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Ausgabe 01/01+12/00 

Übersetzen ins 21. Jahrhundert

 

Über meinen Glauben zu sprechen, ist für mich neu. Unsere deutsche Erziehung lehrt uns ja: «Glauben ist Privatsache.» Nun, von Privatsache ist es nicht weit zu Einsamkeit.

Ich habe mir früher von meinen Vorbildern oft gewünscht, nicht nur zu hören, was für sie Erfolg bedeutet, sondern auch, was für sie ein persönliches Verhältnis zu Jesus Christus bedeutet.

Im Gottesdienst beginnen wir das Glaubensbekenntnis mit den Worten: «Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den heiligen Geist ...» Aber sobald wir die Kirche verlassen haben, scheint alles, was wir zuvor bekannt haben, tabu zu sein! Dabei macht es uns unser Grundgesetz so einfach, über Gott zu sprechen. Da steht doch im ersten Satz der Präambel: «In der Verantwortung vor Gott und den Menschen ...»

Mein Weg zum Glauben

Ich kann mich gut erinnern: Ich war 1991 in Baden-Baden zu einer Talkshow im Fernsehen eingeladen. Abends im Hotel öffnete ich die Schublade des Nachttisches, sah eine Bibel und, was ich lange nicht mehr getan hatte, begann darin zu lesen. Ich entdeckte, dass sie mir eine Menge zu sagen hat. Seitdem lese ich jeden Tag in der Bibel. Dabei frage ich mich immer:

  • Was bedeutet das für mich?

  • Wie kann ich das in meinem Leben anwenden?

  • Was will mir Gott dadurch sagen, dass er mich gerade jetzt zu dieser Bibelstelle führt?


1993 war Billy Graham Redner bei Pro Christ. Ich fühlte mich angesprochen und folgte seinem Aufruf, nach vorne zu kommen. Doch danach ging es irgendwie nicht richtig weiter. Ich hatte mich zwar zu Jesus Christus bekannt, aber ich hatte nicht das Gefühl, in einem persönlichen Verhältnis mit Gott zu sein. «Bekehrung ist nichtWiedergeburt», lehrt uns Oswald Chambers in seinem Andachtsbuch.

Ich besuchte eine Gebetsgruppe der amerikanischen Kirche in Bad Godesberg. Wegen der Amerikaner und Diplomaten aus aller Welt unterhielten wir uns dort in Englisch. Ich war völlig unerwartet mit Sprachschwierigkeiten konfrontiert. Ich kann mich perfekt in Verlags-Englisch unterhalten. Bei einer Speisekarte hapert mein sonst flüssiges Englisch. Noch schlimmer war es beim Ausdrücken meiner persönlichen Gefühle, meines Glaubens. Was mir in Deutsch schon schwer fällt, wurde in Englisch noch schwerer.

Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung half mir, das zu verstehen: Englisch ist wegen der vielen mehrfachen Wortstämme (Germanisch, Angelsächsisch und Französisch) die Sprache mit den meisten Wörtern, etwa 750.000. (Deutsch hat etwa 400.000.) Mit Glauben und Emotionen befassen sich nur 4000 Worte, also nur jedes 190.Wort. Von diesen sind etwa 75% negativ, gerade 25% positiv. Und so kam ich nach meinem Bekenntnis bei Pro Christ nicht weiter.

Die Krise


Gott war das nicht egal. Ich geriet in meine schwerste Krise. Und aus meinem Glauben heraus deutete ich das als Herausforderung.

Mein Leben hat eine Menge damit zu tun, Führungskraft zu sein. Ich begann mit 18 Jahren in meinem zwölf Quadratmeter grossen Zimmer meine Ideen zu verwirklichen. Der Verlag entstand.

Irgendwann merkte ich dann, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht die Erfüllung bringt. Natürlich macht Erfolg Spass, und man sieht gern, dass Ideen sich tatsächlich verwirklichen lassen; dass Anstrengung sich lohnt und von Erfolg gekrönt wird. Wenn alles klappt, gibt das Befriedigung. Ausserdem kommt man zumindest in meinem Beruf weit herum, lernt interessante Menschen und Plätze überall auf der Welt kennen. Wirtschaftlicher Erfolg bringt aber auch viel Stress, Neid, eine Menge Konflikte und viel Einsamkeit mit sich. Inneren Frieden und Erfüllung bringt wirtschaftlicher Erfolg nicht. Der kommt nur durch eine persönliche Beziehung zu Gott.

Doch bis ich die Dinge so sehen konnte, hat es eine Weile gedauert. Mein 40. Geburtstag war der schwierigste überhaupt. Die statistische Mitte des Lebens war erreicht. Drei Jahre vorher schon verkaufte mir mein Friseur die erste Flasche Haarwuchsmittel. Die Haare werden weniger auf dem Kopf. Der Lack ist ab. Kurz vor meinem Geburtstag packte mich die sprichwörtliche Midlife-Krise. Verschiedenste Gedanken kreisten monatelang in meinem Kopf: Soll ich kürzer treten? Was ist der Sinn des Lebens? Was muss ich verändern?

Problematisch war jetzt die Einsamkeit des Unternehmers: Mit wem sollte ich diese ganz persönlichen, ganz existenziellen Themen besprechen? Von wem konnte ich erwarten, dass er vom Verständnis und vom Wohlwollen her in der Lage ist, mir ohne konfliktives Eigeninteresse zu helfen? Bei wem kann und darf ich meine sonst so mühsam errichteten Schutzwälle um meine Gefühle und um meine Seele einmal herunterfahren? Wem gegenüber darf ich mich verletzlich geben, mich verwundbar machen? Meinen Mitarbeitern? Mit denen, die mich bisher 22 Jahre in der Rolle des Starken, des Ideenreichen, des nie Verzagenden kennen gelernt hatten? Meinen Kollegen, vor denen ich mich viele Jahre bemüht hatte, mir keine vermeintliche Blösse zu geben? Mit anderen in der Kirchgemeinde? Durfte ich dort auf Verständnis hoffen, wenn es mal nicht um kirchlich/ gemeindlich korrekte Themen geht?

Problematisch war jetzt die Einsamkeit des Unternehmers: Mit wem sollte ich diese ganz persönlichen, ganz existenziellen Themen besprechen?

Bei meiner Frau fand ich viel Verständnis, ebenso bei meinen Eltern und meinen Geschwistern. Ich überlegte mir, was Gottes Versprechen «Ich nehme dich an, so wie du bist» für mich bedeutete.

Wie setze ich das praktisch um? Wie verhalte ich mich richtig? Und was heisst das konkret für mich? In dieser Zeit wurde mir auch das andere Versprechen wichtig: «Siehe, ich bin bei euch alle Tage.» Gebet, Gespräch und Erfahrungsaustausch habe ich immer als fruchtbare Wege erlebt, die Einsamkeit des Unternehmers zu überwinden.

Was bedeutet Übersetzen des Glaubens für mich?

Doch was heisst Übersetzen konkret für mich? Das Buch «Halbzeit» von Bob Buford half mir. «Wenn du in der Mitte des Lebens (in der Halbzeit, daher der Titel des Buches) innehältst, dann musst du dich entscheiden: Wer oder was steht im Mittelpunkt deines Lebens?» Ich bin dem Vorbild des Autors inzwischen gefolgt und habe mich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Der Verlag ist in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die Geschäftsführung habe ich an leitende Mitarbeiter übergeben.

Die Geschichte um den Besuch von Jesus bei Maria und Marta wie die Folgerungen, die Barbara und Ben Jakob am Explo-Kongress 1997 weitergaben, wurde mir eine Schlüsselstelle. Was sagt Jesus zu «notwendig»? Ich fühlte mich stets unter Zugzwang, nach dem Motto eines Fotojournalisten: Wenn ich wach bin, arbeite ich. Für mich war es ganz wichtig zu erkennen, dass es in Ordnung ist, auch nur mal ruhig dazusitzen und auf Gott zu hören, ja dass dieses «Gott zuhören» von Jesus als die «gute Wahl» bezeichnet wird. Und noch eins gaben mir die Jakobs aus der Schweiz: Das Büchlein «Lebensmitte als geistige Aufgabe» von Anselm Grün. Anselm Grün ist Diplom-Kaufmann wie ich und Finanzchef eines Benediktinerklosters. In seinem Buch beschreibt er, wie das Kloster vor einem Phänomen stand: Im Alter zwischen 40 und 50 Jahren entschieden sich eine ganze Reihe von Brüdern, das Kloster zu verlassen und aus dem Orden auszusteigen. Was machten die Benediktiner?

Genau dasselbe, was wir in der Wirtschaft auch tun würden: Problem analysieren und Konferenz abhalten. Und die Analyse war für mich spannend. Sie griffen zurück auf die Werke von Hermann Tauler, einem deutschen Mystiker aus dem 14. Jahrhundert und C. G. Jung, den Vater der Psychoanalyse. Tauler predigte über den 40. Geburtstag und sagte: «Nicht abhauen!»

Ich übersetzte: Also nicht was ganz anderes machen. Nicht in die Südsee auswandern, nicht gemäss dem derzeitigen Bestseller von Günter Ogger «absahnen und abhauen». C. G. Jung verstand sich als Psychiater der Erwachsenen, insbesondere für die zweite Lebenshälfte. C. G. Jung ist auch derjenige, der bei aller Wissenschaftlichkeit persönlich zum Schluss kommt: Es gibt Gott. In der ersten Lebenshälfte steht das Bewusstsein im Vordergrund. Es geht hauptsächlich ums Schaffen und Machen. In der zweiten Lebenshälfte kommt es darauf an, Unterbewusstsein und Bewusstsein wieder in Übereinstimmung zu bringen. Deutlich in Erinnerung geblieben ist mir das Fazit Anselm Grüns: Gott rüttelt dich in der Lebensmitte noch einmal wach, damit du Gelegenheit erhältst, näher zu ihm zu kommen.

Näher zu Gott, nicht das Leben in Ruhe zu geniessen, ist für mich damit gemeint. Jesus gab uns dies in einer Geschichte zu bedenken: «Ein reicher Grundbesitzer hatte eine besonders gute Ernte gehabt. Was soll ich jetzt tun?, überlegte er. Ich weiss gar nicht, wo ich das alles unterbringen soll! Ich hab's, sagte er, ich reisse meine Scheunen ab und baue grössere! Dann kann ich das ganze Getreide und alle meine Vorräte dort unterbringen und kann zu mir selbst sagen: Gut gemacht! Jetzt bist du auf viele Jahre versorgt. Gönne dir Ruhe, iss und trink nach Herzenslust und geniesse das Leben! Aber Gott sagte zu ihm: Du Narr, noch in dieser Nacht werde ich dein Leben von dir zurückfordern! Wem gehört dann dein Besitz?» Lukas 12, 16-20

Das, was Gott an Gaben mitgegeben hat, der reiche Segen, den Gott uns gibt, ist nicht zum Horten gedacht. Irgendwann werden wir vor unserem Herrn die Frage zu beantworten haben: «Was hast du aus deinen Gaben, die ich dir gab, gemacht?»

Ich erkannte, dass Erfolg, dass Machen nicht alles ist. Gerade für mich als Tatmensch, als Macher bedeutete dies ein Umdenken. Es geht also darum, nicht mich, sondern Gott in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist leicht gesagt, aber nicht immer leicht umzusetzen. Oft falle ich zurück in alte Gewohnheiten. Wenn ich hier über meinen persönlichen Weg im Glauben spreche, dann bin ich darin kein Experte. Ich fühle mich wie einer, der versucht, im täglichen Leben Glauben in die Praxis umzusetzen. Wir erleben auf der einen Seite eine Zeit mit immer schnellerem Wandel und einer immer grösseren Kompliziertheit. Auf der anderen Seite gibt es eine grosse Sehnsucht nach Einfachheit und Orientierung. Wir begreifen immer weniger, weil es immer weniger zu greifen gibt.

Das nächste Jahrzehnt wird das Jahrzehnt der Echtheit und Innovation. So sieht es Dr. Barrenstein von McKinsey, andere sehen gar das gesamte 21. Jahrhundert als das Jahrhundert der Ethik, der Werte und der Religion. Die Analysten und Redakteure unserer Publikationen zum Thema Trends werten das aus, was weltweit an Entwicklungen zu erkennen ist. Eine gerade abgeschlossene Studie nennt folgende zehn Trends:

  1. Neue Formen der Arbeit: Die neue Selbstständigkeit, neue Selbstverantwortung. Immer mehr Menschen arbeiten von zu Hause aus.
     
  2. Vom Gastarbeiter zum Weltbürger; die Welt wächst zusammen mit einem neuen Bürgerverständnis.

  3. Von der Massenproduktion zur intelligenten Individualisierung.

  4. Megatrend: Virtuelle Geschäfte. Zur Zeit der Reformation gab es den Übergang von der Realwirtschaft zur Geldwirtschaft. Geld als abstraktes Zahlungsmittel gewann an Verbreitung. Heute erleben wir, dass selbst das Anfassen der Ware, das Zusammenkommen von Käufer und Verkäufer entfällt. Handel und Wirtschaft vollzieht sich mehr und mehr im virtuellen Raum, Entfernung spielt kaum mehr eine Rolle.

  5. Smart Tech (Vereinfachungstechnologie): Vom Mikroprozessor zur Nanotechnologie.

  6. Vom Jugendkult zur Wertschätzung des Dritten Alters.

  7. Weniger Staat, mehr private Initiative in Schule und Universitäten, Aus- und Weiterbildung.

  8. Von der Elektronik zum Jahrhundert der Biologie.

  9. Vom «Alles-haben-Wollen» zum Leben in Balance.

  10. Vom Materialismus zur Spiritualität.


Wir haben immer noch eine der leistungsfähigsten Volkswirtschaften der Welt. Bei uns gibt es im Vergleich zu vielen anderen Ländern einen sehr guten Ausbildungsstand, ein stabiles Rechts- und Finanzsystem und immer noch einen grossen sozialen Konsens. Doch Überregulierung und Überbesteuerung machen unseren Betrieben und den selbstständigen Unternehmern zu schaffen.

Oftmals fehlt der Mut zu neuem und die Bereitschaft, selbstständig zu handeln, aus eigener «Verantwortung vor Gott und den Menschen». Eine der grossen Entwicklungen unserer Wirtschaft in den letzten Jahren war die Konzentration auf die Kernkompetenz. Firmen, die früher versuchten, vom Bügeleisen bis zum Flugzeug alles für jeden zu produzieren, konzentrieren sich heute ganz bewusst auf das, was sie am Besten können.

Hier möchte ich Mut machen, sich auf das zu konzentrieren, was sie besser können als andere. Wenn es heisst, das 21. Jahrhundert sei das Jahrhundert der Ethik, dann sehe ich hier die grosse Chance für alle, die bereit sind, als Christen Führungsaufgaben zu übernehmen. Was wäre, wenn unsere gesamte Gesellschaft in einer Art Midlife-Krise wäre?

Viele Symptome sind da: Ausgebrannt sein, Gedanken an Abhauen, äussere und innere Emigration. Wer von den Jungen will noch Verantwortung tragen? Wer will noch dienen? Wer will noch hören: «Frage nicht, was die Gemeinschaft für dich tun kann, sondern was du für die Gemeinschaft tun kannst?» Das Führen durch und aus der Midlife-Krise ist etwas, was wir weder in der Schule, noch in der Uni noch in der Lehre mitbekommen – hier eröffnet sich die Riesenchance für Christen.


Der Autor

Norman Rentrop

Norman Rentrop

D-Bonn

Gründer und Geschäftsführer des Rentrop-Fachverlags

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