HOMEKONTAKTELINKS
Kopfbild
Themen

Termine












Die IVCG

 
Ausgabe 06/09 

Frucht Erfolg Leistung Segen

Noch immer klingen mir die schrillen Parolen der 1968er Studentenrevolte in den Ohren, die eine Jahrtausende alte Moral beseitigen wollte. Auf einem ihrer Plakate stand: »Wir fordern die Abschaffung des Leistungsprinzips. « Darin artikulierten die Revolutionäre den Traum von einer Gesellschaft, in der niemand mehr etwas von ihnen verlangen würde, was ihnen keinen Spaß machte. Niemals mehr sollten Menschen aufgrund ihrer Leistung bewertet werden.


Zum Glück brach diese Revolte nach etlichen Jahren in sich zusammen, nicht zuletzt weil sie wirklichkeitsfremd und ineffizient war. In den ersten Wohngemeinschaften von 1968er Studenten und Studentinnen in West- Berlin kam es zu schweren Konflikten, weil ein sexuelles Chaos ausbrach und niemand mehr bereit war, den Hausmüll zu entsorgen.


Geblieben ist auch nach den damaligen gesellschaftlichen Erschütterungen die Frage, warum eine zivilisierte Gesellschaft auf verbindlich vereinbarte Leistungen ihrer Bürger angewiesen ist. Wir brauchen nun einmal Menschen, die nachts Unfallpatienten operieren, bei jedem Wetter ein Flugzeug steuern, Geiseln aus der Hand von Terroristen befreien, Autos reparieren, mitunter unwillige Schulkinder unterrichten, neue technologische Produkte entwickeln, die Straßen reinigen usw. Dazu gehört in jedem Fall außer Sachkenntnis auch Arbeitsethik und Leistungsbereitschaft. Das Ganze funktioniert nur, solange der weitaus überwiegende Teil einer Gesellschaft bereit und imstande ist, solche Anforderungen zu erfüllen, jeder nach seinen Fähigkeiten. Nur dann kann ein Land auch diejenigen Bürger menschenwürdig versorgen, die dafür keine ausreichenden eigenen Leistungen erbringen können: die ganz Alten, die Kinder und auch Menschen mit geistigen, psychischen oder körperlichen Behinderungen.


Natürlich hat Leistung auch ihre subjektiv- persönliche Seite, wobei man gelungene Leistung bekanntlich Erfolg nennt. Schon das Kleinkind freut sich über jeden Erfolg und braucht für seine Entwicklung die entsprechende Anerkennung. Dieses Bedürfnis bleibt auch in den späteren Lebensphasen erhalten und verstärkt sich bei Erwachsenen häufig dann, wenn sie starke Erfahrungen von Misserfolg oder verweigerter Anerkennung hinter sich haben.


Jedoch entstehen oft große Probleme, wenn bei einem Menschen die Suche nach dem Erfolg das einzige Motiv für seine Leistung ist. Dann sind nämlich schwere Enttäuschungen vorprogrammiert, falls der erhoffte Erfolg ausbleibt, nur teilweise erreicht wird oder nicht von Dauer ist. Hier liegt das Dilemma eines Spitzensportlers, wenn er es beim Weg zur Weltmeisterschaft nicht bis auf Platz 1 bringt, sondern vielleicht ‘nur’ auf Platz 20. So entsteht die Depression eines führenden Politikers oder Managers, wenn seine aktive Zeit vorüber ist und er wieder als ‘normaler’ Bürger leben muss.


Doch betrifft dieses Problem im Grunde uns alle, auch wenn wir nach den erwähnten Maßstäben irgendwo im Mittelfeld liegen. Eins müssen wir nämlich begreifen: Entscheidend für den Wert unseres Lebens sind letztlich nicht unsere Leistungen, sondern die Motive, aus denen heraus wir sie erbringen oder anstreben. Wer nur den Erfolg sucht, der wird sich ständig mit anderen vergleichen. Er wird sie bewusst oder unbewusst als Konkurrenten empfinden und daher früher oder später in Konflikte mit ihnen geraten.


Um es offen zu sagen: An diesem Punkt zeigt sich, ob unsere Beziehung zu Gott in die Tiefe unseres Bewusstseins reicht. Denn wenn wir mit Gott leben, wenn wir durch Jesus Christus eine neue Identität bekommen haben, dann benötigen wir unsere Leistungen nicht mehr zur Stabilisierung unseres Selbstwertgefühls. Vielmehr erbringen wir sie, weil und soweit sie mit dem Lebensprogramm Gottes für uns im Einklang stehen. Dabei ist unser Hauptmotiv, »dem lebendigen Gott zu dienen«1 und die von ihm empfangene Liebe an andere Menschen weiterzugeben, sowohl im persönlichen Kontakt als auch durch berufliche oder nebenberufliche Tätigkeit. Dann macht Leistung Freude, weil sie unter der Herrschaft Gottes geschieht und nicht zur Selbstvergottung. So lassen sich auch Misserfolge fröhlich ertragen, weil sie ja die tägliche Erfahrung der Liebe Gottes nicht beeinträchtigen. Und wir können uns neidlos an Leistung und Erfolg anderer erfreuen. Denn für uns entfällt der Zwang, uns ständig mit ihnen vergleichen zu müssen, und so wird konfliktfreie, liebevolle Zusammenarbeit mit ihnen möglich.


Übrigens zeigt sich bei dieser Grundeinstellung, dass in Gottes Programm für uns nicht nur Platz ist für Leistungen, sondern auch – zur jeweils richtigen Zeit – ein leistungsfreier Raum für Sammlung, Muße und Dinge, die Spaß machen.


Leistung und Erfolg haben also eine hohe Bedeutung, wenn sie bei uns richtig eingeordnet sind. Viel höher aber steht das, was die Bibel Frucht nennt: alles in unserem Sosein und Handeln, was aus der Sicht Gottes einen bleibenden, überzeitlichen Wert hat. Frucht sind auch jene positiven Auswirkungen eines in Gott verwurzelten Lebens, die andere geistlich fördern oder ihnen den Weg zum Glauben ebnen. Die Erfahrung zeigt, dass solche Früchte mitunter großartige Kettenreaktionen auslösen können – wie die Fruchtbarkeit in der Natur.


Erfolg und Frucht in unserem Leben schließen sich gegenseitig nicht aus. Dass aber beides nicht dasselbe ist, wusste gerade Paulus besonders gut. In seinem früheren Leben hatte er hervorragende Leistungen und Erfolge aufzuweisen. Durch die Begegnung mit Jesus Christus jedoch kam er zu einer völligen Neubewertung seiner Vergangenheit. Seine früheren Leistungen einschließlich der akademischen erschienen ihm nun als absolut wertlos;2 denn seine Motivation dabei war gegen Gott gerichtet gewesen.

Was unserem Leben seinen eigentlichen Sinn gibt, ist eben nicht der Erfolg, sondern die Frucht. Nach ihr werden wir einmal gefragt, wenn Schulnoten, finanzielle Daten oder sportliche Rekorde von heute keine Bedeutung mehr haben werden.


Natürlich schaffen wir das nicht aus eigener Kraft. Vielmehr brauchen wir dazu den Segen Gottes, von dem die Bibel so intensiv berichtet. Gemeint ist damit seine uns zugewandte, liebevolle, effektive, verändernde Kraftwirkung. Ohne Gottes Segen gäbe es bei uns weder Leistung noch Erfolg noch Frucht.


Wir sehen: Alle diese Gaben an uns gehören zusammen: Frucht, Erfolg, Leistung und Segen, so dass die Anfangsbuchstaben das Wort FELS bilden. Ich wünsche uns, dass wir das Haus unseres Lebens auf diesen Fels bauen.3 Das S für Segen und das F für Frucht sind entscheidend für die Ewigkeit, und nur in diesem Rahmen bekommen das L für Leistung und das E für Erfolg ihren wahren Stellenwert.

_______________

1 1. Thessalonicher, Kapitel 1, Satz 9
2 Philipper, Kapitel 3, Satz 7
3 vgl. Matthäus, Kapitel 7, Satz 24

Der Autor

Bodo Volkmann

Prof. Dr. rer. nat. Bodo Volkmann

D-Möglingen

verheiratet mit Waltraut Volkmann, vier Töchter, sieben Enkelkinder, Emerit. Ordinarius für Mathematik der Universität Stuttgart

Download

200906_volkmann_b.pdf

190 K

SERVICE


ABOfacebook

ARCHIV



__Zeitschrift 'reflexionen'

Leseproben

__Brennpunkt

 > Hintergrund

  • __Monday Manna

    __IVCG-Podcast