HOMEKONTAKTELINKS
Kopfbild
Themen

Termine












Die IVCG

 
Ausgabe 01/99+12/98 

Globale Verantwortung

 

Ich sehe je länger je mehr, wie schwierig es sein kann, sich auf das Wesentliche - auf meine Träume, Ziele, Visionen für die Gesellschaftsentwicklung - zu konzentrieren. Ein Tag nach dem anderen ist ein Kampf gegen die Uhr und gegen die Papierflut. Immer besser verstehe ich den Frust des Volksvertreters, der sich darin übt, zu den meisten Anfragen von Einzelpersonen, Unternehmungen, Organisationen nein zu sagen und den grössten Teil der eingehenden Post wegzuwerfen; zwischen einer und anderthalb Tonnen pro Jahr. Etwas Gemeinsames haben all diese Dokumente, Briefe, Banktransaktionen, Telefaxe, Verträge und Quittungen; aber auch Agenden, Zeitungen, Natels und Computer: das Datum - Tag, Monat und Jahr.

Die Jahreszahl ist nicht nur ein wichtiger Teil des täglichen Lebens, sondern auch der Identität als Kultur und Nation. Sie erinnert uns einerseits daran, dass die Zeit unaufhaltsam vergeht, aber auch, dass es ein Woher, eine Grundlage für Kultur und Zeit gibt. Jesus von Nazareth war die einflussreichste Person aller Zeiten, die erste Leiterpersönlichkeit. Sein Einfluss war so gross, dass beinahe für die ganze Welt das Zählen der Jahre mit seiner Geburt begann. Ist es nicht paradox, dass trotzdem das Nennen seines Namens in grossen Teilen unseres Kulturkreises tabu ist. Bald feiern wir den 2000. Geburtstag der Person Jesus von Nazareth und doch ist sein Name auf keinem Dokument zu finden.

Es berührt mich eigenartig, wenn ich bedenke, wie viele Jubiläen wir feiern, bei denen Personen in den Vordergrund gehoben werden. Zum Beispiel das Grieg-Jubiläum im Jahr 1993 markierte den hundertfünfzigsten Geburtstag des Komponisten Edvard Grieg. Mit Stolz erwähnten wir seinen Namen und scheuten keine fünf bis sechs Millionen Franken, um eine grosse Zahl von Grieg-Veranstaltungen zu realisieren. Ich erinnere mich auch gut an die Markierung des hundertsten Geburtstages von Albert Schweitzer im Jahre 1973. In Oslo führten damals mehrere tausend Menschen einen Fackelumzug durch, um Schweitzer und sein Prinzip der «Ehrfurcht für das Leben» zu ehren. Und es gibt der Namen mehr: Martin Luther King, Mutter Teresa... Warum ist es so schwierig, Jesus von Nazareth zu ehren, ihn, der Inspirationsquelle der genannten Personen war und unsere Nationen mehr als diese beeinflusste?

Auch Frank Buchman, der durch die Oxford- Bewegung und die moralische Aufrüstung von der Schweiz aus jahrelang ein umfassendes Wirken entfaltete, hatte Jesus als seine wichtigste Inspirationsquelle. Noch heute spricht man von ihm und seinen vier absoluten Grundsätzen: Ehrlichkeit, Reinheit, Liebe und Selbstlosigkeit. Nur wenige wissen, dass Buchman seine Vision durch das Lesen eines Buches des Studentenevangelisten Robert Speer, «Die Prinzipien von Jesus», empfing.

Ich glaube, dass die Christen einen Teil der Verantwortung dafür übernehmen müssen, dass der Name Jesus tabuisiert wurde. Es sieht so aus, als würden wir leichtfertig über die wichtige Botschaft springen: Gott wurde Mensch. Doch die Botschaft, dass Gott Mensch wurde, muss den Menschen unserer Zeit erklärt werden. Die historische Person Jesus ist zweifellos etwas Spannendes. Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass unsere Zeitrechnung zurück auf die Geburt von Jesus weist. Als Ergänzung zu den ausführlichen Beschreibungen von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes wurde Jesus auch von mindestens einem römischen Historiker erwähnt. Im Vergleich dazu wurde Sokrates nur von seinen Anhängern erwähnt. Niemand stellte aus diesem Grund ernsthaft die Frage, ob Sokrates jemals gelebt hatte - und schon gar nicht, ob sein Name genannt werden sollte.

Die Markierung des Jahres 2000 sollte keineswegs nur eine Feier von Kirche und Christentum sein. Ganz Europa sollte sich sammeln, um sich auf die historische Tatsache, dass Jesus von Nazareth geboren wurde und welche Konsequenzen das für die Entwicklung unserer eigenen Nation, für Menschenwürde, Rechtsstaat, soziale Ordnungen und zwischenmenschliche Beziehungen hatte, zu besinnen. Jesus von Nazareth verwirklichte das Schlagwort der Brundtlandkommission, man solle «global denken und lokal handeln». Jesus Christus hatte eine globale Vision, doch seine Methoden waren lokal. Es ging ihm darum, Beziehungen mit einer Anzahl von Freunden aufzubauen und zusammenzuhalten. Für sie bedeutete Jesus nachfolgen: wie er zu denken, sprechen und handeln.

Für Verantwortungsträger sollte nie etwas anderes wichtiger sein als Jesus Christus nachzufolgen; wie er, global zu denken und lokal zu handeln. Weshalb nicht wie Jesus tragfähige Freundschaften mit einigen Leuten bilden, einander im Namen von Jesus regelmässig treffen, um das Leben miteinander zu teilen; Freude und Sorgen, Erfolge und Niederlagen und zusammen beten - für und miteinander. So erhält man die Ausrüstung, um etwas zu bewegen und zu verändern.


Der Autor

Lars Rise

Norwegen

1999 Mitglied des norwegischen Parlaments und der parlamentarischen Versammlung des Europarates

Download

199901_rise_l_134.pdf

22 K

SERVICE


ABOfacebook

ARCHIV



__Zeitschrift 'reflexionen'

Leseproben

__Brennpunkt

 > Hintergrund

  • __Monday Manna

    __IVCG-Podcast