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Ausgabe 02/12 

Ausgebrannte Menschen – verheiztes Kapital

Herr Stettler, was löst der Begriff Humankapital in Ihnen aus?

Humankapital deckt für mich zwei Seiten ab. Eine durchaus positive, die dem Menschen die Chance gibt, etwas aus seinem Kapital zu machen, seine Ideen und Begabungen umzusetzen. Negativ besetzt ist der Begriff dann, wenn Personalabteilungen den Einzelnen als bloßes Kapital einsetzen, ein humaner Umgang verloren geht und der Mensch nicht mehr als Individuum wahrgenommen wird.

Definitionen im Internet zeigen den Menschen als Ressource und Wirtschaftsfaktor. Welche Gefahren birgt eine solche Definition?

Die Gefahr besteht darin, dass der Mensch als Objekt einen Zweck zu erfüllen hat, dass er zu einer optimalen Wertschöpfung, zur Gewinnmaximierung beizutragen hat und dabei die Sicht auf die Einzigartigkeit jedes menschlichen Wesens verloren geht. Diese Sicht einer Person als austauschbare Größe kann etwas Entwürdigendes haben.

Immer mehr Arbeitnehmende erkranken psychisch und bleiben deshalb der Arbeit fern. Statistiken sprechen von einer Zunahme der Arbeitsausfälle von 50 bis 70% in den letzten zehn Jahren. Was wird dagegen getan?

Ein freier Markt, wo das Kapital dorthin fließt, wo am billigsten produziert und der höchste Gewinn erzielt wird, führt zu Sachzwängen. Zum Glück erlebe ich aber immer wieder, dass auch mit diesen so genannten Sachzwängen Veränderungen möglich sind. Ich erlebe in der Wirtschaft Verantwortungsträger, die den Mensch nicht als Masse, Produkt und Kostenfaktor sehen. Es gibt Unternehmen, die sich sehr viel Gedanken machen, beispielsweise auch zur Gestaltung des Wiedereinstiegs von Mitarbeitenden, die nach einer Depression in den Betrieb zurückkehren. Die durch diese Bemühungen entstandenen Kosten zahlen sich innerhalb sehr kurzer Zeit aus.

Gutes Arbeitsklima –
mehr Produktivität

Trotzdem verbreitet sich das Krankheitsbild ‘Burn-out’ mehr und mehr. Wie können wir vorbeugen?

Zu einem Burn-out führen in der Regel zwei Faktoren. Zum einen die Persönlichkeit eines Menschen und dann auch äußere Faktoren.

Es gibt Personen, die sich sehr stark engagieren, über ihre Grenzen hinweggehen, selbst wenn der Arbeitgeber dies gar nicht unbedingt fordert. Solche Menschen sind von ihrer Struktur her für ein Burn-out eher gefährdet. Mit regelmäßigen Mitarbeitergesprächen kann ein Arbeitgeber solche Faktoren erkennen und ansprechen, weil bereits das Bewusstsein ‘Ich bin gefährdet’ präventiv wirken kann.

In Bezug auf die Strukturen ist bekannt, dass ein gutes Arbeitsklima ein wichtiger Produktivitätsfaktor ist.Wenn der Arbeitgeber Voraussetzungen schaffen kann, dass der Mitarbeitende wertgeschätzt und würdevoll behandelt wird, beeinflusst dies das Klima positiv und hat eine präventive Wirkung.

Wie erkenne ich, dass ich Burn-out gefährdet bin?

Die so genannte Erschöpfungsspirale zeigt Signale auf. Dazu zählen Ein- und Durchschlafschwierigkeiten, erhöhte Schmerzempfindlichkeit, Gliederschmerzen oder Spannungskopfschmerzen, ein Gefühl von Energieverlust, das Gefühl, an einer Situation nichts verändern zu können, gesteigerte Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten. Bereits fortgeschritten ist der Prozess, wenn versucht wird, die gleiche Leistung zu bringen, obwohl die Energie fehlt, weiter auch ein Rückzug aus dem Freundeskreis. Die körperlichen Zeichen beginnen oft subtil und stehen zumeist am Anfang einer Burn-out-Entwicklung.

Was kann ich dagegen tun?

Wichtig ist, immer wieder Abstand zum Alltag zu schaffen, die bewusste Trennung von Arbeitswelt und Freizeit. Hilfreich kann dabei der Blick aus der Vogelperspektive sein: Was mache ich da? Ist es mir noch wohl? Schön ist, wenn man einen solidarischen Partner/Partnerin und Freunde hat. Auch spirituelle Erfahrungen gehören für mich zu den Hilfen bei der Gestaltung eines ausgeglichenen Alltags.

Welchen Einfluss haben gesellschaftliche Treiber wie Geld, Ansehen und Macht? Weshalb kann der Mensch wider besseres Wissen nicht aus dem Hamsterrad aussteigen?

Auch da gilt es wieder, zwischen den inneren und den äußeren Faktoren zu unterscheiden. Im weit herum vorherrschenden, kapitalistisch geprägten Weltbild sind Macht, Geld und Anerkennung erstrebenswerte Ziele, die in vielen Betrieben das Klima prägen. Nicht immer können wir uns dabei ausnehmen.

Zu den inneren Dispositionen, die bei Burn-out gefährdeten Menschen beobachtet werden und die zu einer Überanstrengung führen, zähle ich Perfektionismus, sich anstrengen müssen, stark sein müssen, keine Schwäche zeigen dürfen, es immer allen recht machen wollen, zuerst an die anderen denken. Dabei spielt das Selbstwertgefühl eine wichtige Rolle. Bin ich nur etwas wert durch Geld und Macht, oder fühle ich mich angenommen, so wie ich bin?

Inseln im Alltag

Nun gibt die Bibel Anweisungen dazu, wie man sinnvoll mit Ressourcen wie Zeit oder Geld umgeht. Wie können wir diese Weisheiten in unseren Alltag einbeziehen?

Die Erfahrung zeigt, dass das Wissen und das theologische Verständnis allein nichts nützen. Es braucht die spirituelle Praxis. Ich muss mir bewusst Zeit nehmen, um über die Weisheiten der Bibel und mein Leben nachzudenken, allein oder in der Gemeinschaft mit anderen. Zeiten einplanen, in denen ich den persönlichen Kontakt zu Gott pflege. Genau so, wie die Beziehungspflege zu Mitmenschen sich bezüglich eines Burn-outs präventiv auswirkt genau so hilft auch die Beziehung zu Gott nur, wenn ich sie pflege.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass hier eine Gefahrenquelle lauert. Je mehr Druck besteht, je eher wird die persönliche Zeit mit Gott gekürzt. Je weniger intensiv diese Beziehung allerdings gepflegt wird, je weniger werden die biblischen Prinzipien im Alltag wirksam. Dabei könnte deren Anwendung gerade in intensiven Zeiten entlastend und freimachend sein.

Wäre dies auch für die Gesellschaft möglich?

Aus gesellschaftlicher Sicht würde ich mir diesbezüglich eine verantwortungsvollere Gestaltung der Arbeitswelt wünschen. Die Bibel gibt wertvolle Prinzipien, beispielsweise zum Umgang mit Macht. Gesellschaftliche Unterschiede werden in der Bibel nicht verneint, aber sie sagt klar, dass wer mehr hat, auch demjenigen geben soll, der weniger hat. Unsere Gesellschaft befindet sich in einer Phase der Entsolidarisierung und wendet sich immer mehr von diesen christlichen Grundwerten ab. Der Glaube wird als etwas Persönliches in die Ecke gestellt. Der Glaube ist zwar persönlich, ist aber nicht privat. Als Christen könnten wir hier einen Unterschied machen und trotz eines großen Kosten-, Qualitäts- und Leistungsdrucks für einen würdevollen und solidarischen Umgang miteinander einstehen.

Verraten Sie uns zum Schluss, wie Sie als viel beschäftigter und in Verantwortung stehender Facharzt mit Ihrem persönlichen Humankapital umgehen?

Das ist eine tägliche Herausforderung. Ich muss mich immer wieder bemühen, selbstreflexiv zu sein und meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht zu übergehen. Wichtig ist mir, dass ich die Arbeits- und die Privatwelt klar trenne. Ich habe mir vorgenommen, nicht zu warten, bis ich reif für die Insel bin, sondern ich baue mir kleine Inseln in den Alltag ein. Das kann beispielsweise mitten in der Sprechstunde ein kurzer Moment sein, in dem ich bewusst still mit Gott spreche und durchatme.

Interview: Ursula Costa

Der Autor

Roland Stettler

Roland Stettler

CH-Basel

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Oberarzt und Leiter der Ambulanten Dienste der Klinik Sonnenhalde in Basel, 
verheiratet mit Su Stettler, zwei erwachsene Söhne

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