

Wer sich auf die Suche nach Synonymen für ‘integer’ macht, findet Eigenschaften wie ‘achtbar’, vertrauenswürdig, einwandfrei, rechtschaffen, untadelig oder brav und bieder’. Das ist ganz schön viel, denke ich. Und bereits formen sich in meinem Innern Bilder und Figuren. Zwar nur skizzenhaft, aber immerhin. Wer beschriebene Fähigkeiten hat und lebt, muss sich doch automatisch zu einem edlen Menschen entwickeln: gezeichnet von Aufrichtigkeit, Zivilcourage und Gerechtigkeitsstreben. Ich erschrecke ein bisschen über den Gedanken, dass mir Personen, die fast ‘des Guten zuviel’ haben suspekt vorkommen. Sind solche Leute vor lauter Unbestechlichkeit und Gradlinigkeit nicht schon auf dem Weg weltfremd, langweilig oder überheblich zu werden? Und wenn ich dann noch die Steigerung lese: integer, integrer, am integersten …
Spätestens an dieser Stelle muss ich mir selbst in die Augen schauen und mich fragen, was am eigenen Lebenskern abgeht. Macht sich da schlicht und einfach ‘der Neid der Besitzlosen’ breit? Etwa nach dem Motto einer Wunschprojektion: So reif, beständig und verlässlich sein wie andere, das möchte ich auch. Aber, falls ich es mir nicht aneignen kann, wähle ich die Kehrseite als Kunstgriff, ziehe mich betupft und mit dem Gefühl des Unvermögens zurück …
Integrität ist eine urpersönliche Angelegenheit. Deshalb lohnt sich das Vergleichen mit anderen nie und nimmer. Im Stillwerden kommt ein Prozess in Gang und langsam bewegt sich die Schrittwahl in eine andere Stoßrichtung: Ich spüre echte Sehnsucht, selbst Glaubwürdigkeit zu leben. So eindeutig zu sein, dass sich mein jeweiliges Gegenüber an mir orientieren kann. Also habe ich zu investieren, dass gesprochene Worte und gelebte Handlung in Einklang kommen und bleiben.
Doch: Das riecht nach Arbeit. Das ist der Kampfort überhaupt. Hier wird der Streit, der so alt ist wie die Menschheit, ausgefochten; die härteste, nicht delegierbare Auseinandersetzung. Denn da geht es um mein Selbst, um die ‘zwei Seelen in der eigenen Brust’. Die eine kämpft in Richtung: Ich will korrekt sein, mutig, couragiert, offen, gerecht und wenn nötig sogar ohne Rücksicht auf eigene Nachteile. Die andere wird ihr mit Vehemenz gegenübertreten, möglicherweise in weinerlichem Ton die eigene Unfähigkeit bejammern, sich als Versager fühlen, einschüchtern lassen und depressiv in Richtung Resignation marschieren …
An manchen Stellen kommt mir die Frage hoch, ob genau hier die Gründe liegen, weshalb die Anzahl der integern Leute nicht übermäßig groß ist. Werden manche Kämpfe verloren, weil das eigene Lustprinzip und die Bequemlichkeit an Stärke zugelegt haben? Weil gebotene Vorteile und Sicherheiten doch verlockender sind, als die sonst hoch gepriesene Zivilcourage? Weil gehofft wird, dass das bisschen Lüge nicht auffällt oder von der Umwelt freundlich ignoriert wird …?
Hoffnung auf Veränderung kommt mir aus einem Brief, den der Apostel Paulus seinem jungen Mitarbeiter Timotheus geschrieben hat, entgegen: «Gott hat uns seinen Heiligen Geist gegeben. Und das ist kein Geist der Furcht, sondern ein Geist, der uns mit Kraft, Liebe und Selbstüberwindung erfüllt.»1
Der Begriff Integrität kommt bei solchen Fakten auf eine nochmals ganz andere Ebene: Gott hat sich eine Lösung ausgedacht. Mehr noch, er gibt seinen Geist in unser Leben hinein, damit wir die göttlichen Gesetzmäßigkeiten verstehen können. Durch ihn sind die Tore zu Neuem bereits aufgeschlossen. Das zählt zum Grandiosesten: Der Geist Gottes befähigt zur Verhaltensänderung, lässt aus Einschüchterung Mut werden oder verwandelt Ängstlichkeit in Courage. Dem nachzudenken spornt an.
Mir scheint plötzlich, die Worte ‘Integration, Intelligenz und Integrität’ gäben ein vorzügliches Dreiergespann ab: Wo Gott sich integrieren darf, wo seine göttliche Intelligenz durch uns zum Zug kommt, da werden Menschen zu integren Persönlichkeiten, in denen sich sogar ein Stück Himmel widerspiegelt …
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1 nach 2. Timotheus, Kapitel 1, Satz 7