

Es herrscht Zwielicht, die Luft ist modrig und am Ende des Tunnels kann man gerade noch den Bahnhof sehen. Wir sind gerade aus der ’normalen’ Welt abgetaucht und in eine andere eingedrungen. Wir blicken nicht mehr zurück, sondern nach vorne und nähern uns vorsichtig unserem Ziel, einigen U-Bahnwagons am Ende des Tunnels. Wir sind angespannt. Treiben sich hier vielleicht irgendwelche Sicherheitsdienstler herum? Wir schauen uns um, das Herz pocht, und ich fühle einen Kloß im Hals. Doch bis auf das monotone Summen der U-Bahn ist alles ruhig. Also gehen wir ans Werk: die U-Bahn wird bemalt. Nach etwa 15 Minuten ändert sich das Licht, und es sind Stimmen vom Luftschacht her zu hören, der direkt neben uns zur Oberfläche führt. Plötzlich geht das Licht aus, wir schauen uns an, sehen uns um und erblicken eine Kette von Personen auf uns zukommen. Blitzschnell ist uns klar: Wir sind entdeckt! Jetzt geht es nur noch darum, schnell wegzukommen. Der erste von uns klettert den Luftschacht nach oben, doch dort warten schon Polizisten, die ihrerseits versuchen, den Luftschacht zu öffnen. Es bleibt uns also nur die Flucht nach vorn, durch die Kette von Polizisten hindurch, die sich vom Bahnhof her auf uns zu bewegt. Wir gehen langsam auf die Kette zu. Kurz bevor wir sie erreichen, schauen wir uns mit den Worten «Ok, durchboxen!» auf den Lippen an und sprinten los. Es ist wie bei einem Ritterturnier. Wir stürzen uns auf die Polizisten und durchbrechen ihre Linie. Ich springe auf den Laufsteg, der neben den Schienen verläuft, um einem mir entgegenkommenden Polizisten auszuweichen. Doch auch hier stellt sich mir einer entgegen. Ich renne auf ihn zu und stoße ihn vom Laufsteg. Am Ende des Laufstegs springe ich ins Gleisbett und verliere nach wenigen Schritten meinen Schuh. Überrascht bleibe ich stehen. Ich hebe meinen Schuh auf und renne weiter, mit einem Schuh unterm Arm und einem Schuh am Fuß durch das Schotterbett. Nach ein paar Metern scheint der Abstand zu den Verfolgern groß genug. Ich stoppe, ziehe den Schuh an und renne weiter. Ich blicke zur anderen Seite des Tunnels, Kopf an Kopf mit mir läuft dort auch einer von uns. Wir kommen beide zur selben Zeit am Ende des Tunnels und dem Beginn des Bahnhofs an. Wir verharren, wissend, wer als erster den Bahnhof betritt, wird alle Aufmerksamkeit der dort Wartenden auf sich ziehen und dem anderen eine Chance zur Flucht geben. Natürlich wollen wir beide ’der Andere’ sein. Also warten wir, wer sich als erster bewegt. Die Sekunden dehnen sich, werden zu kleinen Ewigkeiten. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Verfolger zu mir aufschließen; mir wird die Zeit knapp. Ob sie mich jetzt hier kriegen oder auf dem Bahnhof, ist letzlich egal. Also renne ich los, hechte die Stufen aus dem Gleisbett auf den Bahnsteig hinauf und werde jäh aus der Bahn geworfen. Ein Mann springt aus der Tür des Putzerhäuschens und wirft sich auf mich. Wir landen beide als Knäuel im Gleisbett. Ich befreie mich aus der Umklammerung, rappele mich auf, laufe einige Schritte und stehe vor einer U-Bahn im Bahnhof.
Die Möglichkeit, im Gleisbett durch den Bahnhof zu rennen und am anderen Ende im Tunnel weiter zu flüchten, entfällt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als aus dem Gleisbett auf den Bahnsteig zu springen, wo schon ein U-Bahnfahrer auf mich wartet. Ich schaue mich kurz um, sehe den Polizisten und den Putzer auf mich zu hasten und stürze mich auf den U-Bahnfahrer. Er greift nach mir und ich nach ihm, und so bin ich schneller als gedacht aus dem Gleisbett auf dem Bahnsteig. Ich schüttle den Fahrer ab und sehe die Treppe zur Freiheit vor mir. Ich erklimme die erste Stufe und meine, es geschafft zu haben – plötzlich bewege ich mich aber statt vorwärts rückwärts und habe drei Männer über mir, die mich niederdrücken. Ich wehre mich immer noch. Sie ziehen mir die Skimaske vom Kopf. Mein Pullover und T-Shirt folgen ihr und ich finde mich halbnackt, meine Hände in Handschellen auf dem Rücken fixiert, wieder. Ich blicke mich um. Erst jetzt sehe ich die vielen Passanten, die das Schauspiel beobachten. Alle anderen Mittäter werden innerhalb der nächsten Minuten festgenommen. Wir werden in ein Polizeiauto verfrachtet, zur Wache gefahren und jeder in seine eigene Zelle befördert – das Abenteuer hatte einen hohen Preis.
Ich wurde in eine Zelle von zweimal drei Metern geführt, leer bis auf eine Holzpritsche. Ich ließ mich auf der Pritsche nieder und dachte: «Jetzt bin ich an dem Punkt, wo es eigentlich nur noch möglich ist, ein Leben radikal als Sprüher zu leben.» Dieser Gedanke erschreckte mich; ich wusste keinen Ausweg. Plötzlich kam mir ein Bibelvers in den Sinn, den ich als Kind gelernt hatte: «Gehört jemand zu Christus, dann ist er ein neuer Mensch. Was vorher war, ist vergangen, etwas Neues hat begonnen.»1 Ich dachte: «Es gibt Hoffnung! Ich kann ein anderes Leben leben.» Ich fühlte, dass mein Leben bis zu diesem Punkt sinnlos – ja völlig daneben gegangen war. Ich wollte neu anfangen.
Ein neues Abenteuer Nachdem ich aus der Zelle kam, wusste ich nicht wohin. Ich rief meinen Vater an, und er gab mir den Rat, auf den Petersberg bei Halle zu den Mönchen der Christus-Bruderschaft zu fahren. Dort begann ein neues Abenteuer. Nach einer Woche im Kloster war ich verwandelt und hatte den Entschluss gefasst: «Ich will mit der gleichen Entschiedenheit, mit der ich gesprüht habe, mit Jesus leben.»
Was heißt Abenteuer jetzt für mich? Eine Antwort auf diese Frage fällt mir nicht leicht. Zuerst muss ich den Begriff Abenteuer neu fassen. Früher hieß Abenteuer für mich: Adrenalinrausch, Risiko und völlige Unabhängigkeit. Jetzt kann ich es nicht klar sagen. Möglicherweise können die Erfahrungen meines Lebens, das ich als bewegt und abenteuerlich empfinde, helfen. Es fällt mir trotz meiner Beziehung zu Jesus schwer, Teil einer typischen Gemeinde zu sein. Ich besuche den Gottesdienst, bin involviert in die christliche Studentenarbeit, aber mein soziales Umfeld besteht aus Abenteurern, die ohne Jesus unterwegs sind, Menschen, die immer wieder meinen Glauben in Frage stellen.
Für mich ereignet sich Abenteuer heute viel weniger im äußeren Erleben als im Entdecken und Erfahren meiner eigenen Person, meiner inneren Gefühle und der Beziehung zu anderen Menschen. Es ist heute für mich ein Abenteuer, die Spannung der Ungewissheit meines Glaubens auszuhalten. Ich erlebe es als Herausforderung, kein klares Berufsbild zu haben und trotzdem meine Kraft und Kreativität in meine wissenschaftliche Ausbildung zu investieren, denn ich glaube, dass Gott mir diese Aufgabe vor die Füße gelegt hat. Abenteuer heißt für mich jetzt vor allem eins: Vertrauen, dass Jesus mit mir geht; zulassen, dass ich nicht immer alles in der Hand habe, und stattdessen lernen, alles aus der Hand zu geben. Abenteuer heißt für mich also im Moment, nicht zu wissen, wohin der Weg geht, und das zu akzeptieren und zu genießen.
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1 2. Korinther, Kapitel 5, Satz 17

D-Erfurt
«Sehr prägend waren für mich meine 11/2 Jahre Zivildienst in Brasilien und das Psychologie-Studium in Erfurt. Während des Studiums habe ich aktiv in der Leitung der Bewegung Studenten für Christus in Erfurt mitgearbeitet. Ich habe Ende 2007 geheiratet und meine Doktorandenstelle in der Psychologischen Abteilung an der Universität Erfurt begonnen. Meine Frau und ich suchen gerade einen Platz, wo wir uns zusammen einbringen können.»