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Die IVCG

 
Ausgabe 02/05 

Christliche Meditation

 

Wer unter dem Begriff «Christliche Meditation» im Internet stöbert, stößt auf einen großen Markt der Möglichkeiten. Diesen verlässt man eher verwirrt und ohne klare Wegweisung. Eine befriedigende und hilfreiche Antwort ist kaum zu finden. Das zeigt, wie schwierig es ist, diesen geistlichen Weg zu definieren. Allen Angeboten ist gemeinsam, dass der Mensch zur Ruhe kommen soll, Stille entdecken und zulassen kann. Er soll einen neuen Zugang zu sich selbst finden, zur Besinnung kommen und zu einer neuen Sinnfindung. Das lateinische Verb, das dem Begriff zugrunde liegt, heißt «meditari » und bedeutet nachsinnen, in sich bewegen, üben. Dabei ist nicht nur der Verstand mitarbeitend dabei, sondern auch Herz, Seele und Leib. Es ist ein ganzheitlicher Weg.

Christliche Meditation ist eine eigene Gebetsform. Im Gebet allgemein öffne ich mich und mein Leben und alles, was ich in «meinen Händen» halte, ja auch festhalte, vor Gott. Ihm zeige ich mein Leben, und ich lasse ihn in «meine Karten» schauen. Ihm allein räume ich das Recht ein, aus meinen Händen etwas zu nehmen oder Neues hinein zu legen; ich stimme ein in Jesu Worte: «... dein Wille geschehe!»1 Gebet meint letztlich immer Hingabe an Gott, und so suchen meditierende Christen in erster Linie den Herrn. Sie nehmen das Gelesene und Gehörte seines Wortes auf und bewegen es in ihrem Innern hin und her, fast wiederkäuend, immer wieder. Christliche Meditation orientiert sich also am Wort Gottes und sucht letztlich Jesus, den Christus. Ignatius nennt die Leitlinie seines inneren Betens: mehr Liebe zum Herrn. Das ist die Grundsehnsucht allen Betens, gleich welcher Methode: Mehr Jesus in mir und durch mich in dieser Welt.

Maria als Vorbild

Das große Vor-Bild und für mich Weg weisend ist Maria. Wir lernen sie kennen als eine Hörende, Erwartende, offen für ein überraschendes Wort Gottes und ein ganz neues Handeln mit ihr, an ihr und an ihrem Volk, ja an der Welt. Ihr erwartendes Beten – und Beten ist immer In-Erwartung-sein – lässt Neues zu. Eingebettet in die geistliche Tradition ihres Volkes, ihrer Sippe und ihrer Familie, bleibt sie offen, zulassend für ihren Gott. Maria meditiert insofern, als sie alles von den Hirten Gehörte und Weitererzählte in ihrem Herzen bewegt und bewahrt. Durch ihr regelmäßiges Beten in der Synagoge, durch das gemeinsame Meditieren der alt bekannten Psalmen bekommt das Gehörte eine eigene, tiefe Deutung. Sie muss eine tief glaubende Frau gewesen sein, die nicht weiter auffiel, ihr Leben ganz von ihrem Sohn Jesus her weben ließ, alte Vorstellungen los ließ und sich auf ganz neue Wege machte. Dazu zählt auch der ungewöhnliche Umzug aus dem einfachen Bergdorf Nazareth in die verarmte Großstadt Jerusalem, um zur Gemeinde seiner Jünger zu gehören. Da muss sie als stille Beterin gewirkt haben, die Geschehnisse in ihrem Herzen bewegend, Sinn suchend und findend. Nur nebenbei wird sie bei Lukas in der Apostelgeschichte erwähnt. Paulus kennt sie bereits nicht mehr.

Der Weg zur Stille

Das Hören und Bewegen von Gottes Wort wird unterstützt durch die Stille, den Rückzug aus dem lauten Getriebe des Alltags. So wähle ich einen Raum, eine stille Ecke in meiner Wohnung, eine Kerze, die vorbereitete Bibel und Notizpapier, evt. einen Knieschemel, ein Sitzkissen oder einen guten Stuhl, evt. ein Kreuz oder ein Bild, das mich auf Jesus hin weist. Auch eine Kirche am Weg zur Arbeit kann hilfreich und einladend sein. Und ich wähle eine Zeit, die mir hilft, ruhig zu werden.

Ruhig werden, Stille üben – das ist gar nicht so einfach. Es braucht dazu ein Sein in der Gegenwart. Ich kann weder im Gestern noch im Morgen stille werden, sondern nur jetzt und hier, im Heute. Der Bruder Leib mit seinem Atem ist mir dazu eine große Hilfe. Er lebt einzig ganz im Heute, und wenn ich ihn wahrnehme, wie er jetzt da ist, wenn ich auf meinen Atem achte – das Geschenk des Lebens – der hinweist auf den Lebensstifter, den Freund meines Lebens, dann werde ich ruhig. Immer wieder kehre ich – wenn meine Gedanken wie Bienen umherschwirren – zurück zum Atem, dem Gebet meines Leibes. Dies muss geübt, eben meditiert werden.

Das Wirken der Meditation

Und nun kann und muss ich damit rechnen, dass – wenn ich bete – nie nichts geschieht. Es geschieht in der Stille, dass all das auftaucht, was ich bisher nicht entsorgt habe, sondern was nur versorgt in meinem Lebenskeller ruht. So ist eine Meditationszeit immer auch eine Belichtungszeit: Unklares wird erhellt, Dunkles wird licht, Kaltes erwärmt, Stinkendes an die frische Luft gespült, Verhärtetes an die Oberfläche befördert. Wenn ich mich auf den Weg der Meditation begeben will, willige ich ein in einen Prozess in mir, der mein Leben ordnet und letztlich Gutes wirkt.

So ist meditatives Beten immer auch begleitet von Seelsorge, einem Ort der Entsorgung von Müll, vor allem Sperr- und Sondermüll. Indem ich Erkanntes bekenne, wird mir Vergebung zugesprochen, und ich kann befreit in mir bewegen, was von Gott her in mich hineinfällt.

Es gibt eine Unzahl an Meditationsangeboten, die diesen Weg der Entsorgung umgehen. Das ist natürlich einladender als der Weg Jesu mit mir, der schmerzhaft, aber eben befreiend ist und zum «magis» (mehr) führt: mehr Jesus, mehr Liebe von ihm, für ihn und zu den anderen.

Meditation, die nicht – in allem – Jesus Christus meint, ist keine christliche Meditation. Sie bleibt bei mir selber stehen, führt oft zu guten Erfahrungen mit mir selber, geht jedoch an der Dynamik inneren Betens vorbei: «... und sie sahen niemand als Jesus allein!»2

Ein anderes, für mich hilfreiches, biblisches Bild für die Gebetsform «Meditation » zeigt Jesaja 55: «Gleich wie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurück kehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurück kommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.»

In meiner Gebetszeit, nach einer guten Zeit des Bereitens, des Stillwerdens, lasse ich das kostbare Wort Gottes (den Losungstext, die Tageslesung, mein ausgewähltes Wort usw.) in mein Inneres fallen, in mein Herz, in meine Seele, in meinen Leib, ganz in mich hinein wie in einen bereiteten Acker. Mehrfach wiederholend fällt es lautlos wie Schnee und der lauwarme Frühjahrsregen in mein zu Gott hin geöffnetes Leben. Und es wirkt. Es verdunstet nicht. Es kehrt nicht unwirksam zurück. Es feuchtet und erweicht meine verhärteten Stellen, es befruchtet in mir ruhende Gaben, es entlarvt unfruchtbare Gedankengänge, es «stärkt die schwachen Hände», es «macht fest die wankenden Knie».3 Es wirkt da, wo der Wirker gewirkt haben will, er, mein Herr und mein Gott, und es wird ihm gelingen. Es breitet sich aus, es verwandelt, erneuert, vertieft und nährt sogar andere. Dieses meditierte Wort Gottes ergreift Raum in mir und stiftet Sinn, genau das, was ich und so viele Menschen sehnsüchtig suchen. «Es sollen Zypressen statt Dornen wachsen und Myrten statt Nesseln. Und – das ist das Ziel jeglicher Meditation – dem Herrn soll es zum Ruhm geschehen und zum ewigen Zeichen in dieser Welt!»4

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1 Lukas, Kapitel 22, Vers 42
2 Matthäus, Kapitel 17, Satz 8
3 Jesaja, Kapitel 35, Satz 3
4 Jesaja, Kapitel 55, Sätze 8-13

Die Autorin

Schwester Ruth Meili

Schwester Ruth Meili

D-Erfurt

Jahrgang 1941, Schweizerin, aufgewachsen in einem reformierten Pfarrhaus, ist in den VBG (Vereinigte Bibelgruppen in Schule, Universität und Beruf) von Jesus entdeckt und in den Dienst genommen worden, seit 1971 Mitglied der Ordensgemeinschaft «Communität Casteller Ring», seit 1996 in Erfurt, dort Pfarrerin am Evang. Augustinerkloster mit Schwerpunkt geistliche Begleitung, Seelsorge und Exerzitienarbeit

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