ändern?


– Welche Gefühle löst der Gedanke an die Möglichkeit, nicht genug zu haben, Mangel zu leiden, bei mir aus? Wie gehe ich damit um?

– Worauf verlasse ich mich wirklich (zeigt sich im Besitzen-Müssen)? Wer/was gibt mir Sicherheit? In welcher Weise? Was ist überhaupt sicher? Wer/was verunsichert mich? Wie gehe ich mit dieser Unsicherheit um?

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1 Johannes, Kapitel 10, Satz 10

2 Markus, Kapitel 8, Sätze 34ff

3 Matthäus, Kapitel 9, Satz 15

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Dieser Beitrag ist erstmals im Magazin INSIST Nr. 2/09 erschienen (www.insist.ch).

Der Autorin

Ruth Maria Michel

Ruth Maria Michel

CH-Zürich, Exerzitienleiterin und Enneagrammtrainerin; Ausbildung in Theologie und christlicher Meditation

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