

Frau Pientka, Sie leiten die Autohandelsgruppe ‘Gebrüder Nolte’ mit neun Betrieben und ca. 140 Beschäftigten. Sie sind Ehefrau und Mutter. Da muss ‘Organisation’ bei Ihnen ein Dauerthema sein… Wie ist es dazu gekommen, dass Sie beruflich Karriere machten – bzw. standen Sie vor der Entscheidung ‘Beruf oder Familie’?
Zunächst lehne ich das Wort ‘Karriere’ als Bezeichnung für meinen Weg ab. Es verkörpert für mein Verständnis zu stark den Drang, ausschließlich sich selbst verwirklichen zu wollen vor dem Hintergrund von Habgier und Ego-Ehrgeiz. Das alles mag ich nicht und finde es auch eher gefährlich. Stattdessen fühle ich mich von Gott berufen als Christin in der Wirtschaft. Auch wenn ich in eine Unternehmerfamilie hineingeboren wurde und schon als Kind gern mit Spielzeugautos spielte, hatte ich eine freie Berufswahl. Meine Eltern hatten mir die große Aufgabe der Unternehmensleitung schon immer zugetraut, aber mich dennoch nicht nur Wirtschaft, sondern auch Theologie studieren lassen. Ich bin für diese so wichtige Freiheit sehr dankbar! Meinen Mann habe ich erst ein Jahr nach meinem Einstieg in unseren Betrieb kennen gelernt. Eine Familie habe ich mir immer schon gewünscht, dies auch – wie meine Mutter es mir vorgelebt hat – in Verbindung mit der Unternehmensführung.
Arbeitet Ihr Mann auch im Unternehmen mit?
Nein, er ist IT Consultant. Der rege Austausch über seine und meine Arbeitswelt beflügelt uns beide und lässt unsere Kinder beim aufmerksamen Zuhören viel lernen.
Was ist Ihr Motto bei der Mitarbeiterführung?
Klare Zielvorgaben mit Orientierungsrahmen stecken; zeitnahes Feedback; offene, deutliche, konstruktive Kritik – in jedem Fall aus authentischem Interesse Zuwendung zeigen für jeden Mitarbeitenden und für dessen Arbeit. Hohes Leistungsniveau einfordern; bei Erfolg offen loben (auch gern vor anderen), Tadel jedoch nur unter vier Augen und direkt. Mitarbeitende wie Auszubildende (ca. 20% aller Beschäftigten) als von Gott geliebte Geschöpfe wertschätzen, ihnen etwas zutrauen und sie in Bezug auf ihre Leistung fordern und fördern, ihre berufliche und persönliche Entwicklung ermöglichen.
Und wie sieht Führung beziehungsweise Erziehung in der Familie aus?
Vom Grundsatz her sehe ich viele Parallelen zwischen Kindererziehung und Mitarbeiterführung, wobei ich viel intensivere Nähe zu meinen Töchtern suche und pflege als zu unseren Mitarbeitenden. Auch in Bezug auf die Kinder orientieren mein Mann und ich uns an Gott, wie er in der Bibel beschrieben wird: »Wen der Herr liebt, den erzieht er mit Strenge.« Bei allem Respekt und aller Wertschätzung für unsere wunderbaren Kinder will ich bewusst Mutter (eine verantwortliche Autoritätsperson, die klare Freiräume eröffnet und damit auch verlässliche Grenzen setzt) und nicht etwa Kollegin oder ‘Kumpel’ sein. Ich will in ihnen mehr das sehen, was Gott in sie hineingelegt hat, damit sie ihre einmaligen Gaben in einer liebevollen, frohen Umgebung entfalten können – in einem Klima, wo Lernen auch aus eigenen Fehlern erlaubt, ja sogar normal ist – als die für mich im Umgang mit ihnen herausfordernden Dinge (z.B. Unordnung im Zimmer, ‘Mäkeln’ beim Essen, gegenseitiges Ärgern der Schwestern). Ihr Verhalten ist oft ein direkter Spiegel unseres Verhaltens. Für diese Signale bin ich dankbar und will daraus immer wieder lernen für ein ganzheitliches, wahrhaftiges Leben.
Zentral in allem ist unser täglich gelebter Glaube an Jesus Christus. Wir beten regelmäßig und in verschiedenen Situationen gemeinsam frei und offen. Unsere Töchter sollen von früh auf erfahren, dass auf Gott immer Verlass ist. Dass jede von ihnen ihr Leben lang Freundin von Jesus, Kind Gottes und ‘Versprüherin’ des Heiligen Geistes bleibt, dafür beten wir und das ist unser wichtigster, größter Wunsch für unsere Kinder.
Gab es in Ihrem Leben Stationen, die eine Neuausrichtung erforderten?
Ja, schon öfters. Ich hatte stets Spaß, an neuen Orten neue Freunde kennen zu lernen. Vor meiner endgültigen Entscheidung, als Christin in der Wirtschaft, konkret im elterlichen Unternehmen, Verantwortung zu übernehmen, überlegte ich, vollzeitlich als Reisesekretärin o.ä. in der Studentenmission zu arbeiten. Es war dann sehr spannend, umzudenken und zu entdecken, wie und dass ich meine Fähigkeiten und Erfahrungen wunderbar in die Leitung unseres Unternehmens einbringen kann.
Heiraten und Kinder bekommen erforderte auch zahlreiche Neuausrichtungen. Im Rückblick bekenne ich, dass damals – bis ich 2004 an Brustkrebs erkrankte – die Firma mit allen verbundenen Pflichten bei mir viel mehr Gehör, ja Gehorsam fand als mein Mann und unsere Kinder. Da ich auch zu Hause zumindest 100% geben wollte, führte mich mein selbst gemachtes Ausgebrannt-Sein in eine Notwendende Krise. Die Diagnose Krebs mit den zugehörigen Therapien (Chemo und Radio) erlaubte mir endlich eine von allen voll akzeptierte, für mich wohltuende Ruhepause von dem permanent überdosierten Stress. Auch in der Anschluss-Heilbehandlung auf Föhr (drei Wochen war ich ohne Angehörige auf der Insel!) durfte ich den Inhalt von Psalm 23, »… er erquickt meine Seele …«, hautnah erfahren. Seit dieser Heilung – an Leib und Seele – strecke ich mich bewusster aus nach dem, was Gott mir schenken will. Ich habe durch diese Erfahrung des Leidens neue Freude und tiefen Genuss am Leben gewonnen (dies schließt meine Beziehung zu meinem Mann, unseren Kindern und auch zu den Menschen im Umfeld unserer Firma mit ein!).
Stichwort ‘Prioritäten setzen’: Was bedeutet das für Sie heute a) in Bezug auf die Unternehmensleitung und b) im Hinblick auf Ihre Aufgabe als Familienmanagerin?
Konkret habe ich während meiner Krankheitsphasen (2006 folgte eine weitere Brustoperation) Schwerpunkte gesetzt: Ich verstehe mich als Kopf (Strategie, Entscheidungen, Gesicht (Repräsentation und Öffentlichkeitsarbeit) und Seele (Unternehmenskultur, gelebte Beziehungen) unserer Firma. Was ich nicht unbedingt selbst machen muss/will bzw. was andere gegebenenfalls besser als ich können, mache nicht mehr ich, sondern andere. Was ich nicht unbedingt in der Firma machen muss, nehme ich mit an meinen Schreibtisch zu Hause. Da beschränkt sich das Arbeiten meist auf kurze Minutenblöcke und vor allem auf den Abend, wenn die Kinder schlafen. Vormittags bin ich im Betrieb bzw. zwischen den Betrieben unterwegs, nachmittags genieße ich die Nähe zu den Kindern, begleite sie zu ihren Aktivitäten (Sport, Musik), erledige mit ihnen, was nötig ist und auch, was Spaß macht. Um vor der neuen Woche eine echte Auszeit zum Auftanken zu haben, strebe ich sonntags an, keine Firmenakten zu bearbeiten, sondern ausschließlich mit der Familie oder auch mal alleine einfach etwas Schönes zu tun. Den Gottesdienst besuchen wir mit Freude und regelmäßig.
Gerade die Autobranche wird durch die weltweite Finanzkrise geschüttelt. Wie gehen Sie damit um?
Aus meinem persönlichen Leben weiß ich, dass Krisen Wendepunkte, Chancen für einen guten Neuanfang sein können, wenn wir sie bewusst als solche nutzen wollen! Wir schauen auf das, was wir wirklich beeinflussen können – Vertriebsaufgaben, Kunde für Kunde in unserem lokalen/regionalen Markt – und lassen uns nicht beirren oder ablenken von dem, was nur andere (z.B. in den Chefetagen der großen Automobilkonzerne) in der Hand haben. Mut steht für uns vor Klage über das Schlechte. Gerade als Christen lesen wir so viele Ermutigungen in der Bibel: »Fürchte dich nicht, ich bin bei dir.«1 »Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.«2 »In der Welt habt ihr Angst, aber siehe, ich habe die Welt überwunden.«3 Grundsätze wie Sparsamkeit, vorsichtiges, gesundes Bewerten von Zahlen, umfassend verbindliches und freundliches Handeln gegenüber jedem bewahren uns zudem vor Panik in dieser Zeit!
Wie definieren Sie ein erfolgreiches Leben?
Erfolg ist das, was folgt, wenn man hart arbeitet. Mir ist ein gutes Gefühl über die gelungene Umsetzung meiner kreativen Gedanken in die Tat, vor allem, wenn ich auf dem Weg Menschen begeistert mitnehmen konnte, wichtiger als eine möglichst hohe Zahl hinter dem Euro-Zeichen! Reichtum bedeutet für mich gesunde, herzliche, gegenseitig durch dick und dünn durchtragende Beziehungen, Weisheit für Entscheidungen, Gesundheit an Leib, Seele und Geist, eine heile und lebendige Beziehung zu Gott. Noch besser als ein erfolgreiches Leben ist ein gesegnetes und Segen spendendes Leben!
Interview: Claudine Meier
_______________
1 Josua, Kapitel 1, Satz 9
2 1. Petrus, Kapitel 5, Satz 7
3 Johannes, Kapitel 16, Satz 33
Großvater Fritz Nolte gründete die Firma Gebrüder Nolte vor 95 Jahren. Petra Pientka leitet neun Autohäuser der Marken Opel, Saab, Chevrolet und Honda im Märkischen Kreis, Hagen und Schwerte.
1997 erhielt sie als erfolgreichste Jungunternehmerin den »Junior Award« vom ZDK.
Das Unternehmen wurde mehrfach für besonderes Engagement als Schulpartner und Ausbildungsbetrieb sowie für die Initiierung vielfältiger sozialer Projekte und kultureller Veranstaltungen ausgezeichnet. 2007 erhielt Petra Pientka den »Preis Christlicher Führungskräfte«.