

Die Suche nach Werten erfährt gegenwärtig eine Renaissance. Politiker fordern sie in Diskussionen. Kongresse zu diesem Thema finden regen Zulauf. Und Manager glauben, sie in der Abgeschiedenheit hinter Klostermauern zu finden. Selbst in der Zeitschrift «Stern» konnte man unlängst eine Serie mit dem Titel «Die neue Sehnsucht nach alten Werten» finden.
Es scheint, als ob ein ganzes Volk kollektiv auf ein Vakuum starrt und sich fragt: War da nicht etwas? Gab es da nicht einmal so etwas wie eine gemeinsame Basis, allgemein gültige Normen, etwas, das unsere Gesellschaft zusammengehalten hat? Wo sind sie geblieben, die Werte wie Ehrlichkeit, Verantwortung, Mitgefühl, Respekt, Courage, Treue?
Die Frage ist berechtigt. Seltsam ist nur, dass die meisten sie «von sich weg» stellen.
Man begibt sich sozusagen in die Rolle des neutralen Beobachters. Und von dort her sind die Defizitsünder schnell ausgemacht: Es ist die Gesellschaft, der die Werte fehlen, oder die Jugend; es sind die Bosse oder die Linken – jedenfalls sind es «die andern». Auf Distanz gestochen scharf zu sehen, darin waren wir schon immer Meister. Schon der alte König David konnte sich entrüsten über jemanden, der ein Schaf geklaut hatte. «Der Mann ist des Todes», schrie er, nachdem Nathan, der Prophet, ihm diese Begebenheit erzählt hatte. Keine Frage, der Splitter im Auge seines Bruders war deutlich zu erkennen.
So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Forderung nach Werten hauptsächlich an die anderen richtet. Firmenchefs wünschen sich mehr Verlässlichkeit in ihren Betrieben – wohlgemerkt von ihren Angestellten. Bürger verlangen mehr Verantwortung – von den Politikern. Die Alten plädieren für mehr Respekt – von den Jungen.
Doch das ist nicht der Stoff, aus dem Werte sind. Lange bevor sie nützen, haben Werte die Eigenart, dass sie etwas kosten – und das zunächst einmal nicht die anderen, sondern mich selbst.
Nehmen wir «Ehrlichkeit» zum Beispiel. Ehrlichkeit steht als abstrakter Wert hoch im Kurs. Kaum jemand, der sich nicht mehr Ehrlichkeit wünscht. Spannend wird es jedoch, wenn es um den Preis geht und die Frage sich mir persönlich stellt, wie viel ich bereit bin, für diese Ehrlichkeit zu zahlen. Denn Ehrlichkeit ist kostspielig! So kann es sein, dass sie mich unter Umständen eine Menge Geld kostet. Vielleicht kostet sie mein Gesicht. Vielleicht auch eine Beziehung. Ist also die Ehrlichkeit ein so hoher Wert für mich, dass ich bereit bin, einen entsprechend hohen Gegenwert einzusetzen?
Und wie steht es mit anderen Werten? Was ist mit Treue, mit Fairness, mit Verbindlichkeit? Jeder einzelne dieser Werte fordert seinen Preis. Und am Preis entscheidet sich, ob ein Wert seinen Namen wirklich verdient oder ob er nur eine wert-lose Floskel ist. Echte Werte gibt es nie kostenlos!
Doch genau hier liegt das Problem. Was wir in Wirklichkeit suchen, sind nicht Werte, sondern Schnäppchen. Wir suchen den Nutzen – auf Kosten anderer, ohne selbst allzu viel dafür einsetzen zu müssen: «Geiz ist geil»! Warum für einen Wert einen hohen Preis zahlen, wenn die anderen es nicht tun? Warum treu sein, wenn der andere es nicht ist? Warum Mitgefühl zeigen, wenn die anderen nur an sich denken? Warum als einziger ehrlich und am Ende der Dumme sein? «Ich bin doch nicht blöd!»
Und weil zunehmend mehr Menschen so denken, werden Werte entwertet und verramscht, aber nicht aufgebaut.
Die Werte, die die Kraft hatten, unsere Gesellschaft über Jahrhunderte zusammenzuhalten, waren nicht «einfach da». Sie sind vielmehr entstanden, weil Menschen vor uns anders gerechnet haben als wir heute. Und sie konnten es, weil sie nicht alleine auf das Diesseits fixiert waren. Sie mussten nicht auf Teufel komm raus im Hier und Jetzt auf ihre Kosten kommen. Sie wussten, dass es eine Ewigkeit und eine letzte Gerechtigkeit gibt. Sie waren sich im Klaren darüber, dass jemand über ihnen steht, dem sie in letzter Instanz verantwortlich sind. Und sie hatten in Jesus Christus nicht nur ein Vorbild, das gegeben hat, ohne zu fragen «Was bringt es mir?», sondern auch eine Kraftquelle, aus der heraus sie geben konnten, ohne gleich im Gegenzug etwas dafür zu bekommen.
Wir möchten es zwar nicht wahr haben, aber die Werte, denen wir heute nachtrauern, sind viel enger mit unserem christlichen Erbe verwoben, als uns lieb ist.
Die gegenwärtig (noch) gültige Präambel des deutschen Grundgesetzes wird eingeleitet mit den Worten «Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott [...] hat sich das deutsche Volk [...] dieses Grundgesetz gegeben.» Dass es sich hierbei nicht um eine abstrakte Gottesidee oder um einen austauschbaren Gottesbegriff (z.B. Allah oder Buddha) handelt, wird an den nachfolgenden Grundwerten und Normen wie «Menschenwürde», «Recht auf Leben», «Gleichheit» usw. deutlich. Viele dieser Werte haben ihren exklusiven Ursprung im christlichen Gottes-, Menschen- und Weltbild. Sie sind verankert in der Verantwortung des Menschen vor dem Gott der Bibel, der sich und sein Wesen in Christus offenbart hat.
Unsere Geschichte zeigt einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Abfall von Gott und dem Zerfall der Werte. Bei allem Auf und Ab in der Vergangenheit Europas wird immer wieder eines deutlich: Zuerst verliert ein Volk seinen Glauben, dann seine Werte.
Wem bin ich dann Rechenschaft schuldig? Ausschließlich mir selbst? Der Mehrheit? Meinen Vorgesetzten? Den Aktionären? Und welche Konsequenzen hat das für das Zusammenleben, für die Betriebsführung oder, um ein Beispiel zu nennen, den Schutz des (ungeborenen) Lebens? Wie steht es dann um Werte wie «Ehrlichkeit» oder «Rücksichtnahme»?
Wenn heute noch ein Rest von diesen Werten da ist (oder wenigstens ein schlechtes Gewissen!) dann deshalb, weil Werte sich nicht schlagartig auflösen. Aber sie tun es über wenige Generationen hinweg. Wenn Sie wissen wollen, welche Werte in einem Land gelten, das seit Generationen jegliche Verantwortung vor Gott ablehnt, müssen Sie nur ostwärts schauen und fragen, wie es dort um die Freiheit, die Menschenwürde oder den Schutz des Eigentums bestellt ist.
Wir wollen heute Werte ohne Gott. Doch was bringen einem Rad die Speichen, wenn die Nabe fehlt? Was bringen einem Volk Werte, wenn das Zentrum fehlt, das ihnen Halt gibt?