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Ausgabe 07/06 

Geborgenheit in der Gruppe

 

Was heißt Geborgenheit in der Gruppe, wie kann sie entstehen, und wo liegen die Gefahren? Ein Einstieg ins Thema, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Was ist eine Gruppe?

In der Alltagssprache und in der soziologischen Theorie wird der Begriff unterschiedlich definiert. Ich gehe von folgender Definition aus: Eine Gruppe besteht aus zwei oder mehr Personen bis hin zur Größe, in der sie für alle Mitglieder noch persönlich überschaubar ist. Sie ist durch formale oder informelle Merkmale gegen außen abgegrenzt und generiert ein Wir-Gefühl. Sie handelt zeitweise gemeinsam, verfolgt ein gemeinsames Ziel und ist meist längerfristig angelegt.

Bis ins 19. Jahrhundert waren Primärgruppen vorherrschend. Man wurde in die Großfamilie hineingeboren, die Gruppe war vorgegeben. Primärgruppen wie Familie, Nachbarschaft, Gemeinde usw. zeichnen sich durch enge persönliche Beziehungen und Stabilität aus. Mit der Zeit wurden durch Vereine Möglichkeiten freier Gruppen- Wahl eröffnet. Im Zuge des Individualismus scheinen jedoch auch diese Sekundärgruppen die Freiheit zu stark einzuengen. Viele Vereine haben daher Mitgliederschwund, und es entstehen mehr informelle Gruppen von kurzer Dauer und Netzwerke von Menschen gleicher Interessen.

Im Folgenden meine ich mit Gruppen alle Primär- oder Sekundärgruppen, also Familien, Cliquen von Freunden, Jugendgruppen, Kirchen, Vereine, Abteilungen in Unternehmen usw.

Was ist Geborgenheit?

Unter Geborgenheit verstehe ich hier in erster Linie:

  • Sicherheit und Stabilität der Beziehungen, das heißt vor allem Sicherheit und relative Sorglosigkeit für die Zukunft

  • Verlässlichkeit der Beziehungen in der Gegenwart

  • Einen gewissen Schutz vor äußeren Einwirkungen

 

Gruppen als emotionale Heimat. Und die Geborgenheit?

Gruppen geben den formalen und informellen Mitgliedern ein Stück Identität und einen Ankerpunkt für die eigene Wahrnehmung, denn Gruppen definieren sich über Eigenschaften, die sie von den Menschen außerhalb der Gruppe unterscheiden. Sie dienen als emotionale Heimat. Wie kann eine Gruppe Geborgenheit schaffen?

  • Geborgenheit entsteht über verlässliche (formale oder informelle) Normen. Das Gruppenmitglied muss wissen, was ihn in der Beziehung erwartet und welche Verhaltensweisen von ihm erwartet werden. Sanktionen müssen vorhersehbar sein (jedoch mit einer gewissen Flexibilität, da nicht die ganze Komplexität des Lebens zum Vornherein erfasst werden kann, sonst droht die Gefahr, Liebe durch Härte zu ersetzen).

  • Zentral sind auch die gegenseitige Wertschätzung und Akzeptanz aller Gruppenmitglieder. Emotionale Heimat kann eine Primärgruppe auch ohne Wertschätzung sein, eine Sekundärgruppe jedoch ist ohne Akzeptanz in der Existenz gefährdet. Wertschätzung heißt Nächstenliebe und Zugeständnis des unverrückbaren Wertes, den Gott jedem Menschen gibt, allein weil er ihn geschaffen hat. Wir können diesen Wert nicht geben, sondern nur anerkennen. Damit einher geht auch die Akzeptanz, wenn der Nächste nicht so leistungsfähig wie ein anderer ist oder zum Beispiel nicht den gängigen Schönheitskriterien entspricht.

  • Aus diesem gleichen Wert aller ergibt sich auch die gelebte Gerechtigkeit, ohne die eine Geborgenheit nicht möglich ist. Das heißt, dass alle Gruppenmitglieder, die sich für das Wohl der Gruppe einzusetzen versuchen, die Früchte des Erschaffenen genießen können, auch wenn aus Gründen der begrenzten Leistungsfähigkeit der Beitrag nur klein ist.


Ohne diese Komponenten droht eine Dysfunktion der Gruppe, was sich zum Beispiel in Mobbing ausdrücken kann. Wenn Gruppenmitglieder das Gefühl haben, zu kurz zu kommen, oder keine Akzeptanz erhalten, dann buckeln sie nach oben und treten nach unten, gegen die Schwächeren beziehungsweise Schwächsten.

Beispiele

Speziell für Kinder ist Geborgenheit in der Familie für das spätere Leben wichtig. Sie ergibt sich aus der Verlässlichkeit der Normen und aus der Stabilität der Familie. Diese misst sich für das Kind vor allem am Umgang der Eltern untereinander. Wenn dieser als liebevoll und stabil wahrgenommen wird, dann hat das Kind weniger Angst, dass seine Welt plötzlich zusammenbrechen kann. So ist auch gelegentlicher Krach zwischen den Eltern für das Kind kein Problem, wenn es bald danach sichtbare Versöhnung und Wiederherstellung miterlebt. Für Jugendliche ist die Schutzfunktion der Gruppe besonders wichtig. An Hand von Gangs in den USA und in der Pariser Banlieue wurde gezeigt, dass viele Jugendliche Schutz und Stärke in Banden suchen, wenn der Schutz durch die Familie fehlt. Dies insbesondere, wenn der Vater abwesend ist, sei es, dass er die Mutter verlassen hat, oder wenn er nicht mehr für den Familienunterhalt aufkommen kann (was je nach kulturellen Normen die Autorität des Vaters untergraben kann).

Kehrseite der Gruppe

Je nach Stärke von anderweitig nicht gedeckten Bedürfnissen können sich Menschen auch ungesunden Gruppen anschließen. Der Druck innerhalb einer Gruppe wird dann aus Mangel an Alternativen hingenommen.

So suchen sich zum Beispiel Jugendliche im Ablösungsprozess von den Eltern andere Gruppen, um ihren Weg zu finden. Sie haben jedoch oft noch keine große Auswahl. In der Schule dazugehören oder ausgeschlossen sein, ist die Wahl. Äußerlichkeiten wie Markenkleider sind ungeschriebene, aber starke, kostenintensive Normen. Sozial weniger integrierte und weniger intelligente Schüler, die keine freie Auswahl der Gruppe wahrnehmen, sind dem stärker ausgesetzt. Nicht umsonst ist daher die Diskussion um die Wiedereinführung von Schuluniformen vielerorts im Gang. Nach der Schulzeit erweitert sich der Horizont, die Freiheit in der Gruppenwahl nimmt zu. Allerdings ist der Konformismus innerhalb der Gruppe noch immer stark. Dies kann soweit gehen, dass die Autorität der Gruppe oder ihres Führers stärker wird als das Gewissen des Mitgliedes. Nur wenn innerhalb der Gruppe Akzeptanz von anderen Meinungen bewusst als Norm zugelassen wird, kann dies verhindert werden.

Wenn eine Gruppe ihren Bestand gefährdet sieht, wenn sie eine Gefahr von außen zu sehen meint oder wenn die Zielerreichung gefährdet ist, dann erliegt sie rasch dem Wunsch nach einem Führer. Dies gilt für Gruppen, wie wir sie definiert haben, wie auch für Staaten. Dissens wird durch die Angst vor der Gefahr unterdrückt und Gehorsam auch gegen das Gewissen gefordert. Gruppen sind Horte der Identität und des Wir-Gefühls. Dies kann dazu führen, dass die Interessen der Gruppe stärker gewichtet werden als diejenigen der Mitmenschen außerhalb. Ein Gruppen-Egoismus entsteht. Wenn der Wert der eigenen Gruppe und ihrer Mitglieder höher eingestuft wird als derjenige der anderen Mitmenschen oder wenn die Umwelt als Gefahr wahrgenommen wird, so drohen Konflikte zwischen den Gruppen.

Balance zwischen Gruppe und Gesellschaft

Deshalb ist es wichtig, dass die Menschen neben der Geborgenheit in der Gruppe auch eine in der Gesamtgesellschaft finden. Dies geschieht, indem:

  • jedem Menschen die Partizipation aktiv ermöglicht und damit auch jedem Bürger der gleiche Wert zugestanden wird,

  • gesellschaftlicher Einfluss nicht nur von der Marktmacht abhängt,

  • eine gerechte Verteilung der Güter auch gesamtgesellschaftlich gewährleistet ist.


Organisieren wir das Zusammenleben der Menschen so, dass das menschliche Bedürfnis nach emotionaler Geborgenheit in Gruppen und Gemeinschaften befriedigt wird, aber kein gefährliches Gegeneinander entsteht. Gruppen und Gemeinschaften müssen eingebunden sein in eine übergeordnete Struktur, in ein übergeordnetes Denken, das das Wohl aller unserer Mitmenschen beinhaltet.

Gruppen, die vom lebendigen, täglich praktizierten Glauben an Jesus Christus geprägt sind, haben ein großes Potenzial, eine Geborgenheit zu bieten. Denn wer dank Jesus die Angst vor dem eigenen «zu kurz kommen» ablegen kann, wird auch Andere in Liebe mittragen können. In diesem Falle «achtet jeder den andern höher als sich selbst», wie die Bibel es sagt, und alle gemeinsam sind stark motiviert durch das Ziel, die von Gott empfangene Liebe tatkräftig und hilfsbereit an die sie umgebende Gesellschaft weiterzugeben. Hierzu braucht es aber auch eine bewusste Hinwendung zur Gesellschaft, wie es Jesus vorgibt, von den Kirchen aber manchmal vergessen wird.

Der Autor

Markus Meury

Markus Meury

CH-Basel

Soziologe,
verheiratet, ein Kind, Leiter der Kampagne StopArmut 2015 der Schweizerischen Evangelischen Allianz

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