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Die IVCG

 
Ausgabe 05/05 

Sinn finden in der Begrenzung

 

Die Stiftung Weizenkorn bietet geschützte Arbeitsplätze für vorwiegend junge Frauen und Männer an. Die Job Factory Basel AG ist ein angegliedertes Produktions- und Dienstleistungsunternehmen.

Die Stiftung Weizenkorn ist als Teil einer christlichen Jugendarbeit 1979 entstanden und bietet heute 170 geschützte Arbeitsplätze in verschiedensten Bereichen an. Auf was führen Sie diesen Erfolg zurück?


Der Erfolg ist etwas zwiespältig, weil er aufzeigt, dass in den letzten Jahren sehr viele Menschen invalidisiert wurden. Die schweizerische Invalidenversicherung (IV) war ursprünglich für körperlich behinderte Menschen gedacht und für solche, die sich nach einem Unfall umschulen lassen mussten, nicht mehr voll leistungsfähig und arbeitsvermittlungsfähig waren. Dazu kamen Menschen mit einer geistigen Behinderung oder einer Sinnbehinderung.

An die Gruppe der psychisch Kranken hat man bei der Entwicklung der Versicherung noch gar nicht gedacht. Diese kam erst in den letzten 20 bis 30 Jahren dazu, ist aber heute die am stärksten wachsende Gruppe. Betroffen sind vor allem ältere Menschen und auch erschreckend viele junge. Wenn junge Menschen früh in Rente versetzt werden, stehen dahinter meist komplexe Lebensgeschichten, Schicksale und Situationen. Die Stiftung Weizenkorn bietet diesen jungen Leuten Arbeit und eine Zukunftsperspektive. Wir haben den Ruf erlangt, auch mit schwachen Menschen einen Weg gehen zu können und viele haben deshalb Vertrauen zu uns und unserem Angebot gefasst.

Sie bieten Arbeits- und Ausbildungsplätze für vorwiegend junge Menschen an, die vorübergehend oder dauernd auf dem freien Arbeitsmarkt keinen Platz finden. Wo liegen die Probleme dieser Menschen?

Da könnte man weit ausholen. Es gibt Menschen, die anders begabt sind, sensible Menschen. Ihre Leistungsfähigkeit liegt anders, im beziehungsorientierten Bereich, und sie haben Mühe, den Rhythmus zu finden, den die Arbeitswelt heute verlangt. Unsere Gesellschaft definiert Sinn über höhere Leistung, verlangt gute Ausbildung, strebt höher orientierte Berufe an und vergisst, dass nicht alle diesen Ansprüchen gewachsen sind. In vielen Unternehmen haben Gewinn und Erfolg höchste Priorität, während der Mensch oft in den Hintergrund rückt.

Heikel ist dieses Problem, weil sich die Wirtschaft auf der einen Seite anpassen muss, um im Globalisierungsprozess den Anschluss nicht zu verlieren. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wo unsere Zielsetzung in der Volkswirtschaft ist. Die Ökonomen – und Ökonom heißt ja «Fürsorger, Haushalter » – sind gefordert zu überlegen, wie man die gesamte Volkswirtschaft vorwärts bringen kann. Es ist eine große Herausforderung, alle Menschen zu beschäftigen, auch die schwächeren.

Zusätzlich gibt es heute viele junge Menschen mit großen Defiziten. Sie kommen aus schwierigen Familienverhältnissen, enttäuschenden Erfahrungen in Schule und Beruf und stehen bereits im jungen Alter irritiert da. Da bricht eine Kluft auf. Einerseits würde die Wirtschaft immer stärkere Persönlichkeiten brauchen, andererseits werden solche Menschen von der Gesellschaft nicht mehr «produziert». Von den Schulen werden bessere Schüler gefordert, andererseits sind viele Lehrer ausgebrannt und haben Mühe, Visionen mit den Schülern zu entwickeln. Zusätzlich fordert die pluralistische Gesellschaft ihren Tribut, indem ein Lehrer aus zwanzig verschiedenen Weltanschauungen einen Konsens finden soll. Auch Eltern geht es nicht anders.

Wie unterscheiden sich geschützte Ausbildungsplätze von freien oder anders gefragt, wie bilden Sie Menschen mit einer psychischen Behinderung aus?

Indem wir vermehrt auf die Person eingehen, auf ihre Defizite, ihre Neigungen, auf ihre Geschichte. Annahme und Wertschätzung sind sehr wichtig. Wir versuchen zu erkennen, wo Gaben vorhanden sind, und fördern diese.

In der Job Factory sind es nicht junge Leute mit einer psychischen Behinderung, sondern Schulabgänger, die noch nicht einmal die Chance hatten, zu zeigen, was sie außer schulischen Leistungen sonst noch können. Viele werden bei uns zum ersten Mal mit der Arbeitswelt konfrontiert. Sie lernen, pünktlich zu kommen, sich sozial zu verhalten, ihre Leistung zu erbringen. Wichtig ist auch die Hilfestellung, wenn es darum geht, diesen Rahmen zu akzeptieren. Da ist das Beziehungsangebot sehr wichtig. Daneben ist auch wichtig, gute und interessante Arbeit anzubieten und Produkte herzustellen, die auf dem Markt einen Absatz finden.

Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Weizenkorn, die sich gut entwickeln, helfen wir, wenn immer möglich, einen Arbeitsplatz auf dem freien Markt zu finden. Das ist die Zielsetzung. Allerdings wird dies mit der heutigen Arbeitsmarktlage immer schwieriger. In der Schweiz sind zurzeit einfach zu wenige Arbeitsplätze vorhanden. Letzteres gilt auch für die «Juniors», wie wir die Mitarbeiter in der Job Factory nennen.

Wie sieht die Aus- und Weiterbildung im Weizenkorn aus?

Da geht es vorwiegend um Eingliederungsmaßnahmen. Angeboten werden vor allem fachspezifische Stoffe und schulische Fächer wie Deutsch, Mathematik, Schreiben, Rechnen und Bewerbungstraining.

Was bedeutet für psychisch kranke Menschen Bildung?



In erster Linie, dass sie sich ernst genommen wissen, das Gefühl bekommen, gefördert zu werden. Zu erfahren, dass trotz großer Enttäuschungen ein Weg weitergeht und dass jemand an sie glaubt. Für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist es wichtig, zu spüren, dass wir sie an den ersten Arbeitsmarkt heranführen, ihnen die Voraussetzungen dazu mitgeben wollen. Die Menschen erleben eine Investition von einer pragmatischen Seite her, Schulung verbunden mit Arbeit, eventuell einer Kurzausbildung. Das führt sie zu einem Erfolgserlebnis.

Menschen mit einer Behinderung haben oft versteckte Gaben und Fähigkeiten. Was könnten wir «Gesunden» von ihnen lernen?

Dass das Leben mehr aus dem Sein besteht als aus dem Tun. Menschen mit einer Behinderung sind oft sehr empfindsame Menschen. Sie haben viel erlebt, mussten früh lernen, mit Grenzen umzugehen und erbrachten dadurch psychische Höchstleistungen. Sie mussten Sinn finden in der Begrenzung und sind uns «Gesunden» dadurch voraus.

Oft müssen wir «Gesunden» ja zuerst etwas erleben, um zu realisieren, was es heißt, unter Begrenzung weiterzumachen. Eine Stärke dieser Menschen ist, dass sie aus der Begrenzung heraus doch das Beste zu machen versuchen. Genau dem will die moderne Gesellschaft oft entfliehen. Sie baut um die Begrenzung herum, will sie bis zum Kollaps lieber von sich fernhalten, anstatt einzusehen, dass Schwäche und Begrenzung zum Leben gehören. Toleranz ist notwendig in einer Gemeinschaft, die ehrlich ist und in der Schwächen und Begrenzungen Platz haben. Leider weichen heute viele Menschen dieser Tatsache aus und versuchen dadurch, eine vermeintliche Stärke zu dokumentieren.

Was hilft Ihnen persönlich, Ihre Schwächen anzunehmen?


Dass ich von Gott angenommen bin, so wie ich bin. Ich weiß, er hat mich gemacht und es ist super, dass es mich überhaupt gibt. Ich muss nicht beweisen, dass es sinnvoll ist, dass es mich gibt, ich weiß es! Dies gibt mir eine komplett andere Ausgangslage für mein Leben. Ich kann nach meinen Gaben und meinen Aufgaben fragen, ohne mich beweisen zu müssen. Dies in der Hoffnung, dass ich irgendwie dazu beitragen kann, diese Welt etwas herzlicher zu gestalten.

Hilft Ihnen der Glaube, die Schicksale der Menschen anzunehmen, mit denen sie täglich konfrontiert sind? Es könnte ja auch die Frage auftauchen, warum Gott es zulässt, dass Menschen solche Schicksale ertragen müssen?

Das sind große Fragen, auf die ich keine einfache Antwort habe. Das Überzeugendste für mich ist jedoch Jesus selber. Er bringt sich in die Problematik ein und zwar so, dass man spürt: Er weiß um die Fragen, das Ganze hat einen tieferen Sinn und ist in einen größeren, dramatischen und sehr wertvollen Rahmen eingebettet. Weil ich dies erkenne, kann ich das Leid vor Gott bringen und weiß, es ist dort am rechten Ort. Wenn ich mir bewusst mache, was Gott selbst durch Jesus unternommen hat, um uns zu zeigen: «Ich bin dabei» und dass er selbst mitleidet, dann kriegt das Ganze einen Sinn, auch wenn ich die Zusammenhänge nicht bis ins Letzte verstehe. Als Betreuer kann ich mit diesem Blickwinkel Situation für Situation annehmen und konkret hineinwirken. Mir scheint nämlich wichtig, dass wir Christen nicht auf den Himmel warten, sondern Passion entwickeln für diese Erde und ihre Menschen. Dies im Bewusstsein, dass für Gott jeder einzelne wertvoll ist, mit welcher Begrenzung und in welcher Situation auch immer.

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Interview: Ursula Costa
Infos: www.weizenkorn.ch / www.jobfactory.ch

Der Autor

Robert Roth

Robert Roth

CH-Ziefen BL

Delegierter der Stiftung Weizenkorn und der Job Factory Basel AG, verheiratet mit Vroni Roth, Vater von vier Kindern

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