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Die IVCG

 
Ausgabe 03/05 

Gentechnik - Wissen und Verantwortung

 

Die Genetik, die Lehre von der Vererbung, hat sich in einer vorher unvorstellbaren, tief greifenden Weise verändert. Als eine Markierung der dramatischen Veränderung kann die Veröffentlichung des Modells der DNADoppelhelix 1953 durch James Watson und Francis Crick genannt werden. Ihre Vorstellungen von der molekularen Struktur, durch die Erbinformation von einer Generation an die nachfolgende weitervermittelt wird, eröffneten den Zugang zur Erforschung von vielen molekularen Abläufen in der Zelle im Zusammenhang mit der Vervielfältigung, Veränderung, Verarbeitung und Umsetzung der genetischen Information. Einer der Höhepunkte dieser Forschung ist die Erfassung und Dokumentation der DNA-Sequenz ganzer Organismen einschließlich des Menschen.

Die Vorgänge in einem Organismus, durch welche genetische Information in einer Zelle in die entsprechenden Produkte (z.B. Proteine) umgesetzt wird, regen den Forscher dazu an, in diese Prozesse einzugreifen und sie zu manipulieren. Grundlegend dafür, dass eine solche Technologie entwickelt werden konnte, war die Beobachtung, dass die genetische Information praktisch in allen bekannten Lebewesen in derselben Weise, nämlich in der Abfolge der DNA-Bausteine gespeichert ist. Das bedeutet, dass das Erbgut z.B. von Blumen, Insekten, Vögeln, Säugetieren, aber auch von Bakterien in Form von DNA vorliegt, die sich nur in der Abfolge der Bausteine (Nukleotide) und der Kettenlänge unterscheidet.

Gentechnik als eine Option zum zielgerichteten Eingriff in das Erbgut von Lebewesen wurde dadurch realisierbar, dass die molekularen Werkzeuge, die in einer Zelle zur Manipulation von Nukleinsäuren Anwendung finden, identifiziert und aus Zellen isoliert werden konnten, so dass sie für einen Einsatz im Labor verfügbar sind. Bereits seit Mitte der 1980er Jahre werden so in der Pharmaindustrie z.B. Bakterien und Pilze gentechnisch derart verändert, dass sie verschiedene Varianten von Humaninsulin in großen Mengen produzieren. Dazu wird diesen Mikroorganismen der entsprechende menschliche DNA-Abschnitt mit der Information zur Herstellung für Insulin eingebaut.

Für die Nahrungsmittelproduktion wird so genanntes «functional food» entwickelt, z.B. Reis, der durch Veränderungen in seinem Genom eine Vorstufe von Vitamin A produziert («goldener Reis»).

Für technische Anwendungen werden Ölsaaten so manipuliert, dass die Zusammensetzung der Ölkomponenten für die beabsichtigte Anwendung optimiert ist. In diesem Zusammenhang wurde die Öffentlichkeit sensibilisiert, als man in einer ersten Phase transgene Pflanzen erzeugte, die gegen Herbizide resistent waren bzw. Toxine als Fraßschutz produzierten. Denn ein großflächiger Anbau dieser gentechnisch veränderten Pflanzen wirft ernste Fragen auf wie z.B. folgende:

  • Inwieweit wird die Landwirtschaft abhängig von den Firmen, die Saatgut und Spritzmittel herstellen?

  • Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Freisetzung von transgenen Organismen für das Ökosystem, z.B. andere Pflanzen, Insekten, Mikroorganismen im Boden?

  • Welche langfristigen Folgen für den Konsumenten sind beim Verzehr solcher Nahrungsmittel zu erwarten? Wie werden in ethisch brisanten Fällen Entscheidungen getroffen, solange leider ökonomischen Kriterien der Vorrang gegeben wird?


Die bisherige Erfahrung zeigt, dass Mikroorganismen sehr erfolgreich gentechnisch manipuliert werden können, wogegen entsprechende Versuche bei vielzelligen, komplexer aufgebauten Organismen weniger häufig zum gewünschten Erfolg führen und der Aufwand sehr viel höher ist. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Experimente mit Mikroorganismen sehr stark parallelisiert werden können, d.h. aufgrund der geringen Größe dieser Organismen kann man gleichzeitig sehr viele Versuche durchführen. In Pflanzen und Tieren dagegen scheinen Kontroll- und Korrekturmechanismen eine dauerhafte Etablierung neuer Eigenschaften zu erschweren.

Insgesamt weisen viele Befunde darauf hin, dass unsere bisherigen Vorstellungen von den molekularen Mechanismen in den Lebewesen unvollständig sind. Das bedeutet, dass Wissenschaftler durch die Konfrontation mit unerwarteten Resultaten zur Suche nach weiteren Einflussgrößen und damit letztlich nach mehr und neuem Wissen angeregt werden.

Eingriffe in das Erbgut von Lebewesen ermöglichen eine Manipulation derselben in einem Umfang und einer Reichweite, die bisher bekannte, z.B. die klassischen Methoden der Züchtung bei weitem übersteigt. Das bedeutet, dass Überlegungen zur Rechtfertigung solcher Eingriffe entsprechend sorgfältiger reflektiert und dargelegt werden sollten.

Diese Einsicht schlägt sich in der großen Zahl verschiedenster Ethik- Kommissionen in Forschungsinstitutionen, aber auch im Bereich der Politik nieder. Die Verlautbarungen aus diesen Gremien zeigen jedoch sehr deutlich, dass ein tieferes Verständnis von natürlichen Vorgängen und eine routiniertere Handhabung der modernen Biotechnologie mit höheren Erfolgsaussichten die ethische Bewertung von Handlungsoptionen nicht erleichtern, also den entsprechenden Entscheidungen nicht zu breiter Akzeptanz verhelfen wird. Letztlich wird eine Gesellschaft selbst entscheiden müssen – so kann man von prominenten Mitgliedern von Ethik-Kommissionen hören – für welche Aussichten und Versprechen sie welche Risiken eingehen will.

Ich halte in diesem Zusammenhang die Frage für hilfreich: «Wie können wir mit der verfügbaren Technologie verantwortlich umgehen?» Dabei verwenden wir in unserer Alltagssprache «Verantwortung» häufig als einen abstrakten Begriff, so als ob wir Kriterien dafür angeben könnten, was verantwortlich und was unverantwortlich sei.

Ich nehme einen Gedanken des Philosophen Wilhelm Weissschedel auf: «Ver-ant-wortung» bringt zum Ausdruck, dass mit Worten umgegangen, geredet, dass Antwort gegeben wird. Mit Worten umzugehen, sich sprachlich auszudrücken, ist eine spezifisch menschliche Eigenschaft. Diese Fähigkeit ist in uns angelegt. Damit sie geweckt und entwickelt werden kann, ist der Mensch vor allem in seiner allerfrühesten Lebensphase, aber auch während seines ganzen Lebens darauf angewiesen, von außen, also von einer anderen Person angesprochen zu werden. Angesprochen zu werden und ant-worten zu können ist von grundlegender Bedeutung.

In der Bibel gibt sich Gott zu erkennen als derjenige, der den Kosmos, den Menschen und die Erde als dessen Lebensraum geschaffen und gestaltet hat. Gott charakterisiert sich selbst als jemand, der redet; er ruft durch sein Wort ins Dasein; er redet den Menschen an. Das Geschöpf Mensch hat darin eine ganz besondere Stellung: Er ist herausgefordert, auf die Anrede durch Gott Ant-wort zu geben.

Wenn Verantwortung zwischen Personen geschieht, in Rede und Gegenrede, in Frage und Antwort, dann könnte Verantwortung ihre grundlegende Bedeutung darin finden, dass ich als Mensch Gott auf sein Reden und sein Fragen Antwort gebe.

In der Anwendung auf die oben formulierte Frage könnte das bedeuten, dass wir auch im Blick auf neue und faszinierende Technologien zunächst darauf hören, was Gott in seinem Wort sagt, z.B. über den Menschen, über seine Möglichkeiten und Grenzen, darüber, was ihm letztlich Halt und Orientierung gibt. Das könnte uns vor gefährlicher Illusion und Hybris bewahren. Und es eröffnet auch eine Möglichkeit, über die ganz persönlichen Sorgen, Fragen und Ängste mit Gott ins Gespräch zu kommen. Sich vor Gott als dem höchsten Gegenüber verant- worten zu dürfen, ist ein besonderes Geschenk und eine Herausforderung. Wir sind von Jesus Christus persönlich eingeladen und aufgefordert, in allem Denken und Handeln das Gespräch mit Gott zu suchen.


Der Autor

Dr. rer. nat. Harald Binder

Dr. rer. nat. Harald Binder

D-Konstanz

verheiratet mit Elisabeth Binder, vier Kinder

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