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Die IVCG

 
Ausgabe 04/07 

Die Welt – ein großes Dorf

 

Mehr Freiheit, mehr Zwang – die zwei Seiten der Globalisierung

Globalisierung geschieht. Ob wir wollen oder nicht. Ob wir sie verteufeln oder vergöttern. Und: Keiner kommt daran vorbei. Wir selbst sind nämlich die Globalisierer, zunächst einmal als Konsumenten. Das beginnt, wenn wir zum Frühstück Kelloggs Müsli aus den USA essen und dazu eine Tasse fair gehandelten Kaffee aus Nicaragua trinken. Das geht weiter, wenn wir uns entscheiden müssen zwischen dem italienischen Designeranzug und den lässigen Klamotten aus Fernost. Und das endet nicht, wenn wir in ein japanisches Auto steigen. Soll heißen: Globalisierung zeigt sich uns zunächst einmal in der Form des internationalen Handels, bei dem Grenzen heute kaum noch eine Rolle spielen. Bedingt zum einen durch politische Faktoren (Fall der Mauer und die Einbeziehung des früheren Ostblocks in das internationale Handelsgeschehen), erleichtert zum anderen durch technische Entwicklungen wie das Internet. Der Philosoph Hermann Lübbe spricht daher im Zusammenhang mit der Globalisierung von der räumlichen Schließung der Welt.

Die theoretischen Grundlagen der heutigen Globalisierung stammen freilich schon aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Dabei ist insbesondere an Adam Smith und David Ricardo zu denken. Mit Adam Smith ist der Gedanke der «unsichtbaren Hand» verbunden, also die Idee, dass der freie Austausch von Gütern und Dienstleistungen auf dem Markt zu einem Ergebnis führt, das allen nützt und von daher auch eine moralische Qualität hat. In Ergänzung dazu erbrachte David Ricardo den Nachweis, dass sich freier Handel auch zwischen zwei Ländern lohnt, wenn die Produktionskosten in einem Land für alle Güter niedriger sind als in dem anderen. Sein Fazit: Jedes Land sollte sich auf das Produkt spezialisieren, für das es einen relativen Kostenvorteil hat. In seinem Beispiel sollte sich Portugal auf Wein und Großbritannien auf Textilien spezialisieren. Damit deutet sich freilich schon an, dass ein solcher Schritt, der unterm Strich für alle vorteilhaft ist, zunächst einmal auch Verlierer kennt: In Großbritannien werden das, um in Ricardos Beispiel zu bleiben, die Weinbauern sein, in Portugal die Beschäftigten in der Textilindustrie. Nun ist die heutige Ausformung der Globalisierung nichts anderes als die Fortsetzung der internationalen Arbeitsteilung. Auch hier wird deutlich, dass es Gewinner und (zumindest kurzfristig) auch Verlierer gibt. Wir kennen die Diskussionen um die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer, wo sich die Menschen natürlich über diese Folge der Globalisierung freuen. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass diesem «Nachteil» die Erfolge der hochspezialisierten Exportwirtschaft gegenüberstehen – gerade Deutschland, Österreich und die Schweiz profitieren seit Jahren von der starken Entwicklung der Weltwirtschaft und des internationalen Handels.

Wie die Globalisierung die Wirtschaft verändert

Aber nicht nur Waren werden hinund hertransportiert. Auch für Geldanlagen haben Grenzen an Bedeutung verloren. Wer möchte und das entsprechende Risiko eingeht, kann in indischen Aktien oder südafrikanischen Anleihen investieren. Inzwischen ist westliches Kapital sogar im kommunistischen China gefragt.

Aus ökonomischer Sicht stellt Kapital neben der menschlichen Arbeit den zentralen Produktionsfaktor dar – ohne Geld, das in Fabriken, Maschinen und Computer fließt, ist Produktion eben nicht mehr denkbar. Wenn Kapital weltweit nachgefragt wird und (zumindest in Form von Finanzkapital) auch grenzenlos mobil ist, dann hat das Folgen für die Gewinnerwartungen der Anleger, insbesondere der großen Beteiligungsgesellschaften und Fonds: Kapital wandert dahin, wo es die höchste Rendite bringt. So verschärft die Globalisierung den Wettbewerb auch auf dem Arbeitsmarkt. Hochlohnländermüssen, um im Wettbewerb bestehen und die geforderten Kapitalrenditen bieten zu können, mindestens so viel produktiver sein, wie sie teurer als andere sind. Das mag für hochqualifizierte Arbeitnehmer kein Problem sein; für Niedrigqualifizierte ist es das schon, wie die Debatte um Mindestlöhne zeigt. Auf den ersten Blick klingt das von Gewerkschaftsseite vorgebrachte Argument «Arbeit darf nicht arm machen» auch gut, doch Arbeitsplätze, die im internationalen Wettbewerb zu teuer sind, werden gar nicht erst geschaffen. – Ob das den Arbeitslosen hilft?

Globalisierung ist damit für jeden Einzelnen von uns mit Vor- und Nachteilen verbunden: Als Verbraucher profitieren wir – durch eine größere Auswahl (vom Biobauernmarkt bis zum Discounter) und niedrigere Preise.

In der Eigenschaft als Unternehmer und Arbeitnehmer sind wir dagegen höherem Wettbewerb ausgesetzt. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen so wie die beiden Seiten einer Medaille.

Deshalb ist auch die häufig zu hörende Unternehmerschelte nicht angebracht. Unternehmen, die Arbeitsplätze im Ausland schaffen, sind keine vaterlandslosen Gesellen, sondern reagieren mit ihren Möglichkeiten auf die Anforderungen des internationalen Wettbewerbs.

Die Folgen für die Politik

Klar, dass das bei den Politikern nicht so gut ankommt, aber auch bei ganz normalen Arbeitnehmern für Unbehagen sorgt. Ein Gewerkschafter hat das so ausgedrückt: «Diejenigen, die wir wählen, haben nichts zu sagen. Und die, die etwas zu sagen haben, können wir nicht wählen.» Das mag zwar überspitzt sein, benennt aber ein Problem, das tatsächlich mit der Globalisierung verbunden ist. Während Unternehmen zunehmend grenzüberschreitend agieren, ist Demokratie weiter an Nationalstaaten gebunden: Wahlen und auch politische Diskussionen sind in der Regel räumlich begrenzt. Der Soziologe Ralf Dahrendorf fasst das so zusammen: «Globalisierung vollzieht sich in Räumen, für die noch keine Strukturen der Kontrolle und Rechenschaft erfunden sind.»

Das heißt aber nicht, dass die Politik nun völlig machtlos gegenüber der Wirtschaft wäre. Die Politik setzt die Rahmenbedingungen – von Rechtssicherheit über Bildung bis hin zum Steuersystem. All das berücksichtigen die Unternehmen bei ihren Investitionsentscheidungen. So wie sich Menschen übrigens schon immer an staatliche Vorgaben angepasst haben, wenn auch nicht immer so, wie sich das die Herrschenden vorgestellt haben. Man denke an die berühmte Fenstersteuer, die 1798 in Frankreich eingeführt wurde und deren Höhe sich nach der Größe der Fenster bemaß. Damit sollten die Reichen getroffen werden, weil Glas als Symbol für Reichtum galt. Die Folge dieser Politik: Häuser wurden mit weniger und kleineren Fenstern gebaut …

Das heißt: Wo die Rahmenbedingungen für Unternehmen ungünstig sind, da wird nicht investiert. Und weil die Unternehmen sich anpassen, muss sich auch die Politik anpassen, wenn sie Investitionen haben will. In diesem Sinn findet die Macht der Politik tatsächlich ihre Grenzen. Freilich: Noch nie war die Politik völlig unabhängig von den Entwicklungen der Wirtschaft. Technische Neuheiten wie die Dampfmaschine oder die Eisenbahn und die jeweiligen Folgen konnte die Politik nicht verhindern, auch daran konnte sie sich nur anpassen.

Droht ein kultureller Einheitsbrei?

Mit der Globalisierung ist die Welt offener geworden, auch politisch. Vom Globalen Dorf ist die Rede. Wir können uns über den Kampf der Opposition in Simbabwe gegen den Diktator Mugabe informieren, uns aber auch in ein «Second Life» flüchten – das Internet macht’s möglich. Damit sind aber auch Ängste verbunden, insbesondere die Angst vor einer Amerikanisierung der Welt. Einer Welt, in der vor allem Englisch gesprochen wird und andere Sprachen aussterben, einer Welt, die sich auch die Konsumgewohnheiten der USA zum Vorbild nimmt. In diesem Sinn prägte der amerikanische Politologe Benjamin Barber schon in den 90er Jahren den Begriff «McWorld»; Barber beklagt, dass «ein säkularer Materialismus in Handel und Konsum unsere Kultur, Kunst und Religion dominiert ». Auch nicht erstaunlich, dass Attac, die Bewegung der Globalisierungskritiker, ihren Ausgangspunkt in Frankreich nahm, wo man besonders sensibel auf die Wahrung der eigenen Kultur und Sprache achtet.

Nun sind McDonald’s und Coca-Cola tatsächlich über die ganze Erde verbreitet. Der so genannte «Big Mac Index » gilt als wichtiger Indikator für einen Vergleich der Kaufkraft in verschiedenen Staaten. Interessant aber auch, dass Coca-Cola nicht überall gleich schmeckt und dass sich PizzaPizzahersteller den Geschmacksvorstellungen ihrer Kunden in aller Welt anpassen. Ein Zeichen dafür, dass es als Pendant zur Globalisierung auch einen Trend zur Betonung regionaler bzw. lokaler Besonderheiten gibt. «Nie zuvor haben so viele Menschen so viele Optionen gehabt wie heute.» So beschreibt Ralf Dahrendorf die Folgen der Globalisierung. Optionen können so oder so genutzt werden. Sie können genutzt werden im Sinn kultureller Verarmung oder im Sinn kultureller Vielfalt. Denn auch im Zeitalter der Globalisierung kommt es darauf an, was Menschen daraus machen. Freiheit kann verantwortlich genutzt werden, aber auch schrankenlos. Nicht dass wir nach Gewinn streben, ist das Problem, sondern dass viele dabei keine Grenzen mehr kennen. Denken wir an die jüngsten Fälle von Korruption: Wer mit unfairen Methoden arbeitet, mag zwar kurzfristig einen Vorteil erlangen, unterhöhlt aber das System, von dem er lebt.

Das lässt sich auch auf einer ganz anderen Ebene zeigen: Ein Chef, der sich von seiner Sekretärin am Telefon verleugnen lässt, wird von seinen Mitarbeitern im Betrieb schwerlich Ehrlichkeit erwarten können. Wirtschaft braucht, wenn sie auf Dauer erfolgreich sein will, neben den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital so etwas wie Moralkapital. In diesem Sinn lebt nicht nur die Demokratie, sondern auch die Wirtschaft von Grundlagen, die sie selbst nicht schaffen kann.

Daran ist auch im Zeitalter der Globalisierung zu erinnern. Ich würde es so ausdrücken: Ohne Gott ist alles erlaubt. Dann muss ich nur versuchen, nicht erwischt zu werden, und Gesetze geschickt zu umgehen. Wer aber weiß, dass er von Gott geschaffen ist, von Gott geliebt wird und auch ein Ziel bei Gott hat, der bekommt von ihm auch die Kraft, richtig zu handeln – selbst dann, wenn es vordergründig nicht zum eigenen Vorteil sein mag. Als Christ kann ich mich eben immer wieder an die Kraftquelle anschließen, die mir ermöglicht, die guten Gebote Gottes zu halten: Ich kann im Gebet mit Gott sprechen, und ich erfahre in der Heiligen Schrift von Gottes Güte und Treue. Interessant, dass die Väter der Sozialen Marktwirtschaft vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Nationalsozialismus zum einen auf den Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung hingewiesen haben, zum anderen darauf, dass eine gut funktionierende Marktwirtschaft nicht ohne geistige Grundlagen auskommt. Wilhelm Röpke, einer der Väter der Sozialen Marktwirtschaft, hat es so gesagt: «Das Maß der Wirtschaft ist der Mensch, das Maß des Menschen aber ist sein Verhältnis zu Gott.»

Der Autor

Hans-Joachim Vieweger

Hans-Joachim Vieweger

D-München

ist verheiratet und hat mit seiner Frau Christine zwei Söhne (Jonas und Joel). Nach einer Banklehre sowie dem Studium der Volkswirtschaftslehre in Regensburg und Madrid begann er ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk in München, wo er seit 1997 schwerpunktmäßig in den Redaktionen Wirtschaft und Landespolitik arbeitet. Als Börsenjournalist hat er (zusammen mit Marcus Mockler) ein Buch über Fragen von Börse und Ethik veröffentlicht

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