

«Selig sind, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben.»1Diese Seligpreisung aus der Bergpredigt hebt den Wert der Gewaltlosigkeit hervor. Beim Hören dieser zentralen Stelle des Evangeliums denken wir zuerst an gewaltsame Konflikte, wo Waffen und Bomben zum Einsatz kommen. Wir sehen fast jeden Tag Bilder davon, wenn wir die Zeitung öffnen. Das Evangelium verheißt denen, die auf Gewaltanwendung verzichten, dass ihnen zufällt, wonach sie sich sehnen. Das Land fällt ihnen zu – als Erbe und nicht als Kriegsbeute, als Geschenk und nicht als Diebesgut!
Gewalt gibt es auch in unserem täglichen Lebensumfeld. In der Schule, bei der Arbeit, in Ehe und Familie, auch in den Vereinen wird gekämpft. Dass dabei auch die Sprache ein Mittel der Gewalt sein kann, ist uns oft zu wenig bewusst. Eine verbale Gemeinheit ist zwar meist subtiler als offene Aggressivität, kann aber dennoch weh tun und verletzen. Deshalb lohnt es sich, über die Sprache als Mittel der Kommunikation nachzudenken.
Als Menschen leben wir in ständiger Kommunikation. Wir reden oder hören andere reden. Sogar wenn wir still sind, kommen uns Gedanken und Ideen, durch die wir mit uns selbst und mit der Welt kommunizieren. Der gläubige Mensch kommuniziert auch mit Gott, wenn er sich im Gebet an ihn wendet.
Wir kommunizieren jedoch nicht nur durch Worte und Laute, sondern auch durch Gesten, Blicke und Körpersprache. Durch dieses komplexe System von Signalen und Botschaften werden Informationen ausgetauscht und Beziehungen hergestellt. Gelungene Kommunikation ist eine Quelle von Freude und Wertschätzung. Aber es gibt auch die schwierige und konfliktreiche Kommunikation, die mit Ärger und Wut verbunden ist und die zu Missverständnissen und Verletzungen führen kann.
Um das Thema der gewaltfreien Kommunikation von allen Seiten zu beleuchten habe ich mir die folgenden Fragen gestellt: In welchen Situationen war Kommunikation für mich schwierig? Wann ist Kommunikation anders verlaufen, als ich gehofft hatte? Wie habe ich reagiert? Was hätte ich besser machen können? Was ist gut gelungen? Wie habe ich mich dabei gefühlt?
Die gewaltfreie Kommunikation2 möchte folgendes erreichen:
Sie möchte erfüllende Beziehungen aufbauen und erhalten. Sie möchte die eigenen Bedürfnisse (be-)achten, ohne den anderen Gewalt anzutun. Sie möchte schmerzliche Kommunikation verändern und Konflikte wandeln beziehungsweise lösen. Um diesen Zielen näher zu kommen, braucht es eine Unterscheidung. Es ist die Unterscheidung zwischen ‘Wolfs-’ und ‘Giraffenwelt’. Was ist damit gemeint?
In der Wolfswelt spielt sich folgende Kommunikation ab. Der Wolf kritisiert: «So geht es nicht, das macht man so und so …» Der Wolf weiß, was mit den andern nicht stimmt: «Du bist klug, dumm, faul, hast recht oder unrecht …» Der Wolf bewertet und legt Maßstäbe an: «Bei uns gibt es das nicht!» Der Wolf sucht sofort nach einem Schuldigen: «Wenn du nicht wärst, dann …» Im Normalfall folgt solchem Wolfsverhalten, dass der andere sich schlecht fühlt, sich wehrt oder ausweicht. Solches Wolfsverhalten ist eine Quelle der Gewalt. Die Menschen sind nicht miteinander verbunden.
Die Giraffe dagegen spricht die Sprache des Herzens. Sie achtet auf ihre Gefühle und ist sich der dahinter liegenden Bedürfnisse bewusst. Sie trennt die Beobachtung von der Bewertung und bittet oder wünscht, statt zu fordern.
Die Menschen hungern nach dieser Form der Kommunikation, die Mitgefühl und Wertschätzung zeigt. Menschen tun gerne etwas, um eine gute Verbindung herzustellen und dem andern das Leben zu verschönern. Die Giraffensprache ist eine Möglichkeit dazu; eine aufbauende und gewaltfreie Kommunikation.
Die gewaltfreie Kommunikation lässt sich in vier Schritte gliedern. Wer diese in ihrer Reihenfolge beachtet, kann davon ausgehen, dass seine Botschaft gut ausgesendet wird und vom andern gut angenommen werden kann. Das gilt insbesondere, wenn Kritik anzubringen ist. Aber auch, wenn es darum geht, ein Lob oder einen Dank auszusprechen.
Im ersten Schritt teilen wir mit, auf welche Beobachtung und Situation wir uns beziehen. Wir machen einen Unterschied zwischen einer reinen Beobachtung und einer Beobachtung, die mit einer Bewertung vermischt ist. Die Giraffe macht eine Beobachtung: «Du hast heute den Müll nicht hinausgebracht.» Der Wolf eine Bewertung: «Als du heute zu faul warst, den Müll hinauszubringen …» Wenn wir unsere Beobachtung mit Bewertungen vermischen, wird der andere Kritik heraushören und abwehren.
Im zweiten Schritt geht es darum, vom vorher beschriebenen, objektiven Sachverhalt zum Gefühl und zur Empfindung zu gelangen, die mich persönlich erfüllt. Das kann ein positives oder ein negatives Gefühl sein. Wichtig ist, dass dieses Gefühl in der ‘ich’-Form präsentiert wird. Viele Menschen neigen dazu zu sagen: «Ich bin traurig, weil du zu spät kommst.» In der gewaltfreien Kommunikation fühle ich mich niemals so, weil du …, sondern weil ich … «Ich bin traurig, weil ich gerne die Zeit mit dir verbracht hätte.»
Im dritten Schritt geht es darum, das Bedürfnis zu benennen, das hinter dem Gefühl steht. Unsere Gefühle sind Reaktionen auf Bedürfnisse, die erfüllt oder nicht erfüllt sind. Um dem Gegenüber beim Verstehen unseres Gefühls zu helfen, das durch sein Verhalten ausgelöst worden ist, versuchen wir das Bedürfnis zu formulieren, das wir haben und das erfüllt oder eben nicht erfüllt worden ist. Es ist nützlich, sich jederzeit über seine Bedürfnisse im Klaren zu sein. Dann wird es auch möglich, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und zu erfüllen.
Der vierte Schritt der Giraffensprache ist der Ausdruck eines Wunsches oder einer Bitte. Manchmal ist eine Bitte eine Forderung, obwohl das Wort ‘bitte’ darin enthalten ist. Ob die Bitte eine Bitte ist und nicht eine Forderung, erfahren wir, wenn mit ‘ja’ oder ‘nein’ geantwortet werden kann.
Diese Vierschritt-Methode der gewaltfreien Kommunikation ist ganz einfach, aber nicht ganz leicht! Das heißt, die Struktur der vier Schritte kann man sich einfach merken. In der Umsetzung ist es jedoch anspruchsvoll, diese Schritte genau auseinander zu halten und in ihrer Reihenfolge zu berücksichtigen. Die Erfahrung zeigt aber, dass es tatsächlich funktioniert und Segen bringt. Die Giraffensprache gibt Mut, Dinge auszusprechen, die nicht so einfach über die Lippen gehen. Die Methode erleichtert das Annehmen und führt zu einer guten, gewaltfreien, Beziehung stärkenden Kommunikation.
Wenn es uns gelingt, die beschriebenen Kommunikationsregeln immer häufiger in unsere Alltagsgespräche einfließen zu lassen, können wir uns und unseren Mitmenschen das Leben erleichtern und unnötige Konfliktsituationen vermeiden. Gewaltfreiheit fängt im Kleinen an. Wenn wir dies beherzigen, werden wir zu Gewinnern – denn selig sind, die keine Gewalt anwenden.
Zum Schluss möchte ich die gewaltfreie Kommunikation veranschaulichen, indem ich einen ‘Giraffendank’ ausspreche: «Darüber, dass Marshall Rosenberg die gewaltfreie Kommunikation entfaltet hat (Beobachtung), freue ich mich und bin dankbar (Gefühl). Es ist mir ein Anliegen, dass viele Menschen von den Möglichkeiten der gewaltfreien Kommunikation erfahren (Bedürfnis).»
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1 Matthäus, Kapitel 5, Satz 5
2 vgl. Marshall Rosenberg, Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache desLebens, Paderborn 2004