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Die IVCG

 
Ausgabe 02/07 

Was heißt geistliches Zeitmaß? Gedanken über Entschleunigung, Glauben und IVCG

 

Es ist noch nicht lange her, dass der Zeitgeist dem Rausch der Geschwindigkeit verfallen war. Man jagte nach immer schnelleren Flugzeugen, Autos und Eisenbahnen. Man bevorzugte schnelle Restaurants, in denen Speisen und Getränke flink zubereitet, flott an der Kasse bezahlt und schnell konsumiert werden konnten. Bei der Produktion setzte man auf Automatisierung durch schnelle Roboter und andere Maschinen, die dem Menschen an Geschwindigkeit weit überlegen sind.

Selbst bei der Unterhaltung ist der Hang zum Tempo unverkennbar. Manche schafften es, im Fernsehen mehrere Filme gleichzeitig zu sehen, was durch sekundenschnellen, häufigen Wechsel des Kanals möglich wird. Und auch in der Fernsehwerbung setzte sich ein Stil durch, der den Zuschauer durch ständigen, blitzschnellen Bildwechsel am bewussten, kritischen Aufnehmen der Informationen hindert und ihn stattdessen mit sublimen Reizen emotional überflutet.

Nach und nach zeigte sich, dass dieser Rausch der Geschwindigkeit nicht nur Vorteile brachte. Mancher erlebte nach einer allzu schnellen Autofahrt eine unfreiwillige, längere Ruhepause im Krankenhaus. Die Sehnsucht nach immer schnelleren Flugzeugen stieß an praktische Grenzen, weil der Zeitverbrauch vom Haus bis zum Passagiersitz und von dort bis zum tatsächlichen Reiseziel, relativ betrachtet, immer größer wurde. Was das schnelle Essen anbetrifft, so ist manchen inzwischen der Appetit darauf vergangen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Das «schnelle» Fernsehen hat zu schweren psychischen Schäden geführt. Viele haben jetzt Mühe, sich länger als ein paar Augenblicke auf ein Thema zu konzentrieren. Vorlesungen, Vorträge, Sitzungen und Predigten müssen heute bereits auf diese Konzentrationsschwäche der Teilnehmenden Rücksicht nehmen und möglichst kurz sein. An Schulen und Hochschulen zeigten sich aus diesem Grund Lernstörungen und fatale Misserfolge, auch bei Begabten.

Wir verstehen, warum das Pendel des Zeitgeistes in den letzten zwanzig Jahren mehr und mehr nach der entgegengesetzten Seite ausschlug. Wohl niemand hat dies damals treffender literarisch ausgedrückt als der Berliner Schriftsteller Sten Nadolny in seinem Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit », der sogleich zum Bestseller wurde. Darin beschreibt er das Leben des berühmten englischen Seefahrers und Entdeckers John Franklin (1786- 1849). Aufgrund einer besonderen psychisch- neurologischen Veranlagung reagierte Franklin von Geburt an bei allem extrem langsam, so dass er zum Versager vorprogrammiert zu sein schien. Die großartige Botschaft des Romans: John Franklin stellte sich positiv auf seine Veranlagung ein. Er wurde ein gründlicher, zielstrebiger, willensstarker Mann und brachte es zu Weltruhm.

In den achtziger Jahren schlug dieses neue Zeitgefühl ein wie eine Bombe. Der Rausch der Geschwindigkeit wurde durch das Lob der Langsamkeit ersetzt. Eine neue Sehnsucht nach Entspannung und Ruhe kam auf. Das neue Schlagwort hieß Entschleunigung – ein Begriff, den man in den älteren Wörterbüchern vergeblich sucht.

So dreht sich das Lebensgefühl von heute um den Kult des organisierten Wohlfühlens, der Entspannung und Ruhe. Junge Leute zeigen nach Abschluss von Ausbildung oder Studium oft nicht die geringste Eile, um konsequent Lebensziele in Familie und Beruf anzusteuern, sondern sie legen mitunter Jahre des planlosen Vagabundierens ein. Sie suchen ihren Lebensrhythmus immer weiter zu entschleunigen, auch wenn er zuvor ohnehin nie allzu sehr beschleunigt wurde. So meint mancher, er könnte gewissermaßen durch das Lob der Langsamkeit ein John Franklin werden. Dies ist natürlich genau so falsch, als wenn jemand meint, er könnte ein Einstein werden dadurch, dass er andern die Zunge herausstreckt. So hat die Sucht nach Entschleunigung schon zu Verhaltensweisen geführt, die man früher Faulheit und rücksichtslose Bequemlichkeit nannte.

Nein, die Lösung kann weder in der Beschleunigung noch in der Entschleunigung liegen, weder im Lob der Schnelligkeit noch im Lob der Langsamkeit. Denn beides hat mittlerweile zu schweren Schäden geführt – persönlichen wie auch gesellschaftlichen. Gerade der deutsche Nationalcharakter neigt zu Übertreibungen und fällt daher mitunter von einem Extrem direkt in das entgegengesetzte.

Was wir für unser Leben brauchen, ist jedoch ein in sich ruhendes, tief fundiertes Zeitmaß, das sinnvoll, also der inneren Dynamik unseres Daseins flexibel angemessen ist. Bei rein mechanisch- physikalischen Vorgängen wird weiterhin ein flottes Tempo angesagt sein. Denn die beiläufigen Dinge im Leben erledigt man am besten zeitsparend, um mehr Zeit für die wichtigen zu haben. Bei allem aber, was den Menschen als Person betrifft, ist nicht Schnelligkeit oder Langsamkeit als Selbstweck geboten, sondern ganzheitliche Konzentration und Echtheit. Geistige Dinge lassen sich dann am besten erfassen, verstehen und bewältigen, wenn wir uns ihnen völlig öffnen und sie nicht in irgendeine Zeitschema zu pressen versuchen. Nicht diejenigen finden ein erfülltes Leben, die hektisch und gierig von einer Stunde zur nächsten hetzen, sondern diejenigen, die diszipliniert mit innerer Ruhe, klarer Zielsetzung und Selbstbeherrschung leben, immer konzentriert auf das Wesentliche.

Gewiss gehört zu einem solchen Leben jenseits von Schnelligkeit und Langsamkeit zunächst eine Art von Generalinventur und Grundsatzplanung. Dabei brauchen wir eine Antwort auf die Sinnfrage. Dafür aber benötigen wir angesichts der Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit unserer Zeit eine persönliche Verbindung mit dem lebendigen Gott als dem eigentlichen Sinngeber. Denn nur so können wir der Gefahr entgehen, ziellos vom Strom des Zeitgeistes mitgerissen zu werden und heute die Schnelligkeit zu loben, morgen die Langsamkeit und übermorgen vielleicht ein anderes Idol.

Eine solche Verankerung in Gott ist aber nicht durch traditionelle Religion zu finden, sondern durch die echte, persönliche Begegnung mit Jesus Christus. Sie verändert, wie die Erfahrung immer wieder zeigt, heilsam und positiv das Leben eines Menschen einschließlich seines Zeitmaßes.

Übrigens hat die IVCG in diesen 50 Jahren ihres Bestehens gerade in diesem Punkt ihren Hauptauftrag gesehen und wahrgenommen. Sie hat viel beschäftigten Verantwortungsträgern dazu verholfen, jene innere Ruhe zu finden, jenen festen Punkt, von dem aus Gott ihr bisheriges Leben aus den Angeln heben und ihr Zeitmaß verändern konnte. Der Glaube an Jesus Christus ist für uns in der IVCG immer eine praktisch wirksame, eine lebensnotwendige Realität gewesen. Diese Geborgenheit eines Menschen lässt sich nicht an seinen verbalen Bekenntnissen feststellen, sondern viel eher daran, dass sein Zeitmaß von der liebenden Gegenwart des ewigen Gottes geprägt ist, jenseits von verkrampfter Hektik oder selbstverliebter Entschleunigung.Ausführliche Informationen über die IVCG und ihre Veranstaltungen findet man auch im Internet unter www.ivcg.org.

Der Autor

Bodo Volkmann

Prof. Dr. rer. nat. Bodo Volkmann

D-Möglingen

verheiratet mit Waltraut Volkmann, vier Töchter, sieben Enkelkinder, Emerit. Ordinarius für Mathematik der Universität Stuttgart

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