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Ausgabe 06/01 

Information, Kommunikation und Virtualität - Die Faszination des Unerträglichen!?

 

Teil 1: Carsten Stehr:

«Besuchen Sie doch unsere Homepage im Web! Herzlich willkommen zu unserem Chat-Forum. Die neueste Version unserer Software können Sie sich direkt aus dem Internet downloaden. Mit der neuen Generation der WAP- und UMTSHandies können Sie ab sofort die neuesten Börsenkurse rund um die Uhr aus dem Internet abrufen!»

So oder so ähnlich könnte sich ein Gespräch auf der Computermesse CeBIT angehört haben, als sich die «Kenner der Szene» zu ihrem jährlichen Branchen- Highlight getroffen haben. «Speed» ist das Thema – immer schneller und faszinierender dreht sich das Rad der gewaltigen Wachstumsbranche von Information und Kommunikation. Das Industriezeitalter ist längst dem Informationszeitalter gewichen. Geschwindigkeit und Faszination – ein globales Gefühl?

Die neuen Technologien machen aus der großen weiten Welt ein virtuelles Dorf


Zunächst einmal bleibt festzustellen, dass die Welt dank der neuen Technologien von Information und Kommunikation tatsächlich «kleiner» geworden zu sein scheint. Über das Internet haben Firmen unabhängig von ihrer Größe schnell und einfach die Möglichkeit, ihre Leistungen einem nahezu unbegrenzten Publikum anzubieten und das weltweit. Umgekehrt ist heute der Verbraucher in der Lage, sich ohne großen Zeitaufwand international über die Angebote am Markt und damit auch über verschiedene Wettbewerber zu informieren. Die Folge davon: mehr Transparenz, dadurch sinkende Preise, mehr Auswahl, mehr Service – unbestritten eine positive Auswirkung des neuen Mediums Internet. In diesem Bereich stehen wir mit Sicherheit erst am Anfang einer rasanten Entwicklung.

Oder nehmen wir die drastische Ausweitung des Mobiltelefons. Noch nie konnten in so kurzer Zeit so viele Geschäfte abgewickelt werden, noch nie wurde die «sinnlose Zeit» auf Reisen so effizient genutzt wie seit der Einführung des Mobilfunks. Und der alte Wunsch der Menschheit nach Mobilität und Unabhängigkeit, verbunden mit der gleichzeitigen Erreichbarkeit, die früher nur an bestimmten Orten sichergestellt war, wird auf einfachste Art und Weise befriedigt. So einfach, dass das Wachstum der Mobiltelefon- Branche atemberaubend ist!

Oder nehmen wir die neuartigen Technologien im Umfeld von Mail-Systemen und Videokonferenzen oder auch Heimarbeitsplätzen. Nachrichten und Informationen zu jeder Zeit, von jedem Ort, über unterschiedlichste Wege zu empfangen oder zu versenden – auch diese Vision ist Wirklichkeit geworden.

Mit diesen Lösungen lassen sich heute Teams aufbauen, die zwar eng zusammenarbeiten, aber bei weitem nicht eng zusammensitzen müssen – und dies nicht nur national gesehen, sondern sogar international. «Follow the sun» – dem Sonnenaufgang folgend können so Teams rund um die Uhr rund um den Globus an einem gemeinsamen Auftrag arbeiten, ohne im Wettbewerb auch nur eine Minute Zeit zu verlieren. Dank der faszinierenden Möglichkeiten der neuen Technologien ist eine «virtuelle» Arbeitswelt entstanden, in der fallweise nur noch zusammenarbeitet, wer zur Erreichung eines bestimmten Zieles gerade zusammenarbeiten muss. Alte Abteilungsgrenzen schwinden zugunsten einer funktionsübergreifenden Zusammenarbeit im Team.

In einer Welt der anhaltenden Veränderung, die sich selber fortlaufend zu beschleunigen scheint, ist «Virtualität » eine entscheidende Fähigkeit, sich immer wieder neu ohne große Anlaufzeiten und Reibungsverluste optimal zu organisieren. Denn vergessen wir nicht – es geht um «Speed»! Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen.

Wir hängen uns gegenseitig ab


Aber was machen denn dann diese «Langsamen»? Und wer sind sie eigentlich? Sind es morgen möglicherweise diejenigen, denen «Internet» und «Software-Download» noch immer Fremdwörter sind, eine unüberspringbare Hürde, vor der sie sich scheuen? Wird die ständige Erreichbarkeit zu einem Muss, dessen Nichterfüllung zu Nachteilen führt? Ist vielleicht allein das Vokabular dieser «Speed-Welt» schon ein Hemmnis, um noch mitzuspielen?

Das sind berechtigte Fragen. Wohl selten zuvor haben sich in einer Gesellschaft die faszinierenden Möglichkeiten einer immer enger vernetzten Technologie einerseits und die Ängste einer überforderten Mehrheit andererseits so polar gegenüber gestanden wie wir dies bereits heute in Anfängen erleben.

Ganze Gruppen, und damit sind nicht nur alte Menschen gemeint, fühlen sich abgehängt von einer Entwicklung, die sie nicht mehr einschätzen, geschweige denn beherrschen können. Ganze Berufsbilder verändern sich in kürzester Zeit dramatisch oder verschwinden ganz; für so manchen Mitmenschen wird aus Faszination pure Angst um die eigene Existenz!

Haben wir für diese Entwicklung noch einen Blick? Sehen wir dies als Problem, oder ist es der folgerichtige Tribut, den wir den faszinierenden Möglichkeiten der «Speed-Welt» zahlen? Selbstkritisch betrachtet, ist die Versuchung darüber hinweg zu sehen groß. Welche schnelle Antworten sollte es auch geben?

Trotzdem scheint mir der Hinweis wichtig zu sein, dass dieses Spannungsfeld sehr ernst zu nehmen ist. Es geht ja nicht nur um die Erhaltung des gesellschaftlichen Gleichgewichts, sondern insbesondere auch um das persönliche Erleben derer, die sich den beschriebenen Entwicklungen eher verschließen.

Die Herausforderung für uns alle wird es sein, durch kreative Maßnahmen Hemmschwellen und Ängste abzubauen, die Möglichkeiten und den Nutzen der neuen Technologien einfach zugänglich zu machen. Damit verbunden ist natürlich auch der Appell, sich diesen neuen Möglichkeiten durchaus kritisch, aber auch aktiv und neugierig zu öffnen.

Die Faszination des Unerträglichen


Wenden wir uns nun einmal den oben erwähnten «Schnellen» zu. Ist ihre Euphorie wenigstens ungetrübt? Sicherlich sehen sie die Möglichkeiten der «virtuellen Welt» positiv, und das ist auch nachvollziehbar. Die Chancen, mit neuen Ideen geschäftlich erfolgreich zu sein und in kürzester Zeit etwas völlig Neues zu schaffen, sind so groß wie nie zuvor.

Der Begriff der sogenannten «Start up-Company» beschreibt das Phänomen, dass gerade im Bereich der Technologiefirmen in kurzer Zeit aus vielen ehemals kleinen Unternehmen große und erfolgreiche Firmen und Konzerne hervorgegangen sind. Neue Geschäftsideen und eine in Deutschland bis dahin weitgehend unbekannte Kundenservice- Orientierung werden durch die neuartigen Technologien der Information und Kommunikation wirkungsvoll unterstützt. Ja, hier kann man in vielen Fällen tatsächlich von Faszination sprechen.

Ein Blick hinter die Kulissen zeigt ein weiteres Phänomen: Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass die Menschen in der heutigen Arbeitswelt entweder in festen Strukturen und Abläufen ihre sieben bis acht Stunden am Tag arbeiten, oder sie arbeiten immer! Das Arbeitsmodell «dazwischen» verschwindet mehr und mehr.

Und das ist bei selbstkritischem Beobachten auch nachvollziehbar. Die technologischen Möglichkeiten der Heimarbeitsplätze, der Mobiltelefone, der Mail-Systeme, der virtuellen Arbeitsteams in verteilten Teamstrukturen, und die schier unerschöpflichen Informationsquellen des Internets verlängern die Arbeitszeiten nicht selten bis weit in die Freizeit hinein. Durch das vernetzte Arbeiten unter «Speed» und in virtuellen Projektteams nimmt die tägliche Notwendigkeit des Informationsaustausches und der Kommunikation rapide zu.

Nicht selten fängt die «ruhigere» Zeit und damit die «Arbeitszeit» erst gegen 18.00 Uhr abends an. Bis dann allein die täglichen E-mails abgearbeitet sind, ist der Abend praktisch um. Es geht aber auch nicht anders, weil die «Info-Welle» des nächsten Tages sich schon wieder ankündigt. Irgendwann erscheint die Woche wie ein langer Tag, der am Montagmorgen beginnt und am Freitag-, wenn nicht sogar am Samstagabend mit völliger Erschöpfung des Arbeitenden endet.

Diesen Lebensrhythmus kann aber ein Familienleben, insbesondere mit Kindern, nur schwer auf Dauer wegstecken. Somit besteht die Gefahr, dass ein doppelter Frust entsteht: Frust bei der Ehefrau und den Kindern, immer nur «Prio 2» zu sein; Frust beim arbeitenden Ehemann und Vater, nicht die Arbeit und gleichzeitig das Familienleben in gleicher Qualität «managen» zu können.

Diese Beobachtung und Erlebniswelt wird nach meiner Erfahrung von vielen Spezialisten und Führungskräften, die mit den neuen Technologien und in der neuen «Virtualität» täglich arbeiten geteilt, aber selten zugegeben. «In der Firma ein Profi – zuhause ein Amateur!» – Dieser Satz, den ich irgendwo gelesen habe, trifft das Empfinden häufig ganz genau. Da aber die Geschwindigkeit, mit der sich die Wirtschaft im Moment dreht, keine Alternative zu lassen scheint, dreht man sich mit – und hofft, dass alles gut geht. Und so liegen die Faszination des ständig Neuen und das Unerträgliche des Alltags häufig ganz nah beieinander.

Die Dynamik der inneren Ruhe


Bleibt also letztlich nur der Ausstieg? Das «Entweder ganz Dabei-Sein oder ganz raus»? Oder gibt es einen Weg, trotz der beschriebenen Dynamik innerlich zur Ruhe zu kommen und die richtigen Prioritäten zu setzen? Als Christ, der sich schon in jungen Jahren entschlossen hat, Jesus Christus nachzufolgen, suche ich die Antwort auf diese Frage in der Bibel. Jesus Christus hat in seiner Zeit bei uns Menschen viel über den Druck in dieser Welt und die ständigen Veränderungen, die wir erleben werden, gesprochen. Und er wusste, dass uns das zu schaffen macht. Auch seine damaligen Jünger durchlebten eine Phase gewaltiger Veränderungen in ihrem Leben, und Jesus verlangte von ihnen, sich auf viel Neues einzulassen.

Allerdings hat er ihnen immer wieder innere Ruhe versprochen. Einmal sagte er ihnen: «Kommt alle her zu mir , die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Frieden geben. Nehmt meine Herrschaft an und lebt darin! Lernt von mir. Ich komme nicht mit Gewalt und Überheblichkeit. Bei mir findet ihr, was eurem Leben Sinn und Ruhe gibt.» (Matthäus 11,28-30).

Jesus will uns aber nicht nur inneren Frieden schenken, er erneuert uns auch grundlegend, wenn wir uns auf ihn einlassen. Und sein Versprechen ist groß: «Siehe, ich mache alles neu!» Mit dieser Zusage kann ich mich auch in meinem Leben immer wieder auf Neues einlassen. Und das nicht nur gezwungenermaßen, sondern durchaus fasziniert von den Möglichkeiten, die ich habe, diese Welt mitzugestalten – auch wenn ich weiß, dass ich dabei Fehler mache und nicht auf jede Frage sofort die passende Antwort finde.

Es geht um den «Durchblick»


Neue und innovative Technologien geben uns die Möglichkeit, unsere Welt ständig weiter zu entwickeln, neu zu gestalten, leistungsfähiger zu machen. Und es gibt eine grosse Anzahl von Beispielen, die zeigen, welche positiven Ergebnisse mit dem Einsatz von Technologien erzielt werden können, denken wir nur an die Medizin, die Lebensmittelproduktion, den Umweltschutz.

Eine allgemeine «Technikfeindlichkeit », wie wir sie in manchen Teilen der Gesellschaft erleben, ist aus meiner Sicht weder begründet noch notwendig. Im Gegenteil empfinde ich es als faszinierend, wie der Mensch mit der ständigen Weiterentwicklung innovativer Technologien seinen Schöpfungsauftrag auf eine neue Art und Weise wahrnimmt.

Wir müssen als Menschen, die an Jesus Christus glauben, den «Durchblick » bewahren – den Durchblick für eine Wahrheit, die hinter aller Technologie- und Fortschritts-Orientierung liegt: Die Wahrheit nämlich, dass unser Leben letztlich nur dann Zukunft hat, wenn wir all unser Denken und Tun in den Dienst des Herrn stellen, dem die Zukunft gehört, Jesus Christus.

An diesem Herrn fasziniert mich, dass er bei allem Fortschritt über die Jahrtausende immer der Gleiche geblieben ist und sich nicht verändert hat. Und was immer wir in den nächsten Jahren noch erleben werden, er wird sich niemals verändern.

Dieses Bewusstsein wird uns davor bewahren, in einem technologischen Fortschrittsrausch alle Grenzen zu sprengen, auch unsere persönlichen Grenzen. Es wird uns klar machen, wie wir die Möglichkeiten der neuen Technologien sinnvoll und verantwortungsbewusst einsetzen können. Und es wird uns bewahren vor einer Abhängigkeit, in der wir Technik, Virtualität und «Speed» zu einer neuen Religion machen. Wir werden erst dann gelassen und befreit leben, wenn wir eines begreifen und umsetzen können: Nicht der Mensch dient der Technologie, sondern die Technologie dient dem Menschen!

 

Teil 2: Sabine Stehr:

Nach unserem dritten Umzug in vier Jahren leben wir seit fast sechs Monaten in unserem neuen Haus. Allmählich erweitern sich die Kontakte zur Nachbarschaft, zum Kindergarten und zur Gemeinde.

Und eins zeichnet sich in allen Begegnungen ab, mein Mann arbeitet mit Abstand am längsten! Wenn die anderen Frauen erzählen, dass ihre Männer zwischen 15.00 und 17.00 Uhr nach Hause kommen, könnte ich wirklich neidisch werden ... Ich muss meinen Alltag selbstständig bestreiten und natürlich auch die Erziehung unserer Söhne Benjamin und Johannes. Wer Kinder hat weiß, wieviele Situationen am Tag der Aufmerksamkeit, der Schlichtung, der Zurechtweisung und des Lobes bedürfen.

Und ich muss mir doch des Öfteren eingestehen, dass ich mich manchmal einfach in einen schalldichten Raum zurückziehen möchte, um einmal Stille zu haben, um wieder zu mir selbst zu finden, um meine eigenen Gedanken zu hören, um Gott wieder zu hören.

Als Carsten und ich uns kennen lernten, haben wir auch über seinen Beruf gesprochen, und er hat mich gefragt, ob ich dieses alles mittragen will. Ich habe «Ja» gesagt. Dieses «Ja» steht immer noch, und ich will ihn auch unterstützen, weil ich weiß, dass er sehr viel Potenzial in sich hat, das zur Entfaltung kommen soll. Aber ehrlich, so schwer hatte ich es mir nicht vorgestellt.

Als ich noch berufstätig war, hatte ich genügend Zeit für mich, meine Hobbies, Kultur und Freunde. Doch jetzt bestimmen die Kinder meine Zeit. Carsten kann mir keine Freiräume schaffen, die ich manchmal so dringend bräuchte, deshalb haben wir uns für ein Aupairmädchen entschieden. Dies zu meiner Entlastung und um die gemeinsame Zeit, die wir als Ehepaar haben, ganz bewusst für uns zu nutzen – auch für gemeinsames Gebet und Lesen der Bibel.

Am Ende des Jahres steht für uns wieder eine Veränderung an, und solche Veränderungen gehen immer mit Getrennt-Sein und Wochenend-Ehe einher. Ich weiß jetzt schon, dass es sehr anstrengend wird und ich mich fühlen werde wie «verheiratet – und doch alleinerziehend». Aber Gott schenkt mir die Kraft, um diese Zeiten durchzustehen, und er wird mir nicht mehr zumuten, als ich tragen kann.

Diese Veränderungen bringen aber auch immer Neues mit sich, das ich jedesmal mit Spannung erwarte. Carsten und ich erleben diese Vorphasen zu einem Neuanfang immer sehr stark gemeinsam, da wir viel darüber reden und ich an allen Stationen auf dem Weg dahin beteiligt bin. Und so sind es unsere gemeinsamen Entscheidungen, die wir treffen, und auch meine bewusste Entscheidung zu diesem Lebensstil. Trotz aller Unruhe in unserem Leben fühle ich mich immer wieder ruhig und getragen von Jesus Christus, dem ich mich 1991 bewusst anvertraut habe. Ich weiß, er hat unseren neuen Platz schon für uns vorbereitet!


Die Autoren

Carsten Stehr u. Sabine Stehr

Carsten Stehr u. Sabine Stehr

D-Riedstadt-Leeheim (Kreis Groß-Gerau)

verheiratet, 2 Kinder,er ist Dipl. Wirtschaftsingenieur (FH) und begann seine berufliche Laufbahn im Außendienstvertrieb eines großen deutschen Elektrokonzerns 1994 in Essen. Nach einer Zeit als Referent der Leitung in München übernahm er 1999 die Leitung einer deutschen Vertriebseinheit für Spezialanwendungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie in Düsseldorf. Seit dem 1.8.2000 ist er Mitglied der
Geschäftsleitung im Vertrieb Deutschland mit Sitz in Frankfurt.

Sie war Krankenschwester in der Notfallaufnahme einer großen Klinik und ist zur Zeit im Erziehungsurlaub. Seit ihrer Hochzeit 1996 hat sie mit ihrem Mann bereits in Bochum, München, Hilden und Riedstadt-Leeheim gewohnt. Ihre Söhne Benjamin (geb. 1997) und Johannes (geb. 1999) kamen jeweils 3 Monate nach erfolgtem Umzug zur Welt.

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