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Die IVCG

 
Ausgabe 04/09 

Begegnung mit der Freimaurerei

1. Erster Kontakt

In Kontakt mit der Freimaurerei (FM1) kam ich durch einen langjährigen Freund, der sich in einem persönlichen Gespräch als Freimaurer zu erkennen gab und mich fragte, ob ich auch Mitglied werden wolle. Ich war damals promovierter Ökonom der Universität St. Gallen (Schweiz) und hatte als Lehrer an einem Wirtschaftsgymnasium, als Sekretär bei einem Verband sowie im Bereich Öffentlichkeitsarbeit bei einem Schweizer Konzern gearbeitet. Mein Freund versorgte mich mit Informationen über die FM und klärte mich über die Anliegen und Ideale auf. Diese sprachen mich sehr an.

2. Anliegen und Ideale der Freimaurerei

Die FM in ihrer ‘regulären’ Form (es gab und gibt verschiedene verwandte und konkurrierende Systeme) wurde im Jahr 1717 in England gegründet, als sich verschiedene Logen zu einer ‘Großloge’ zusammenschlossen und sich eine gemeinsame ‘Verfassung’ gaben. Europa stand im Zeitalter des Absolutismus und litt immer noch unter dem Schock des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Dieser war durch konfessionelle Auseinandersetzungen ausgelöst worden und hatte weite Teile Europas verwüstet. Freimaurer und andere Aufklärer sahen in absolutistischem Denken und Handeln die Hauptursache für all das Elend. Sie begannen nun ihrerseits, gegen jede Form von Absolutismus und jeden Ausschließlichkeitsanspruch von Menschen und Gruppen zu kämpfen.

Ein erster Gegner war der absolutistische Staat. Ihm setzten sie die Ideale »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« entgegen. Ein großer Teil der Initiatoren und Träger der französischen Revolution waren FM. Dabei war nicht unbedingt die Abschaffung der Monarchie, sondern die Relativierung der Macht das Ziel. FM leisteten wichtige Beiträge zur Entwicklung der Gewaltentrennung und zur Errichtung demokratischer Rechtsstaaten. Auch im Bereich der Religionen und Konfessionen ging und geht es nicht um deren Abschaffung, sondern um die Relativierung ihrer Ansprüche. Eine lange und wechselvolle Geschichte hatte die Auseinandersetzung der FM mit der katholischen Kirche. Im 20. Jahrhundert kämpften FM an vorderster Front mit gegen Kommunismus und Nationalsozialismus, gegen Absolutheitsansprüche von Klassen und Parteien oder Rassen und Nationen.

Das höchste, oberste Ziel ist eine Menschheit, die in Freiheit, Toleranz und Frieden zusammenlebt. Die schöpferischen Kräfte der Menschen sollen sich entfalten und zum Wohl des Ganzen eingesetzt werden können. Dieses Ideal wird in der FM symbolisch durch einen Bau dargestellt, den salomonischen Tempel. Die FM will den Bau der Menschheit vorantreiben und ihre Mitglieder für die Teilnahme an diesem großen Werk vorbereiten und schulen. Vom Anfänger (‘Lehrling’) an sollen die Mitglieder Mitarbeit üben. Sie sollen lernen, sich in den Bau einzufügen, gemeinschaftstüchtiger zu werden sowie später (als ‘Geselle’ und ‘Meister’) auch planerische und leitende Funktionen zu übernehmen. (Zu diesen drei Graden können noch verschiedene ‘Hochgrade’ hinzukommen.) Grundsätzlich sollen alle Menschen an diesem Bau teilnehmen können – unabhängig von ihrer Klasse, Nation oder Religion. Die FM will keine Religion sein, obwohl sie selbst wesentliche Merkmale einer (Mysterien-) Religion trägt. Sie konzentriert sich ganz auf das Diesseits, die Gestaltung dieser Welt hier und jetzt.

Der Logenraum, auch ‘Arbeitsstätte’ genannt, stellt symbolisch dar, woran sich der Mensch auf dieser Welt orientiert: Die vier Himmelsrichtungen, Sonne, Mond und Sterne sowie der Mitmensch, der im ‘Bruder’ und besonders im ‘Meister vom Stuhl’ (Vorsitzender) anwesend ist. Das Handeln (‘Arbeiten’) soll geleitet werden durch ‘Drei große Lichter’: Die heilige Schrift als Sinnbild für einen höheren Willen, das Winkelmaß als Sinnbild für Gerechtigkeit und Recht sowie der Zirkel als Symbol für umfassende Menschenliebe. Dazu kommen ‘Drei kleine Lichter’: Weisheit, Stärke und Schönheit, die den Bau auszeichnen sollen. Die ‘regulären’ Logen erwarten von ihren Mitgliedern den Glauben an eine höhere Macht. Diese wird in der FM als ‘Allmächtiger Baumeister aller Welten’ bezeichnet. Die inhaltliche Füllung dieses Begriffs ist aber jedem FM freigestellt. Glaube ist Privatsache.

3. Bedeutung und Verbreitung der FM

Vor allem im 18. und 19. Jahrhundert fand die FM eine starke Verbreitung, zuerst in den protestantischen, dann auch in einigen katholischen Ländern. Manche Monarchen, Staatsoberhäupter und auch Geistliche traten bei. So war zum Beispiel Friederich der Große von Preußen Mitglied. Die meisten amerikanischen Präsidenten waren und sind FM. Vor allem in der Zeit der Aufklärung und des Idealismus traten auch viele Dichter und Denker, Musiker und Künstler bei. Als klassische freimaurerische Werke gelten die ‘Zauberflöte’ von W.A. Mozart im Bereich der Musik sowie das Werk ‘Nathan der Weise’ von G.E. Lessing im Bereich der Literatur. Prominente Mitglieder, die sich zu ihrer Mitgliedschaft bekannten und bekennen, sind die Aushängeschilder der FM. Es sind in der Regel Menschen, die einen bedeutenden Beitrag zum ‘Bau der Menschheit’ beigetragen haben. Diese und weitere Informationen veranlassten mich dazu, dem Bund der FM beizutreten.

4. Enttäuschung

Leider folgte schon bald nach dem Eintritt eine Ernüchterung. Dabei waren es nicht die Menschen, die mich enttäuscht haben. Die einzelnen Personen der FM-Gemeinschaft selbst habe ich als liebenswürdige und wohlmeinende Menschen kennen und schätzen gelernt. So trat ich später auch nicht etwa wegen irgendwelcher Streitigkeiten wieder aus, sondern konnte in einem ‘ordentlichen’ Austrittsverfahren das Ganze wieder verlassen. Die Enttäuschung begann schon am Tag der Aufnahme. Es war ein strahlender Frühlingstag. Wir, ein Kollege und ich, wurden zuerst, jeder für sich, in eine Dunkelkammer geführt, wo wir, bei Kerzenlicht und Totenkopf, nochmals überlegen konnten, ob wir wirklich beitreten wollten. Nach Unterzeichnung einer Erklärung wurden uns die Augen verbunden und die Kleider in Unordnung gebracht. Wir waren nun symbolisch ‘blind’ und ‘nackt’. So wurden wir in den Logenraum geführt. Dort empfingen wir nach einer symbolischen Wanderung ‘Licht’. – Die Augenbinden wurden uns abgenommen, die Kleider wieder in Ordnung gebracht. Nun konnten wir das Innere der Loge und die versammelten FM sehen. Während draußen die Sonne strahlte, sahen wir also drinnen nach einer künstlichen Verdunkelung künstliches Licht. Mir kam das Ganze irreal und seltsam vor. Mit der Zeit verstärkten sich diese Eindrücke. Manches an den ‘Tempelarbeiten’ war mir auch unheimlich. Und unbegreiflicherweise begann eine alte Operationsnarbe wieder zu schmerzen. Ich war sehr irritiert und desorientiert. Einerseits war ich von der Sache überzeugt, andererseits hielt ich es hier irgendwie schlecht aus.

5. Entwirrung

In dieser Zeit der Enttäuschung und Verwirrung lernte ich einen Arzt kennen, der sich zum christlichen Glauben bekannte und dessen Vater FM war. Er kannte sich gut aus und versorgte mich mit Informationen über die FM aus christlicher Sicht. FM sei in jeder Beziehung ungesund und mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar, erklärte er. Das konnte ich kaum glauben, und ich begann, zusammen mit meiner Frau, mich mit dem christlichen Glauben auseinanderzusetzen. Wir fingen an, die Bibel zu lesen und führten Gespräche mit verschiedenen Personen. Mit der Zeit lüftete sich der Schleier, und ich erkannte Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zwischen der FM und dem christlichem Glauben.

Ein Hauptunterschied besteht darin – und darin waren sich alle Beteiligten, auch die FM, einig – dass in der FM der Absolutheitsanspruch von Jesus Christus abgelehnt wird. Mit dem Bild des Baus ausgedrückt: Im Bau der FM hat der Jesus Christus der Bibel zwar auch einen prominenten, wichtigen Platz, doch er ist nicht etwa das ‘Fundament’, auf dem alles steht, oder der ‘Eckstein’, auf den der ganze Bau ausgerichtet ist. Ein anderer Unterschied ist mir sehr wichtig: Die Bedeutung der Sprache, der verbalen Kommunikation. Die FM beruht auf der Auffassung, dass die wesentlichen Aspekte des Lebens, von Gott und der Welt, nicht verbal kommunizierbar sind. Symbole vermögen allenfalls ‘stumme Andeutungen’ (so die Aussage eines FM) geben, aber auch auf verbindliche Symboldefinitionen wird verzichtet. Die Aussage ‘Reden ist Silber, Schweigen ist Gold’ trifft meines Erachtens gut auf die FM zu. In den Logen sind Diskussionen, vor allem über Glaubensfragen, verpönt, ja tabu. Das hat zur Folge, dass Dialog, Kommunikation nicht geübt wird und jeder FM letztlich mit seinem Glauben allein ist. Ich hingegen brauche immer wieder das klärende, offene Gespräch: Aussprache, Zusprache, Absprache usw. Ohne solche Kommunikation kann es meines Erachtens auch keine zielgerichteten, sinnstiftenden und nachhaltigen menschlichen Gemeinschaftswerke geben.

Mit großer Freude und Erleichterung stellte ich fest, dass ich mit diesem Bedürfnis nach offener, echter, befreiender Kommunikation nicht allein bin, sondern dass wir sogar an einen Gott glauben können, bei dem dies von zentraler Bedeutung ist (»Im Anfang war das Wort…«2) Es entstand der Wunsch, Sprecher nicht nur der Industrie, sondern dieses Gottes zu werden. Ich studierte Theologie, und so bin ich nun schon seit über zwölf Jahren als Pfarrer in der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Baselland (Schweiz) tätig.

6. Bausymbolik und christlicher Glaube

Mit der Sprache der Bausymbolik, die aus der Bibel stammt, kann ich sagen: Ich habe die Baustelle gewechselt, und die Mitarbeit auf diesem ‘neuen’ Bau bringt mir tiefe Freude und echte Erfüllung. Dabei war es wichtig, dass ich den vorherigen ‘Arbeitsvertrag’ bewusst auflöste und mich ganz unter die Leitung des neuen ‘Arbeitgebers’ stellte.

Der ‘neue’ Bau zeichnet sich unter anderem durch folgende Eigenschaften aus: Jesus Christus ist der Eckstein, beziehungsweise das Fundament; »ein anderes Fundament kann niemand legen…«3 Das heißt: Es geht nichts ohne ihn, seinen Geist und seine Heilsgüter wie sein Wort, seine Liebe, seine Versöhnung und Vergebung. Wo er und seine Vergebung fehlen oder nicht im Zentrum sind, da besteht meines Erachtens die Gefahr, dass das Ganze gnadenlos wird.

Auf seinem Bau können nicht nur Männer, sondern auch Frauen, ja sogar Kinder, mitwirken, nicht nur ‘Unversehrte’, sondern auch Arme, Kranke, Behinderte. Das hängt damit zusammen, dass er, nach unserem Glauben, letztlich nicht Menschenwerk, sondern Gottes Werk ist. Gott selbst macht uns, soweit wir das wollen, fähig und tüchtig zur Mitarbeit.

Der Bau Christi ist nicht etwa ein Bau, den wir erst im Himmel, im Jenseits finden. Er beginnt schon auf dieser Welt, schließt diese Welt mit ein, geht aber über diese Welt hinaus und steht unter der Verheißung, ewig zu bestehen.

Auch als Christen sollen wir uns also nicht einzig auf uns selbst konzentrieren und uns in irgendeine Innerlichkeit zurückziehen. Wir haben einen Auftrag für diese Welt und ihre Mitgestaltung. Damit stehen wir in Konkurrenz zu anderen ‘Bauleuten’, die sich ebenfalls für eine bessere Welt einsetzen. Diese Konkurrenz sollte nach meiner Auffassung, wie in der Wirtschaft, nicht ‘ruinös’, sondern in gegenseitigem Respekt, ohne Gewalt, fair und möglichst offen ausgetragen werden. Wichtig ist mir dabei, dass wir am Absolutheitsanspruch von Jesus Christus festhalten, uns an ihm und seinem Wort orientieren: »Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte nicht!«4

 

_______________

1 FM = Freimaurerei beziehungsweise Freimaurer

2 Johannes, Kapitel 1, Satz 1

3 1. Korinther, Kapitel 3, Satz 11

4 Markus, Kapitel 13, Satz 31sondern dass wir sogar an einen Gott

Nähere Erläuterungen zu dieser Thematik sind im Buch »Freimaurerei – Wurzeln, Ziele, Hintergründe« von Dr. Martin Hohl-Wirz, ISBN 978-3-933828-09-5 nachzulesen.

Der Autor

Martin Hohl, Dr. oec., Pfarrer

Martin Hohl, Dr. oec., Pfarrer

CH-Bretzwil

verheiratet mit Annemarie Hohl-Wirz

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