

«Glauben die Deutschen an Gott?» Gemäß der Zeitschrift Focus bekennen sich 65% zu einem irgendwie gearteten Glauben an Gott beziehungsweise an eine höhere Macht; nur 12% glauben an einen personalen (christlichen) Gott; über 79% der Befragten glauben an Schutzengel.
Offensichtlich prägt der Glaube an einen lebendigen Gott nur relativ wenige unserer Zeitgenossen. Die Erfahrung von Bewahrung – oder auch der Wunsch, in kritischen Situationen bewahrt zu werden, wird offensichtlich eher mit Schutzengeln als mit Gott in Verbindung gebracht. Für den Großteil ist Gott eher der Abwesende, der Unwirkliche. ‘Wirklich’ sind die Dinge, die uns alltäglich bedrängen: Krankheit, Arbeitslosigkeit, Terror und Kriege, Korruption, Ungerechtigkeit – all das, was wir täglich hören, sehen oder lesen.
Haben wir möglicherweise eine falsche Gottesvorstellung – und besteht da ein Zusammenhang, dass Gott so wenig in unserem Alltag zu sagen hat?
Naturwissenschaftler sind es gewohnt, sich Bilder von der Natur zu machen. So machen wir auch Landkarten, wobei der Autofahrer an anderen Informationen interessiert ist als der Wanderer. Doch beide finden sich in einer noch unbekannten Landschaft dank der entsprechenden Karten zurecht.
Ebenso machen wir uns Bilder voneinander. Und auch Bilder von Gott prägen unsere Lebenspraxis.
Was steigt denn in mir hoch, wenn ich an Gott denke? Prägen möglicherweise Zerrbilder von Gott mein Leben?
Die Werbung suggeriert heute ‘alt’ als veraltet, nicht mehr ‘up to date’. So ein Gott hat wohl keine Ahnung von Windows XP oder Google. Er hat also nichts mit unserem Alltag, mit unserer rauen Wirklichkeit zu tun; dieser Gott kann nicht Antworten für die Probleme der Welt haben. Meine Lebenspraxis zeigt: Ich kann mit ihm nicht rechnen, ich muss allein zurecht kommen.
Ist er die nörgelnde Stimme in mir; jemand, der mich dauernd verunsichert und dabei ist, mir den Spaß zu verderben? Ist Gott der Aufpasser, der mich einengt, kontrolliert und sicher keine Freude kennt? – Das führt zu einem verkrampften Leben. Einen solchen Gott kann ich sicher nicht lieben.
Habe ich mein Gottesbild vielleicht von einem übermächtigen Vater- oder Elternbild abgeleitet? Die frühe Eltern- Kindbeziehung ist lebensprägend. Und die Gottesvorstellung gründet auf dem persönlichen Vaterbild. Wenn dieses durch eine übermächtige Autorität angstbesetzt ist, dann projiziere ich das auch auf Gott. Ich kenne dann nur einen fordernden Gott und kann ihm nicht vertrauen.
Gott wird hier als der liebende Vater gesehen, der vor allen Schwierigkeiten des Lebens bewahrt. Das ist ein sehr sentimentales Gottesbild. Menschen mit einem solchen Zerrbild zeigen eine emotionale Unreife und neigen zur Wirklichkeitsflucht. Das schreckt mitten im Leben stehende Mitmenschen ab.1
Ist Gott unüberschaubar groß, da er ja das ganze Universum trägt? Wie könnte er sich dann um mich persönlich kümmern?! Maßstab für Gott ist hier meine Vorstellungskraft. Und wenn ich mir nicht vorstellen kann, wie er sich persönlich um jemanden kümmern und mit jedem Einzelnen eine Beziehung haben kann, dann nehme ich mir das Recht, autonom zu leben.
Es gibt in der Wissenschaft immer Wissenslücken – und da darf Gott zur Erklärung die Lücke füllen. Was aber, wenn sich die Lücken schließen? Dieser Gott wird immer wieder überflüssig.
Es gibt viele weitere Zerrbilder: Z.B. den Uhrmacher-Gott (Deismus). Er setzte die Welt in Gang, überließ sie danach aber sich selbst. Somit ist heute nicht mit ihm zu rechnen.
Es ist sehr nützlich, sich das eigene (Zerr-)Bild von Gott bewusst zu machen und in einem weiteren Schritt danach zu suchen, wer Gott denn wirklich ist. Wie soll ich mir Gott vorstellen? Woher erhalte ich zuverlässige Information – und dies möglichst nicht aus zweiter Hand? Ziemlich irritierend ist zunächst, dass Gott uns das eigenmächtige Bildermachen verbietet: «Du sollst dir kein Gottesbild machen ...»2
Als Wissenschaftler kann ich Dinge – ein Stück Kunststoff oder Kupfer – zum Objekt machen, damit experimentieren und mir davon Bilder, Modelle entwerfen. Kann ich das aber auch mit Gott?
In begrenzterem Maße machen wir uns auch Bilder von Mitmenschen. Der Arzt macht zum Beispiel eine Röntgenaufnahme oder ein Blutbild. Wir sind ‘im Bilde’ über jemanden. Allerdings kann sich der andere Mensch – anders als das Stück Kunststoff – der Objektivierung entziehen. Wenn er sich mir nicht mitteilt, kann das Bild ganz unvollständig und vielleicht sogar lieblos werden.
Wir sind in einem Dilemma. Einerseits müssen wir uns voneinander Bilder machen, sonst würden wir oft von einer Überraschung in die andere fallen. Andererseits dürfen Bilder, vorgefasste Meinungen, etwas Elementares nicht unterdrücken: die Begegnung. Eine Begegnung findet auf Augenhöhe statt. Die Verobjektivierung muss dabei zurücktreten, sonst geht die Begegnung kaputt.
Auch Gott möchte uns begegnen und nicht zum Objekt werden. Er selber gibt uns Bilder von sich. Unser eigenmächtiges Bildermachen führt doch nur zu Zerrbildern. Die entscheidende Frage sollte deshalb eher lauten:
Gott spricht und ist daran interessiert, uns Information zu geben. Er stellt sich als Person vor. Eine Person ist lebendig, kann planen und ist liebesfähig. Gott selber gibt uns das eigentlich verbindliche Bild, Modell, von sich: seinen Sohn Jesus Christus.3 Wer also wissen will, wer Gott ist, muss diesen Jesus studieren – oder besser: diesem Jesus begegnen. Wer ist Jesus? Was hat er getan? Wie hat er sich verhalten? Was hat er gesagt?
Jesus sagte einmal im Kreise seiner Schüler: «Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Von jetzt an kennt ihr ihn; ja, ihr habt ihn schon gesehen!»4
Er bietet uns also ein weiteres Gottesbild an, nämlich das Bild des Vaters. «Schaut mich an», sagt er, «und ihr wisst, wer er ist.» Er identifiziert sich selbst mit diesem Vater, mit Gott, und versteht sich selbst als die eigentliche Inkarnation Gottes, den Mensch gewordenen Gott selber.5 Er ist der verbindliche und eigentliche Zugang zu Gott und kann deshalb sagen: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.»6
Das Experiment Jesus gibt mir sozusagen die Anweisung: «Jetzt probier es doch mal!» Er fordert mich heraus, Vertrauen zu investieren und anzufangen, Gottes Willen zu tun. Und dann verspricht er, ich werde erfahren, dass hinter den Bildern Gottes Wirklichkeit steht und er mir tatsächlich begegnet. Gott wirbt um mich und mein Vertrauen. Und er will mir eigentliches Leben und volle Lebensqualität schenken.
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Das ungekürzte Referat «Gott – wie hätten Sie ihn gerne? Anstöße eines Naturwissenschaftlers zu einem realistischen Gottesbild» finden Sie als mp3- Datei auf www.ivcg.org; unter ‘Vorträge’.
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1 Christen werden nicht aus schwierigen Lebenssituationen herausgenommen, sondern darin bewahrt.
2 2. Mose, Kapitel 20, Satz 4
3 Hebräerbrief, Kapitel 1, Sätze 1+2: «Immer wieder hat Gott schon vor unserer Zeit auf unterschiedliche Art und Weise durch die Propheten zu unseren Vätern gesprochen. Doch jetzt, in diesen letzten Tagen, sprach Gott durch seinen Sohn Jesus Christus zu uns.»
4 Johannes, Kapitel 14, Sätze 7ff
5 Für ein systematischeres Studium dieser Thematik bietet die IVCG Seminare an.
6 Johannes, Kapitel 14, Satz 6