

Es geht ein Schrei nach Gerechtigkeit durch die Welt. Alles Leiden ist bitter, aber ungerecht leiden ist doppelt bitter. Jedem Menschen, auch dem Christen, ist ein Maß an Leiden zugeordnet, aber das ungerechte Leiden müsste nicht sein.
Unrecht hat es schon immer gegeben, aber wohl noch nie so viel wie in der heutigen Zeit, weil heute Unrecht immer mehr zum System wird, und zwar durch die Ideologien des totalen Staates linker oder rechter oder gar religiöser Prägung. Solche tun im Namen des Rechts Unrecht und proklamieren das Unrecht zur Staatsordnung.
Auch wir erleben eine Erschütterung unseres Ordnungsgefüges. Man ist über das was Gerechtigkeit sein sollte, völlig orientierungslos geworden.
Es ist wichtig, sich des Problems der Gerechtigkeit eindringlich bewusst zu werden; es geht um die Gerechtigkeits- Erfordernisse der Gesellschaft, im Staat – und zwar vom Gesichtswinkel Gottes aus und um das persönliche Gerechtigkeits- Verhältnis zu Gott.
Wie bei den Begriffen «Wahrheit», «Freiheit», «Friede» oder «Liebe» hat jeder seine eigene Vorstellung über die Gerechtigkeit. Die Vorstellung entspricht vorwiegend den eigenen Wünschen, der eigenen Begehrlichkeit.
Das Schlimme daran ist, dass viele ihre Gerechtigkeits-Ideale nicht für sich behalten, sondern andern aufzwingen wollen: Im Namen der Gerechtigkeit nehmen Fanatiker Geiseln; sprengen Häuser, Flugzeuge in die Luft und schaffen dadurch noch schlimmeres Unrecht als dasjenige, welches sie angeblich bekämpfen. Eines ist sicher: Gerechtigkeit kann nie durch Ungerechtigkeit geschaffen werden.
Im Zeitalter des Neuen Testamentes müssen wir zwischen dreierlei Gerechtigkeit unterscheiden. Es sind a) die schöpfungsgemäße Gerechtigkeit (Schöpfungsordnung), b) die irdische Gerechtigkeit und c) die himmlische Gerechtigkeit. Alle sind unterschiedlich, aber von der Liebe Gottes gewollt.
Die schöpfungsgemäße Gerechtigkeit ist das Lebensgesetz, das der Schöpfer für die Menschen und Völker dieser Welt bestimmte, um ein gerechtes Zusammenleben zu ermöglichen. Gott schuf nicht nur diese Erde, sondern er gab ihren Bewohnern auch Verhaltensgebote, bei deren Befolgung sie glücklich leben können. Die entsprechenden Bestimmungen finden sich vor allem im Alten Testament. Sie handeln vor allem von den Grundrechten, der Bildung von Volkswesen und Städten. Es sind Gebote, die sich mit unseren wichtigsten Problemen befassen, so solche des Strafrechts und Fragen des Personen-, Familien- und Sachenrechts.
Die irdische oder weltliche Gerechtigkeit kommt vor allem zum Ausdruck in den Gesetzen, welche für die Gesellschaft, den Staat und das Zusammenleben seiner Bürger nötig sind; dann in den rechtsgeschäftlichen Vereinbarungen des Privatrechts, aber auch in den sogenannten Völkerrechten, den Staatsverträgen und übernationalen Zusammenschlüssen. Es geht bei dieser Gerechtigkeit um das richtige Zuteilen (suum cuique).
Die himmlische Gerechtigkeit oder Gerechtigkeit des Glaubens wurde von Gott gegeben für das persönliche Gerechtigkeits- Verhältnis des Einzelnen zu seinem Schöpfer und für das Verhalten untereinander. Durch sie soll das vor dem Sündenfall bestehende, enge Gemeinschaftsverhältnis zwischen dem Menschen und seinem Gott wieder hergestellt werden. Das ist der Sinn des Erlösungswerkes Christi1.
Gerechtes Verhalten im Alltag muss sich am Gesetz orientieren. Dabei darf aber nicht außer acht gelassen werden, dass jede Gesetzesbestimmung verallgemeinernd ist, für viele gilt und schematisch ist. Dem Einzelnen gerecht werden kann letztlich nur die Liebe.
Das Gesetz schützt vor Willkür, gibt das Gefühl der Sicherheit, schaltet das Faustrecht aus. Aber es belastet und bedroht zugleich die Freiheit. Alle Gesetze sind relativ gerecht, während die Gerechtigkeit als solche nie relativ, sondern ein absoluter Wert ist. Alle Gesetze sind deshalb bloß Annäherung an das wahrhaft Gerechte.
Es muss daher eine letzte, höchste Instanz geben, eine Norm, an der alle menschlichen Gesetze gemessen werden. Dies ist das göttliche Gesetz der Gerechtigkeit, die Schöpfungsordnung Gottes, wie sie im Alten Testament zum Ausdruck kommt. Ohne den Maßstab des göttlichen Gesetzes der Gerechtigkeit ist das Wort «Gerechtigkeit » leerer Schall – nämlich etwas, was den Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade passt.
Die Gerechtigkeit kann man nicht erfinden; man muss sie finden – bei Gott. Gott ist der Weltgesetzgeber in seinem Wort. Denn Gerechtigkeit ist ja Ordnung des Schöpfers. Jedem Geschöpf, von der Ameise bis zum homo sapiens, ist von seinem Schöpfer ein Lebensgesetz gegeben.
Vor allem zwei Grundforderungen bestimmen die im Alten Testament niedergelegten Gerechtigkeits-Ideale:
Das Ziel der Gerechtigkeit muss immer Liebe sein, sonst wird sie zum Ungeheuer.
Im Alltagsleben wird viel mehr von Gerechtigkeit als von Nächstenliebe gesprochen. In der Tat besteht zwischen Nächstenliebe und Gerechtigkeit ein grundlegender Unterschied:
Die Liebe gibt spontan aus tiefstem Herzen dem Nächsten, was er nötig hat.
Die irdische Gerechtigkeit hingegen gibt nur, was dem andern von Rechts wegen zusteht, jedem das Seine. Sie nimmt eine kalte Abwägung eigener und fremder Interessen vor.
Der Verlauf und Wert meines und Ihres Lebens hängt grundsätzlich davon ab, ob Gott und sein Wort Maßstab für die Lebensführung sind oder ob ich mir anmaße, selbst darüber zu entscheiden, was für mein Leben richtig ist.
Wenn wir ehrlich auf unser Leben zurückblicken, so müssen wir eingestehen, dass viel Leid und Schaden hätte vermieden werden können, im persönlichen Leben, in der Familie, im Beruf, wenn wir bei unseren Entscheidungen und Handlungen nicht persönlich Recht gesetzt hätten, das im Widerspruch zum Worte Gottes steht.
Ziel des Heilsplanes Gottes ist die Rückführung der Menschheit aus dieser ungerechten Welt zum paradiesischen Zustand: zur erneuerten Gemeinschaft Mensch-Gott, in der keine Ungerechtigkeit möglich ist. In eine Gemeinschaft, die durch Geborgenheit in göttlicher Gerechtigkeit und Liebe gekennzeichnet ist.
Wenn dieses Ziel des göttlichen Heilsplanes nach viel Geduld Gottes mit dem rebellischen menschlichen Geschlecht, nicht in diesem, aber in einem kommenden Zeitalter erreicht sein wird, so schließt sich der Kreis der Menschheitsgeschichte dort, wo sie angefangen hat: in der engen, ungetrübten Gemeinschaft mit Gott.
Um es vorweg zu nehmen: Diese Gemeinschaft mit Gott ist nur durch den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, möglich. Im jetzigen Zeitalter ist das Ziel Gottes erst teilweise erreicht:
Jesus macht die Rückkehr zu Gott von einer Bedingung abhängig. «Aber ich warne euch: Wenn ihr nicht mehr aufweisen könnt als die Pharisäer und Schriftgelehrten, kommt ihr nicht in Gottes Reich.3» Jesus spricht es ganz klar aus: Für das Seelenheil, die Zugehörigkeit zum Reiche Gottes, bedarf es einer anderen Gerechtigkeit als der, welche die damaligen Juristen und Theologen über das Verhältnis zwischen Menschen und zu Gott lehrten. Oder anders: Wer glaubt, mit der Einhaltung der menschlichen Gesetze und Moral, der sogenannten weißen Weste des braven Bürgers, in den Himmel zu kommen, täuscht sich gewaltig.
Für das Seelenheil verlangt Jesus eine bessere Gerechtigkeit als die der irdischen Reiche – eine Gerechtigkeit, die nur in der im versöhnenden Sterben Christi geoffenbarten, schenkendvergebenden Liebe Gottes zu finden ist.
Wie die Wahrheit, der Friede oder die wahre Freiheit kann diese himmlische Gerechtigkeit nur in der Person Jesu gefunden werden.
Gerechtigkeit ist wie Freiheit und Friede eine Qualität der Liebe. Diese Gerechtigkeit im himmlischen Sinne ist keine Lehre, die man lernen, begreifen und lehren könnte, die sich in Worte fassen ließe. Diese Gerechtigkeit ist eine Person, Jesus Christus. Er sagt von sich: «Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, und ich bin das Leben! Ohne mich kann niemand zum Vater kommen.4»
Einer Person aber kann man nur begegnen und sie in dieser Begegnung annehmen oder ablehnen.
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Auszug aus einem Aufsatz aus Geschäftsmann + Christ, Ausgabe 3, März 1979
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1 Philipper 3,9
2 Römer 8,21
3 Matthäus 5,20
4 Johannes 14,6