

«Ich hab’s doch nur gut gemeint!» In diesen Worten liegen Entrüstung, Enttäuschung, Bitterkeit und existenzielle Frustration. Man fühlt sich missverstanden, abgelehnt, Opfer von Undankbarkeit und ungerechten Vorwürfen. Dabei wollte man doch nur das Beste – für den anderen – und der reagiert so unverständlich negativ.
Die Folgen solcher Erfahrungen sind Enttäuschung und Resignation. Die Wunde wird zwar vernarben, doch ein weiterer Schritt der Entfremdung ist getan. Es gibt Prinzipien für konstruktive Beziehungspflege, die für jegliche Art von zwischenmenschlichen Beziehungen gelten. Genauso gibt es destruktive Prinzipien, die jede Beziehung belasten, ob es sich um Partnerschaft, Freundschaft, Elternschaft, ja sogar um die persönliche Beziehung zu Gott handelt.
Dieser «Beziehungskiller» siedelt sich im Schattenreich echter Liebe an, er entpuppt sich sozusagen als Gegensatz zur effektiven Liebe. Er gibt sich nicht einfach als ein bestimmtes Gefühl zu erkennen, sondern wird deutlich durch seine Zielorientierung. So werden häufig eigene Bedürfnisse als Liebesbeweise für den Partner verpackt und sind deshalb nicht leicht zu enttarnen.
Männer, die ihren Frauen Eintrittskarten für Sportveranstaltungen schenken, lösen damit in der Regel keine Begeisterung aus, was sie wiederum aus ihrer Sicht nicht verstehen können. Die Frau hätte sich vermutlich viel mehr über ein Kompliment oder Blumen gefreut. Ähnlich enttäuschend ist es, einen Mann, der sich nicht für Bekleidung interessiert, zu einem ausgedehnten Stadtbummel einzuladen. Wenn er sich dann langweilt, wenn sie an jedem Kleiderstand stehen bleibt und Blusen anprobiert, wenn er genervt ist und unfreundliche Antworten gibt, braucht man sich nicht zu wundern – die Stimmung ist dahin. Gerade Ehepaare starten ihren Partnern gegenüber häufig so genannte «Zwangsbeglückungen». Wenn diese dann negativ reagieren, sind sie selbst frustriert. Die Ursache der negativen Reaktion ist jedoch einzig und allein die «Zwangsbeglückung». Dadurch versucht man, vermeintliche Bedürfnisse eines anderen Menschen zu stillen, die dieser in Wirklichkeit gar nicht hat! Das tatsächliche, tiefe Verlangen des anderen wird durch die Erfüllung vermeintlicher oder scheinbarer Bedürfnisse nicht befriedigt. Dabei handelt es sich vielmehr um «Fehlbefriedigungen », die das harmonische Wachstum von Beziehungen behindern oder diese sogar zerstören. Echte Liebe fragt stattdessen, wie man den anderen fördern und erbauen kann, damit er es für sich als hilfreich empfindet. Dabei muss man seinen Partner und dessen wahre Bedürfnisse natürlich gut kennen. Nur wenn man diese stillen kann, wird das Handeln als Ausdruck von Liebe ankommen, sonst handelt es sich um reine Fehlbemühungen, so genannte Fehlbefriedigungen! Zusammenfassend könnte man das Prinzip von Zwangsbeglückung und Fehlbefriedigung unter drei Aspekten charakterisieren: Zwangsbeglückungen und Fehlbefriedigungen:
Echte Liebe bedeutet, die eigentlichen Bedürfnisse des anderen zu erkennen. Können wir dies nicht, sollten wir sie erforschen. Wahre Liebe und «Zwangsbeglückung » passen folglich nicht zusammen.
Gott ist gerade deshalb in Jesus Mensch geworden, um eine Liebesbeziehung zwischen ihm und uns zu ermöglichen. Wie sieht aus dieser Perspektive unsere Beziehung zu Gott aus? Im Alten Testament lesen wir des Öfteren, dass Gott zu seinem Volk sagt: «Ich kann eure Gebete und das Geplärr eurer Lieder nicht mehr hören ...» Warum? Es waren Fehlbefriedigungen für ihn. Und an anderer Stelle reagiert Gott, als König Saul ihm ein besonderes, religiöses Opfer bringen wollte, ganz deutlich: «Gehorsam ist wichtiger als das Schlachten von Opfertieren. Es ist besser, auf den Herrn zu hören, als ihm das beste Opfer zu bringen.»1
Beim praktischen Lieben in zwischenmenschlichen Beziehungen kann man also nicht alle Situationen über einen Kamm scheren. Deshalb ist und bleibt das Erforschen der wahren Bedürfnisse, das Suchen nach dem Besten für den Anderen, oberste Priorität. Für eine harmonische, beglückende Partnerschaft als Ergebnis lohnt sich die Mühe allemal.
Erkennen und Empfindungsvermögen In seinem Brief an die Gemeinde in Philippi bittet der Apostel Paulus darum, dass die Liebe der dortigen Christen zunehmen möge an Erkenntnis und Empfindungsvermögen bzw. Feingefühl. Damit trifft Paulus den Nagel auf den Kopf: Liebe kann nur dann wirksam und fruchtbringend werden, wenn man lernt (oder lernen will), die tatsächlichen Bedürfnisse des Anderen immer besser zu erkennen und mit Feingefühl darauf zu reagieren. Erkennen und Empfindungsvermögen sind das beste Mittel gegen diesen gefährlichen Beziehungskiller.
Ausführlichere Anleitungen im Buch von W. Nitsche: «Lieben will gelernt sein», erschienen bei edition philemon.
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1 1. Samuel, Kapitel 15, Satz 22

D-Birkenfeld
verheiratet mit Iris Nitsche, vier Kinder, zwei Enkelkinder. Seit drei Jahrzehnten steht das Ehepaar im Dienst christlicher Eheberatung. Seit 1998 leben sie in Baden-Württemberg, wo sie das Team des Christlichen Partnerschafts-Dienstes
(cpd) leiten. Walter Nitsche ist Buchautor. Etliche seiner bisher 15 Bücher sind auch in andere Sprachen übersetzt (Näheres: www.christ24.de/editionphilemon).