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Ausgabe 01/01+12/00 

Gedanken zur Jahrtausendwende Die Zeitmaßstäbe im geschichtlichen Handeln Gottes

 

Noch kein Jahreswechsel in der Geschichte der Menschheit ist mit so viel Aufwand gefeiert worden wie der letzte. Zum Übergang vom Jahr 1999 zum Jahr 2000 gab es riesige Feuerwerke, Massenfeiern auf den Straßen der Großstädte, aber auch teure, rauschende Feste in elitären Kreisen. Die Datumsgrenze wurde von einem geschäftstüchtigen Inselfürsten im Pazifik in der Nähe des 180. Längengrades noch ein wenig manipuliert, um so auf einer entlegenen Insel in seinem Territorium «die ersten Sonnenstrahlen des neuen Jahrtausends », wie es hieß, einfangen und medienwirksam vermarkten zu können.

Mag sein, dass viele all dieses Getriebe eher abgestoßen hat. Was aber ist das Wesentliche an einem Jahrtausendwechsel? Sicher nicht die erwähnten Äußerlichkeiten. Seine eigentliche Bedeutung, so meine ich, liegt auf einer ganz anderen Ebene. Denn Jubiläen in unserem Kalender wie in unserem Lebenslauf haben dann einen Sinn, wenn sie uns zur «Be-Sinnung» bringen. Und es lohnt sich, über den Sinn der Zeit nachzudenken, die gerade in dem zu Ende gegangenen Jahrhundert so geballt angefüllt war mit großen, bedeutsamen, oft überraschenden Ereignissen. Diese Frage aber führt letztlich auf die Frage nach Gott, wie manche erst nach schweren persönlichen Umwegen festgestellt haben. Wir kommen irgendwann zur Erkenntnis, dass er, Gott, die Zeit in seinen Händen hält. Menschen, die diese Gewissheit gefunden haben und in ihr leben, strahlen dies aus.

Gott ist der Herr des Kosmos


einschließlich der Zeit. Er hat ihn nach seinen Plänen geschaffen, und er erhält ihn – von den kleinsten Elementarteilchen bis zu den größten Galaxien, vom Urbeginn dieses Weltalls bis zu seinem kommenden Ende. Bei dem, was die Bibel über Gottes Handeln als Schöpfer sagt, müssen gerade wir als Mathematiker, Naturwissenschaftler und Ingenieure lernen, seine Zeitmaßstäbe nicht kleinkariert mit denen unseres Kalenders und unserer Uhren zu verwechseln. Die großartige Sprache des Glaubens, gerade auf den ersten Seiten des Alten Testaments, darf nicht so verstanden werden wie der sachliche Stil eines naturwissenschaftlichen Versuchsprotokoll. Nicht nur der mechanische Buchstabenglaube tötet, sondern auch der computerhaftungeistliche Zahlenglaube,während bekanntlich der Geist lebendig macht (2. Korinther 3,6), gerade auch ein geistlicher Umgang mit der Bibel.

Gott ist der Herr der Heilsgeschichte.


Er hat den Menschen als sein Gegenüber geschaffen und zur Partnerschaft mit ihm selbst berufen. Nachdem sich der Mensch schuldhaft aus dieser Partnerschaft gelöst hatte, hat Gott die nötigen Schritte getan, um dem Menschen das Heil zu schenken, also die Rückkehr zu ihm zu ermöglichen. Der Höhepunkt dieses Handelns war die Menschwerdung Gottes in der Person des Jesus Christus, sein Tod und seine Auferstehung. Alle Menschen, die dieses Heil annehmen,werden aus dem Zustand der Verlorenheit und Sinnlosigkeit befreit. Sie empfangen ein neuartiges, ewiges, den biologischen Tod überdauerndes Leben. Mit solchen Menschen handelt Gott seither beim Bau seines Reiches, so dass Heilsgeschichte und säkulare Geschichte in seinem Handeln auf eigentümliche Weise ineinander verwoben sind. Allerdings benötigt Gott Menschen, die sich aktiv und bewusst von ihm bei der Verwirklichung seiner Pläne in dieser Welt verwenden lassen, wie es zum Wesen eines dynamischen Glaubens an Jesus Christus gehört. Denn das Feuer des echten Glaubens ist nicht statisch einzufangen oder institutionell zu organisieren. Es muss sich immer wieder neu entfachen,ausgehend von Menschen, in denen es stark brennt.

Gott ist der Herr der Weltgeschichte.


Er hat nicht nur die Individuen, sondern auch die Völker geschaffen,wie man Psalm 86,Vers 9 entnehmen kann. Im Sinn von Daniel 2,21 sind die Regierenden in einem Staat letztlich von Gott eingesetzt, auch wenn sie sich dessen nicht immer bewusst sind. Noch deutlicher sagt das Neue Testament im 13. Kapitel des Römerbriefs, dass der Staat seine legitimen Vollmachten von Gott empfangen hat und in einer sündhaften Welt seine Aufträge zum Wohl der Menschen erfüllen soll. Dazu gehört auch eine Rechtsordnung, die das sonst wachsende kriminelle Chaos in einer Gesellschaft eindämmt.

In diesem Sinn reagiert Gott auf das Verhalten eines Volkes. Während praktizierte Gerechtigkeit ein Volk erhöht (Sprüche 14,34), führt massive Sünde zu seinem Verderben. Zu beidem bringt das Alte Testament eine Fülle von Beispielen.

In dem hinter uns liegenden 20. Jahrhundert hat sich all dies mit ungeheurer Deutlichkeit gezeigt, so dass seine Geschichte besonders klar die Handschrift Gottes erkennen lässt.

Wie kein anderes Jahrhundert zuvor war das zwanzigste eine Zeit der Ideologien, also der Diesseits-Religionen mit dem Anspruch auf Weltherrschaft. Jede Ideologie hat eine Strategie zur Errichtung des von ihr gewollten Paradieses, d.h. der von ihr erstrebten Weltordnung. Sie baut einen in der Regel straff organisierten, diktatorischen Machtapparat auf,mit dem sie diese Pläne verwirklichen will. Und zum Wesen einer Ideologie gehört immer, dass sie bewaffnet und bereit ist, jedes denkbare Mittel zur Erreichung ihrer Ziele einzusetzen. So tötete der Machtapparat von Ideologien im 20. Jahrhundert Millionen von Menschen, wo dies im Sinne seiner Zielsetzung lag – durch Kriege, Bürgerkriege, öffentliche Hinrichtungen nach Schauprozessen oder durch geheime Morde ohne besondere Formalitäten. Denn höhere ethische Werte als ihr eigenes Parteiprogramm kennt eine Ideologie nicht.

Das erste Opfer der Perestroika


Die erste große Ideologie im 20. Jahrhundert war der sowjetische Kommunismus. In der Hoffnung, in der ganzen Welt eines baldigen Tages die Diktatur des Proletariats zu errichten und durch die neue Ordnung der klassenlosen Gesellschaft der Menschheit ein nie gekanntes Glück zu bringen, hielten die kommunistischen Machthaber es für ethisch gerechtfertigt, Millionen von Menschenleben zu vernichten. Dies geschah zunächst im eigenen Land durch die blutige Revolution von 1917 und die anschließende brutale Gewaltherrschaft. Später während des Zweiten Weltkrieges und danach auch in anderen Ländern, wobei nicht einmal zwischen militärischen Gegnern unterschieden wurde.

Gott wartete 74 Jahre, bevor er im Jahre 1991 diesem Regime ein Ende bereitete. Paradoxerweise scheiterte der Kommunismus gerade in der Phase, als Gorbatschow ihn reformieren und dadurch für die nächsten hundert Jahre erhalten wollte. Daher war er am meisten überrascht, als das System schnell zusammenbrach und der Urheber der Perestroika ihr erstes Opfer wurde. Gott verwendet eben Menschen mitunter, ohne dass sie ihn verstehen können, als Akteure, als Marionetten bei seinem souveränen geschichtlichen Handeln.

Gescheiterte Pläne


Die andere große Ideologie war Hitlers Nationalsozialismus. Auch sie errichtete, nachdem sie in Deutschland 1933 an die Macht gekommen war, eine grausame Diktatur. Er hatte vor, ein deutsch-germanisches Großreich zu errichten, dem später einmal die ganze Welt gehören sollte. Das Fernziel war die Aufzucht einer neuen, biologisch verbesserten Menschenrasse. Auf dem Weg dahin sollten zunächst die Juden, später aber auch andere Gruppen vernichtet werden, wobei militärische Angriffskriege und innenpolitische Tötungsaktionen einander ergänzen sollten.

Wie wir wissen, war die braune Ideologie so grausam und antigöttlich, dass Gott ihr bereits nach zwölf Jahren, 1945, ein radikales Ende bereitete. Zuvor ließ er fünf Jahre lang buchstäblich «Feuer vom Himmel regnen», nicht nur in Dresden, so dass Hunderttausende von Frauen und Kindern verbrannten. Während nämlich das persönliche Gericht Gottes nach dieser Zeit einmal die individuelle unvergebene Schuld des Einzelnen verurteilen wird, trifft seine geschichtliche Strafe die Völker und Staaten bereits in dieser Epoche und dabei werden sowohl Schuldige als auch Unschuldige heimgesucht.

Zu den großen historischen Wundern Gottes im 20.Jahrhundert gehört,dass er dem jüdischen Volk, nachdem Hitler es ausrotten wollte, bereits 1948 die Gründung des Staates Israel ermöglichte – in Erfüllung biblischer Voraussagen, aber entgegen aller politischen Wahrscheinlichkeit. Jedes Volk muss wissen, dass Gott Rechtschaffenheit mit Segen, Gottlosigkeit und geschichtliche Schuld aber mit Strafen beantwortet, beides nach seinem Zeitmaß.

Natürlich ist nicht zu erwarten, dass jemals ein ganzes Volk von einer christlichen Erweckung* erfasst wird und dann nach Gottes Maßstäben lebt. Um so wichtiger ist es jedoch,dass für die Sünden einer Gesellschaft wenigstens eine genügend starke Minderheit von Glaubenden stellvertretend Buße tut, um so ein drohendes Strafgericht abzuwenden. So wird in 1. Mose 18 berichtet, wie Gott die sittlich verwahrloste Stadt Sodom vor dem Untergang bewahrt hätte, wenn es in ihr auch nur zehn «Gerechte» gegeben hätte. Wird aber die glaubende Minderheit in einer schuldbeladenen Gesellschaft allzu klein, dann reicht ihr stellvertretendes Eintreten vor Gott nicht mehr aus, um sein Strafgericht abzuwenden.

Die Rückkehr zu Gott verändert


In Deutschland war es im 20. Jahrhundert mit Händen zu greifen, wie sich dieser geistliche Grundsatz bewahrheitete. Die Strafe Gottes für Auschwitz, für die Anzettelung des Zweiten Weltkriegs und für die rassistischen Welteroberungspläne war zunächst furchtbar: Millionen von Menschen kamen um – auf den Schlachtfeldern, im fünf Jahre andauernden Bombenhagel, in den Kriegsgefangenenlagern oder während der Vertreibung aus ihrer Heimat im Osten. Ein Drittel des Landes ging verloren, und das restliche Gebiet wurde in zwei Teile gespalten,von denen der eine unter der furchtbaren Herrschaft des Kommunismus stand und vom übrigen Land durch den Eisernen Vorhang abgeriegelt wurde. Doch setzte damals eine Bewegung der Umkehr und Buße ein, vor allem auch unter Studenten, Akademikern und Führungskräften. Eine Rückkehr zu Gott und seinen Werten war in den ersten Jahrzehnten nach 1945 unverkennbar, auch im öffentlichen Leben. Es gab zwar keine breite, umfassende Erweckung*, aber doch entstand jene Minderheit von Glaubenden, die in Sodom seinerzeit gefehlt hatte. Das Ergebnis war, dass Gott bereits nach 45 Jahren, 1990, die deutsche Spaltung aufhob und die Vereinigung des Landes herbeiführte. Er tat auch damit ein geschichtliches Wunder, plötzlich und unerwartet.

In den letzten Jahrzehnten ist in Mitteleuropa eine neue Abwendung von Gott zu beobachten. Restbestände des Glaubens verlieren gesellschaftlich immer mehr an Bedeutung. Die Ordnungen Gottes für Ehe und Familie sind im allgemeinen Bewusstsein weitgehend in Vergessenheit geraten. Dies hat dazu geführt, dass intakte Ehen und Familien selten geworden sind. Eine schamlos gewordene Sexualität feiert öffentliche Liebesparaden und andere Massenorgien. Ungeborene Kinder werden scharenweise getötet, und all dies wird vom Zeitgeist aktiv werbend unterstützt. Millionen von Kindern und Jugendlichen leiden unter den psychischen Schäden, die durch die Scheidung ihrer Eltern oder durch fehlende Zuwendung in gestressten Doppelverdiener-Haushalten entstanden sind.

All dies hat seit etwa 1970 dazu geführt, dass die einheimische Bevölkerung in Deutschland wegen der extrem niedrigen Geburtenrate stark zurückgegangen ist – ein Effekt,der sich nun nach den Gesetzen der Bevölkerungsstatistik verschärft und der, wenn nicht ein Wunder geschieht, in wenigen Jahrzehnten zum Aussterben dieses Volkes und seiner Kultur führen wird.

Natürlich lässt sich eine sterbende Wohlstandsgesellschaft noch eine Zeitlang aufrecht erhalten, wenn durch Masseneinwanderung gewissermaßen die Zahl der Steuerzahler einigermaßen konstant gehalten wird. Was man jedoch nicht übersehen darf, ist die Tatsache, dass sich mit neuen Mehrheitsverhältnissen auch eine neue politische und religiöse Ordnung abzeichnet. Soweit diese Einwandererströme nicht in die vorhandene Kultur integriert werden können oder wollen, ist die Gefahr gegeben, dass sich unter ihnen eines Tages fundamentalistische Gruppen durchsetzen, die dann ihre gesellschaftliche Ordnung mit bewaffneter, revolutionärer Gewalt errichten werden. Auf Grund vorhandener Indizien ist eine solche Entwicklung bereits um die Mitte des 21. Jahrhunderts abzusehen. Wer sie für unmöglich hält, der möge aus den blutigen Ereignissen im ehemaligen Jugoslawien lernen – als Folge des Zusammenpralls verschiedener Kulturen. Möglicherweise wird so ähnlich wie die dortigen Bürgerkriege auch bei uns die Strafe Gottes für den gegenwärtigen, weit fortgeschrittenen Abfall von ihm und seinen Ordnungen aussehen.

Die Antwort liegt nicht in einer Flucht vor den Problemen. Vielmehr will Gott, dass wir der Lage realistisch ins Auge sehen, ohne sie zu beschönigen. Alle aber, die an Jesus Christus glauben, wissen, dass er nicht den Untergang eines Volkes will, sondern seine Umkehr und sein Wohlergehen. Wenn es mit Gottes Hilfe gelingen sollte, dass in den nächsten Jahren nochmals eine Erweckung* geschieht, dann wird dies eine große neue Hoffnung bedeuten. Allerdings nur dann, wenn es dabei zu einer tiefgreifenden Veränderung der Grundeinstellung und Lebensweise von Verantwortungsträgern kommt, so dass ihre Rückkehr zu den Wertmaßstäben Gottes heilsame gesellschaftliche Auswirkungen hat.

Wie gut, dass Jesus Christus diese Veränderung bewirken kann und will. Wo Menschen zu ihm zurückkehren und sich ihm radikal anvertrauen, da ändert er ihr Leben auf allen Gebieten. Und wenn Verantwortungsträger persönlich einen solchen Neuanfang machen, dann bessert sich schrittweise auch das allgemeine gesellschaftliche, soziale und ethische Klima. Hier liegt, wie ich fest überzeugt bin, die einzige noch verbleibende Hoffnung, dass unsere Länder das 21. Jahrhundert möglicherweise ohne neue Katastrophe überleben werden.

Es lohnt sich, zu Beginn des Jahres 2001 darüber nachzudenken.

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Erweckung*: 1) plötzliche Bekehrung eines Sünders oder Gleichgültigen zu intensivem christlichen Leben; 2) aus antirationaler Grundhaltung entstandene, in allen protestantischen Ländern sich ausbreitende Frömmigkeitsbewegung des 18 Jh.s, besonders stark in Nord–Amerika (The Great Awakening um 1734–44); bereitete v.a. den Methodismus vor. Entwicklung und Auswirkung sehr unterschiedlich. Auch in Deutschland starke Bewegungen ... (Das Neue Duden–Lexikon, Band 3)


Der Autor

Bodo Volkmann

Prof. Dr. rer. nat. Bodo Volkmann

D-Möglingen

verheiratet mit Waltraut Volkmann, vier Töchter, sieben Enkelkinder Emerit. Ordinarius für Mathematik der Universität Stuttgart

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