

Über Geld wird viel gesprochen und geschrieben. Dies, obwohl die wirklich Reichen nicht müde werden zu betonen: «Über Geld spricht man nicht, man hat es.» Geld ist ein zentrales Thema, wobei mir auffällt, dass die meisten über Geld sprechen, das sie nicht haben. Die einen klagen ständig über ihre Geldnöte und andere protzen mit Dingen, die eigentlich der Bank gehören. Geld gilt als Problemlöser, obwohl es, statistisch betrachtet, die meisten Probleme verursacht. Geld beruhige, wird gesagt. Aber Reiche ängstigen sich, ihr Geld zu verlieren und Arme, nicht genug zu haben. Geld ist wichtig. Deshalb ist die Frage nach unserem Umgang mit diesem bedeutenden Gut Gegenstand der folgenden Gedanken.
«Pleiten, Pech und Pannen» – ich bin versucht, die Wirtschaftsmeldungen der letzten Monate mit diesem geflügelten Wort zu bezeichnen. Nationen, Kommunen, multinationale Konzerne ebenso wie der Laden um die Ecke und die Familie nebenan stehen vor riesigen Schuldenbergen. Gemäß dem Schuldenbericht 1999 der deutschen Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände sind 2,6 Millionen Menschen in Deutschland überschuldet. Innerhalb von fünf Jahren ist die Überschuldung um 30 Prozent gestiegen. Die durchschnittliche Schuldenlast beträgt rund 16’000 Euro.
Viele Staaten, Unternehmungen und Private können sich nicht mehr leisten, was sie sich leisten. In Deutschland muss bereits ein Viertel des verfügbaren Einkommens für Zinszahlungen ausgegeben werden. 1950 waren es noch sechs Prozent. Die Belastung ist infolge des übermäßigen Schuldenwachstums so stark gestiegen. Selbst in der reichen Schweiz ist jeder dritte Haushalt mit der Abzahlung eines Kleinkredites belastet. Nicht allen gelingt dies: 1996 mussten in der Schweiz gegen jede zehnte Person rechtliche Schritte wegen Zahlungsrückständen eingeleitet werden. Was ist los? Warum geben öffentliche, betriebliche und private Hände mehr und immer mehr aus, als sie einnehmen?
Leo Tolstoi (1828-1910) gibt in seiner Erzählung «Wie viel Land braucht ein Mann» eine Antwort: Der Bauer Pachom ist unzufrieden über das wenige Land, das er besitzt. Eines Tages erzählt ihm ein durchreisender Kaufmann, er komme gerade aus dem Land der Baschkiren und habe dort 5’000 Hektar Land gekauft für nur Tausend Rubel. «Die Leute dort sind dumm wie die Hammel, sie geben alles fast umsonst her.» Pachom macht sich auf die Reise, kommt zu den Baschkiren und bittet, Land kaufen zu können. «In Ordnung», sagen sie, «du bekommst so viel Land, wie du willst. Wir haben nur einen Preis: Tausend Rubel für den Tag.» Pachom versteht nicht. Was ist das für ein Maß? Ein Tag? Wie viele Hektar werden das sein? «So viel Land du an einem Tag umgehen kannst, ist dein, und der Preis für den Tag ist tausend Rubel.»
Pachom ist begeistert. Er legt sich früh schlafen, um am nächsten Morgen zeitig aufbrechen zu können. «Von hier gehst du los, zu diesem Stein kehrst du zurück. Alles, was du dann umlaufen hast, gehört dir», sagen ihm die Ältesten. Pachom läuft. Zunächst schnell, mit der Zeit immer langsamer. Als die Sonne im Zenit steht, schmerzen ihn schon alle Glieder, und er ist durstig. Doch er will noch nicht umkehren, denn vielleicht würde er sonst einen Hektar verschenken. Er läuft und läuft. Mit einem Mal sieht er, wie die Sonne sich dem Horizont zuneigt. Und er beginnt nochmals richtig zu rennen, alles zu geben. Er fragt sich: habe ich doch alles falsch gemacht, bin ich zu gierig gewesen? Land habe ich genug, denkt er – gebe Gott, dass ich darauf leben kann!
Die Sonne sinkt immer weiter. Pachom ist verzweifelt: ich schaff‘ es nicht mehr! Dann die letzten Meter. Die Baschkiren sind lachend um den Markstein versammelt. Er schafft es im letzten Moment und sinkt neben dem Stein zusammen. Der Älteste sagt: «Ein wackerer Mann, du hast viel Land erobert. » Doch als sie Pachom aufheben, läuft ihm das Blut aus dem Gesicht. Er liegt da und ist tot. Pachoms Knecht nimmt die Hacke und gräbt ein Grab für ihn. Es ist etwa zwei Meter lang und einen Meter breit. So viel Land braucht ein Mensch.
Was treibt Menschen an, mehr zu wollen, als sie sich leisten können? Unrealistische Wünsche und Illusionen? Auch. Dummheit? Könnte sein. Habsucht und Gier? Mit Sicherheit. Habsucht heißt haben wollen, was man nicht hat, und Gier bedeutet immer mehr haben wollen. Genau das spiegelt die zunehmende Verschuldung in unseren Ländern, Organisationen und Haushalten wider. Allerdings sind Habsucht und Gier zwei Begriffe, die ich eigentlich nicht erwähnen dürfte, denn Habsucht und Gier sind gut für das Geschäft. Außerdem sind beide Begriffe fast völlig aus dem umgangssprachlichen Gebrauch verbannt. Wie? Einfach durch Mutation von mittelalterlichen Todsünden in industrielle Tugenden. Heute nennen wir gieriges Verhalten ambitioniert, ehrgeizig und erfolgreich; geiziges Verhalten bezeichnen wir als sparsam, vorsichtig und bescheiden. Die Grundlage für diese wundersame Verwandlung hat Adam Smith im 18. Jahrhundert bei der Begründung des liberalen Wirtschaftssystems gelegt. Er hat postuliert, dass der Nutzen des Einzelnen den Nutzen der Gesellschaft als Ganzes erhöht.
Obwohl ersäuft durch den «homo oeconomicus» tauchen Habsucht und Gier immer wieder auf. Unzählige Beispiele zeigen: Der persönliche Nutzen einzelner Politiker und Manager war – trotz Adam Smith – nicht Nutzen steigernd für andere, weder für die betroffenen Firmen-, Staats- oder Pensionskassen noch für die Gesellschaft. Habsucht und Gier treiben uns alle, denn sie sind in unseren Herzen von früher Kindheit an.
Aber wie begegnen wir diesem Übel der menschlichen Natur? So prägend Habsucht und Gier sind, so einfach ist 7 das Gegenmittel: Zufriedenheit und Großzügigkeit im Umgang mit dem, was man besitzt. Auch ohne Adam Smith’ Denkkraft ist offensichtlich, dass Zufriedenheit und Großzügigkeit den Nutzen des Einzelnen und auch der ganzen Gesellschaft erhöht. Wie aber wird man zufrieden und großzügig? Weil das menschliche Herz dies offensichtlich nicht schafft, braucht es eine übergeordnete Sichtweise.
Aus der Sicht Gottes kommen wir nackt auf die Welt und gehen nackt von der Welt. Wir bringen und nehmen nichts mit. Alles, was wir dazwischen besitzen, ist uns zur Verwaltung anvertraut. Die Bibel beschreibt das mit dem griechischen Begriff «oikonomos», was Verwalter, Treuhänder, Hausmeister oder Vermögensverwalter heißt. Wir sind also alle Verwalter – oder Englisch ausgedrückt – Manager Gottes.
Vielleicht sind Sie jetzt erstaunt, dass die Bibel etwas zum Thema Management sagt. Lassen Sie sich noch weiter überraschen: Über 2350 Sätze der Bibel beziehen sich auf den Umgang mit Geld und Besitz! Jesus hat das Thema häufiger angesprochen als irgendein anderes. Warum wird in der Bibel so viel über Geld und Besitz geschrieben? Ganz offensichtlich darum, weil einerseits Geld und Besitz in unserem Leben eine wichtige Rolle spielen. Andererseits, weil wir aus unserem Herzen heraus damit nicht richtig umzugehen wissen.
Aus den vielen biblischen Prinzipien zum klugen Umgang mit Geld und Besitz erwähne ich nur zwei, die auch helfen, Habsucht und Gier zu kurieren:
Die andauernde und zunehmende Missachtung dieser und anderer biblischer Finanz- und Managementprinzipien ist eine Hauptursache für die, wie es scheint, zunehmenden finanziellen Schwierigkeiten auf persönlicher, betrieblicher und staatlicher Ebene. Anders ist nicht zu erklären, warum Schuldenberge und Staatsquoten der Kreditaufnahme wachsen, während die Budgets vieler Organisationen und Haushalte schrumpfen. Und dies trotz einer in der Weltgeschichte einmaligen Entwicklung der Wirtschaft und Börse im 20. Jahrhundert. Davon hat offenbar nur eine Minderheit profitiert, und selbst da habe ich meine Zweifel, ob die Profiteure auch Gewinner sind.
«Wie gewonnen, so zerronnen», sagt der Volksmund. Was ist gewonnen und was ist zerronnen? Die meisten Menschen besitzen heute mehr als ihre Eltern und Großeltern. Aber sie brauchen auch mehr Zeit für das Haben und haben darum immer weniger Zeit für das Sein. Viele, und gerade auch Führungskräfte, dienen schon lange dem Geld, statt dass das Geld ihnen dient. Gewonnen haben Habsucht und Gier, zerronnen sind Zufriedenheit und Freiheit. Gott hat die Menschen als freie Verwalter seiner Schöpfung eingesetzt, aber immer mehr werden sie abhängige Sklaven ihrer Arbeitgeber und Gläubiger. Das kann nicht richtig sein!
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Dr. Thomas Giudici ist auch Referent anlässlich des Kongresses christlicher Führungskräfte vom 16. – 18. Januar 2003 in Hannover (www.christlicher-kongress.de).
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CH-Basel
selbstständiger Unternehmensberater, Thomas Giudici ist 1963 in Basel geboren, wo er auch sein Studium der Wirtschaftswissenschaften abgeschlossen und promoviert hat. Nach leitenden Stellungen im Management von Industrie-, Finanz- und Beratungsunternehmen wurde er 1992 von der Regierung des Kantons Basel-Stadt als Sanierungsbeauftragter und Finanzchef berufen. Seit 1996 ist er als selbstständiger Unternehmensberater im In- und Ausland tätig. Er engagiert sich in unterschiedlichsten Organisationen ehrenamtlich und ist Mitglied in verschiedenen Verwaltungs- und Stiftungsräten. Er ist ständiger Dozent im Fach Betriebswirtschaft, regelmäßiger Referent im deutschsprachigen Europa – besonders zu wirtschaftsethischen Themen – und Buchautor. Thomas Giudici ist verheiratet mit Marion Guidici. Sie haben zwei Kinder.