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Die IVCG

 
Ausgabe 07/08 

Kunst als Sinnsuche

Kunst ist ein weites Feld und beinhaltet viele Facetten und Strömungen. Historisch betrachtet war Kunst in ihren vielfältigen Erscheinungsformen ursprünglich eine sakrale Einheit, war Kult, war Ab-Bild religiöser Wahrheiten. Kunst war ein Weg, letztendlich dem Göttlichen, dem Transzendenten nahe zu kommen.

Ein bedeutender Vertreter des abstrakten Expressionismus, Mark Rothko, verdichtete in seinen ‘Bildkörpern’, frei von erzählerischen und figürlichen Elementen, die Ausdruckskraft der Farben in ihrem Miteinander und Gegeneinander zu einer hohen emotionalen Intensität. Im gewollten Dialog zwischen Bild und Betrachter sollen seine Werke ihre überwältigende Kraft und eingrenzende Wirkung entfalten und so mit den Mitteln des Bildes über das Bild hinaus wirken. Er sprach hier metaphorisch von einer ‘Hochzeit der Sinne’. Kunst ist sinnhaft-ästhetisches Mittel, die aus seiner Sicht grundsätzliche Unversöhnlichkeit des Daseins in sich selbst und die bittere Wahrheit des Lebens zu ertragen. Der Künstler verglich die Intensität dieses meditativ- suggestiven Prozesses, die seine Kunst auszulösen vermag, mit einem religiösen Erleben. Und so fordert er: «Es wäre schön, wenn man überall im Lande Orte einrichten würde, ähnlich kleinen Kapellen, in denen ein Reisender oder Wanderer eine Zeit lang über ein einziges, in einem kleinen Raum hängendes Bild meditieren könnte.»1

In schlechten Zeiten werden die Menschen gläubig, so ein Allgemeinplatz. Doch die Rückkehr des Religiösen ist heute gerade auch ein Wohlstandsphänomen. Wer vermeintlich alles in seinem Leben erreicht hat und sich saturiert fühlt, giert geradezu nach Bewusstseinserweiterung. Oft wird hier Kunst als gewaltige Ressource des Spirituellen zur metaphysischen Verheißung. Die Neuroästheten sprechen davon, dass wir Menschen sinnstiftende Bilder brauchen, sozusagen eine Sternenkarte, um unser Dasein sinnstiftend optimieren zu können. Dieses Vakuum fülle die Kunst aus. Kunst als Weg für Sinnsuche? Kunst als Magnet für spirituelle Sinnfragen? Kunst als religiös-spirituelles Erleben? Kunst gar als Psychotherapeutikum nach dem Verlust von Glaubensgewissheiten nach Nietzsches Diktum vom Tod Gottes?

Das Schaffen des Künstlers ist ein Schaffen der Suche nach dem Wirklichkeitsbezug des Menschen an sich, nach der eigenen Wahrheit. Jener Wahrheit, die der Tübinger Philosoph und Physiker Ernst Bloch auf die Fragestellungen reduziert: «Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns?»2 Kunst und christlicher Glaube stellen sich direkt diesem Wirklichkeitsbezug des Menschen als Erleben, als Annahme und Interpretation von Wirklichkeit in unserem Sosein, als suchendes Ab-Bild-geben unserer eigenen Wahrheit.

Das Werk ‘Leben’ (siehe nächste Seite) von Roland Peter Litzenburger fokussiert diesen Wirklichkeitsbezug des Menschen. Der intensive Farbauftrag tritt einem fast schon aggressiv entgegen. Es scheint so, als ob etwas ‘Dahinterliegendes’ mit kräftigen Balken überstrichen, durchgestrichen werden solle. Doch eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Erst durch das Verdecken, durch das Unsichtbarmachen wird eine Störung in der Betrachtung erzeugt, die das ‘Dahinterliegende’ eigentlich erst richtig sichtbar zu machen im Stande ist. Das davorliegende Bild ist sozusagen Schlüssel für das dahinterliegende Bild. Der schnellen, oberflächlichen und undifferenzierten Bilderflut, der wir täglich ausgeliefert sind, wird ein Stopp gesetzt. Das Auge ist gezwungen, im Bild zu verweilen und genauer hinzuschauen, hineinzuschauen. Ist da noch mehr, als der schnelle Blick zunächst zu erfassen vermag und zulassen kann?

Leben ist farbig, bunt und vielschichtig. Die vom Künstler verwendeten Farben verdichten eine hohe emotionale Komplexität. Was zunächst als frei von erzählerischen und figürlichen Elementen wahrgenommen wird, formt sich auf den zweiten Blick, im genaueren Hineinschauen zu erzählenden und symbolischen Bildmotiven, die archetypisch für Wandlung, Tod und Auferstehung stehen. So der Frosch für die Wandlung, die Eule für den Todesboten, der Falter für die Auferstehung, die durch die metamorphosenhaften Wandlung einer am Boden kriechenden Raupe über die bewegungslose, totenstarre Puppe zum prachtvoll geflügelten Falter geschieht. In dieses Szenario ist ein Menschenpaar hineingestellt, das sich in seiner Zugewandtheit fast schon schwerelos in die Lüfte erhebt, als ob es in seiner Liebesbeziehung den Boden unter den Füßen verloren hätte, und dennoch verwurzelt bleibt. Das konnotiert Marc Chagall, dessen Traum es war, «dass die Wirksamkeit der Kunst von der Liebe bestimmt sein möge».3 Und so hat er diesem Motiv in seinen Werken einen unverwechselbaren metaphorischen Liebesausdruck gegeben. Es erschließend konstatiert er: «Zwei Wesen vereinigen sich, und die Welt ist nicht mehr dieselbe; zwei Menschen finden zueinander und die Schöpfung erhält einen Sinn.»4


Litzenburgers Bild kommt in seiner hohen emotionalen Intensität dem Betrachter wie ein Aufschrei entgegen und thematisiert die Bedingtheit jeglicher Existenz, Leben und Tod. Es folgt so einem dialektischen Prinzip, bei dem die ekstatische Malerei und das Kontemplative zugleich auftreten. Durch die kräftigen, wie Gitterstäbe wirkenden Balken scheint das ‘Dahinterliegende’ wie eine ‘Enthüllung’ durch. Das eigentlich Wichtige ist das ‘Dahinter’, ein leuchtend grüner Innenraum gleich einer Lichtung, der sich mittig als breites Band durch das Bild zieht und es trägt, ihm Halt gibt. Es steht für das Prinzip Hoffnung, dass das Leben in all seinen Irrungen und Verwirrungen von einem ‘Dahinter’ getragen wird.

Für den Künstler wie auch für mich ist es der Glaube an den lebendigen Gott, von dem Jesus Christus lebendige Bilder gegeben hat und auch heute gibt. Die Menschen damals haben Jesus in seinen Worten und Taten so erlebt, dass sie sich ein ‘Bild’ davon machen konnten, wie Gott ist: «Wer mich gesehen hat, der hat auch den Vater gesehen.»5 Und sie haben die Erfahrungen gemacht, dass dieses ‘Dahinter’ trägt, Antwort und orientierende ‘Bilder’ gibt für jeden Menschen, der dieses ‘Dahinter’ sucht und auch zulässt. Nicht nur die Bibel ist gefüllt von diesen Menschen und ihren sie tragenden und Zeugnis gebenden Glaubensbildern.


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1 Äußerung Rothkos aus dem Jahre 1954, Zitat nachOliver Wick, Mark Rothko ‘A Consummated Experiencebetween Picture and Onlooker’; AusstellungskatalogMark Rothko, Fondation Beyeler, Riehen/Basel 2001, S. 27/Anmerkung 22
2 Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Band 1, Seite 1,Frankfurt 1982
3 Ausstellungskatalog Marc Chagall, CongressCentrumBöblingen, Seite 14, Böblingen 2008
4 ebd.; Seite 14
5 Johannes, Kapitel 14, Satz 9

Der Autor

Karl-Heinz Röll

Karl-Heinz Röll

D-Reutlingen

verheiratet mit Gudrun Röll, zwei erwachsene Kinder, zusammen mit seiner Frau Leiter der IVCGGruppe Reutlingen-Tübingen, u.a zertifizierter Trainer und Coach,
Abteilungsleiter für Personal- und Führungskräfteentwicklung in einem großen Versicherungskonzern

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